Rundbrief Nr.87 – Goerke, Wißkirchen, Huch

Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft,

zunächst muß ich auf unseren Stammtisch zu sprechen kommen, mich entschuldigen bei jenen, die sich angemeldet hatten, ich dies aber nicht notiert, und um Verständnis bitten bei jenen, die ohnehin aus schierer Gewohnheit kommen wollten, ohne sich anzumelden. Die betroffenen fünf Mitglieder habe ich bereits persönlich angeschrieben. Es tut mir leid. Ich versprach, an den nächsten Stammtisch nochmals gut eine Woche zuvor zu erinnern und um Anmeldungen zu bitten. (Er wird turnusgemäß am 13.August stattfinden) Plätze im Restaurant Delikart sind begehrt. Ich muß spätestens am Sonntag vor unserem Donnerstagstermin einen Tisch der gewünschten Größe reservieren.

… womit ich auch die Interessierten an unserer Arbeit herzlich grüße, und allen vom Abend mit Frau Dr. Britta Goerke berichten, von der Vorstellung ihres Buchs Gleitende Abhänge – Thomas Manns Buddenbrooks und der Aufbruch in die Moderne. Es waren 16 zahlende und vor allem sehr interessierte Personen zu Gast, und allesamt waren wir dankbar für den ganzen neuen Blick auf das so uns wohlbekannte Buch.

Sie konfrontiert den Text mit ungewohnten Fragestellungen: Sind die Hauptfiguren „Flaneure“? Handelt es sich noch um einen Roman der décadence oder sind die Buddenbrooks ein Roman der literarischen Moderne?

Goerke beschränkt sich auf textimmanente Untersuchungen. Autobiographische Bezüge werden nur insofern erwähnt, als daß die Liste der Abweichungen zwischen der Familie Mann (und der Lübecker Stadtgesellschaft) zur Familie Buddenbrook länger ist als die der Gemeinsamkeiten.

War der Unternehmer Thomas Buddenbrook gar ein Flaneur? Goerke stellt fest, daß er aus seiner angestammten Rolle im Lauf des Romans zusehends fällt und sich seinem ungeliebten „Spiegel“ Christian annähert, dem Antriebslosen, dem Richtungslosen.

War Hanno ein Schwächling? Lagen in seiner Empfindsamkeit und seiner Klarsicht nicht Stärken, die ihn vom Vater abhoben? Erkannte der Vater sich nicht auch in seinem Sohn und versuchte daher mit umso größerer Strenge dessen Empfindsamkeit zu unterdrücken?

Fast beiläufig bemerkt Goerke, daß die nicht standesgemäßen Beziehungen der Protagonisten mit der größten Wärme geschildert werden, jene zu Morten (Tony), Anna (Thomas), Kai (Hanno)…

Herkömmliche Sichtweisen, die Buddenbrooks seien ein Familienroman, ein Kaufmannsroman, gar ein Verfallsroman werden infrage gestellt. Goerke erkennt auch in der Erzählweise des Romans eine Entwicklung des Autors selbst: Der Text entwickelt sich von den ersten, noch traditionell verfaßten Kapiteln zu einer Suchbewegung nach den unbekannten Innenwelten, von der Darstellung des Realen zum Symbolischen.

Anzeichen der Moderne, einer Bewegung ins Offene – einem Leitmotiv der Untersuchungen von Britta Goerke.

Sie hat den ganzen Roman quasi über die Teppichstange gehängt und tüchtig Staub ausklopft. Wir waren alle sehr dankbar dafür. Zum Abschluß des Abends wies ich darauf hin, daß das Buch mit 68.-€ zwar teuer sei, aber damit 7.- € weniger kostet als ein Teller Bouillabaisse im Hotel de la Tour in Sanary – und sein Genuß hält länger vor.

Ich will auch gerne erwähnen, daß wir im Nachgang noch eine nette „After-Job-Party“ in der Kantine des Schauspielhauses hatten. Dr. Konrad Lang hatte uns am Bühneneingang stehend hinter die Kulissen gerufen. Bei Wein und Brezeln führten wir noch lange fröhliche und erkenntnisreiche Gespräche. Konrad Lang ist zwei Tage später gemeinsam mit seiner Frau Cornelia unserem Ortsverein beigetreten. Eine Bereicherung für uns alle; ich danke bestens nochmals auf diesem Wege.

Folgenden Termin sollten Sie sich vormerken: Ich wurde von der Leiterin des Katholischen Bildungsforums in Bonn Frau Karin Dierkes auf den Vortrag von Prof. Dr. Michael Seewald aufmerksam gemacht, bei dem wir nun auch Mitveranstalter sind. Der Titel lautet: Das Christentum und die Kultur … oder wie lässt es sich im Arbeitszimmer von Thomas Mann denken und schreiben?

Prof. Seewald war Stipendiat im Thomas Mann Haus in Pacific Palisades und Inhaber des Lehrstuhls für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät in München. Das ist nicht meine Welt, umso neugieriger bin ich auf seinen Vortrag. Er stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis Religion und Kultur stehen und welche Rolle der Religion in zunehmend säkular aufgebauten Gesellschaften zukommt – dabei wurde er inspiriert durch den Ort seines Denkens, dem Arbeitszimmer von Thomas Mann. Die Veranstaltung findet statt im Saal der katholischen Familienbildungs- stätte in der Lennéstraße 5, Bonn, und zwar am Montag, den 28. September 2026, 19.00 – 21.15 Uhr, unmittelbar nach der Thomas-Mann-Tagung in Lübeck also.

Frau Dierkes bittet um Anmeldungen unter dem angeführten Link, wo Sie auch weitere Informationen finden: https://programm.bildungswerk-ev.de/bw-bonn/webbasys/in- dex.php?kathaupt=11&knr=2616730008;

Einen Monat später, und zwar am 26. Oktober habe ich endlich mit Prof. Wißkirchen einen Nachholtermin zur Vorstellung seiner Zeit der Magier gefunden. Diese Vertagung entpuppt sich im Nachhinein als Glück, denn im September erscheint bereits sein nächstes Buch: Meine Buddenbrooks im Boyens Verlag. Ich zitiere aus der Seite im Netz des Verlags:

Worauf basiert die weltweite Popularität des Familienromans? Darauf gibt dieses Buch eine sehr persönliche Antwort. Hans Wißkirchen hat das Buddenbrookhaus ab 1991 aufgebaut und zu einem der meistbesuchten Literaturmuseen Deutschlands entwickelt. In neun Kapiteln holt er die Themen des Romans ins Jetzt: Unsichere Männer, starke Frauen, Familie und die wahre Liebe, die Verwobenheit von Privatem und Politischem – noch heute fasziniert und berührt Manns Werk die Lesenden. Wißkirchen beschreibt, wie er zu Thomas Mann kam, welche zentrale Rolle das Buddenbrookhaus und der Buddenbrook-Roman in seinem Leben spielten. Er berichtet von berühmten Gästen, Gesprächen mit Besuchern aus aller Herren Länder, großen Erfolgen und schweren Krisen.

Dies wird eine wunderbare Ergänzung zum Vortrag von Frau Goerke. Der Veranstaltungsort steht noch nicht fest.

Feuilleton

Der neue Film von Paweł Pawlikowski VATERLAND mit Hanns Zischler und Sandra Hüller über die erste Reise Thomas Mann in das zerstörte Deutschland erscheint am 3.September. Ich stehe mit dem Filmverleih in Kontakt. Er wird mir rechtzeitig die Kinos in unserem „Sendegebiet“ nennen, in dem der Film anlaufen wird und mir zusätzliches Material zukommen lassen. Über die Abweichungen zu historischen Tatsachen (Erika Mann hatte ihren Vater nicht begleitet, sondern Martin Gumpert – darauf hat Frau Keim schon empört hingewiesen) werden wir zu gegebener Zeit sprechen.

Wie ich auf den Namen Friedrich Huch gestoßen bin, weiß ich nicht mehr. Huch, zwei Jahre älter als Thomas Mann, Cousin von Ricarda, lebte seit seinem Studium in München, war seit 1904 dort als freier Schriftsteller tätig; seine Romane hatten einigen Erfolg. Er gehörte zu Manns Bekanntenkreis, man war gemeinsam mit dem Rad unterwegs oder ging schwimmen. Mann erinnert sich an Huchs blaue Seemannsaugen. Er sei ein muskelfreudiger Junge gewesen mit kupferfarbenem Leib. Er starb früh mit 39 Jahren und Thomas Mann hielt 1913 für ihn eine Trauerrede, in der er dessen große Begabung hervorhob: ihm sei es gelungen, den deutschen Roman zur Dichtung zu erhöhen, ihn emporzuläutern, ihn als Kunstgattung ebenbürtig neben die Lyrik zu stellen. Neugierig geworden besorgte ich mir Huchs letztes Werk aus 1911: Enzio – Ein musikalischer Roman. Ein kurzweiliges Lesevergnügen, bei allem Befremden, das die Lektüre erweckt: Ich mußte an den Vortrag von Frau Goerke denken und an ihre Begrifflichkeit auf die Romane jener Zeit. Enzio kann als Paradebeispiel für Dekadenzliteratur angesehen werden, und der Protagonist ist ein Flaneur ersten Ranges – mit tragischen Zügen. Der Untertitel: Ein musikalischer Roman hat bestenfalls in der ersten Romanhälfte seine Berechtigung. Die zweite ist geprägt von diversen erotischen Verstrickungen, die mich langweilten. Bei Wiki steht geschrieben, Huch habe sich den jungen Furtwängler zum Vorbild genommen, was ich aber nicht erkennen kann.

Im Kulturradio des Süddeutschen Rundfunks hörte ich eine Besprechung einer Ausstellung zu Leben und Werk von Ludwig Schwerin im Bezirksmuseum Buchen in Odenwald. Schwerin wurde ebenda 1897 geboren und starb 1983 in Ramat Gan, Israel. Nach dem Studium in Karlsruhe lebte er in München bis zu seiner Flucht 1938 nach Palästina. In München hatte er einigen Erfolg als Buchillustrator und als Porträtist. Und so verewigte er auch Thomas Mann nach gewonnenem Nobelpreis 1939 in einem Holzschnitt. Im Museum war man so freundlich, mir dieses Bildnis vorab zukommen zu lassen. Ich werde die nächsten Wochen dorthin reisen und versuchen, noch mehr zu erfahren vom Verhältnis der beiden zueinander. Ich werde berichten.

Ich wünsche Ihnen, die heißen Tage gut überstanden zu haben und verbleibe mit den besten Grüßen

Ihr Peter Baumgärtner

Fotos: Baumgärtner