Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
bevor ich zurückschaue auf die diesjährige Jahrestagung, blicke ich nach vorne, auf den anstehenden Besuch von Prof. Dr. Hans Wißkirchen am 26. Oktober um 19.00 Uhr in Der andere Buchladen im Kölner Süden, am Ubierring 42. Wir werden einen Eintritt von 15,- Euro erheben. Damit holen wir nicht nur die krankheitsbedingt abgesagte Vorstellung von Zeit der Magier nach. Herr Wißkirchen wird die Gelegenheit auch nutzen, sein gerade erschienenes Buch Meine Buddenbrooks vorzustellen.

Die Zeit der Magier stellte ich bereits im Rundbrief Nr. 81 ausführlich vor und erlaube mir, mich ausnahmsweise in Auszügen selbst zu zitieren: Mit diesen Vorurteilen – z.B. Heinrich als zweitklassig anzusehen – räumt Wißkirchen tüchtig auf. Er beschreibt die Bruderbeziehung als eine große Kreuzbewegung, vom zunächst superioren Heinrich über den gemeinsamen Kampf in den 20er Jahren bis hin zu Thomas‘ Führungsrolle spätestens mit dem Erhalt des Nobelpreises. Aber ganz gleich in welcher Lebenslage sie waren: Ihr wechselseitiger Respekt und Hochachtung voreinander war immer gegeben, …

Meine Buddenbrooks sind zweigeteilt: In der ersten Hälfte beschreibt er seine Tätigkeit für das Buddenbrook-Haus, dessen Gründungsdirektor er 1991 wurde mit seinem ersten Büro noch in der Schalterhalle der Sparkasse, die bis dahin in der Mengstraße 4 untergebracht war. Später wurde er bis zum Eintritt in den Ruhestand Direktor aller Lübecker Museen und ist bis heute Präsident unserer Thomas Mann Gesellschaft. Wahrlich ein Leben für Thomas Mann und eben auch für das Buddenbrook-Haus.
Im zweiten Teil beschreibt Wißkirchen, wie er mit den Jahrzehnten immer mehr Tiefenschichten des Romans für sich entdeckte, genau jene literarischen Tiefen, die uns bei der diesjährigen Tagung intensiv beschäftigten. Als Thomas-Mann-Kenner lernt man noch allerhand, Neulinge werden in gut lesbarer Form neugierig gemacht – auf die Buddenbrooks und deren Autor zugleich.

Am Vorabend der Tagung fand die Thomas Mann-Preisverleihung an David Grossman in den Kammerspielen der Stadt statt. Ich wußte von seinem unermüdlichen Kampf um Verständigung mit den Palästinensern, vom Verlust seines Sohnes, der als Soldat gefallen ist, habe die Milde seiner Sprache im Ohr von der lange zurückliegenden Lektüre einiger seiner Romane. Ihn aber als Person zu erleben, war ebenso eindrücklich wie erschreckend: Mit seinen 72 Jahren ist er schwer an Parkinson erkrankt, völlig abgemagert – und er hat dennoch seinen Humor nicht verloren. Eine Rede zu halten, fühlte er sich nicht mehr imstande, aber auf der Bühne mußte man ihm nur Stichworte geben, um ihn zu einem sprudelnden Quell werden zu lassen. Von seinem Land berichtet er nichts Gutes, es sei innerlich völlig zerrissen, und er hat auch die Sorge, daß „Bibi“ und seine Leute eine Wahlniederlage nicht akzeptieren würden.

Er wurde dann noch gefragt, ob er es wie Amos Oz hielte, und sich für das Schreiben von Essays und von Prosa zwei unterschiedliche Stifte bereitlegen würde. Da antwortete er nur verschmitzt, das habe er nicht nötig, er schriebe nur mit geklauten Hotelkugelschreibern – es war ein Vergnügen, dem Manne zuzuhören.
Die Verleihung wurde gerahmt von Liedern aus Schuberts Winterreise und am Ende trug der Dirigent, Pianist und Sänger Nathan Bas auf Hebräisch das wunderschöne Lied Atur Mitzchech Zahav Shachor vor. Grossman genoß leise lächelnd.
Die diesjährige Tagung stand unter der Überschrift: Ökonomie des Verfalls: Kaufmannsethos und Kapital in Buddenbrooks. Zum 125-jährigen Erscheinen des Romans standen also keine germanistischen Fragen im Mittelpunkt, sondern gesellschaftspolitische, bei denen man immer wieder explizit den Bezug zur Gegenwart suchte.
So suchte bei seinem Eröffnungsvortrag Prof. Dr. Andreas Blödorn das Spannungsfeld auszuloten zwischen Christians launischer Bemerkung im Club, nach der bei Lichte besehen jeder Kaufmann ein Gauner sei, und der Devise von Großvater Johann: Sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bei Nacht ruhig schlafen können.
Bei der anschließenden Podiumsdiskussion mit Dr. Katrin Max und Hans Wißkirchen geriet immer wieder der Begriff Usancen in den Blick, der in so wunderbar Thomas-Mann’scher Ironie den Graubereich zwischen Ehrbarkeit und Gaunerei bezeichnet. Im Roman versucht Thomas die Praktiken von Herrn Weinschenk damit zu verharmlosen, womit jener aber vor Gericht nicht durchkommt.
Um den gleichen Themenkreis bewegte sich die abendliche Gesprächsrunde, die unter der Überschrift stand: Eat the rich? Risikogeschäft und Wirtschaftskrise. Auf dem Podium moderierte Dr. Regine Zeller das Gespräch zwischen dem online-Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt und der TV-Journalistin Anja Kohl, die konservative Tagesschaugucker wie ich sehen, wenn man etwas zu früh einschaltet: Drei Minuten vor acht bringt sie die Neuigkeiten aus der Börse – und wir staunten nicht schlecht, wie literarisch beschlagen sie war: Neben vielen anderen Dingen hat sie bei Hermann Kurzke Germanistik studiert und sieht in der Familie Buddenbrook eine Unternehmerfamilie, bei der die jüngeren Generationen keinen Mut zur Veränderung, zur Anpassung an die Zeitläufte haben – und damit war der Gegenwartsbezug gegeben.

Dazwischen, um 17.00 Uhr, nahm ich bei Britta Goerke an einem Workshop, einem Arbeitstreffen zur Chronik der Festlichkeiten in den Buddenbrooks teil, vom großen Einvernehmen zu Beginn des Romans bis zu den spannungsgeladenen Zusammentreffen der jüngeren Generationen, den Weihnachtsfeiern und schließlich dem 100-jährigen Jubiläum der Firma, das ordentlich verhagelt wird.
Auch bei diesem Thema, wie bei allen anderen der Tagung, wurde die neue Lesart des Romans hervorgehoben: jener, die die Schwächen der Männer betont und die starken Frauen hervorhebt, Tony im Besonderen, die man bislang auf ihre Selbsteinschätzung reduzierte: Auf die „dumme Gans“! Daß sie bei all den Niederlagen, die sie einstecken muß, über ein gerüttelt‘ Maß an Tapferkeit verfügt, sei unbenommen, und natürlich hat sie überlebt, während am Ende alle Männer tot oder außer Gefecht sind. Und dennoch möchte ich für Tom eine Lanze brechen: Er mag kein findiger Unternehmer gewesen sein und mit dem „Kauf auf dem Halm“ einen Fehler gemacht haben, aber gleichzeitig muß er auch Nackenschläge einstecken, die er nicht zu verantworten hat: Er muß ertragen, wie seine Mutter seinem windigen Schwager Tiburtius ungefragt eine erhebliche Summe als Erbe zubilligt, oder wie der Mann seiner Nichte Erika namens Weinschenk ins Gefängnis einrücken muß und auch auf diese Weise dem Ruf seines Unternehmens schadet. Hier ist er es, der seine Schwester Tony tröstet. Und wenn später Tony ihren Bruder Tom nach geschäftlichen Mißerfolgen versucht aufzurichten, ihn ermahnt, immer nur an das Wohl der Firma zu denken, dann tut sie es eben auch aus Selbstachtung: Hat sie doch die Liebe ihres Lebens, Morten, der Familie geopfert.
Sie wird zuweilen auch als asexuelles Wesen dargestellt, aber: Sie liebte Morten nicht nur seines wachen Geistes wegen, nein, sie liebte in erster Linie den blonden jungen Mann mit blauen Augen und ebenmäßigen Gesichtszügen und Zähnen, blank wie poliertes Elfenbein. Hätte er nur spärliches Haupthaar besessen, einen goldgelben Backenbart und eine Warze am Nasenflügel, hätte sie sich seine politischen Ausführungen nicht stundenlang angehört. Tony war keine Hedwig Dohm, Katias Großmutter, die ungefähr gleichen Jahrgangs wie Tony war…
Von der Vorstandssitzung über Mittag kann ich zwei wichtige Dinge berichten: Die nächste Jahrestagung wird in Zürich stattfinden, und zwar vom 10.9. bis 12.9.2027, bei der auch der Vorstand unserer Gesellschaft neu gewählt wird, und dann Ende Oktober, am 30./31. Oktober, wird es noch eine kurze Tagung in Lübeck geben.
Bei der anschließenden Mitgliederversammlung berichtete ich über die Aktivitäten unseres Ortsvereins im vergangenen Jahr – siehe Anhang – und übergab Natia Tscholadze das Wort, die von den Aktivitäten der georgischen Thomas-Mann-Gesellschaft berichtete – auch ihren Bericht habe ich angehängt. Ganz besonders hervorheben möchte ich hier, daß es ihr gemeinsam mit Thomas Schmalzgrüber gelungen ist, einen georgisch-deutschen Schüleraustausch ins Leben zu rufen. Ende November ist die georgische Delegation in Köln, ein Besuch im Bonner Haus der Geschichte ist schon vereinbart; Ulrike Just wird die georgischen und deutschen Kinder gemeinsam durch die Ausstellung führen. Für die Kinder – und das Miteinander der Völker – ein allseitiger Gewinn.
Am Sonntagmorgen fand zunächst die Verleihung des Thomas-Mann-Förderpreises statt. Barbara Beßlich hielt eine fulminante Eloge auf den Gewinner, auf Roman Seebeck aus Freiburg, der sich intensiv mit Thomas Manns Vortragsreisen in den USA beschäftigte, viele bislang unentdeckte Quellen in amerikanischen Archiven gesichtet hat. Ich habe mir sein Buch bestellt – im nächsten Rundbrief werde ich darüber berichten.
Im Anschluß hielt der Kölner Schriftsteller Yannic Han Biao Federer einen thesenreichen Vortrag über den Lebensraum der Buddenbrooks, über deren Niedergang im Zeichen des Kolonialismus. Federer hat sich auch als Romanautor hervorgetan, sein Buch TAO sei im weitesten Sinne verwandt mit den Buddenbrooks – ich werde es mir besorgen und berichten.
Er saß dann auch bei der abschließenden Podiumsdiskussion gemeinsam mit Prof. Hedwig Richter, Julia Friedrichs und Oliver Fischer als Moderator auf der Bühne. Die drei Diskutanten waren mir allesamt unbekannt, spannende Aspekte auf das soziale Leben im 19. Jahrhundert und über die Last, Millionenerbe zu sein, und die Schwierigkeit, Familienunternehmen über Generationen erfolgreich am Markt zu halten – bei den Buddenbrooks ist dies danebengegangen. Geld läßt sich leicht vererben, Talent, Ehrgeiz, Risikobereitschaft nur sehr bedingt! Thomas litt letztlich unter dem Erbe, trat es aus Pflicht an und setzte es in den Sand. Faustens nächtliche Grübelei wurde zu meinem Erstaunen bei der Tagung nie erwähnt:
Was du ererbt von deinen Vätern hast
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last
Hier ist der Punkt, den Goethe schon getroffen hat. Thomas Manns Vater war schlauer als Thomas Buddenbrook. Er erkannte, daß seine Söhne nichts taugen als Kaufleute, liquidierte, und die jungen Herren bekamen eine Leibrente. Mit diesem Startkapital schuf Thomas mit sehr viel eigenem Talent, Ehrgeiz und Risikobereitschaft die Buddenbrooks: es war ein wahrhaft rentierliches Investment. Diese Erkenntnis nehme ich von der Tagung mit.
Und wenn ich schon bei Podiumsdiskussionen bin: In Bonn gab es derer zwei. Zunächst saßen ein paar Tage vor Lübeck im Rahmen des Beethovenfests wie im letzten Jahr wieder drei Thomas Mann Fellows zusammen, ins Programm gehoben vom Intendanten, von Steven Walter, der auch schon TM-Fellow gewesen war. Die aktuelle politische Situation in den USA drängte sich immer wieder in die Mitte des Gesprächs. Der Blickwinkel der Deutsch-Amerikanerin Ciani-Sophia Hoeder war hierbei ganz besonders erhellend, Susanne Beyer vom Spiegel äußerte sich immer hoch differenziert und empfindsam, sie erinnerte sich an die Zeit ihrer Reise nach LA, als Trump gerade gewählt worden war und wir deutschen Bildungsbürger irritiert den Kopf schüttelten, was die da drüben täten – und nun staunen wir über die Welle, die auf uns selbst zukommt. In besonderer Erinnerung habe ich den Kölner Musikwissenschaftler Dr. Kai Hinrich Müller, der alle Dinge mit Witz und Ernst pointiert auf den Punkt brachte.

Ich vergaß zu erwähnen, daß die Diskussion vom FAZ-Redakteur Andreas Platthaus geleitet wurde – der ebenfalls schon TM-Fellow in Pacific Palisades gewesen war – genau wie Prof. Dr. Michael Seewald, der am Montag nach der Tagung im Katholischen Bildungsforum Bonn auf der Bühne saß. Ich war mit gewissen Vorbehalten gegenüber einem Professor für Dogmengeschichte dorthin gegangen, welche sich sämtlich in Wohlgefallen auflösten. Patricia Fehrle war so freundlich, den Abend zusammenzufassen – siehe Anhang.
Es ist eine Freude zu sehen, welche interessanten Geisteswissenschaftler, Literaten und Künstler – ich denke die weibliche Form hier immer mit – das Thomas Mann-House als Auszeit aus ihrem Alltag und als Impuls für ihre Zukunft nutzen können. Wie von selbst entwickelt sich ein Netzwerk der Stipendiaten untereinander – ein Gewinn für uns alle und unsere liberale und demokratische Gesellschaft.
Am Ende komme ich nochmals nach Lübeck zurück:

Die diesjährige Tagung begann für mich mit dem Besuch des Kolumbariums Die Eiche, das seit zwei Jahren betrieben wird. Man wird begrüßt von Peggy Morenz und durch das Haus geführt von Michael Angern. Dieses Ehepaar hat vor einigen Jahren dieses alte Speichergebäude gekauft und mit ungeheuer viel Liebe, gestalterischem Feingefühl – und noch viel mehr privaten Mitteln – zu einem wundervollen Ort der Erinnerung umgestaltet. Es entstand ein sakraler Raum, ohne Kirche zu sein, wenn auch im Durchgang zur Aufbahrungshalle ein kleiner Erzengel Michael darüber wacht, ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen. Und eine Sanduhr, ein Stundenglas im Empfang, erinnert uns an unsere Endlichkeit und an Doktor Faustus zugleich.

Auf der Seite https://www.die-eiche.de können Sie sich einen Eindruck davon machen.
Erst lange nach dem Kauf stellten die beiden fest, daß sie das letzte Speicherhaus der Familie Mann in Lübeck erworben hatten. Dies bewog Herrn Angern dazu, sich intensiv mit Thomas Mann zu befassen, mit den Sterbeszenen in dessen Romanen. Dabei stieß er auf das Werk von Jan und Aleida Assmann, deren Publikationen zum kulturellen Gedächtnis ihn faszinierten. Seine Erkenntnisse flossen zusammen in dem Büchlein Condolenz-Visiten und Abschiedsszenen, dessen Essenz das Ehepaar im Rahmen der Ringvorlesung unter dem Titel 125 Jahre Buddenbrooks vortrug. Die vollständige Vorlesungsreihe können Sie sich zuhause an Ihrem Rechner anschauen. Es wird deutlich, welch kulturelle Bereicherung das Buddenbrookhaus für die alte Hansestadt darstellt.
https://buddenbrookhaus.de/ringvorlesung-125-jahre-buddenbrooks

Auf dieser Seite finden Sie auch einen Vortrag von Marie-Louise Monrad Møller, die als Autorin eines Erstlingswerks von Caren Heuer für diese Reihe ausgewählt wurde, und die mir Caren auch ganz besonders ans Herz legte. In ihrem Roman Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart erzählt eine Tochter vom Sterben ihrer Mutter, einer früheren Pastorin, die mit Pumps auf der Kanzel gestanden hatte. Monrad Møller pflegt einen Duktus der lakonischen Kürze und verfügt über eine große Treffsicherheit und Dichte in ihrer Sprache. Das Sterben wird nicht zu Ende erzählt; die sterbende Mutter wird zur Randfigur in der Selbstbespiegelung der Tochter, in deren Infragestellung des Verhältnisses zu ihrem Vater, zur Familie, zum Lebenspartner Felix. Ich mußte an Britta Goerkes Formel von der Bewegung ins Offene denken – als Kennzeichen der literarischen Moderne.
Der Vortrag von Monrad Møller beginnt mit dem charmanten Bekenntnis, bei Aufforderung, eben diesen Vortrag zu halten, die Buddenbrooks noch nie gelesen zu haben, womit das Thema gesetzt ist: Die Entdeckung der Buddenbrooks.
Davon waren auch meine letzten Wochen geprägt. Ich würde mich freuen, Sie in Köln beim Vortrag von Hans Wißkirchen begrüßen zu dürfen.
Ihr Peter Baumgärtner
Fotos: Peter Baumgärtner
Bericht des Ortsvereins Bonn-Köln 2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich will wieder mit der Mitgliederentwicklung unseres Ortsvereins beginnen: Beim kürzlich erfolgten Abgleich der Mitgliederliste einigten wir uns auf 96 Mitglieder, bedauerlicherweise haben uns inzwischen drei Kündigungen zum Jahresende heimgesucht, weshalb die Zahl sich auf 93 senken wird, wenn nicht die Strahlkraft unserer Tagung kurzfristig für neue Eintritte sorgt. Auch sollten wir die große Aufmerksamkeit, die der Film Vaterland in der bildungsbürgerlichen Öffentlichkeit erhält, für unsere Zwecke nutzen, darauf hinweisen, daß dieser politische Thomas Mann wesentlicher Inhalt unserer Arbeit ist.
Da die letzte Mitgliederversammlung bekanntlich schon im Juni 2025 stattfand, blicke ich heute auf 15 Monate Vereinsarbeit zurück – und auf ebenso viele Rundbriefe, in denen ich unsere Aktivitäten festhielt.
Zunächst erschien im Juli 25 endlich unsere Übersetzung der Hommage à Thomas Mann – und wenn ich von „uns“ spreche, dann meine ich in erster Linie unsere Mitglieder Axel Volhard und Thomas Schmalzgrüber. Die ersten 50 Exemplare sind verkauft. Wir haben keine große Auflage auf Vorrat erstellt, es kann jederzeit „on demand“ nachgedruckt, also auch bestellt werden.
Ein weiterer Kraftakt des Vereins war die Neugestaltung unserer Homepage, die sich in der Gestaltung am Lübecker Vorbild orientiert und mit diesem auch verlinkt ist.
Am 14. Oktober ’25 beehrte uns Dr. Holger Pils in Bonn Bad Godesberg und stellte uns den von ihm herausgegebenen Briefwechsel Thomas Manns mit Ida Herz vor, und am 11. November ’25 sprach dort auch Prof. Dr. Barbara Beßlich zu uns über ihre Publikation Der Biograph des Komponisten – Unzuverlässiges Erzählen in Thomas Manns Roman Doktor Faustus. Beide Veranstaltungen hatten nur ein kleines, aber ein hoch zufriedenes Publikum.
Bereits am 4. November war Michael Haukohl „online“ bei uns zu Gast und sprach über die kurze Liaison von Thomas Mann und Rotary.
Im Februar 2026 durften wir bei der Thomas Morus Akademie in Bensberg Mitveranstalter sein bei der Wochenendtagung mit dem Titel: Thomas Manns Jahrhundertwerk – Die Buddenbrooks. In dem vorzüglichen Ambiente des hoch über Köln gelegenen Tagungshauses verbrachten viele Mitglieder unseres Ortsvereins im Rahmen einer ausgebuchten Veranstaltung ein bereicherndes Wochenende. Ganz besondere Freude bereitete uns Janka Zündorf mit ihrem eigenen Blick auf den Tod in Venedig. Es besteht der Vorsatz, die Zusammenarbeit mit der Thomas Morus Akademie fortzusetzen.
Die Inszenierung von Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull der Bonner Werkstattbühne war in der Spielzeit 24/25 durchweg ausgebucht. Wir wurden im März von der Theatergemeinde Bonn zu einem Gespräch mit der Regisseurin Hanna Müller eingeladen. Die noch stärkere Zusammenarbeit mit anderen Kulturvereinen in unserem Raum ist mir erklärtes Ziel.
Am 28. Mai hatten wir wieder im Haus an der Redoute in Bad Godesberg Dr. Britta Goerke zu Gast, die uns ihr Buch Gleitende Abhänge – Thomas Manns Buddenbrooks und der Aufbruch in die Moderne vorstellte – ein perfekter Einstieg in das Buddenbrookjahr, eine Aufforderung, diesen Roman mit neuen Augen nochmals zu lesen.
Der Vortrag von Prof. Hans Wißkirchen zur Zeit der Magier mußte krankheitsbedingt leider verschoben werden, wird nun Ende Oktober in Köln nachgeholt.
Der Zufall ließ mich ein mir bislang unbekanntes Porträt von Thomas Mann entdecken von einem mir gleichfalls unbekannten Künstler, von Ludwig Schwerin (1897–1983) aus Buchen im Odenwald. Der Holzschnitt entstand 1932 in München, wo Schwerin seine ersten erfolgreichen Schaffensjahre verbrachte. Er floh nach Palästina, wurde zum hochgeschätzten Künstler in Israel und stand nach dem Kriege noch in Kontakt mit Thomas Mann. Unser Freund Dirk Heißerer vom Thomas Mann Forum München hat den Fall nun übernommen, sucht dort nach weiteren Spuren von Ludwig Schwerin. Wir dürfen gespannt sein.
Mit unseren Freundinnen von der Thomas Mann Gesellschaft in Georgien sind wir kontinuierlich in Kontakt. Mit Stolz konnte Natia Tscholadze von der ersten Thomas Mann Tagung in Kutaissi berichten, und nun ist es ihnen gelungen, zusammen mit Thomas Schmalzgrüber einen ersten Schüleraustausch zwischen Kutaissi und Köln zu organisieren. Eine ganz großartige Sache, wie ich finde, über die sie nun selbst berichten wird.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Peter Baumgärtner
Jahresbericht der Thomas-Mann-Gesellschaft Georgien
Sehr geehrter Herr Vorsitzender, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitglieder und verehrte Gäste,
es ist mir eine große Freude, heute vor Ihnen zu sprechen. Im Namen der Thomas-Mann-Gesellschaft Georgien heiße ich Sie herzlich willkommen und präsentiere Ihnen einen kurzen Überblick über unsere Arbeit im laufenden Jahr.
Dass unsere Gesellschaft in Georgien heute so dynamisch wachsen kann, verdanken wir der kontinuierlichen Wegbegleitung und der großzügigen Partnerschaft der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft. Gemeinsam setzen wir uns dafür ein, das reiche Erbe Thomas Manns zu pflegen, die deutsche Sprache zu fördern und lebendige kulturelle Brücken zu bauen.
1. Schulprojekte und pädagogische Begegnungen
Um bei der jüngeren Generation das Interesse an Thomas Mann zu wecken, hat unsere Gesellschaft eine Reihe von Bildungsveranstaltungen durchgeführt: Im vergangenen Frühjahr fanden inspirierende Vorträge an der öffentlichen Schule Nr. 33 in Kutaissi sowie an der Progress-Schule statt. Diese Initiativen stießen auf große Begeisterung und legten den Grundstein für weitere deutschsprachige Kulturprojekte.
2. Aktionstag in Batumi
Am 7. Juni dieses Jahres nahm die Thomas-Mann-Gesellschaft Georgien aktiv am erfolgreichen „Aktionstag“ in Batumi teil, um das Schaffen Thomas Manns und die deutsche Kultur in der Schwarzmeerregion weiter zu popularisieren und den regionalen Dialog zu stärken.
3. Brücken bauen: Internationale Austauschprogramme
Zu den bedeutendsten Errungenschaften gehört die Etablierung lebendiger Verbindungen zwischen den jungen Generationen: Dank des engagierten Einsatzes von Herrn Thomas Schmalzgrüber, Vertreter der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft, wurde ein Schüleraustauschprogramm zwischen der Schule Nr. 33 in Kutaissi und der Integrierten Gesamtschule Innenstadt (IGIS) in Köln ins Leben gerufen. Einen wichtigen Impuls gab hierbei Frau Patricia Fehrle, Mitglied der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft, die den ersten Kontakt herstellte.
Dieses Projekt ist ein tiefgründiger interkultureller Dialog: Einerseits bietet sich den deutschen Jugendlichen die Möglichkeit, eine Stadt wie Kutaissi mit ihrer über 3500-jährigen Geschichte zu entdecken – einer Stadt, deren historische Bedeutung schon im Argonauten-Epos besungen wurde – sowie ein Land mit eigenständiger Kultur und einzigartiger Schrift. Andererseits hilft diese Partnerschaft unserer jungen Generation angesichts der geopolitischen Herausforderungen in der Region, den demokratischen Werten und der europäischen Orientierung treu zu bleiben. Die Krönung dieser Initiative besteht darin, dass die Jugendlichen beider Länder im Rahmen dieses Prozesses auch mit dem Werk Thomas Manns vertraut werden.
4. Musikalisch-literarischer Austausch
In aktiver Vorbereitung befindet sich zudem ein Austauschprogramm der Meliton-Balantschiwadse-Musikschule Kutaissi mit der Musikschule Voreifel nahe Köln, das durch die Synthese von Musik und Literatur den kulturellen Dialog weiter vertiefen wird. Für die stete Unterstützung dieser Initiativen gilt unser herzlicher Dank dem Präsidenten des Ortsvereins Bonn-Köln, Herrn Peter Baumgärtner.
5. Zukunftspläne, Jubiläum („Buddenbrooks 125“) und Dank
Derzeit führen wir aussichtsreiche Gespräche, um in Batumi einen weiteren Ortsverein der Thomas-Mann-Gesellschaft Georgien zu gründen. Eines der zentralen Ereignisse dieses Jahres wird zudem die internationale wissenschaftliche Konferenz im kommenden Herbst sein, die dem 125-jährigen Jubiläum von Thomas Manns Meisterroman Buddenbrooks gewidmet ist.
Für die Unterstützung der Arbeit unserer Gesellschaft und die Vorbereitung dieses Großprojekts danken wir der Führung der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft – allen voran Herrn Prof. Dr. Hans Wißkirchen, Herrn Michael Haukohl und Frau Imke Jelen. Ebenso danke ich von ganzem Herzen dem Team der Thomas-Mann-Gesellschaft Georgien für ihren unermüdlichen ehrenamtlichen Einsatz.
Ich lade alle Interessierten und Fachkollegen ganz herzlich zur Teilnahme an unserer Jubiläumskonferenz nach Georgien ein! Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit!
Natia Tscholadze
Das Christentum und die Kultur … oder wie lässt es sich im Arbeitszimmer von Thomas Mann denken und schreiben?
Gesprächsabend am 28.09.2026 beim Katholischen Bildungswerk Bonn, unser Ortsverein Bonn-Köln war Mitveranstalter.

Auf einer Leinwand neben dem Podium vermittelten historische Aufnahmen von Thomas Mann sowie aktuelle Fotos von seinem Haus in Pacific Palisades, das Frido Mann Das Weiße Haus des Exils nannte, einen lebendigen Eindruck vom Ort des Geschehens, um den es an diesem Abend ging. Auf dem Podium moderierte der Theologe und Journalist Joachim Frank aus Köln ein Gespräch mit Prof. Dr. Michael Seewald, Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und Dogmengeschichte in München und Thomas-Mann-Fellow 2026. Wir erlebten einen ganz und gar „undogmatischen“ Abend mit klugen Fragen und wohltuend präzisen, verständlichen und launigen Ausführungen, die ich im Folgenden rekapitulieren möchte.
Prof. Seewald überraschte zunächst mit diesem Bekenntnis: Thomas Manns Doktor Faustus habe ihn beim ersten Lesen vor etwa 20 Jahren enttäuscht. Seine Leseerwartungen seien unerfüllt geblieben, da aus Adrian Leverkühn trotz Teufelspakt kein Popstar à la Mozart wurde. Dagegen habe ihn der Roman nach erneuter Lektüre begeistert, und er rückte ihn ins Zentrum des Abends. Eine Lesung aus Kapitel XI, in dem sich Serenus Zeitblom zu Religion und liberaler Theologie in Halle äußert, sowie Schilderungen des Teufelspaktes aus Kapitel XXV wurden thematisiert.
Michael Seewald, der selbst als aufgeklärter Wissenschaftler nicht an den Teufel glaubt, brachte uns Serenus Zeitblom, den man seiner Ansicht nach mit Erasmus von Rotterdam vergleichen könne, näher und stellte dar, dass Zeitblom den Teufel für ein protestantisches Phänomen halte. Da gebe es einen Gott und den Teufel als Gegenspieler, wohingegen der katholische Himmel ein buntes Pantheon mit Maria und den vielen Heiligen sei, da habe der Teufel keine Chance. Überhaupt sei die Figur des Teufels im Doktor Faustus eine eher „schrullige Gestalt“ und die Teufelsszene eine wunderbare Humoreske.
Auf die Frage, was denn 1943 das Teuflische gewesen sei, betonte Seewald, dass der Faustus-Teufel im Vergleich zu den Nazis ein Waisenkind gewesen sei. Er widersprach der früher verbreiteten Lesart, der Roman zeige die deutsche „Verführung“ durch einen „Pakt mit dem Teufel“ (Hitler), und machte unmissverständlich klar, dass für Thomas Mann die Menschen (die Deutschen) selbst für den Aufstieg des Nationalsozialismus verantwortlich waren und nicht „der Teufel“.
Wenn man als Fellow im Arbeitszimmer von Thomas Mann am San Remo Drive denkt und schreibt, geht es natürlich auch um den transatlantischen Dialog, um eine Brücke zwischen damals und heute. Prof. Seewald kommentierte die aktuellen politischen ‚intellektuellen‘ Thesen der ‚religiösen Denker‘ im Umfeld der amerikanischen Regierung, und seine Einschätzung ist eindeutig: Es handle sich um theologische Autodidakten, intellektuell eher unbedeutend. Peter Thiel und seine Erzählungen vom „Katechon“ nannte er „intellektuell 3. Liga“. Aber ihre politische Wirkmächtigkeit beruhe darauf, dass sie in aller Munde seien, und genau deshalb dürfe man sie nicht unterschätzen.
Laut Aussage Seewalds waren früher vor allem die Evangelikalen tonangebend und bildeten die republikanische Wählerbasis. Jetzt seien es zunehmend Katholiken bzw. zum Katholizismus konvertierte Politiker wie J. D. Vance. Den Stimmenverlust der Demokraten gerade bei Katholiken begründet Seewald vor allem mit deren positiver Haltung gegenüber der Abtreibung.
Mit sichtlichem Vergnügen kommentierte Seewald, dass es dem „amerikanischen“ Papst mit seinen eindeutigen Aussagen gelungen sei, Donald Trump zu provozieren. Er hoffe zudem, dass in Deutschland die Kirchen weiterhin und standhaft lautstark Position gegen menschenverachtende, nationalistische und antisemitische Parolen der AfD beziehen.
Eine wichtige Erfahrung für Prof. Seewald während seines Aufenthaltes in den USA war es, zu erleben, wie sehr dort das Prinzip der Einschüchterung wirke, insbesondere auf einflussreiche Institutionen. Es sei diese Mischung aus illiberal und libertär, die eine liberale regelbasierte Ordnung bedrohe. Unser Ziel müsse daher die Verteidigung dieser Ordnung sein; es gelte, die Freiheit zu wahren und gleichzeitig Regeln zu beachten.
Dem habe ich nichts hinzuzufügen!
Patricia Fehrle
