Bonn, den 16.5.2026
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierten an unserer Arbeit,
bevor ich Ihnen von meiner Reise nach Sanary-sur- Mer berichte, erinnere ich an den anstehenden Vortrag von Dr. Britta Goerke, die uns ihr Buch Gleitende Abhänge – Thomas Manns Buddenbrooks und der Aufbruch in die Moderne vorstellen wird:

Am 28.Mai um 19.00 Uhr
im Haus an der Redoute in Bad Godesberg
um 19.00 Uhr.
Eintritt 15.00 Euro
Zum Inhalt ihrer Arbeit habe ich im letzten Rundbrief bereits das Notwendige gesagt: Es wird ein erkenntnisreicher Abend – das kann ich Ihnen versichern. Frau Goerke wird uns zunächst einen Überblick über ihre Thesen geben, dann eröffne ich den Dialogpart mit einigen einleitenden Fragen, bevor wir in ein Gespräch über die verborgenen Geheimnisse dieses großen Romans eintreten.
Es liegen mir bislang nur wenige Anmeldungen vor. Ich bitte dies zu tun, damit ich Frau Goerke in Hamburg auch signalisieren kann, daß sich ihre Reise lohnt! Nun nehme ich Sie mit in die Provence. Schon vor vier Jahren, als ich Ihnen von Thomas Manns Freundschaft mit René Schickele berichtete, nahm ich mir vor, diese Region wieder zu bereisen, die ich schon weit über 40 Jahren kenne. Es hat sich mehr geändert als ich ahnte: Man hat in Frankreich seit einigen Jahren begonnen, sich öffentlich und kritisch an die Kriegszeit zu erinnern: An die Gastfreundschaft, die die vielen kreativen Köpfe 1933 im Sanary erfahren durften, aber auch an die völlig unangebrachte Härte, mit der man eben diese 1939 in Les Milles einsperrte und dort im Jahr darauf begann, die Deutschen bei ihrem Mordhandwerk zu unterstützen.

Meine Notate aus den Rundbriefen Nr. 39 und 40 zu Schickele und Mann habe ich Ihnen in einer separaten Datei angehängt. Ich stellte fest, daß ich damals die Rubrik Feuilleton eingeführt hatte, was ich nun wieder tue:
Feuilleton
Klaus Mann war 1925 der erste, der für die Familie Mann die Côte d’Azur entdeckte. 1931 ist er mit seiner Schwester Erika dort wieder unterwegs und noch im gleichen Jahr erscheint Das Buch von der Riviera. Darin stellen die beiden fest, daß Sanary der sommerliche Treffpunkt der pariserisch-berlinisch-schwabingerschen Malerwelt geworden sei. Sanary-sur-Mer war also 1933 kein ganz unbekanntes Fischernest mehr, als mehr und mehr deutsche und europäische Intellektuelle sich dort niederließen. Am Haus der Touristen-Information ist eine große Gedenktafel mit all deren Namen angebracht, und man erhält dort vielfältige Informationen zu all diesen Exilanten, auch ein Faltblatt, auf dem zwei Rundgänge Sur les pas des exilés à Sanary dargestellt sind, einen kürzeren von ca. 3km und einen längeren von 8km, welchselbigen man auch mit dem Wagen absolvieren kann. In Summe sind 21 Stationen markiert, bei denen allesamt Gedenktafeln angebracht sind mit dreisprachigen Erläuterungen. Wenn Sie sich davon einen Eindruck machen wollen, können Sie den Inhalt aller Tafeln auf der Seite Sanary-tourisme.com einsehen.
Zentraler Punkt beider Touren ist das Hotel de la Tour, ganz rechts im Bild. Grandios gelegen direkt am Hafen, Klaus Mann wohnte 1933 für fast vier Wochen dort, ließ sich entsprechendes Briefpapier drucken. Das Hotel ist für heutige Verhältnisse sehr einfach, hat zwei Sterne, ganz im Gegensatz zum Restaurant im Erdgeschoß, wohin Papa Thomas zur Bouillabaisse einlud: Es ist heute das erste Haus am Platz, bei dem man beim Blick auf die Preise leicht von Appetitlosigkeit geschlagen werden kann.

Auf der Anhöhe links im Bild reihen sich die Häuser, in denen Walter Bondy, Alma Mahler und Franz Werfel, Bruno Frank und am weitesten draußen Thomas Mann wohnten.

Der Weg nach oben ist traumschön, und vom höchsten Punkt, von La Tranquille aus, erreicht man auf der Rückseite des Caps in fünf Minuten einen kleinen Strand. Die Idee, im Paradies gelandet zu sein, liegt noch heute nahe. Hier oben saß Thomas Mann oft in den Sommernächten des Jahres 1933 und blickte in die Sterne.
1944 wurde das Haus abgerissen und auf den Grundmauern eine Flugabwehrstellung eingerichtet. Nach dem Kriege hat man es neu aufgebaut, inzwischen zwei Anbauten ergänzt, sodaß dieser Blick über den Zaun uns als Erinnerung genügen muß.

Ich gestehe freimütig, kein Freund von Florian Illies‘ Chronologien zu sein. Zu zwanghaft ist mir sein lineares Erzählprinzip, das zudem stets einen Panoramablick zu wahren sucht. In der Parallelität der Erzählstränge gehen auf der einen Seite Details verloren und auf der anderen wird allzu großer Wert auf intime, aber nicht relevante Belange der Protagonisten gelegt.
In Wenn die Sonne untergeht ist ihm das letzte Kapitel „September“ sehr gut gelungen. Die Darstellung des Vater-Sohn-Konflikts zwischen Thomas und Klaus wurde aus meiner Sicht noch nie so schlüssig und vor allem ohne einseitige Parteinahme geschildert: Die in Amsterdam erscheinende politisch-literarische Zeitschrift Die Sammlung von Klaus droht das Erscheinen von Die Geschichten Jaakobs des Vaters in Berlin zu verhindern. Die faschistische Gewaltherrschaft führt dazu, daß zwei sich liebende und hoch schätzende Menschen sich wechselseitig arge Verletzungen zufügen.
Es ist noch nachzutragen, daß Klaus Mann im Frühjahr 1936 nochmals einige Wochen im Hotel de la Tour verbringt, um seinen Mephisto abzuschließen. Auch die Geschichte einer Kränkung und einer Liebe.

Bei diesem gewaltigen Gebäude handelt es sich um die Ziegelei des Arbeitervororts Les Milles von Aix-en-Provence. Wie oben erwähnt wurden dort bei Kriegsbeginn Flüchtlinge eingesperrt, und ein Jahr später – nach dem Blitzkrieg – das Objekt als Deportationslager für Juden genutzt. Nach dem Kriege wurde die Ziegelei bis in die 2000er Jahre hinein wieder in Betrieb genommen, und 2012 das Site-mémorial du Camp des Milles eröffnet. Darin wird eindrucksvoll dargelegt, wie unwürdig man damals mit den Menschen umging. Das Haus wurde für die Lagernutzung nicht umgebaut. Die Insassen, darunter auch Golo Mann, lagerten auf dem Boden in fensterlosen Fluren und in den alten Brennöfen.


Voll Scham und Schaudern schreitet man heute durch die Gänge. Umso erstaunlicher, daß die Menschen in dieser Lage ihren Willen zur Kunst am Leben hielten, oder besser umgekehrt, daß sie mit ihrer Kunst ihren Lebenswillen erhielten. Es bildete sich ein kleines Orchester, an den Wänden sind noch schattenhaft Bilder zu erkennen, und auf jedem verfügbaren Stück Papier wurde geschrieben und gezeichnet. Von Wols sind zwei eindrucksvolle Blätter erhalten. Und auch der Humor ging nicht verloren.
In der Ausstellung werden immer wieder Bezüge zur Gegenwart hergestellt. Den Schulklassen – mit den so vielen farbigen Gesichtern -, die durch das Museum strömen wird nachdrücklich vor Augen geführt, wohin Rassismus und Antisemitismus führen kann.
Wem ich nun Lust gemacht habe auf eine Reise nach Les Milles und Sanary kann sich der Reise der Art Agentur Köln anschließen, auf die mich unsere Freundin Ulla Egbringhoff vom Kölner KunstSalon e.V. aufmerksam machte. Dem entsprechenden Flyer finden Sie im Anhang.

Ich komme nochmals zurück auf Anregungen, die ich aus dem Briefwechsel mit Bermann-Fischer gewonnen habe: Immer wieder fällt der Name Karl Kerényi mit dem Thomas Mann einen intensiven Briefwechsel führte. Kerényi war ein ungarischer Religionshistoriker und 1945 – zum 70 Geburtstag Thomas Manns – gab er jenen Briefwechsel unter dem Titel Romandichtung und Mythologie heraus. Der intellektuelle Austausch der beiden begann 1934 nach dem Erscheinen der Geschich- ten Jaakobs – siehe oben -, der diese als die Rückkehr zum Ursprung der Romanerzählung bezeichnet.
Da trafen ein Religionswissenschaftler und ein im Religiösen dilettierender Dichter sich wechselseitig befruchtend zusammen und man gewinnt bei der Lektüre ganz neue Einblicke in die Entstehung der Josephs-Tetralogie. Für Kerényi war dieses unmittelbar nach dem Krieg erschienene Buch auch Werbung in eigener Sache. Er hatte in den 12 Jahren zuvor seine Heimat verloren, seine Anstellung an der Hochschule, zudem eine Familie gegründet und fast nebenbei sehr vieles publiziert in entlegenen Zeitschriften, auch in seiner eigenen Schriftenreihe ALBAE VIGILIAE. Thomas Mann wurde von ihm regelmäßig mit den neuesten Publikationen versorgt, die dieser stets überschwänglich lobte und ihm ankündigt, daß seine Texte sich in den weiteren Josephs-Bänden wiederfinden werden.

Im Juni 1934 hielt Kerényi die Festrede zum 60. Geburtstag von Walter F. Otto, dem Autor von Die Götter Griechenlands. Thomas Mann bittet Bermann-Fischer sogleich, ihm dieses Buch mit Händlerrabatt (!) zu besorgen und in die Schweiz zu schicken. Meine Ausgabe von 1947 liegt noch ungelesen neben mir. Interessenten stelle ich das Buch gerne zur Verfügung.
Thomas Mann betont dem Wissenschaftler gegenüber immer wieder den humoristischen Einschlag seiner Erzählung, dies sei eine Art von Wahrheitsspaß. Und dennoch bringt ihn Kerényi zu der Feststellung: Auf einmal bin ich legitimiert, mich einen religiösen Menschen zu nennen – eine Selbsteinschätzung, deren ich mich, eben aus „Vorsicht“, sonst kaum getraute.
Zwei herausragende Geister fanden aneinander Halt, die das Mythologische vor dem Zugriff der Faschisten retten wollten.
Mein Hinweis auf den gleichfalls beigefügten Bericht von Patricia Fehrle über die Veranstaltung in der Karl-Rahner-Akademie mit dem Titel Thomas Mann und die Religion in den „Buddenbrooks“ mag als Klammer gesehen werden vom Vortrag von Frau Goerke hin zu dieser abschließenden Selbsteinschätzung.
Wenn Sie über eine Anmeldung zum Vortrag nachdenken, schauen Sie bitte auch im Kalender nach, ob Sie zum Stammtisch am 11. Juni kommen können. Ich treffe Sie auch gerne zweimal…
Beste Grüße Ihr Peter Baumgärtner
Fotos: Baumgärtner
Rundbriefe Nr. 39, 40 Auszüge zu Sanary und Schickele
Feuilleton (39)
Nach Ernst Weiß habe ich mich mit einem anderen Freund und Schriftsteller aus den Exiljahren Thomas Manns beschäftigt – und tue dies nun wiederum: mit René Schickele. 1883 im damals gerade deutschen Elsaß geboren, verstand er sich Zeit Lebens als Grenzgänger, als Vermittler zwischen den beiden großen europäischen Nationen, eine Rolle, zu der Thomas Mann erst beinahe 50 Jahre alt werden mußte, bis er sie für sich fand. So standen die beiden während des Ersten Weltkriegs auch in gegensätzlichen Lagern. René Schickele war Mitarbeiter und einige Jahre auch Herausgeber der pazifistischen Zeitschrift „Weiße Blätter“ und ging darin Thomas Mann scharf an. In den mir vorliegenden Quellen ist davon nichts mehr zu spüren. In den Tagebüchern und Briefen beginnen die Eintragungen im Jahr 1933.
1925 war René Schickele einer breiteren Leserschaft bekannt geworden mit dem ersten Band der Roman-Trilogie „Das Erbe am Rhein – Maria Capponi“ – im Subtext ein hohes Lied zur Deutsch-Französischen Aussöhnung, ein Roman, den Thomas Mann sicher kannte. Schickele war das Erzählen stets eine hohe Kunst und nie distanzierter Realismus. Er konnte sich in einem wunderschön elegischen Ton ergehen: „Unter dem Blütenfall der Blutjohannisbeere schäumt die japanische Schneekirsche. Von dort fließen Krokusse über den Rasen und bilden einen See, der morgens im Dampfe wogt…“ Die Erzählerfigur Claus, die viele Züge Schickeles trägt, ist ein Mann mittleren Alters, der in den ersten Jahren nach dem damals noch einzigen Weltkrieg zurückblickt auf seine Jugend, aber in den ersten Kapiteln zunächst seine Gegenwart beschreibt im südbadischen Rheintal mit den Vogesen leuchtend in der Abendsonne. Claus hat einen heißgeliebten kleinen Sohn namens Jacquot, mit dem er sich auf den Weg macht zu den Großeltern im Elsaß: „Zehn, vielleicht auch zwanzig Millionen Männer waren eines gewaltsamen Todes gestorben, damit dieser Familienvater mit der grünen Mütze Jacquots Taschen nach Schokolade durchsuchte. Jacquot hatte den Hut voll davon. Der Familienvater mit der grünen Mütze fand keine Schokolade.“ Dies als Beleg für den heiter-ironisch und stets auch politischen Ton der Erzählung.
Schickele liefert dann noch einen erzählerischen Abriß der wechselvollen Geschichte von Baden und Elsaß, bei der Napoleon im Zentrum steht („Gottvater hat einen Sohn, / Und der heißt Napoleon.“) bevor die große Rückschau beginnt, die Liebesgeschichte, die Amour fou zu Maria, die sich zum einen unter dem blauen Himmel der Provence abspielt, zum andern in der morbid-schönen Kulisse von Venedig. Erinnerungen an Thomas Manns Novelle sind unausweichlich, und – wer weiß – vielleicht sogar intendiert. Im Juli ‘33 notierte Thomas Mann in seinem Tagebuch, er „lauschte der melodiösen Prosa mit Vergnügen“ – womit er das Schreiben Schickeles in kürzester Form auf den Punkt bringt.
Der erste mir vorliegende Brief Thomas Manns an Schickele stammt aus dem April ‘33, zum Beginn seines Exils. Er wohnt mit seiner Familie in Lugano. Schickele hatte sich schon 1932 in Sanary-sur-Mer niedergelassen und unterstützt die Familie Mann bei der Quartiersuche nach Kräften. Die gut vernetzte Schriftstellergemeinde verdankt es offenbar der „Vorhut“ Schickeles, daß sich in diesem nicht gerade schönsten oder bekanntesten Bade- und Fischerdorf an der französischen Riviera eine deutsche Künstlersiedlung entwickelte. Der Ton des Briefes macht deutlich, daß sie sich schon länger kannten und schätzten. In den Monaten in Sanary (Mai bis September ‘33) treffen sich die Familien fast täglich, wie den Tagebüchern zu entnehmen ist, machen gemeinsame Ausfahrten, treffen sich zum Tee. Es gibt eine tiefe Übereinstimmung in persönlichen, politischen und künstlerischen Dingen. Nach der Rückkehr der Familie Mann in die Schweiz nach Küsnacht tauscht man lange, illusionslose Briefe aus. Mann schreibt am 2. April 1934: „…Oder glauben Sie an einen Zusammenbruch zu meinen, oder zu ihren Lebzeiten? … Aber das deutsche Volk ist stark im Hinnehmen, und da es die Freiheit nicht liebt, sondern sie als Verwahrlosung empfindet, … , so wird es trotz schweren Desillusionierungen sich unter der neuen, roh-disziplinären Verfassung immer noch besser und richtiger in Form fühlen, immer noch „glücklicher“ sein als unter der Republik.“
Am 16. Juni ’34 bedankt sich Thomas Mann für die freundlichen Worte, die Schickele zu seinem Joseph gefunden hatte, lobt dessen „französische Sensibilität für Dinge der Prosa“, die „für deutsche Ohren einfach in den Wind getan ist… (ausgenommen natürlich die Juden, deren Freunde und Dankbarkeit ergreifend sind)“
Im Oktober ’34 genießt er Schickeles neusten Roman „Liebe und Ärgernis des D.H. Lawrence“, nennt ihn „antideutsch in seiner Anmut“ und „ein Stück Literatur, wie es in dem jammervollen Kerker, der heute Deutschland heißt, einfach nicht wachsen kann … und [man] lacht sich ins Fäustchen, daß es den Macht-Eseln nie, nie, niemals gelingen wird, das Deutsche im Politisch-Totalitären einzufangen. Zu viel ist ihnen schon entschlüpft.“ Analogien zum heutigen Russland drängen sich auf.
Aufhorchen ließ mich ein Zitat aus einem Brief an Schickele vom Oktober 1935: „Da lobe ich mir den alten Churchill und seine goldenen Worte im Strand-Magazine. Der reine Lichtblick.“ Fürwahr, ein höchst lesenswerter Artikel: „The trouth about Hitler“, reich bebildert, voller Sprachmacht, der im Netz leicht zu finden ist.
1939 verfaßt Thomas Mann für die französische Ausgabe von Schickeles Roman „Witwe Bosca“ ein einfühlsames Vorwort, stellte dabei den Franzosen den so französisch empfindenden und deutsch schreibenden Elsässer vor. Ein Dienst am Freund, der im Jahr darauf allzu jung sterben sollte. Thomas Mann erreicht die Todesnachricht am 5. Februar 1940 in Princeton, am 12.Februar trifft noch ein Brief von Schickele ein mit viel Lob für die „Lotte in Weimar“. „…die unheimliche Unmöglichkeit, ihm auf seinen Brief dankbar zu erwidern…“ empfindet Thomas Mann sehr schmerzhaft.
Feuilleton (40)
Im Feuilleton gibt es heute nur einen kurzen Nachtrag zum letzten Rundbrief. Ich hatte Ihnen berichtet von Thomas Manns Nachwort zu Schickeles Roman „Witwe Bosca“. Inzwischen habe ich diesen selbst gelesen und war am Ende sprachlos und mußte erkennen, welch großartiger literarischer Ratgeber Thomas Mann doch ist: Der Roman spielt in Ranas-sur-Mer, das in keiner Landkarte zu finden ist, wohl aber nichts anderes darstellt, als das rückwärts gelesene Sanary ohne ‚Y‘. Ausgelöst durch einen Verkehrsunfall setzt ein zweifacher, miteinander verschlungener Reigen von Liebe und Leid ein, in deren Mitte die herrschsüchtige Witwe und ihre zarte Tochter stehen. Jedes Kapitel wird eingeleitet von einem impressionistisch duftenden Landschafts- und Naturbild, wie es nur Schickele schreiben kann, ohne peinlich zu erscheinen. Und in diese Schilderungen ist stets ein Satz eingewoben, der die Verknüpfung zur Erzählung darstellt: Die Jahreszeiten in der Provence wechseln leise in der Nacht… Immer wenn dieser Satz fällt, weiß man: jetzt geht wieder etwas gründlich daneben! Und dies auf unvergleichlich humorvolle Art und Weise. Ich gebe eine kurze Kostprobe: „Unterdessen mußte Juliette die Fahrstunden unterbrechen, weil die Regenzeit begann und der Scheibenwischer in seiner provenzalischen Wasserscheu den Dienst versagte, darin heimlich unterstützt vom Fahrlehrer, der es ablehnte, mit der Schülerin auf den glitschigen Straßen ums Leben zu kämpfen. Sie hatte den Mut eines betrunkenen Akrobaten, und er war ein nüchterner Schlosser.“
Auf bald Ihr Peter Baumgärtner
Kunst im Exil Marseille & Sanary-sur-Mer
Thomas Mann und die Religion in den „Buddenbrooks“ (Patricia Fehrle)
Die literarische Welt zelebriert 125 Jahre „Buddenbrooks“ und in Köln wurden sie an der Karl-Rahner-Akademie „gemeinsam gelesen“. Genauere Betrachtung fand dabei die Rolle der Religion im Roman. Wie stellt Thomas Mann Religiosität in den „Buddenbrooks“ dar?
Thomas Mann und die Religion, dieses Thema fasziniert mich schon länger. Wie „religiös“ ist unser verehrter Autor? Verändert er seine Haltung gegenüber dem Christentum?
Jeden Dezember wird eine Geschenkbuchausgabe „Weihnachten bei den Buddenbrooks“ im Buchhandel angepriesen und sicher ist allen von uns die prachtvoll geschilderte Weihnachtsfeier im Achten Teil sofort präsent. Aber erleben wir Leser dort ein zutiefst christliches Fest?
Der Roman beginnt mit der Katechismus-Frage, gerichtet an die kleine Tony. Antonie Buddenbrook prägt Anfang und Ende des Romans, bildet sozusagen eine Klammer.
Interessant ist, dass es um den Katechismus geht, um die amtlich verordnete Form von Religion, nicht um die Bibel. Tony muss auswendig gelernte Glaubenssätze aufsagen, worüber sich ihr Großvater, der alte Johann Buddenbrook, tatkräftiger Geschäftsmann, vom Geist der Aufklärung geprägt, lustig macht. Dies wiederum missfällt seinem Sohn „Jean“, pietistisch, mit einer grüblerisch-verinnerlichten Religiosität, die seine Geschäftstüchtigkeit negativ beeinflusst. Diesen schädlichen Einfluss erkennt man bereits an der unhinterfragt positiven Einschätzung von Tonys Eltern gegenüber dem Pastorensohn Bendix Grünlich, den nur Tony mit ihrem „Bauchgefühl“ richtig beurteilt. Später ist es wieder Tony, die sich über den „immer religiöseren Geist“ in ihrem Elternhaus ärgert, den falschen Glauben und die Geistlichen durchschaut, die regelmäßig im Hause Buddenbrook „Station“ machen, um es sich dort gutgehen zu lassen. Der Erzähler kommentiert: „… denn des Konsuls fromme Neigungen traten in dem Grade, in welchem er betagt und kränklich wurde, immer stärker hervor, und seitdem die Konsulin alterte, begann auch sie an dieser Geistesrichtung Geschmack zu finden.“ (IV, 10) Ironischer kann man es kaum formulieren.
Religiöser missionarischer Eifer geht mit Krankheit einher, die Lebenstüchtigkeit der ersten Generation ist dahin. Über Seiten beschreibt der Autor den Todeskampf der Konsulin, aber Pastor Pringsheim spricht vom „sanften Ende“. Das ist eindeutige Kritik an falscher Frömmelei. Religion verkommt zur Fassade, das gilt für den Pastor, trifft aber auch auf Thomas Buddenbrook zu, der den überzeugten Geschäftsmann „spielt“ und gleichzeitig mit dem Gottvertrauen seines Großvaters nichts mehr anfangen kann. „Dominus providebit“?
Der „Buchstabenglaube“ seiner Eltern ist ihm fremd, Thomas liest stattdessen Schopenhauer und versteht den Tod als Erlösung aus dem Jammertal seines Geschäfts- Lebens.
Ein Höhepunkt ist die ausführlich geschilderte Weihnachtsfeier (VIII,8) im Hause Buddenbrook, bei der die ganze Familie „im Landschaftszimmer zusammentrat“ – ein geschäftliches Treffen? Zelebriert wird das ehedem vom Konsul festgelegte „weihevolle Programm“. Die Stille im Zimmer, anwesend sind immerhin 20 Personen, erinnert „ein wenig an die eines Leichenbegängnisses“ und während die Chorknaben „Jauchze laut, Jerusalem“ singen, herrscht Schweigen im Familienkreis. Fröhliche Weihnachten?
Kontrastprogramm sind das festlich geschmückte Landschaftszimmer und die Gabentische. Jedoch: Man „defilierte an der Krippe vorbei, in der ein wächsernes Jesuskind das Kreuzeszeichen zu machen schien“. Die Wortwahl des Autors ist ernüchternd (meine Assoziation ist zudem der Bayerische Defiliermarsch) und den Hinweis auf das Kreuz kann man durchaus als Symbol für den offensichtlichen Niedergang der Familie Buddenbrook deuten. Dann werden die Hausarmen beschert und man gedenkt all derer, denen es nicht
so gut geht; zu Tisch setzt man sich „als dies erledigt war“. Eine Vokabel aus dem Geschäftsleben entlarvt das sinnentleerte Ritual. Weihnachtliche Gesinnung ist Fassade, sie wird gezeigt, gehört dazu, aber es fehlt die innere Überzeugung; Christian hätte die Weihnachtsfeier beinahe verpasst!
Endgültig wird dem Leser im Religionsunterricht von Hanno eine Buchstabenreligion vorgeführt, um den christlichen Glauben im eigentlichen Sinn geht es nicht. Oberlehrer Ballerstedt lobt faktisch korrekte Schüleraussagen wie „Das Buch Hiob zerfällt in drei Teile“ oder wie brav auswendig gelernte Aufzählungen über den Besitz von Hiob „… siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder, fünfhundert Esel und sehr viel Gesindes“. (XI,2) Hier geht es um reines Faktenwissen, nichts ist mehr übrig von Hiobs religiöser Leidenschaft in seiner Auseinandersetzung mit Gott. Für Professor Karl- Josef Kuschel (Buchhinweis am Ende) ist Religion in dieser Kaufmanns-Gesellschaft „auf der letzten Schwundstufe völlig veräußerlicht zum formalen Erziehungsobjekt im Kontext einer preußischen Schulanstalt“. (S. 72) Sein Buddenbrook-Fazit: Die kirchlichen Rituale?
Sinnentleert. Die Botschaft? Verbraucht. Die Moral? Bigott. Der religiöse Gehalt der urchristlichen Botschaft? Verdampft. Das kirchliche Schlüsselpersonal? Je länger, desto stärker nur noch satiretauglich. (S. 18)
Thomas Mann beschreibt in seinem „Verfall einer Familie“ den Verfall der protestantischen Ethik. Einziger Gott, oder besser „Götze“ dieser Familie, ist die Firma! Religion dient der Repräsentation und vermindert die Lebenstüchtigkeit, wenn man über sie nachdenkt. Sie schadet und kostet Vermögen, wie z.B. nach dem Tod von Clara.
Einzig Tonys Naturell ficht dies alles nicht an – und am Ende bleibt Sesemi Weichbrodts biblische Überzeugung, dass es ein Wiedersehen im Jenseits gibt: „Es ist so!“ Sie korrigiert auch Tonys Aussage, Hanno „war ein Engel“ in er „ist … ein Engel“. Der Wechsel im Tempus legt eine religiöse Deutung nahe, den tröstlichen Glauben an die Auferstehung als Hoffnungsschimmer am Ende.
In den Buddenbrooks zeigt Thomas Mann große Skepsis gegenüber der Religiosität seiner Vorfahren. Rolle der Religion ist es, den Niedergang zu verdeutlichen, die Inschrift über dem Eingangsportal in der Mengstraße „Dominus providebit“ wird hinterfragt.
Gibt es später einen „religiösen“ Thomas Mann? Eindeutig JA. Diese Entwicklung wird vom Zeitgeschehen beeinflusst, vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Der Mensch Thomas Mann erweist sich dabei als religiöser als der Künstler. Für ihn ist in moralisch verrotteten Zeiten die Besinnung auf die Gebote des Christentums wichtig, er bezeichnet sie als „das Grundgesetz für das künftige Zusammenleben der Völker“. (Kuschel, S. 25) In den „Zehn Geboten“ verbinden sich Glaube und Humanität, es geht um die so einfache wie wunderbare Unterscheidung, die schon Kai Sina als Buchtitel wählte: „Was gut ist und was böse.“ Christliches Ethos und Einsatz für das Gute bilden die Grundlage für den politisch aktiven Thomas Mann, hier erweist sich sein religiöser Humanismus. Seine Hinwendung zur Unitarischen Kirche in den USA sollte ebenfalls nicht außer Acht bleiben, würde an dieser Stelle aber den Rahmen sprengen.
Als vertiefende Lektüre sehr zu empfehlen:
Karl-Josef Kuschel: „Weltgewissen. Religiöser Humanismus in Leben und Werk von Thomas Mann“ (Patmos, 2025, 445 S.)
