Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
ich komme zunächst auf den Film Vaterland zu sprechen, der nun in den Kinos angekommen ist und von dem die Feuilletons voll sind. Die Vorpremiere am 30. August im Bonner Rex-Kino war ausverkauft und viele Mitglieder unseres Ortsvereins waren zugegen. Am Ende hörte ich nur Stimmen der Begeisterung, die auch dem allgemeinen Tenor in der Presse entsprechen, alleine ich brachte meine Vorbehalte vor, die ich nun wiederhole, damit wir beim nächsten Stammtisch etwas zu diskutieren haben.
Zunächst war ich erschüttert von der ersten Einstellung: Der nackte Klaus vor seinem Lotterbett unablässig an der Zigarette ziehend. Dieses Bild vom sexbesessenen, depressiven Junkie bleibt haften, auch wenn es hinterher durch Äußerungen von Erika verbal relativiert wurde. Die Worte, die er ins Telefon flüstert, gehen unter, sein Leiden an der Zeit, der Eindruck der Vergeblichkeit seines jahrelangen Kampfes gegen den Faschismus. Eine Lebensleistung, die nach wie vor zu wenig gewürdigt wird.

Über diverse biographische Unstimmigkeiten wurde schon viel geschrieben, die uns Thomas-Mann-Kennern natürlich mehr aufstoßen als dem allgemeinen Publikum: Nicht Erika chauffierte den Vater nach Weimar, sondern Georges Motschan, ein junger Mann, den Thomas noch aus der Vorkriegszeit in der Schweiz kannte. Gründgens‘ Ohrfeige von Erika ist sicherlich eine Wunschbarkeit – aber sie hat nun mal nicht stattgefunden. Man hätte sich gewünscht, daß solche Abweichungen von der Realität im Abspann oder den Flyern zum Film erwähnt werden.
Wer sich über die wahre Chronologie der Erlebnisse Thomas Manns im Jahre 1949 in knapper Form informieren möchte, dem empfehle ich die graphische Novelle Thomas Mann 1949, die im letzten Jahr erschienen ist, und all das zeigt, was der Film zugunsten der Dramaturgie ausgelassen hat.
Ein letzter Punkt: Die Schwarz-Weiß-Bilder sind eindrucksvoll, passen zum Zustand der Zerstörung, in dem sich damals unser Land befand. Gestört habe ich mich an diesem modischen Dogma-Prinzip, dem Verzicht auf künstliche Beleuchtung: Gerade die Mimik, das Gesicht Hanns Zischlers hätte oft noch markanter zum Ausdruck gebracht werden können.
Das ausdrückliche Lob kommt zum Schluß: Ich denke, diesem Film wird es gelingen, das Bild Thomas Manns in der deutschen Öffentlichkeit zurechtzurücken, das noch sehr von Heinrich Breloers Fernsehserie geprägt ist: Das Bild des etwas verschrobenen pater familias, des ewig souveränen und gefeierten Großdichters. Nein, er war nicht immer geliebt von allen in diesem Lande. Gerade nach dem Kriege wurde er beschimpft und gar bedroht. Man nahm die Buddenbrooks in die Lehrpläne der Gymnasien, sparte aber seine Auseinandersetzung mit diesem Lande aus. Dies leistet der Film vorzüglich.
Die Lübecker Thomas-Mann-Tage stehen bevor. Die Buddenbrooks, die vor 125 Jahren erschienen, stehen in diesem Jahr im Mittelpunkt. Im gerade erschienen JAHRBUCH kann man nachlesen, welch großartige Vorträge im vergangenen Jahr gehalten wurden. Nutzen Sie die Chance, sich in diesem Jahr die Vorträge live anzuhören, melden Sie sich an!
Zu Gast in Lübeck wird auch wieder die Georgische Thomas Mann Gesellschaft sein, angeführt von der uns wohlbekannten Natia Tcholadze. Und hier füge ich eine äußerst erfreuliche Briefpassage von Thomas Schmalzgrüber ein:
Erwähnt werden sollte ein durch Vermittlung von Natia Tcholadze zustande gekommener Schüleraustausch zwischen der Schule Nr. 33 in Kutaissi und der Integrierten Gesamtschule Innenstadt in Köln, an der ich unterrichte. Vom 21. bis 28. November besuchen uns neun Schülerinnen und Schüler in Begleitung von Natia, einer Deutschlehrerin sowie der Schulleiterin und der stellvertretenden Schulleiterin. Für die Kinder habe ich bereits Gastfamilien gefunden, sogar mehr als nötig, und stehe nun vor der schwierigen Aufgabe zu entscheiden, wer teilnehmen kann und wer nicht.
Die Unterbringung der vier begleitenden Frauen steht noch aus, was mir etwas Sorgen macht. Da die beiden Schulleitungsmitglieder nur Georgisch sprechen, schlägt Natia vor, die Frauen jeweils zu zweit unterzubringen, sodass immer eine deutschsprachige Person dabei ist. Aber wer hat schon Platz für zwei Gäste? Ich bin dennoch zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden werden.
Für die georgische Schule, an der Deutsch ab der 5. Klasse unterrichtet wird, liegt der Schwerpunkt des Austauschs natürlich auf dem Kontakt mit deutscher Kultur und deutschen Muttersprachlern. An der inhaltlichen Gestaltung und thematischen Schwerpunktsetzung unseres Gegenbesuchs, der voraussichtlich im Mai 2027 stattfinden wird, arbeite ich noch. Sicher wird dabei aber auch Thomas Mann eine Rolle spielen.
Dies ist eine großartige Sache, für die ich mich im Namen des gesamten Ortsvereins bei Natia und Thomas bedanke. Von diesem Kulturaustausch, von diesem Wissen voneinander werden – gerade in diesen spannungsreichen Zeiten – die Kinder ihr ganzes Leben profitieren. Wer eine Idee hat zu den noch gesuchten Unterbringungsmöglichkeiten, sollte sich bei mir oder direkt bei Thomas melden.
Nun komme ich auf unseren froh gelaunten Stammtisch zu sprechen. An diesem lauen Sommerabend trafen 15 Mitglieder zusammen, es wurden vielfältige Kontakte geknüpft, spannende Gespräche geführt, wir blieben, bis wir von den Wirtsleuten hinausgefegt wurden. Hier sehen Sie die ganze Gruppe und Jutta Hartmann, die uns aufgenommen hat. Unser nächster Stammtisch wird übrigens stattfinden am 8. Oktober wie üblich um 18.00 Uhr im Delikart im Landesmuseum.


Einen weiteren Veranstaltungshinweis wiederhole ich an dieser Stelle: den Hinweis auf den Vortrag von Prof. Dr. Michael Seewald mit dem Titel: Das Christentum und die Kultur … oder wie lässt es sich im Arbeitszimmer von Thomas Mann denken und schreiben? – am 28.9. um 19.00 Uhr in der Lennéstraße 5 in Bonn.
Feuilleton
Beim Stammtisch präsentierte uns Ulrike Keim ihren neuen, ihren ersten Roman: Das Medaillon der vergessenen Frauen. Wir kennen Ulrike Keim von ihrer Gumpert-Biographie aus 2022. Bei der Recherche zu diesem Buch stieß sie auf die Berliner Chirurgin und Frauenrechtlerin Edith Peritz (1897–1985), einer überaus interessanten Figur, bei der die Quellenlage allerdings äußerst dünn ist, weshalb sie sich nun von der Wissenschaftlichkeit löste, und die Romanform wählte. Aber im Gegensatz zu Paweł Pawlikowski, dem Regisseur von Vaterland, legt sie am Ende sehr transparent offen, was Faktum ist und was Fiktion.
Es entstand ein unglaublich spannender Roman über die späten 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, die Darstellung der einzigartigen Bohème Berlins jener Jahre, der Kreativität und der Fortschrittsgläubigkeit – auf der einen Seite, und der aufkommenden Lebensverachtung auf der anderen. Die Machtübertragung an die Braunen beendete eben nicht nur viele Künstlerkarrieren, sie beendete auch die Entwicklung einer modernen Gesellschaft, in der die Berufstätigkeit von Frauen eine Selbstverständlichkeit ist. Dieser Kulturbruch warf uns in dieser Hinsicht nicht nur 12 Jahre zurück, sondern 40.
In diesem Buch begegnen uns nicht nur Erika, Klaus und Heinrich Mann, sondern auch eine Vielzahl anderer Persönlichkeiten, die unsere Neugier auf diese Zeit wecken. In erster Linie möchte ich da die Photographin Lotte Jacobi (1896–1990) nennen, die das gesamte Personal von Ulrike Keims Buch in Berlin porträtierte, dann – wie Edith Peritz – in die USA emigrieren mußte, um dort ihre Arbeit fortzusetzen. Mit Albert Einstein war sie schon aus Berliner Tagen befreundet, und so fand sie in Princeton auch Zugang zu Thomas Mann, der ihr dort mehrfach Modell saß und wo ihr auch tolle Schnappschüsse gelangen von den beiden Nobelpreisträgern Seite an Seite.
Zwei weitere Bücher möchte ich Ihnen heute noch vorstellen, die in engem Zusammenhang stehen mit Ulrike Keims Roman.
Peter Lange stellte uns sein Buch über das Exil der Familie Mann in der Tschechoslowakei mit dem Titel Prag empfing uns als Verwandte bereits 1922 vor. Nun ist ein zweites Buch von ihm erschienen, in dem er sein Thema aufweitet, Vertraute Freunde – Exil in Prag 1933–1939, worin er die ganze Künstler-, Journalisten- und Politikerschar in den Blick nimmt, die nach 1933 in Prag aufgenommen wurde und unter schwierigen Bedingungen ihr Auskommen suchen mußte.

Peter Lange hat eine unendliche Recherchearbeit auf sich genommen! Mit journalistischer Präzision in einem gut lesbaren Stil stellt er uns in strenger Chronologie die Schicksale vieler uns vertrauter Persönlichkeiten dar. Neben Heinrich Mann will ich hier nur Schriftsteller anführen: Stefan Heym, Hans Natonek, Oskar Maria Graf. Man könnte das Buch wie einen Krimi lesen und wünschte, es wäre einer – aber nein, es ist das Abbild einer schrecklichen Realität.
Und einer jener Flüchtlinge war eben auch Golo Mann, der in Prag ein unglückliches Studienjahr verbrachte. Da er nicht der kommunikativste war, fand er schwer Anschluß und schrieb sehnsüchtige Briefe nach Zürich. Ich konnte in diesem Zusammenhang nicht umhin, mir eine Veranstaltung zum Thema Golo Mann und die Tschechei vorzustellen, bei der Peter Lange und der uns wohlbekannte Jens Peter Otto – Golos Chauffeur zu Zeiten der Wallenstein-Recherchen – auf dem Podium sitzen. Ich habe Herrn Otto angeschrieben – wir dürfen gemeinsam hoffen.

In Peter Langes Buch begegnete mir erstmals der Name der Schriftstellerin und Psychotherapeutin Anna Maria Jokl (1911–2001): Als Jüdin in Wien geboren wurde sie als sehr junge Frau in Berlin Radio-Reporterin, floh dann über Prag, London, Ost-Berlin, Zürich nach West-Berlin, um sich schließlich 1965 in Israel niederzulassen. Ihre Werke wurden im Jüdischen Verlag Frankfurt und bei Suhrkamp verlegt. Ich habe mir zunächst den 1999 erschienenen Band Die Reise nach London besorgt und staune, welch große Kraft, Klugheit und Könnerschaft in dieser Frau steckten. Ein scharfer Blick verbindet sich bei ihr mit menschlicher Wärme und gleichzeitig mit einer erzählerischen Distanz zu Dingen, die ihr sehr nahe gingen.
Man erfährt, daß sie bei Karl Kerényi studiert hatte – dem Briefpartner von Thomas Mann, siehe Rundbrief Nr. 86 – hat denkwürdige Begegnungen mit C. G. Jung und war mit Martin Buber befreundet.
Ich zitiere sie mit einer Passage zu Prag: Trotzdem liebten wir alle Prag…, wegen der geschichtsträchtigen Schönheit der Stadt, der Wärme der Tschechen, an denen, an jedem einzelnen, … wegen der Großzügigkeit, mit der man Emigranten Asylrecht gab; wegen ihres todkühnen Widerstands, wo Europa schon defätistisch war. Wie Thomas Mann liebte sie auch Worterfindungen, wenn sie zum Beispiel von einer bachstelzenhaften, kleinen, älteren Dame spricht.
Als Übersetzerin von Zvi Kolitz‘ Text Jossel Rakovers Wendung zu Gott tritt sie 1954 mit Thomas Mann in Kontakt, damals noch in dem Glauben, er sei authentisch und in den letzten Tagen der Zerstörung des Warschauer Ghettos geschrieben. Eine ebenso literarisch bedeutsame wie skurrile Publikationsgeschichte nahm ihren Lauf, auf die ich hier nicht näher eingehen kann.
Thomas Mann war ihr immer präsent. Dem Kapitel Mitzi stellt sie ein Zitat von ihm voran, entnommen einem Zeitungsartikel vom 30.12.1953: Aber freilich ist in unsrer blutig entzweigeschlagenen Welt des Mißverstehens, Schnüffelns, Verdächtigens und Denunzierens kein Absehen. Und so werde ich auch nicht Ruhe haben bis ans Ende meiner Tage.
Wenn Thomas Mann nur nicht immer so aktuell wäre.
Ich wünsche Ihnen schöne Herbsttage, regnerische Nächte, hoffe, Sie in Lübeck treffen und verbleibe mit den besten Grüßen
Ihr Peter Baumgärtner
Fotos: Jutta Hartmann, Peter Baumgärtner
