Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

kurz vor dem Jahreswechsel wende ich mich nochmals an Sie, um zurück- und vorauszublicken. An 11. November war Prof. Dr. Barbara Beßlich bei uns im Haus an der Redoute zu Gast. Unserer Bitte folgend, referierte sie über ihre akademische Publikation mit dem Titel Der Biograph des Komponisten – Unzuverlässiges Erzählen in Thomas Manns Roman Doktor Faustus in einer für belesene Laien verständlichen Form, und alle Anwesenden waren begeistert. Mehrfach hörte ich den Satz: „Nun muß ich den Faustus nochmals lesen! Mit einem ganz neuen und tiefergehenden Verständnis.“ Man könnte sagen: das Klassenziel wurde erreicht.

Im letzten Rundbrief berichtete ich über Michael Haukohls Vortrag zu Thomas Manns Mitgliedschaft im Rotary- Club München (RCM), die mit einem Hohelied auf ihn begann und dann im schnöden Rausschmiss endete. Die beiden von Herrn Haukohl hierzu empfohlenen Bücher habe ich inzwischen vorliegen und in Auszügen gelesen.
Beide sind unmittelbar vom RCM herausgegeben und zum großen Teil auch von Mitgliedern desselben verfaßt. Zunächst erschien „Erinnern und Gedenken: der Ausschluss von 14 Münchner Rotariern im April 1933“ herausgegeben von Karl Huber und Wolfram Göbel.
Darin die sehr aufrichtige Aufarbeitung des Ausschlusses von 13 jüdischen Mitgliedern – und von Thomas Mann. Von ersteren – sämtlich angesehene Kaufleute und Wissenschaftler – wird jeweils ein einfühlsames Lebensbild gezeichnet und die Frage gestellt und beantwortet, ob und wie sie die braune Zeit überstanden haben. Schon beim Portrait von Bruno Frank nimmt dessen Freund Thomas Mann einen breiten Raum ein, und das letzte Kapitel des Bandes von Hans-Jürgen Möller ist überschrieben mit Der Sonderfall Thomas Mann. Ein langatmiges Lavieren nach dem „Warum?“ und „Wieso?“, das dann im zweiten Buch: Thomas Manns Höhen und Tiefen in dessen Beziehung zum Rotary Club München und der »Münchner Protest« nicht kurzatmiger wird. Es ist alles in sehr beschwichtigendem aber kaum um Entschuldigung bittenden Ton geschrieben. Verwundert liest man, daß Thomas Manns Hinwendung zu Demokratie den Gründungsmitgliedern des RCM wohl nicht bekannt gewesen sei.

Dessen Eintreten für soziale und demokratische Ziele stellte ihn gleich in Marxismus-Verdacht, der von der Rechtsaußenpresse auch tüchtig geschürt wurde. Im RCM dachte man monarchistisch deutschnational und der eilfertige Kotau vor Heydrich und Konsorten fiel allzu leicht. Selbst einem Rassen-Hygieniker hörte man bereitwillig zu und wunderte sich sogleich, daß der Nobelpreisträger sich rarmachte. Die beiden Bücher geben Einblick in die Strenge und das Standesbewußtsein dieses bürgerlichen Clubs, der bis heute nichts mehr scheut als in Sozialismusverdacht zu kommen. Es ist dennoch ehrenwert, daß sich der RCM mit seiner Vergangenheit auseinandersetzte – fast 90 Jahre nach dem Sündenfall.
Zu meiner Freude erfuhr ich beim Stammtisch, daß sich zur Tagung mit dem Titel: Thomas Manns Jahrhundertwerk in der Thomas Morus Akademie in Bensberg am 21. und 22. Februar 2026 schon mehrere Mitglieder des Ortsvereins angemeldet haben. Neben den inhaltlichen Aspekten werden wir vielfältige Kontakte dort knüpfen können. Den Flyer habe ich angehängt.
Zwei Tage zuvor, am Donnerstag nach Aschermittwoch (19.2.2026) planen wir die Jahresmitgliederversammlung durchzuführen. Nach drei Jahren stehen wieder Vorstandswahlen an. Eine entsprechende Einladung geht allen Mitgliedern nochmals gesondert zu. Wir werden uns wohl in Bad Godesberg treffen, ggf. im Nebenraum der Traditionsgaststätte Ria Maternus. Dies ist auch abhängig von der Zahl der Mitglieder, die kommen werden. Daher bitte ich schon jetzt um ein Signal, wer sich an diesem Abend freimachen und kommen kann.

Bei der Jahrestagung im Sommer stellte unser Präsident Prof. Dr. Wißkirchen seine gerade erschienenes Buch Zeit der Magier vor, ein Doppelbiographie von Heinrich und Thomas Mann, die Beschreibung ihres brüderlichen Verhältnisses über 75 Jahre. Nun endlich fand ich die Zeit, es zu lesen – mit größtem Gewinn! Zuweilen fühlte ich mich von ihm mit der Feststellung ertappt, daß ich, wie viele andere Thomas-Mann-Anhänger, Heinrich als eher zweitklassig ansehe, und diesen am Ende seines Lebens als von Moskau gedungen.
Mit diesen Vorurteilen räumt Wißkirchen tüchtig auf. Er beschreibt die Bruderbeziehung als eine große Kreuzbewegung, vom zunächst superioren Heinrich über den gemeinsamen Kampf in den 20er Jahren bis hin zu Thomas‘ Führungsrolle spätestens mit dem Erhalt des Nobelpreises. Aber ganz gleich in welcher Lebenslage sie waren: Ihr wechselseitiger Respekt und Hochachtung voreinander war immer gegeben, und unter der siebenjährigen Entzweiung litten beide, der jeweilige Widerpart fehlte, oder um es mit meinen Worten zu sagen: Man verkracht sich nur mit Menschen, die man liebt.
Ich wußte nicht, daß die beiden sich wechselseitig stets ihre neuesten Romane zuschickten und um Rezensionen baten, die ihrerseits immer eine gewisse Doppelbödigkeit aufwiesen. Wißkirchen arbeitet an vielen Stellen pointiert heraus, wie die beiden in ihren literarischen Texten sich verschlüsselte Botschaften zukommen ließen. So heißt es in einem Dialog im letzten Roman Heinrichs, Der Atem: „Beide benötigen die ästhetische Brechung, um recht eigentlich miteinander reden zu können.“
Heinrich gilt auch das Hauptaugenmerk Wißkirchens; zum einen setzt er zu Thomas mehr Grundwissen voraus – zurecht -, zum andern wird auch seine Intention deutlich, den bislang zu wenig in der literarischen Welt gewürdigten Heinrich ins rechte Licht zu rücken, ohne dessen verborgene Leidenschaften zu verbergen. Er scheut sich auch nicht, hin und wieder pathetisch zu werden:
„Hier ist ein Mensch, der in Zeiten der Anarchie Ordnung fordert, der inmitten blödfrecher Arroganz bluffender Literaten und sich brüstender Unbildung Haltung bewahrt, der dem Übermut des Hochkapitals nichts als die blanke und scharfe Waffe seines Geistes gegenüberstellt…“ (S. 219)
Die Bezüge zur Gegenwart springen den Leser an, Wißkirchen verharrt nicht im germanistischen Elfenbeinturm. Das ist in der heutigen Weltlage wichtiger als je zuvor. Meine Anfrage, ob er bereit sei, uns sein Buch in Bonn vorstellen, hat er positiv beschieden. Vom Landesmuseum Bonn wurde mir signalisiert, daß man uns einen Seminarraum zu überschaubaren Konditionen für eine Lesung vermieten würde. Es bestünde dann die Möglichkeit, im Vorfeld der Lesung durch die sehr sehenswerte Ausstellung: Schöne neue Arbeitswelt eine Führung zu buchen, zumal diese just die Lebenszeit der Brüder beleuchtet. Die Terminabstimmung ist im Gange.
თომას მანი – Gesellschaft von Georgien
Ist das Schriftbild nicht wunderschön?! So schreibt sich Thomas Mann in Georgien.
So fremd uns diese Schrift und Sprache ist, so groß ist mein Respekt vor der გუნდი – Mannschaft, die Natia Tscholadze um sich versammelt hat, die man eigentlich als „Frau“-schaft ansprechen müßte, wie die beigefügten Fotos beweisen. Einige der Damen waren schon mehrfach in Lübeck zu Gast. Ihre Beherrschung der deutschen Sprache ist ebenso bewundernswert wie ihr Mut, in politisch bedrängter Situation sich mit einem bedeutenden Vorkämpfer für die Freiheit des Geistes, für Humanität und Demokratie zu befassen.
Nun hat die Gruppe auch eine erste Thomas Mann Tagung in Kuatissi veranstaltet. Thema war – natürlich – der 150. Geburtstag und stand unter dem Motto: Der Mensch soll um der Liebe und der Güte willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken. Neben einer ganzen Reihe georgischer Referenten trat das langjährige Mitglied des Vorstands unserer Gesellschaft Prof. Dr. Elisabeth Galvan aus Neapel als Rednerin auf. Sämtliche Vorträge werden bald online zur Verfügung stehen. Neben der Tagung besuchte man auch die dortige georgisch-amerikanische Schule Progress. Mich erreichten Bilder strahlender Kinder, die hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Frido Mann war vor wenigen Jahren bereits in Georgien gewesen.
Er stellte sein Buch: Democracy will win vor. Dieser Überzeugung bleiben die Mitglieder der dortigen Thomas Mann-Gesellschaft Georgien treu.
Das Motto der neuen Dauerausstellung im Haus der Geschichte lautet: Du bist Teil der Geschichte. War dies nicht auch der Tenor von Thomas Manns Radioansprachen an die deutschen Hörer? So sind auch unsere Freundinnen in Georgien Teil der Geschichte ihres Landes, wie wir dies sind des unseren. Wollen wir in diesem Sinne auch im kommenden Jahr unserem Thomas Mann gedenken.
Mit besten Wünschen für das neue Jahr grüßt Sie herzlich Ihr Peter Baumgärtner
Fotos von der Thomas Mann Tagung in Georgien






