Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
ich stelle Vereinsinternes ganz an den Anfang: die Jahresmitgliederversammlung wird am 19. Februar um 18. Uhr im Nebenraum des Godesberger Traditionslokals MATERNUS stattfinden, in der Löbestraße 3, keine 100 Meter vom Bahnhof entfernt. In diesem Nebenraum finden so viele Menschen Platz, wie in den letzten Jahren zu den Versammlungen gekommen sind. Ich habe mit der Wirtin vereinbart, daß wir dort eine gute Stunde lang unsere „geschäftlichen“ Dinge besprechen und hierzu nur Getränke ordern. Im Anschluß kann, wer möchte, dort noch ein Essen bestellen, womit unser administra- tiver Akt in einen Stammtisch übergeht.
Die Einladung hierzu finden die Mitglieder im Anhang.
Womit ich auch die Interessierten an unserer Arbeit begrüße, die ich an dieser Stelle gerne darauf hinweise, daß man in unserem Ortsverein auch Mitglied werden kann.
Für alle, die in den letzten Monaten die Inszenierung von Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ auf der Bonner Werkstattbühne gesehen haben – oder mit dem Gedanken spielen, diese sich noch anschauen zu wollen, weise ich auf die Veranstaltung der Theatergemeinde Bonn hin: In der Reihe „EinSichten“ findet am 3. Februar, um 19.00 Uhr im Haus an der Redoute ein Gespräch mit der Regisseurin Hanna Müller am Dienstag statt. Diese höchst erfolgreiche Produktion wurde 2025 von den Schauspielfreunden mit dem Preis für die beste Inszenierung der Saison ausgezeichnet und steht daher in der laufenden Spielzeit weiterhin auf dem Spielplan.
Wie im letzten Rundbrief angekündigt, habe ich den Präsidenten unserer Gesellschaft Prof. Dr. Hans Wißkirchen zur Vorstellung seines Buchs „Zeit der Magier“ nach Bonn eingeladen. Die Veranstaltung wird im Seminarraum des LVR-Landesmuseums stattfinden, eben dort, wo wir uns in der Regel zum Stammtisch treffen, und zwar am 11. März 2026 um 18.00 Uhr. Wer Interesse an einer Führung durch die Ausstellung „Arbeitswelt“ hat, möge sich bei mir melden. Bei einer hinreichend großen Teilnehmerzahl kann ich eine Führung für 16.00 Uhr organisieren. Diese Ausstellung beleuchtet die Lebenszeit Thomas Manns und den künstlerischen Niederschlag der sozialen Umwäl- zungen dieser Zeit.
Angeregt durch die „Zeit der Magier“ habe ich den eher unbekannten Roman von Heinrich Mann „Der Kopf“ gelesen. Dieser Roman, so Wißkirchen, sei Heinrichs Gegenwurf zum Zauberberg gewesen, er erschien 1925. Antiquarisch konnte ich mir eine Originalausgabe für 20.- Euro besorgen – das würde mir beim Zauberberg nicht gelingen.
Die „Bruderschaft“ des Romans springt immer wieder ins Auge: Im Mittelpunkt stehen zwei junge Männer, die versuchen, sich von ihren hanseatischen Kaufmannsfamilien abzunabeln; deren Debatten untereinander erinnern an Naphta und Settembrini, sind aber weniger philosophisch als politisch, und gemahnen an die Debatten zwischen Heinrich und Thomas. Zuweilen wird Isoldes Liebestod gespielt, und einer der beiden hat eine schauspielernde Schwester, die in dem chauvinistischen Theatermilieu zerrieben wird.
Alles Motive, die wir kennen, und der Roman spielt auch in den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg – aber nicht in einem abgeschiedenen Höhenluftkurort, sondern mitten in Berlin, im Zentrum der Macht, in der Reichskanzlei – ein Polit-Krimi.
Und hier liegt für uns heutige Leser die Schwierigkeit: Der Roman ist für die Zeitgenossen von 1925 geschrieben: für sie war es sicher ein Leichtes, vielen Figuren historische Persönlichkeiten zuzuordnen, was uns heute nur noch schwer möglich ist. Er ist eben nicht wie Thomas Manns „Der Zauberberg“ eine Erzählung aus einem der Welt entrückten Ort, somit auch keine große Metapher über das Leben, die Liebe und den Tod.
Und dennoch: eine gewisse Zeitlosigkeit steckt auch in Heinrichs Roman. Die Art und Weise wie er die Machtausübung, die Intrigen und die Korrumpierbarkeit der Protagonisten beschreibt, ist sehr gegenwärtig. Die Darstellung der um Weltvormachtstellung ringenden europäischen Großmächte, die in den Krieg mündete, hat unverwechselbare Ähnlichkeiten mit dem entsprechenden Ringen der heutigen Weltmächte. Hinzu kommt der Humor oder besser der hintergründig, beißende Sarkasmus, der den Text durchzieht. Zuweilen kann man auch laut auflachen, wie einer Gleichung zur ehelichen Entsprechung bei der Partnerwahl: „Sie ist reich, aber kompromittiert. – Ich bin arm, aber korrekt.“ Oder bei der Diskussion über die Flottenaufrüstung Preußens, die dem erzkonservativen Alldeutschen namens „Plockwurst“ mißfällt: „Bei mir sitzt Preußen zu Pferde… Reiten erhält Figur. Kahnfahren macht Bauch.“

Ich nehme nun Bezug auf den letzten Rundbrief: im Rotary-Buch über die verstoßenen Mitglieder fand sich auch der Nachruf auf Bruno Frank, und darin wird dessen „Politische Novelle“ besonders hervorgehoben, weshalb ich mir dieses schmale Bändchen von 170 Seiten in der Originalausgabe von 1828 besorgte.
Das Buch stößt einen in ein Wechselbad der Gefühle – was kann man über einen Text besseres schreiben? Zeitweilig liest es sich wie ein Mittelmeer-Reiseführer. Es hebt an in Ravello an der Amalfiküste, die wesentlichen Gespräche finden in Cannes statt, im Casino werden uns die Schönheiten einer Stripteasetänzerin geschildert und in einem Landgasthof in den Bergen wird kulinarisch gespeist, bevor Carmer, die Hauptfigur, in Marseille ein tödliches Ende findet.
Für das Buch würde sich heute kaum noch ein Verleger finden. Allzu häufig ist von der„Negermusik“ der „Wulstlippigen“ die Rede. Es ist authentisch – in vielerlei Hinsicht. Schon vor 100 Jahren strandeten viele Flüchtlinge aus dem Norden Afrikas im Süden Frankreichs. Frank zeigt auch die Schattenseite dieser Idylle. Gleichzeitig ist die Situation in Deutschland stets gegenwärtig: Carmer ist ein hoch angesehener, aber verzagter deutscher Politiker, der sich mit seinem jüdischen Assistenten in den Süden Italiens zurückgezogen hat. Er wird nach Hause gerufen. Eine Regierung ist gescheitert, er soll eine neue Regierung anführen, heimkehren also wieder in den Braukessel trüb schäumender Böswilligkeit, die sich deutsche Politik nannte, zum Gezänk von Philistern, die an ihren nächsten schäbigen Vorteil denken, wo die wenigen denkenden und kräftigen Gefährten vor der Zeit abgenutzt, bedrückt und zerrieben sind. Und in Ravello stören Faschistenaufmärsche die Sonntagsruhe.
In Cannes trifft Carmer einen französischen Freund, mit dem er berät, wie die Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland beendet werden könne, wie die Reparationszahlungen erträglich gestaltet und eine europäische Einigung herbeigeführt werden könne.

Bruno Franks Novelle wurde damals in der ›Frankfurter Zeitung‹ mit einer milzsüchtigen und gesucht herablassenden Kritik überzogen, weshalb Thomas Mann von der Berliner Zeitschrift ›Das Tageblatt‹ gebeten wurde, für seinen Freund und Nachbarn im Münchner Herzogpark, für dieses Sonntagskind, das sich zuweilen grämt, Stellung zu beziehen, da dieser von dem Verriß tief getroffen war – und auch vernichtet werden sollte, wie Thomas Mann unterstellt. Er tut dies, obgleich er selbst kein Kritiker ist, wie sein Freund und Biograph Dr. Eloesser. Ein Kunstwerk, so schickt er voraus, ist nicht an sich von vornherein gut oder schlecht; …, es ist vielmehr ein schwebendes Anerbieten an das Herz und den Geist des Menschen – ist das nicht wundersam formuliert? – aber es läßt sich ›schlechtmachen‹. Gleich darauf folgt noch eine fein formulierte Spitze gegen seinen alten Widersacher Alfred Kerr – schon dafür lohnt es sich, den Text zu lesen.
Die Kritik an Frank entzündete sich in erster Linie an der Intention des Textes, an Bemerkungen wie jener, daß die Söhne Karls des Großen sich zuweilen wie Dummköpfe benommen haben. Auch macht Thomas Mann darauf aufmerksam, daß der französische Widerpart Carmers Herr Dorval in seinem Äußeren Aristide Briand nachempfunden ist, was bei den Rückwärtsgewandten ebenso die Alarmglocken schrillen ließ, wie die abschätzige Darstellung des italienischen Faschismus, die als unzulässige Einmischung bezeichnet worden war. Auch hier nimmt Mann Frank in Schutz: …ist all diese Gewaltsamkeit und sich übernehmende Unnatur, diese Selbstberäucherung und Eisenfresserei … unumgänglich, um sich tüchtig zu machen für die Zeit?
Bruno Frank wurde keine 60 Jahre alt. Nach seinem Tod schrieb Thomas Mann am 21.6.1945 an seinen Sohn Klaus: 35 Jahre gute Freundschaft, Nachbarschaft, Gemeinsamkeit! Er war ein lieber, heiterer, grundanhänglicher, von ganzem Herzen bejahender Lebensgenosse. Es ist recht bitter.
Es ist auch recht bitter zu sehen, wie gegenwärtig diese Texte aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind. Sie sind aber immer unterlegt mit großen Portionen von Lebenszuversicht, Tapferkeit und Humor. Diese Tugenden wollen wir uns bewahren mit Hilfe unserer Literatur.
Ich freue mich darauf, Sie bald wieder persönlich zu treffen. Herzlich ihr Peter Baumgärtner
