Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
in diesem Rundbrief möchte ich in erster Linie an Termine am Anfang des nächsten Jahres erinnern. Schon ganz bald, am 12. Januar ‘24 dürfen wir das Literaturkonzert mit dem Titel: „Die Buddenbrooks und die Musik“ erleben, und zwar im Haus an der Redoute in Bad Godesberg um 19.00 Uhr. Die Schauspielerin Johanna Krumstroh wird begleitet vom Vibrafonisten Oli Bott sicher einen eindrucksvollen Abend bereiten. Frau Krumstroh legt Wert darauf zu erwähnen, daß sie dieses Literaturkonzert im Auftrag des Literaturbüros Ostwestfalen-Lippe geschrieben hat. Eine tolle Institution mit einem eindrucksvollen Programm. Schauen Sie sich auf deren Seite im Netz um!
„Die Musik im Hause Buddenbrook spielt zuweilen eine große Rolle. Die Charaktere werden durch sie gezeichnet – durchaus amüsant, wie der Herr Organist Edmund Pfühl –oder mit geheimnisvoller Ausstrahlung, wie Gerda mit ihrer Stradivari.
Die Musik ermöglicht ein innigliches, fastwortlosesVerstehenzwischenGerda,Hanno und dem Herrn Organisten von Sankt Marien, doch sie zeigt ebenso die tiefen Abgründe zwischen Gerda und Thomas. Es ist ein Abend voller überraschender Wendungen.“
Gleich am Tag darauf, am Samstag, den 13.Januar, beginnt in der Thomas Morus Akademie in Bensberg die zweitägige Tagung Die Männer bei den Manns. Als Referent ist neben Dr. Rolf Füllmann aus Köln der uns wohlbekannte Prof. Dr. Thomas Wortmann aus Mannheim geladen. Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit ihm.
Dann am Sonntag, den 10. März ‘24 hatte ich Sie gebeten, sich den Matinee-Termin im Haus von Frau Ulrike Keim vorzumerken. Janka Zündorf, die ich, wie im letzten Rundbrief ausgeführt, in Düsseldorf kennenlernen durfte, wird zu uns zum Thema Thomas Mann und die Milch sprechen. Dies wird ein ganz besonderes Ereignis, verbunden mit der Freude zu sehen, welch interessante Forscherinnen und Forscher zu Thomas Mann nachkommen.
Noch ein Satz zur Tagung in Düsseldorf: Da ich nur einen Abend dort sein konnte, hatte ich unser Mitglied Herrn Marcus Pfeifer gebeten, davon zu berichten. Dies tat er in einem ausführlichen und persönlichen Brief. Er gestattete mir, diesen dem Rundbrief beizufügen.
Im letzten Rundbrief hatte ich von Thomas Manns Rede Deutschland und die Deutschen gesprochen. Ich habe bei Bernt Hahn angefragt, ob er bereit sei, uns diese Rede vorzutragen wie zuletzt die Leiden und Größe Richard Wagners. Er sagte sofort zu und nun läuft eine Anfrage im Lew-Kopelew-Forum, ob dort dieser Vortrag stattfinden könnte. Wenn ich dort keine Zusage bekomme, wird sich ein anderer Ort finden, gerne in Köln, um auch mal wieder auf unsere Mitglieder von dort zuzugehen.
Im letzten Rundbrief hatte ich auch angefragt, ob ich den mir unbekannten Dr. Dieter Strauss nach Bonn einladen solle, um über seine Publikation über Thomas Mann und seine drei Töchter zu berichten. Ich erhielt darauf nur eine Rückmeldung, woraus ich schließe, daß kein Interesse besteht.
Unser Kölner Mitglied Thomas Schmalzgrüber schrieb mich an, daß ihn für die anstehenden Weihnachtsferien die Lust anwandelt, sich an unser Übersetzungsprojekt der Hommage de la France à Thomas Mann zu begeben – siehe Rundbrief Nr. 51. Alle frankophilen Mitglieder sind aufgefordert, es ihm gleichzutun. Es wäre schön, wenn wir 2025 eine Übersetzung beieinander hätten. Ich verteile gerne die Scans von einzelnen Texten.
Herr Prof. Hans Büning-Pfaue kündigte an, im nächsten Sommer seinen Rundgang durch den Botanischen Garten reaktivieren zu wollen. Für alle jüngeren Mitglieder: Mein Vorgänger im Amt bot diesen Rundgang 2016 schon einmal an unter dem Titel Pflanzen im Werk von Thomas Mann. Ein Grund zur Vorfreude!
In der kommenden Woche werde ich mich mit den Vorstandskolleginnen zusammensetzen. Wir werden nicht nur über den Termin zur nächsten Jahresmitgliederversammlung beraten, sondern auch über weitere Veranstaltungen im kleinen, internen Mitgliederkreis, die im nun vergangenen Jahr sehr gut aufgenommen worden waren. Ideen und Vorschläge hierzu sind immer erwünscht!
Von der Event-Agentur von Magdalena Bahr, Bonn, wurde ich angesprochen, ob unsererseits Interesse bestehe, an den Tagen des Exils, siehe Kasten im Anhang, teilzunehmen. Da die Anmeldefrist knapp bemessen ist, sagte ich sofort zu. Die Veranstaltungsreihe wird mit Unterstützung der Körber-Stiftung und der Stadt Bonn breit beworben – für uns auch eine Chance, ein breiteres Publikum anzusprechen. Das Thema Exil liegt bei Thomas Mann auf der Hand. Wir könnten die ganzen 14 Tage mit entsprechenden Veranstaltungen anfüllen. Angesprochen und schon eine Zusage bekommen habe ich von unserem Vorstandsmitglied Prof. Dr. Friedhelm Marx, der im letzten Jahr Stipendiat am letzten Exil-Wohnort Thomas Manns in Los Angeles war und zum gerade erschienen Buch Das Thomas Mann House einen Text beigetragen hat – womit wir schon ins Feuilleton hinübergleiten.
Feuilleton
Hatte der Wallstein-Verlag Weihnachten im Visier, als den Bildband Das Thomas Mann House herausgab? Ich nenne das Buch Bildband, da es in erster Linie durch eine aufwändige Gestaltung und professionelle Photographien hervortritt. Die bestellten Autoren werden zur Füllung der Zwischenräume gebraucht, die analog zu den Bildern das Haus raumweise zu betrachten haben. Der arme Heinrich Detering mußte über die Garage schreiben, unser Vize-Vorstand Friedhelm Marx, hat immerhin das Eßzimmer erwischt. Es bleibt nicht aus, daß die illustren Gäste, die dort häufig verkehrten, mehrfach erwähnt werden. Irmela von der Lühe sollte über Erikas Schlafzimmer schreiben, erwähnt dieses in einem Halbsatz, und liefert eine lesenswerte Kurzbiographie von Erikas Jahren in den USA.
Man könnte das Ganze als einen literarischen Katalog mit vielen Schöner-Wohnen- Bildern abtun, wenn da nicht der einleitende Artikel von Heinrich Wefing wäre: ‚Innen Lübeck, außen Kalifornien: Thomas Manns Villa als Schutzraum im Exil‘. Kurzum: Als Weihnachtsgeschenk durchaus brauchbar, aber nicht unverzichtbar.
Lassen Sie mich am Ende noch an einen Autor erinnern, der in einem ganz besonderen Verhältnis zu Thomas Mann stand und dessen großartigen Roman Die Insel des zweiten Gesichts ich die letzten Wochen ein zweites Mal las: Albert Vigoleis Thelen! Die beiden Autoren begegneten sich zweimal: Einmal 1937 in Locarno, und einmal 1947 in Amsterdam. 1937 finden sich in Manns Tagebuch einige Einträge zu Thelen, insbesondere zu dessen Übersetzertätigkeit portugiesischer und holländischer Literatur. In Thelens Briefband Meine Heimat bin ich selbst findet man einige Korrespondenz. Thelen bittet Mann mehrfach um ein Vorwort zu seinen Übersetzungen von Hendrik Marsmann und Teixeira de Pascoaes. Erfüllt wurde die Bitte nicht. Thelen hält Pascoaes für einen geeigneten Nobelpreiskandidaten, Mann setzt sich aber weiter für Hesse ein.
Nach der Begegnung mit Thomas Mann 1947 notiert Thelen: „die begegnung mit thomas mann war sehr schön, er ist ein charmanter plauderer, und gar nicht das grosse tier, das er dichterisch ja darstellt.“ 1953 wagt er auch, Mann um eine Rezension seiner Insel anzugehen, obschon er schon im Anschreiben humorvoll bescheiden formuliert:
„Ich erwarte natürlich nicht, dass Sie die 1000 Seiten lesen, und wenn Sie mich fragen: ja, warum schickt er mir seinen Schmäucher überhaupt zu? dann möchte ich sagen, dass die »Insel« bei Ihnen in einem stillen Winkel auch ungelesen sehr gut aufgehoben ist.“ So wird das Schicksal dieses Buches auch gewesen sein. Thomas Mann hat wohl kurz darin verwundert geblättert und antwortet dann höflich, daß er sich mit dem „merkwürdigen, bunten und krausen Roman“ schon beschäftigt habe. Thomas Mann hatte in seinen letzten beiden (europäischen) Jahren hinreichend viel damit zu tun, ein breites Kreuz für sein eigenes Werk zu machen, Anfeindungen erfährt er hinreichend viele, ähnlich wie Thelen, dessen Atheismus man ihm übelnimmt und ihn auch als Pornographen beschimpft. Über seine radikal antifaschistische Haltung von Anfang an schweigt man sich aus, ein Tabu von großer Macht.
Ich wünsche Ihnen geruhsame Feiertage in Ihrem Lesesessel, im neuen Jahr melde ich mich bald wieder, herzlich Ihr Peter Baumgärtner
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
diesen Rundbrief muß ich leider mit einer traurigen Nachricht beginnen: Das Gründungsmitglied unseres Ortsvereins Herr Jürgen Haberland ist im Sommer verstorben. Mich erreichte diesen Nachricht verspätet und auf Umwegen: Aus Lübeck erhielt ich die Nachricht, daß verschiedene Spenden mit dem Betreff „Jürgen Haberland“ dort eingegangen seien. Mit seinem letzten Willen hatte er statt Blumen um Spenden für unsere Gesellschaft gebeten. Auf diesem Wege sind über tausend Euro bei uns eingegangen. Wir verneigen uns in Dankbarkeit. Der Familie habe ich kondoliert.
Im Rundbrief Nr. 50 hatte ich Ihnen von der Anfrage von Frau Johanna Krumstroh berichtet. Zusammen mit dem Vibraphonist Oli Bott hat sie ein Literaturkonzert mit dem Titel: „Die Buddenbrooks und die Musik“ entwickelt. Frau Krumstroh schrieb:
„Die Musik im Hause Buddenbrook spielt zuweilen eine große Rolle. Die Charaktere werden durch sie gezeichnet– durchaus amüsant, wie der Herr Organist Edmund Pfühl – oder mit geheimnisvoller Ausstrahlung, wie Gerda mit ihrer Stradivari.
Die Musik ermöglicht ein innigliches, fastwortlosesVerstehenzwischenGerda,Hanno und dem Herrn Organisten von Sankt Marien, doch sie zeigt ebenso die tiefen Abgründe zwischen Gerda und Thomas. Es ist ein Abend voller überraschender Wendungen.“
Schauen Sie sich auf ihrer Webseite um: johanna.krumstroh.de – Sie werden interessante Entdeckungen machen. Für eine Realisierung eines Abends mit ihr hatte ich im April um Spenden gebeten – es kamen 260,- Euro zusammen, ich danke an dieser Stelle nochmals herzlich. Mit den Spenden, die für Herrn Haberland eingegangen sind, haben wir einen hinreichenden Grundstock um die Sache anzugehen. Johanna Krumstroh und Oli Bott werden uns am 12. Januar ‘24 beehren, und zwar im Haus an der Redoute in Bad Godesberg um 19.00 Uhr. Es wird ein heiterer und dennoch besinnlicher Abend werden und dies auch im Sinne unseres verstorbenen Herrn Haberland sein. Merken Sie sich den Termin vor – ich werde nochmals daran erinnern.
Über den letzten Monatswechsel fand in Düsseldorf die diesjährige Thomas-Mann-Tagung statt. Wie angekündigt konnte ich nur am ersten Abend zugegen sein. Den Jahresrückblick auf unsere Vereinsaktivitäten erledigte Herr Schmalzgrüber für mich, sein Auftritt wurde allseits gelobt, ich danke nochmals ausdrücklich; und Herr Schoch kümmerte sich um unser georgisches Mitglied Frau Choladze, sie hat sich sichtlich wohlgefühlt. Die Tagung fand statt im Haus der Universität in der Stadtmitte, einem schön restaurierten klassizistischen Stadtpalais. Wir wurden vom Düsseldorfer Germanistik- Professor Dörr begrüßt, der in seinen witzig-launigen Begrüßungsworten die häufigen Besuche Thomas Manns in Düsseldorf hervorhob, womit man nach der Schlacht von Worringen einen zweiten Sieg über die Kölner errungen habe. (Wie würde sich Bonn schlagen?)
Herr Prof. Wißkirchen steckte bei seinem Eröffnungsvortrag den Rahmen der Tagung ab und hob hervor, daß wir in den späten Erzählungen Thomas Manns einen wieder leichteren, gelösteren Autor erleben dürfen, im Gegensatz zum Bruder Heinrich, dessen späte Texte immer hermetischer wurden. Die entspanntere Feder von Thomas belegte Herr Wißkirchen mit einem Zitat aus Die Betrogene mit der Vorstellung der Witwe Tümmler, die ihres heiteren Gemahls entbehren mußte, dessen öftere Abweichungen von der Richtschnur der ehelichen Treue nur das Merkmal überschüssiger Rüstigkeit gewesen waren. Ich bedauere sehr, nicht alle drei Tage erlebt zu haben, freue mich auf das nächste Jahrbuch und mache hiermit Werbung dafür, an den Jahrestagungen zahlreich teilzunehmen.
Am Abend des Eröffnungstages gab es einen Empfang im Heinrich-Heine-Haus. Hier wurde zwei Mitgliedern des jungen Forums Gelegenheit gegeben, mit Interventionen ihr Können und Wissen unter Beweis zu stellen, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dies angesichts des bereitstehenden Buffets kurz und knapp zu tun. Eine davon war Janka Zündorf, eine 23-jährige Studentin aus Bamberg, die über das Thema Thomas Mann und die Milch referierte. Bei der Ankündigung des Titels standen allen Anwesenden die Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Was dann aber folgte war ein Feuerwerk von Ideen und Zitaten aus fast allen großen Werken Thomas Manns, von medizinischen und mythischen Bezügen, die dieser mit der Milch verknüpfte. Das Buffet war vergessen und am Ende erhielt Frau Zündorf einen donnernden Applaus von allen Seiten. Ich ging direkt zu ihr und fragte: Und wann kommen Sie nach Bonn? Diese Frage ist inzwischen geklärt: Sie wird am Sonntag, den 10. März ‘24 zur Matinee in das Haus von Frau Ulrike Keim kommen! Frau Keim sagte auf meine Anfrage sofort zu, diese Schnittstelle zwischen Medizin und Literatur ist genau ihr Thema. Ich danke schon jetzt herzlich.
Gleichfalls in Düsseldorf wurde ich aufmerksam gemacht auf Thomas Manns Rede Deutschland und die Deutschen, gehalten unmittelbar nach Kriegsende in Washington. Ein dichter, intensiver und nie anklagender Text von großer Nachdenklichkeit. In Zeiten wieder aufkommender antiliberaler und nationalistischer Gedanken ist er von großer Aktualität. In der neu eröffneten Gemäldesammlung Zeit im Wandel des Bonner Landesmuseums finden sich eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten. Daher fragte ich dort an, ob wir innerhalb der Sammlung eine Veranstaltung durchführen könnten, erhielt aber leider eine Absage vom Direktor des Hauses, dem Germanisten Prof. Dr. Valk. Als Sprecher des Thomas-Mann-Textes hätte ich gerne wieder Bernt Hahn gewonnen. Anregungen für alternative Veranstaltungsorte nehme ich gerne entgegen.
Mein Kollege Oliver Fischer hatte Herrn Dr. Dieter Strauss nach Hamburg eingeladen; er sprach dort unter dem Titel Einfach kompliziert über Thomas Mann und seine drei Töchter. Strauss hat bereits mehrere Bücher über die Familie Mann veröffentlicht. Der Vortrag wurde in Hamburg gut aufgenommen. Ich kenne weder den Autor noch seine Bücher – das muß aber nichts heißen. Besteht ihrerseits Interesse, Herrn Strauss nach Bonn einzuladen? Ich bitte um entsprechende Rückmeldungen.
Feuilleton
Unser Freund Tobias Schwartz machte mich auf die Autorin Gabriele Tergit aufmerksam. Sie war in der Weimarer Republik sehr populär, wurde mit dem satirischen Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm berühmt und angesichts des immer stärker werdenden Antisemitismus begann sie schon 1932 mit der Konzeption ihres wichtigsten Romans Effingers, den sie dann in ihren Jahren des Exils in den Städten ihrer Flucht vorantrieb. In der Nachkriegszeit hatte sie dann größte Mühe, für ihren 900-Seiten Roman einen Verlag zu finden.
Es ist sicher kein Zufall, daß in Effingers sehr viele Motive aus den Buddenbrooks aufscheinen. Die Erzählung beginnt in den 1870er Jahren, in denen die Buddenbrooks enden. Erzählt wird die Geschichte einer jüdischern Familie, die im Kaiserreich zu Wohlstand gelangt. Die geschilderten gesellschaftlichen „Probleme“ sind die gleichen wie bei Thomas Mann: Da ist die fleißige und wohlhabende Unternehmerfamilie, die Schwierigkeiten hat, die Kinder „richtig“ zu verheiraten, da sind die Versuchungen am Wege, die Neigung zum Künstlertum, der Tod eines schönen und künstlerisch begabten Enkels der Gründergeneration. Auf Tonio Kröger kommen junge Leute zweimal wortwörtlich zu sprechen in ihrer Sehnsucht und ihrem jungen Verliebtsein. Noch werden Andeutungen von Antisemitismus weggewischt wie lästige Fliegen. Bis zum ersten Krieg leuchten die besagten Motive Thomas Manns nacheinander auf – freilich in ganz anderer Sprache, lakonisch, knapp, in filmischen Szenen den Fokus wechselnd von einem Familienmitglied zum andern, und das ganze stets mit der nötigen Prise Humor gewürzt. Dann der Krieg, die Niederlage, der Währungsverfall – die Bedrohung wird nicht ernst genommen, lauter Widerstand vermieden, man will nicht provozieren – die Beklemmung nimmt zu, dann die Entrechtung, die Vertreibung, Verschleppung, Ermordung. So knapp die letzten Kapitel gehalten sind, so sehr fühlt man den Schmerz Gabriele Tergits bei der Niederschrift.
Auch die Erzähltechnik gemahnt an Thomas Mann, an der dessen Leitmotive. Tergit hebt vier Kapitel hervor, Querschnittskapitel würde ich sie bezeichnen, einen Überblick gebend über die Familie. Mit der Phrase ‚Was für ein Frühlingstag‘ beginnen viele, viele Absätze in den Kapiteln über die Jahre 1887, 1913, 1930 und zuletzt 1948; wie ein Idyll anmutend, aber das Unheil schon in sich tragend.
Ein unbedingt lesenswertes Buch.
Es grüßt herzlich Ihr Peter Baumgärtner
Brief von Frau Fehrle
Es ist mutig, wenn Heinz Strunk seinen Roman mit dem Titel „Zauberberg 2“ vor Mitgliedern der Thomas-Mann-Gesellschaft präsentiert, aber genau deshalb hätte er sich gut darauf vorbereiten sollen. „Verloren“ hatte Heinz Strunk durch zwei Dinge:
1. Auf den Zuruf „Lauter bitte“, weil das Mikro anfangs zu leise war, reagierte er mit „Das ist nicht meine Aufgabe“, faktisch korrekt, aber in einem gereizten und arroganten Ton geäußert.
2. Er ratterte dann zwei Romankapitel so schnell, undeutlich nuschelnd und monoton herunter, dass er selbst dadurch für eine irritierte Zuhörerschaft sorgte. Später war er auch germanistisch nicht auf der Höhe, denn selbst beim dritten Mal verstand er die in korrektem Deutsch gestellte Frage einer der Damen aus Georgien, warum in seinem Titel der Artikel (Der) fehle, nicht. Leider trug Edo Reents von der FAZ, befreundet mit Heinz Strunk, mit seinen wenigen Kommentaren und Fragen nicht zur Erhellung bei, er war als Moderator absolut überflüssig.
Es war natürlich ein Versäumnis des Veranstalters, das Buch und Heinz Strunk nicht eingeführt zu haben. Niemand kannte diesen Schriftsteller, da half nur Wikipedia …
Nach der Kaffeepause am Sonntag folgte einer der Höhepunkte der diesjährigen Tagung, nicht nur meiner Einschätzung nach. Das Podiumsgespräch zu den Gegenwartsbezügen 2024 mit Schwerpunkt Demokratie und Meinungsfreiheit wurde perfekt von Jan Ehlert von NDR Kultur moderiert: bestens vorbereitet, kluge Fragen, sachliche Diskussion. Dabei bezog sich Natascha Strobl, Expertin für Rechtsextremismus, sehr wohl auf den Roman und zwar ganz explizit auf die Kapitel „Die große Gereiztheit“ und „Der Donnerschlag“. Sie führte aus, dass der „Deckmantel Meinungsfreiheit“ gefährlich sein kann, Prof. Sina ergänzte, dass die Vielstimmigkeit im Zauberberg „Reiz und Gefahr“ gleichermaßen sei, mit dem Kipppunkt Gewalt.
Das wird im FAZ-Artikel von Jannis Koltermann nicht korrekt wiedergegeben. In seinen Charakterisierungen von Hans Castorp und Joachim Ziemßen verkürzt er das Wesen der Figuren in diskussionswürdiger Weise und versucht im gesamten Artikel zwanghaft (geistige?) Verbindungen herzustellen, vom BSW über den Brauereikeller bis zum Weltfest des Populismus, ganz zu schweigen von der Wortwahl „spezialistisch“ sowie „abwägende Äquidistanz“. Was ist bloß mit dem Feuilleton-Personal bei der FAZ los?
Zu 100% stimme ich der Einschätzung zu, dass solche Tagungen „vielfältig und bereichernd“ sind, nicht nur wegen der „offiziellen“ Programmpunkte, sondern gerade auch wegen der informellen Gespräche mit allen Teilnehmern. Ich kann nur appellieren, diese Veranstaltungen zu besuchen!
vom Freitag, den 29.September bis Sonntag, den 1.Oktober in Düsseldorf unter dem Titel „Chaos und Neubeginn. Thomas Manns späte Erzählungen“ statt.
Internationale Thomas Mann-Tagung 2023 – Deutsche Thomas Mann-Gesellschaft (thomas-mann-gesellschaft.de)
Es wäre schön, wenn auch unser Ortsverein zahlreich vertreten wäre. Ich allerdings werde aus privaten Gründen nur am Freitag teilnehmen und am Samstag in der Früh wieder abreisen. Wie alle Jahre findet am Samstagnachmittag die Mitgliederversammlung statt, in der auch unser Ortsverein gehalten ist, über seine Tätigkeiten zu berichten. Ich würde nur sehr ungern einen Vorstandskollegen aus Lübeck bitten, einen von mir verfaßten Bericht zu verlesen. Es wäre schön, wenn jemand von Ihnen diese Aufgabe übernehmen würde, und diesem Vortrag auch eine persönliche Note geben könnte. Zur Vorbereitung stehe ich natürlich vollumfänglich zur Verfügung.
Eine besondere Freude ist es mir, daß unser Mitglied Natia Chaladze aus Kutaissi, Georgien, zu dieser Tagung anreist. Wir kennen sie von Ihrem Vortrag im vergangenen Jahr im Woelfl-Haus. Ich werde sie am Freitagabend auch mit den Vorständen unserer Gesellschaft bekannt machen. Unser Mitglied Herr Schoch sagte bereits zu, ihr bei ggf. auftretenden Problemen unterstützend zur Seite zu stehen.
Abschließend darf ich Ihnen mitteilen, daß die Gattin von Hans Büning-Pfaue Angela von Blomberg in 14 Tagen aus der „Prä“-Rehabilitation nach Hause entlassen wird, nachdem sie vor zwei Monaten von einem rauschgiftsüchtigen Tesla-Fahrer überfahren worden war. Ihr gelten die besten Genesungswünsche des gesamten Ortsvereins.
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
leider waren es nur acht Personen, die der Einladung zur Matinee im Hause von Frau Dr. Ulrike Keim vergangenen Sonntag gefolgt sind. Bevor sie mit der Vorstellung ihrer Gumpert-Biographie begann, schilderte sie in lebendigster Form von der Mühe und der Lust an der Recherchearbeit für dieses Buch. Wir erfuhren, daß große Teile des Nachlasses von Gumpert in einem Archiv in Berlin schlummern, andere in Jerusalem zu finden waren, wo man ihr mit großer Hilfsbereitschaft entgegenkam, und auch mit den Enkeln von Gumpert in den USA konnte sie in Kontakt treten, denen die deutsche Herkunft ihres Großvaters kaum noch bewußt war. Nur durch diese energische Arbeit konnte sie an unbekannte Fotos kommen und in ihrem Buch bislang unveröffentlichte Briefe Thomas Manns veröffentlichen. Sie legte großem Wert darauf, den altruistischen Berufsansatz Gumperts als Arzt zu schildern wie auch die enge persönliche Freundschaft zu Katia und Thomas Mann, mit denen er mehrfach in den USA die Weihnachtstage gemeinsam mit seiner kleinen Tochter verbrachte. Auf Gumperts große Liebe zu Erika Mann wurde Frau Keim aufmerksam bei der Lektüre der Erika-Mann-Biografie von Irmela von der Lühe. Diese Lektüreerfahrung war es auch, die ihr den Anstoß gab, selbst das Schreiben einer Biografie in Angriff zu nehmen, zumal sie, wie wir alle, durch Corona zum Hausarrest verdammt war. Wer sich von der erfrischenden Art von Frau Keim selbst ein Bild machen will, kann dies auf YouTube tun, wo eine halbstündiges Interview mit ihr hinterlegt ist: Standort Berlin – ,,Ein außergewöhnliches Leben in zwei Welten” – YouTube, oder akustisch im WDR3-Zeitzeichen zum 125. Geburtstag Gumperts unter: ZeitZeichen – 13. November 1897: Der Arzt und Schriftsteller Martin Gumpert wird geboren – Zeitzeichen – Sendungen – WDR 5 – Radio – WDR.
Mit ganz besonderer Freude kann ich an dieser Stelle verkünden, daß Frau Dr. Ulrike Keim seit vergangenen Montag Mitglied unseres Ortsvereins ist. Ich empfinde dies als große Bereicherung und freue mich auf die Zusammenarbeit!
Als Literaturliebhaber muß man aber ganz abgesehen von der Freundschaft zur Familie Mann das literarische Schwergewicht Martin Gumpert betonen. Die beiden Romane Hahnemann und Dunant habe ich Ihnen bereits vorgestellt. Den schmalen Gedichtband Berichte aus der Fremde verfaßte Gumpert 1937 in New York und erschien 1938 im Verlag Die Arche in Zürich. 2017 wurde er im Südverlag in Berlin neu aufgelegt. Für mich sind die Verse darin das Schönste, was ich je an Poesie gelesen, man hört förm- lich seine so wundersam leise und eindringliche Stimme – großartig. Darin auch das intensivste Liebesgedicht, das Erika Mann wohl je erhalten hat, es ist überschrieben mit Bericht 3 – hier einige Strophen:
Gibt es denn mehr als dies: Beugung Deines Nackens, Wenn du den Strumpf vom Halter lösest Und ich auf deine Nähe warte. Sich am Tage zu sehen Als fremde Tagmenschen mit eigenem Willen Und von der Nacht zu wissen Und der Eintracht unseres Atmens? […]
Ist dann nicht Frieden in unserer Mitte, Wenn dein Kopf auf meinem Arm ruht Und der Schimmer der letzten Zigarette Uns den Weg in die Heimat des Schlafes leuchtet? Geruch der Nähe, Pulsschlag, Haut an Haut, Wächst über uns der Wald der Wände, Und Hand in Hand durchwandern wie die Stille Zum fernen Ort der Zärtlichkeiten […]
Nun, da ich weiß, wie sehr ich Dich liebe, Wird es unser Schlaf sein, nicht Deiner und meiner, Komm, laß uns teilen das nährende Brot und den heilsamen Wein Der Versunkenheit.
1937 berichtet er noch aus der Fremde, neu in New York, 1938 ist er angekommen, etabliert als Arzt, wieder auf der Seite der Schwachen. In dem Roman Der Geburtstag scheinen viele autobiographische Aspekte auf. Er schreibt keine Poesie mehr – Erika hat sich von ihm getrennt – auch keine Helden der Geschichte tauchen auf: alles ist ganz Gegenwart, Nachtleben, Ehrgeiz, Eifersucht: Naturalismus mit hoher Sprachgewalt, Annäherung an Steinbeck… womit ich den Übergang zum Feuilleton einleiten möchte…
Feuilleton
… in dem ich Ihnen wärmstens die aktuelle Neuinszenierung des Bonner Schauspiels ans Herz legen möchte: John Steinbecks Von Menschen und Mäusen: einfach, dicht, intensiv, großartig vom Bühnenbild bis zur Musik – unbedingt anschauen. Dies war auch eines der letzten Theaterstücke, die Thomas Mann sah am 1.Juni 1955 im Züricher Central-Theater. Er notierte in sein Tagebuch: Die Dramatisierung (sehr gut) von Steinbecks »Mice and Men«, gut gespielt, eindrucksvoll.
Abschließen möchte ich mit meinem literarischen Steckenpferd, das ich seit Jahren verfolge und unterstütze: Die auf Deutsch erstmals erschienen Romane von Anthony Powell im Berliner Elfenbein-Verlag. Nach den zwölf Bänden der Reihe Ein Tanz zur Musik der Zeit kamen in den letzten Jahren noch die weiteren fünf Vorkriegsromane Powells auf den Markt, zuletzt Täuschung und Selbsttäuschung. Allesamt geprägt von britischem Understatement, leisem Humor, trefflichen Dialogen, kurz: Wundervolle Gesellschaftsbilder, Literatur mit Suchtgefahr…
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
zur Einladung von Frau Dr. Ulrike Keim und der Vorstellung ihrer Gumpert-Biographie in ihrem Hause sind inzwischen sieben Anmeldungen bei mir eingegangen. Schwerpunkt des Abends Wird Gumperts enges Verhältnis zu Erika und Thomas Mann sein und dessen Verewigung in den Joselfs-Romanen. Das wird sicher eine nette Runde. Für weitere sieben Personen ist sicherlich noch Platz bei ihr. Bitte melden Sie sich bis spätestens Freitag bei mir, damit sie sich darauf einstellen kann. Hier nochmals Termin und Ort:
Matinee am Sonntag, den 27.August um 11.00 Uhr
in Bonn-Kessenich, Bergstraße 136
Am gleichen Tage, abends um 18.00 Uhr findet in der alten Kirche des Collegium Leoninum eine Gedenkveranstaltung an den Bonner Pianisten
Karlrobert Kreiten
statt. Dies ist eine Veranstaltung der Theatergemeinde Bonn gemeinsam mit dem Demokratischen Salon. Ein unmittelbarer Zusammenhang mit Thomas Mann ist nicht gegeben, aber er würde es begrüßen, diesem ganz jung ermordeten empfindsamen Künstler zu gedenken. Alles weitere finden Sie im angefügten Flyer.
Feuilleton
Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an unser Mitglied
Prof. Dr. Hermann Dechant
soll hier nicht unerwähnt bleiben. Bei der Veranstaltung im Gobelin-Saal des alten Rathauses wurde insbesondere seine lebenslange Förderung des musikalischen Nachwuchses hervorgehoben. Über die etwas aus der Zeit gefallene Darstellung einer Hundetreibjagd im Hintergrund hätte auch Thomas Mann schmunzeln würde. Und unser General- Anzeiger widmete ihm und Madonna (65) eine ganze Seite. Auch dies sei dem so humorvollen Menschen Hermann Dechant gegönnt!
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
vergangenen Sonntag durften wir einen wunderbaren Tristan-Abend im Woelfl-Haus erleben. Es war weit mehr als eine Lesung, die meine Co-Vorsitzende Frauke May- Jones mit ihrem Partner Philip Stemann präsentierten, es war vielmehr eine musi- kalischliterarische Vorstellung. Der Abend wurde eingeleitet, untermalt und gegliedert von Musikeinspielungen und der Text im Wechsel von den beiden gelesen, wobei Stemann stets die Rolle von Spinell übernahm und May-Jones jene von Frau Klöterjahn und Herrn Klöterjahn im fliegenden Wechsel, die eine mit piepsend- verletztem Stimmchen und die andere dunkel-polternd. Es war eine wunderbare Verschmelzung von Literatur, Musik und Schauspiel, und damit – gerade für diesen ausnehmend knapp bemessenen Thomas-Mann-Text eine treffliche Art der Literaturvermittlung.
Man spürte, wieviel Vorbereitung und Übung die beiden investiert hatten. Leider war der Abend nur spärlich besetzt. Einige Gäste verfolgten die Vorstellung aus der Ferne, ihnen wurde Bild und Ton zeitgleich auf den heimischen Bildschirm zugespielt. Auch Sie, meine sehr verehrten Damen und Herrn, haben noch die Chance, die Vorstellung – zeitversetzt – zu erleben. Über die Seite Woelfl-Haus Bonn – Tristan (woelflhaus.de) können Sie sich noch ein Streaming-Ticket erwerben. Dies würde sowohl Ihrem Genuß und Ihrer Erbauung dienen als auch dem Kontostand unseres Ortsvereins. Ich würde einen solchen Abend nie als defizitär bezeichnen – er war ein Gewinn allemal – aber mehrere Veranstaltungen in dieser Art können wir uns in einem Jahr nicht leisten.
Daher habe ich bislang noch davon abgesehen, die Schauspielerin Johanna Krumstroh und den Vibraphonisten Oli Bott mit ihrem Literaturkonzert „Die Buddenbrooks und die Musik“ einzuladen (siehe Rundbrief Nr.50).
Es ist anzufügen, daß unser kölsches Bremer Mädchen Frauke May-Jones und ihr Bremer Partner Philip Stemann gerne mit ihrer Lesung Gastspiele in anderen Orten in diesem weiten Land wahrnehmen würden. Nicht nur Thomas-Mann-Verehrer kämen auf ihre Kosten, Richard-Wagner-Fans dürfen sich gleichermaßen angesprochen fühlen.
Feuilleton
Die ‚Burleske‘ Tristan wirkt sowohl hinsichtlich des Inhalts wie auch des Spielorts wie eine Fingerübung zum Zauberberg. Die am letzten Sonntag anwesenden Mitglieder unseres Ortsvereins fragten sich, woher Thomas Mann schon um die Jahrhundertwende die Expertise nahm, einen solchen Höhenluftkurort plastisch zu beschreiben, eben lange vor dem Zauberberg und den berühmten Visiten Thomas Manns bei seiner maladen Katia in Davos. In Borchmeyers Bibel fand ich viel zu den mythologischen Bezügen des Tristan-Textes, aber nichts zum Handlungsort. In Harpprechts noch dickerem Kompendium ist die Geschichte eingewickelt in Thomas Manns geheimnisvolle erotische Sondierungen zum eigenen Geschlecht, aber auch nichts zur Lokalität der Handlung. In der Thomas Mann Chronik entdeckte ich allerdings, daß er im Sommer 1901 auf dem Rückweg aus Italien in der Nähe von Meran im Mitterbad im Ultental Station machte. Diese Badeanstalt ist leider seit 50 Jahren dem Verfall preisgegeben und liegt hoch in den Bergen von Bozen in Südtirol und gehörte damals noch zur K&K-Monarchie Österreich- Ungarn. Der leitende Arzt in Mitterbad war Dr. Christoph Hartung von Hartungen – ein Name, wie ihn Thomas Mann nicht besser hätte erfinden können. Er war in damaligen Künstlerkreisen sehr beliebt (Christian Morgenstern soll in seinen Armen gestorben sein), und die jungen Herren Heinrich und Thomas waren bei ihm häufig zu Gast. Zu Doktor Leander konnte ich leider keine Ähnlichkeiten feststellen. Auf Wikipedia kann man einige interessante Entdeckungen dazu machen.
Hinsichtlich des ‚mineralischen‘ Namens des „verwesten Säuglings“ Spinell sprach ich den uns wohlbekannten Goldschmied Hans-Joachim Weingarz an, in dessen Ladengeschäft vor einigen Jahren schon eine Veranstaltung unseres Ortsvereins stattfand. Ich habe ihn auf den Halbedelstein ‚Spinell‘ angesprochen und wurde wie folgt belehrt:
Also, mit dem Halbedelstein ist es folgendermaßen bestellt. In den Fünfzigern hat eine internationale Normungskommission (cibjo) vom Begriff des Halbedelsteins Abstand genommen, weil man nicht wusste, wie man sogenannte Edelsteine von Halbedelsteinen trennen soll. Seit den 1880gern konnte man Rubine von Spinellen unterscheiden und mußte feststellen, daß in den schräbbeligen britischen Kronjuwelen viele Rubine Spinelle sind. Schade, schade. Aber so schlimm können die Dinger nicht sein. Wir könntenDir, für welchen Zweck auch immer, eine sehr schöne und edle Spinellkette verkaufen. Spinell war allerdings auch das Material, welches man als erstes synthetisches Mineral produzieren konnte. Alle blauen Aquamarine in Oma’s Silberschmuck sind synthetische Spinelle. Mit dem echten nicht zu verwechseln…
Bevor Sie nun ihre Schmuckschatullen durchwühlen, bitte ich noch den Hinweis der Eheleute Volhard zur Kenntnis zu nehmen: Sie erinnerten daran, daß im Jahre 2005 im Kursaal von Travemünde in Gedenken an den fünfzigsten Todestag von Thomas Mann eine Sondersendung des Literarischen Quartetts aufgezeichnet wurde, die man noch im Netz abrufen kann: https://youtu.be/38WwVNI9LyI
Ich genoß das Filmchen, schwelgte in Erinnerungen an diese unterhaltsame wie zwiespältige Reich-Ranicki-Show. Gegenstand damals waren nicht die großen Romane Thomas Manns, sondern dessen frühe Erzählungen – und der Tristan wurde zuerst behandelt. In dieser Sendung versuchte Iris Radisch dem großen Meister Paroli zu bieten, (von wegen: Text aus den üblichen Thomas-Mann‘schen Schubkästen: Hanseatische Kaufmannschaft im Gegensatz zum Künstlertum, Musik und Todessehnsucht) wurde aber erfolgreich von Reich-Ranicki pariert, dessen Worte ich nicht wiederzugeben wage: Gönnen Sie sich den Spaß!
Auch unser Mitglied Marcus Pfeifer hat von seiner niederrheinischen Heimat aus den Tristan verfolgt und zeigte sich in einer Mail sehr zufrieden damit. Beim Hören des Textes fühlte er sich an Heines Gedicht „Im Hafen“ erinnert, das er vor einigen Wochen beim Lyrik-Marathon in Düsseldorf verlesen hatte, zumal es dort um ein Erlebnis im Bremer Ratskeller geht, dem auch Spinell einen Besuch abgestattet haben will. Allerdings nahm Heine nicht den Modergeruch wahr, sondern den Rosenduft des Weins, Lebenslust statt Todessehnsucht. Lag gerade darin für Thomas Mann der Wert Heines? War Heine sein Gegengewicht zur Schwermut Schopenhauers oder zu Isoldes Liebestod im Tristan.
Veranstaltungshinweis
Ich erinnere gerne nochmals an die Einladung von Frau Dr. Ulrike Keim zur Vorstellung ihrer Gumpert-Biographie in ihrem Hause: Sie lädt ein zur
Matinee am Sonntag, den 27.August um 11.00 Uhr
in Bonn-Kessenich, Bergstraße 136
Es liegen schon einige Anmeldungen vor – es können gerne noch einige mehr werden. Anmeldungen, wie gesagt, bitte an mich – besten Dank.
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
in vier Wochen ist es so weit: Frauke May-Jones wird am 23.Juli 2023 im Woelfl- Haus uns einen Tristan-Abend präsentieren.
Die Opern- und Konzertsängerin und Sprecherin wird zusammen mit Philip Stemann (Theaterregisseur, Autor, Sprecher) die Erzählung „Tristan“ lesen und mit viel Musik begleiten! Auszüge aus Wagners „Tristan“, der „Walküre“, seinen „Wesendonck– Liedern“ (eingesungen von Frauke May-Jones) und Klaviermusik Chopins, werden die Lesung musik-dramatisch ergänzen.
„Es war die Zeit der Maienblüte meiner Begeisterung für das „“Opus metaphysicum“ (TristanundIsolde),(…).AberMusikbeschreibung war immer meine Schwäche (und Stärke?)“….so Thomas Mann 1953.
In seinem schon 1901 dem Bruder Heinrich angekündigten Plan einer „Burleske“ mit dem Titel „Tristan“, wird Thomas Mann, wie später noch so oft „(…) so viel Musik machen, als man ohne Musik füglich machen kann“. Gleichzeitig tiefernst in der vorm geistigen Ohr erklingende Musik der Burleske und ironisch, wenn sie schweigt, folgt er Nietzsches Forderung, die Mythen Wagners ins Bürgerliche zu übersetzen. Eine Literarisierung der Musik Wagners im dichten Gewebe von Manns Worten.
Die Veranstaltung wird auch gestreamt. Ich bitte darum, sich dort auch unmittelbar an- zumelden und ein Ticket vorab zu erwerben, da die Anzahl der Sitzplätze beschränkt ist.
Dann habe ich die besondere Freude, die Einladung der Autorin der Biographie von Martin Gumpert Frau Dr. Ulrike Keim an dieser Stelle anzukündigen: Sie lädt ein zur Matinee am Sonntag, den 27.August um 11.00 Uhr zu sich nach Hause in Bonn Kessenich, Bergstraße 136. Sie wird bei der Vorstellung ihres Buchs:
„Ein außergewöhnliches Leben in zwei Welten – Der Arzt, Dichter, Forscher und Schriftsteller Martin Gumpert“ einen besonderen Schwerpunkt auf dessen Verhältnis zu Thomas und Erika Mann setzen. Im Rundbrief Nr.44 habe ich auf die Vorzüge dieses Buchs schon ausführlich hingewiesen, diesen Text habe ich nochmals angehängt. Sie kann bis zu 16 Gäste empfangen. Anmeldungen bitte an mich – es wird sicher eine sehr aufschlußreiche Begegnung für uns werden. Ich danke Frau Keim an dieser Stelle schon für Ihre Großzügigkeit.
Eine ganz besondere Veranstaltung findet in Wiesbaden statt: Die Thomas-Morus- Akademie lädt ein zum Seminar: Und das Wunderbare war ich – Thomas Manns„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ 31. August bis 3. September 2023
Als Referenten sind neben anderen die Leiterin des Buddenbrook-Hauses Frau Dr. Birte Lipinski und „unser‘ Präsident Prof. Dr. Hans Wißkirchen geladen. Nähere Informationen finden Sie unter tma-bensberg.de
Im letzten Rundbrief hatte ich Sie auf die Aufführung von „Mario und der Zauberer“ im Schauspielhaus hingewiesen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Es war in jeder Hinsicht großartig! Der Saal war voll, der Applaus am Ende wollte kein Ende finden. Die Schülerinnen und Schüler des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums haben sich die Theater- Adaption des Stücks selbst erarbeitet, ein ganzes Jahr geprobt und eine Aufführung zu- stande gebracht, die Thomas Manns Sprache leuchten ließ und dem Inhalt der Novelle vollständig gerecht wurde: Die Aspekte der faschistischen Ausgrenzung von Fremden und der Verführbarkeit des Menschen wurden hervorragend herausgearbeitet. Es ist ein Jammer, daß nur eine Aufführung stattfinden konnte, es ist eine Freude zu sehen, daß Thomas Mann für die Schule noch nicht verloren ist. Dieser Abend bescherte ihm sicher viele neue Leser!
Feuilleton
Bevor ich Ihnen noch zwei Bücher anempfehle, möchte Sie in kleinen Ansätzen an der vielfältigen Korrespondenz mit unserem Mitglied Jürgen Quasner aus dem tiefen Süden unseres Landes teilhaben lassen. Da es mir immer wieder eine Freude ist, seine mit feiner Ironie gesetzten Briefe zu lesen, bat ich darum, ihn in meinem Rundbrief zitieren zu dürfen, was er gestattete.
Im ersten Jahrbuch unserer Gesellschaft von 1988 fand er in dem sehr lesenswerten Beitrag von Heinz Gockel mit dem Titel „Faust im Faustus“ das Briefzitat Thomas Manns
„Aber der Dr. Faustus ist gar nicht mein Faust, sondern das ist eher der ‚Josef‘.“ Quasner schreibt dazu:
Die hier zitierte Briefstelle an Hausmann habe ich in den „Selbstkommentaren“ auch gefunden. Wenn Th. Mann nach der „Lotte“ Goethe nicht mehr als Gestalt in seinen eigenen Werken darstellt, befaßt er sich umso mehr mit Exzellenz in Reden und Essays. Ammeisten interessiert mich, wie er dazu kommt, Joseph seinen Faust zu nennen.
Dazu würde ich anführen:
die ausgedehnte Lebensfahrt von beiden, die Begegnung mit allen Sphären oder zum Teil deren Durchdringung, deren Aneignung, ihre besonderen Fähigkeiten, der hoch kompetente Gelehrte versus Traumdeuter mit staatsmännischer Karriere.
Unter Gefahren die Erlösung des Teufelsbündners dank seines Strebens, bei Joseph der denkbar höchste Aufstieg eines Migranten, ohne die von den Juden nicht eingeführte Erlösung;
Die Figuren zeigen wesentliche Unterschiede. Faust hat keine Familie, keine Verwandten, verführt aus Frust Gretchen und stürzt sie ins Unglück; Joseph wird verführt, verleumdet, eingesperrt und siedelt später seine ganze Sippe als Volk Israel an.
Das mystische Brimborium am Ende von Faust II: für den alten Goethe als Wunschtraum für sich selbst, für uns heute unzumutbar, obsolet, der ganze Joseph bis heute frisch, weniger fromm als fröhlich frei, die integrierende Überwindung von Felix Krull, Joseph als der stärker gleißende Hochstapler, Th. Manns eigenes unerreichtes Wunschbild …
So far so good?
Und einige Tage später legte er nach:
Th.MannbetontineinemBrief vom 8.5.40 an Menno ter Braak, er habe vorher „nie so eifrig und genau alles gesammelt, was mir schriftlich und gedruckt über ein Buch vor Augen kam.“ Er meint seine „Lotte“, in der englischen Übersetzung „The beloved returns“, „noch der beste“ Titel, „weil er der spirituellste ist und die Idee der Wiederkehr überhaupt durchschimmern läßt“ (Selbstkommentare S.58).Undjetztkommt‘s, daßgeradedieser„Roman“– hier in feet of geese – in seiner „Langweiligkeit durch eine gewisse Aufregung balanciert wird, die die Realisierung des Mythos mit sich bringt“.
So rückt auch die „Lotte“ mit „Joseph“ zusammen, wo auch allerlei balanciert wird, und Th. Mann verspürt „leichten Unmut“, daß gerade dieser Roman in Deutschland nicht erscheinen kann. Den leichten Unmut darf man wohl als beherrschten Zorn interpretieren.
Bei der Veranstaltung mit Frau Dr. Bensch wurde ich auf den 2008 erschienenen Roman vom Martin Walser ‚Ein liebender Mann‘ aufmerksam gemacht. Es ist ein toller Roman, wie ich finde: Goethe wird keineswegs der Peinlichkeit ausgesetzt, wie dies in Thomas Manns Umgebung gemutmaßt hatte, und er dann den ‚Tod in Venedig‘ vorzog zu schreiben, aber wahrscheinlich waren Aschenbachs Neigungen ihm auch näher als jene Goethes. Zurück zu Walser. Seine Darstellung Goethes ist respektvoll, eine gelungene Mischung von ‚Condition humaine‘ und ‚Comédie humaine‘; es gibt keine schlüpfrigen Altherrengedanken sondern überzeugende Dialoge. Walser liefert das Portrait einer selbstbewussten jungen Frau, einer ‚Contresse‘, einer Frau, die wagte, zu widerspre- chen, das letzte Wort zu haben, die Goethe genau deshalb liebt, sicher auch, weil sie ein hübsches Äußeres hat. Solch devoten Schmetterlinge umflattern den Meister zuhauf, aber die lassen ihn kalt. Walser gelingen wundervolle Sätze für Goethe, so etwa
„Ich bin ein Kartenhaus, das behauptet, eine Festung zu sein“. In den letzten Kapiteln wird aus den Versuchen, einen Goethe zu erschaffen eine recht unverhohlene Selbstdarstellung des alten Alphamannes Walser, der Auseinandersetzung mit dem, was nicht mehr ist, wie es war. Aber auch das paßt, ist glaubhaft auch für Goethe. All dies hat auch Thomas Mann getrieben, wenn er seinen Schiller in „Schwere Stunde“ sagen ließ, wie er zu Goethe stehe…
Nur mittelbar mit Thomas Mann zu tun hat folgende Entdeckung: Beatrice Harraden: Wie Schiffe in der Nacht. Ein schmaler Roman, keine 150 Seiten stark:
Eine in heiterem Ton melancholisch-traurige Liebesgeschichte, die Begegnung zweier einsamer Menschen in einem Schweizer Lungensanatorium, zwei Menschen finden sich wie zwei Schiffe in der Nacht, nehmen kurz voneinander Notiz in der unendlichen Dunkelheit und Weite des Meeres und des Lebens. Es liest sich, wie ein Skizzenbuch zum Zauberberg: die Hauptfigur, ein Mr Alliston, weilt sieben Jahre dort oben, erscheint wie eine Mischung aus Hans Castorp und Hofrat Behrens und wird allerseits nur als ‚der unangenehme Mensch‘ bezeichnet wird, erfährt zum ersten Mal so etwas wie Liebe zur weiblichen Hauptfigur, einer gewissen Bernadine, die man als Selbstbild der frauenbewegten Autorin sehen kann, und ein holländischer Mynheer nimmt sich das
Leben. Allein, der Roman erschien 30 Jahre vor dem Zauberberg, wurde im englischen Sprachraum zum Million-Seller, erst 1921 erschien eine deutsche Ausgabe. Nicht auszuschließen, daß er in Davos auslag, als Katia dort in Kur war und von ihrem Mann besucht wurde. Nachweisen läßt sich nichts. Außerdem entspricht es nicht meiner Vorstellungswelt, daß Thomas Mann das Buch einer Suffragette in die Hand genommen haben soll…
Aber ganz seitab von diesen Thomas-Mann-Bezügen: Es ist ein hoch lesenswertes Büchlein, das mich ein wenig an Tucholskys Schloß Gripsholm erinnert hat. Es wurde nun neu übersetzt und erschien in dem wunderbaren Kleinverlag Edition A-B-Fischer aus Berlin, der von Angelika und Bernd Fischer betrieben wird.
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
man hatte mich darauf aufmerksam gemacht, daß ich mich bei meinen Rundbriefen kürzer fassen solle, um deren Lesefreundlichkeit zu erhöhen. Dieser Aufforderung komme ich gerne nach – daher werden die Rundbriefe nun häufiger kommen, denn es gibt allerhand Buchenswertes:
Der Vortrag von Frau Dr. Bensch im Hause von Volker Schlegel zum Thema „Thomas Manns Goethe-Rezeption“ war ein voller Erfolg: Das Wohnzimmer voll, der Vortrag frei und offen für Zwischenfragen. Es entwickelte sich eine entspannte Atmosphäre, vielerlei Anregungen wurden gegeben. Der Inhalt des Vortrags läßt sich mit zwei Zitaten auf den Punkt bringen: Zum einen mit einer Phrase aus Thomas Manns Schiller-Novelle „Schwere Stunde“ (1905), die auch Frau Bensch hervorhob und die im Text gleich zweimal vorkommt: „… an den dort in Weimar, den er mit einer sehn- süchtigen Feindschaft liebte.“ Und zum andern mit einer Bemerkung Hermann Kurzkes, Thomas Mann habe in dieser Novelle „…eine Psychopathologie der Größe entwickelt, die er nicht an Schiller, sondern an sich selbst studiert hat…“ Man darf auch lächeln über den großen Meister… Ich dankte jedenfalls im Namen des Vereins Frau Dr. Bensch für ihr tolles Referat über ein unerschöpfliches Thema, den Anwesenden für die rege Teilnahme und vor allem dem Gastgeber Herrn Schlegel, der uns in einfacher Art und Weise köstlich verwöhnte. Unter den Teilnehmern wurden schon Anregungen ausge- tauscht für weitere Veranstaltungen im privaten Kreis. Wir dürfen gespannt sein.
Frauke May-Jones nutzte die Gelegenheit, auf Ihre Veranstaltung am 23.Juli 2023 im Woelfl-Haus hinzuweisen, auf den Tristan-Abend, den sie zusammen mit Philip Stemann präsentieren wird. Sie werden die Erzählung „Tristan“ lesen und mit viel Musik begleiten! Weitere Details folgen. Merken Sie sich diesen Termin vor. Die Veranstaltung wir auch gestreamt werden, also auch an einem fernen Urlaubsort genossen werden können.
Bei der Buchvorstellung von Hanjo Kestings „Thomas Mann – Glanz und Qual“ in der Buchhandlung Böttger waren eine Reihe von Mitgliedern anwesend. Herr Thomas Kempken war so nett, uns von der Veranstaltung zu berichten. Seinen Brief finden Sie im Anhang.
Auf eine weitere in naher Zukunft stattfindende Veranstaltung darf ich Sie hinweisen: Am 8. Juni 2023 (Fronleichnam), um 18.00 Uhr findet im Schauspielhaus Bad Godesberg die Aufführung des Theaterstücks „Mario und der Zauberer“ – frei nach Thomas Manns Novelle – statt. Schülerinnen und Schüler des Ernst-Moritz-Arndt-Gym- nasiums haben im Rahmen des Schultheaterfestivals „Spotlights“ sich an diese Insze- nierung gewagt und dürfen sogleich in das große Haus! Eine tolle Sache! Eintrittskarten können über die üblichen Vorverkaufsstellen (derticketservice.de) erworben werden, oder gehen Sie einfach auf ema-bonn.de – dann erfahren Sie schnell weitere Einzel- heiten. Ich wünsche schon jetzt den jungen Leuten viel Erfolg!
Feuilleton
Den Hinweis zu dieser Mario-Aufführung erhielt ich übrigens von Frau Einecke-Klöve- korn, der Vorsitzenden der Bonner Theatergemeinde, mit der wir die Zusammenarbeit verstärken sollten. Frau Einecke-Klövekorn ist zudem gerne bereit, an dem Über- setzungsprojekt von der ‚Hommage de la France à Thomas Mann‘ mitzuwirken.
Nun sind es bereits fünf Interessenten, die sich bei mir gemeldet haben. Um das Interesse noch weiter zu schüren, habe ich die Titelseiten, die Namen der Gratulanten und die Überschriften der Texte in meine Textverarbeitung übertragen. Ich habe mich dabei bemüht, die sehr ausgepichte Typographie der Herren Flinker so genau als mög- lich nachzuempfinden. Den kürzesten Text des Buches „L’Allemagne peut le remercier“ habe ich daher probehalber als Rohübersetzung eingefügt. Bei allen anderen Beiträgen finden Sie unter jeder Überschrift die ersten Zeilen des Schlumberger-Textes als Platz- halter. Das so konzipierte Blanko des Buchs finden Sie im Anhang. Gönnen Sie sich das Vergnügen, die schillernden Namen der Gratulanten durchzulesen! Beim Abend bei Herrn Schlegel deutete unser Mitglied Herr Pfeifer an, daß er sich gerne mit dem Text von Marguerite Yourcenar befassen würde. Dagegen habe ich keine Einwendungen – es ist mithin der längste Text des Bandes. Sollte Sie der Name eines Autors oder eine Überschrift reizen, erhalten Sie von mir umgehend den entsprechenden Text als Scan zugeschickt. Das Ganze wird sicher ein wunderbares Abendteuer!
Seien Sie herzlich gegrüßt Ihr Peter Baumgärtner
Bericht von der Buchvorstellung von Hanjo Kestings „Thomas Mann – Glanz und Qual“
Guten Tag Herr Baumgärtner,
bezüglich Ihrer Frage aus dem Rundbrief
„Eine Frage in die Runde: Hanjo Kesting war vergangenen Freitag zur Buchvorstellung von „Thomas Mann – Glanz und Qual“ in der Buchhandlung Böttger. Kann jemand von dem Abend berichten?“
kann ich Ihnen das Folgende mitteilen:
Neben mir waren am Freitagabend, den 05.05. auch einige Mitglieder der Thomas Mann- Gesellschaft in der Buchhandlung Böttger zu Gast.
Das Ladenlokal der schmucken Buchhandlung war voll besetzt, worüber sich sowohl Herr Kesting als auch Herr Böttger erfreut äußerten. Allerdings beklagte Herr Böttger ein wenig die schwierige Planbarkeit dieser Veranstaltungen, sofern Interessenten nicht im Vorverkauf die Tickets erwürben, sondern an der Tageskasse. Vielleicht ist das eine kleine Anmerkung, zum Beispiel im nächsten Rundbrief, wert.
Die Veranstaltung begann pünktlich um 20.00 Uhr, und nach kurzer Vorstellung und Dank des Herrn Böttger begann Herr Kesting einleitend über sein Werk zu sprechen, seine Beweggründe und den Inhalt des Buches, das keineswegs eine Biographie, sondern eher dazu geeignet sei, Einsichten näherzubringen und (Lebens-)Entwicklungen aufzuzeigen. Es wurden mehrere Passagen aus dem Buche vorgelesen, darunter aus dem Vorwort, aus dem mit dem Titel „Werkfahrten“ überschriebenen Kapitel sowie aus den Tagebüchern Thomas Manns („Lebensfahrten“) und den Briefwechseln zwischen den Brüdern Thomas und Heinrich Mann („Querfahrten“).
Herr Kesting las dabei nicht nur vor, sondern mühte sich, Hintergründe zu vermitteln und seine Ansätze zu erläutern. Sich dabei ergebende Fragen aus dem Auditorium wurden bereitwillig und ausführlich beantwortet bzw. diskutiert. So ergab sich zum Beispiel auch die etwas heikle, eher allgemein auf klassische und/oder moderne klassische Literatur abzielende Frage aus dem Auditorium, inwieweit ausgerechnet sie in der heutigen (häufig auf elektronischen Kommunikation und Freizeitgestaltung basierenden) Zeit insbesondere an die jüngere Generation vermittelbar und wie jene dafür zu begeistern sei, einen zum Beispiel 800 Seiten starken Roman zu lesen. Die sich anschließende Diskussion erbrachte verständlicherweise kein Patentrezept, jedoch eine durchaus interessante Diskussion über Ursachen und mögliche Lösungsansätze.
Insgesamt, so muss ich für mich persönlich feststellen, war der Abend außerordentlich bereichernd, zumal ich das Buch bereits gelesen hatte. Ich habe die Lesung durch den Autor als sehr angenehm empfunden, und dabei neben seiner anerkannten Kompetenz vor allem auch seine Hintergrunderläuterungen geschätzt. Am Ende der Lesung nahm er sich Zeit, einige Bücher zu signieren und dabei erneut auf Fragen einzugehen.
Herr Böttger beschloss den gelungenen Abend mit dem Dank an Herrn Kesting sowie einem Hinweis auf eine bis zu jenem Tage zu besichtigende Ausstellung einiger Werke des Künstlers Otto Pankok, die in den Räumen der Buchhandlung zu besichtigen seien.
Soweit mein Resümee dieser Veranstaltung. Viele Grüße!
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
während meines Aufenthalts bei den Hellenen wurde ich darauf aufmerksam gemacht, daß sich für den Vortrag von Frau Dr. Bensch im Hause von Volker Schlegel zum Thema „Thomas Manns Goethe-Rezeption“ noch sehr wenige Personen ange- meldet haben. Es wäre sehr schön, wenn wir den beiden ein volles Haus bescheren könnten, damit diese Eigeninitiative von Vereinsmitgliedern auch Schule macht.
Daher hier nochmals in fett gedruckt: Der Vortrag findet statt am:
Freitag, den 19.Mai um 19.00 Uhr in Bonn-Röttgen, An den Eichen 33.
Sie können sich entweder bei mir, oder besser direkt bei Herrn Schlegel anmelden, damit er rechtzeitig „Halt!“ rufen kann, wenn sein Wohnzimmer voll ist: vschlegel2003@aol.com.
Zudem darf ich Ihnen mit großer Freude noch folgende Mitteilung machen:
Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeichnete unser Vereinsmitglied Prof. Dr. Hermann Dechant mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland aus. Im Namen des Ortsvereins habe ich ihm bereits unsere Glückwünsche übermittelt.
Im letzten Rundbrief berichtete ich von der Anfrage von Frau Krumstroh und ihrem Vibraphonisten Oli Bott zu deren Literaturkonzert mit dem Titel: „Die Buddenbrooks und die Musik“. Zur Finanzierung einer Einladung sind inzwischen 260.-Euro an Spenden eingegangen. Ich werde mit den Vorstandskolleginnen beraten, wie wir hier weiter verfahren.
Eine Frage in die Runde: Hanjo Kesting war vergangenen Freitag zur Buchvorstellung von „Thomas Mann – Glanz und Qual“ in der Buchhandlung Böttger. Kann jemand von dem Abend berichten?
Feuilleton
Im Feuilleton meines letzten Rundbriefs zu Heinrich Heine berichtete ich ihnen von dem österreichisch-jüdischen Buchhändler und Verleger Martin Flinker und dessen 1955 zum 80.Geburtstag erschienene‚ Hommage de la France à Thomas Mann‘. Ich konnte mir das Buch für nur 20.- Euro antiquarisch besorgen.
Es ist erstaunlich, was jener Marton Flinker auf die Beine gestellt hat, wie gut er ver- netzt war. Das Buch enthält Texte von Albert Schweitzer, Robert Schumann, Jean Cocteau, dem jungen Pierre Boulez und vielen anderen mehr, und die lange Liste der Gratulanten enthält Namen wie Chagall und Genet, Camus und Sartre! Gelesen habe ich bislang noch wenig. Mir scheint, alle Gratulanten versuchten, einen dem Jubilar angemessenen Ton anzuschlagen. Nun meine Idee: Ich hielte es für ein ver- dienstvolles Projekt unseres Ortsvereins, wenn wir diese Schrift, die im Original nur 1000 Mal gedruckt worden ist, zum 150.Geburtstag Thomas Manns in einer deutschen Ausgabe vorlegen könnten. Neben der Übersetzungsarbeit sind sicher vielfältige Recherchen zum Inhalt und den einzelnen Autoren notwendig. Auch ich werde mein Schulfranzösisch mächtig in Schwung bringen müssen, um ein paar Texte mit Hilfe von Herrn Langenscheidt und meiner Ulrike ind Deutsche zu übertragen. Ohne ein Team von Frankophilen ist das nicht zu leisten. Wer sähe sich in der Lage, diesem Team beizutreten?
In der Hoffnung, sie bei Herrn Schlegel zu treffen grüßt Sie herzlich Ihr Peter Baumgärtner
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
wie vielfach gewünscht beginne ich mit Hinweisen auf die nächsten Veranstaltungen:
Zunächst mit einem vereinsinternen Abend, einem Vortrag eines Mitglieds unseres Ortsvereins im Hause eines anderen: Am 19. Mai wird Frau Dr. Bensch im Hause von Volker Schlegel in Röttgen uns zum Thema „Thomas Manns Goethe-Rezeption“ referieren. Ich bin sehr froh über diese Eigeninitiative! Natürlich ist die Teilnehmerzahl begrenzt. Da ich über den Monatswechsel von April zu Mai verreist bin, bitte ich Interessierte, sich möglichst unmittelbar bei Herrn Schlegel anzumelden. Die Liste der öffentlich gemachten Adressen werde ich im Nachgang separat versenden. Im Zweifel kann auch ich eine Anmeldung weiter leiten. Herrn Schlegel bestimmt, wenn sein Wohnzimmer voll ist.
Und auch die zweite Veranstaltung, die ich ankündigen möchte, wird von einem Vereinsmitglied bestritten:
Frauke May-Jones wird am 23.Juli 2023 im Woelfl-Haus uns einen Tristan- Abend präsentieren.
Die Opern- und Konzertsängerin und Sprecherin wird zusammen mit Philip Stemann (Theaterregisseur, Autor, Sprecher) die Erzählung „Tristan“ lesen und mit viel Musik begleiten! Auszüge aus Wagners „Tristan“, der „Walküre“, seinen „Wesendonck– Liedern“ (eingesungen von Frauke May-Jones) und Klaviermusik Chopins, werden die Lesung musik-dramatisch ergänzen.
„Es war die Zeit der Maienblüte meiner Begeisterung für das „“Opus metaphysicum“ (Tristan und Isolde),(…). Aber Musikbeschreibung war immer meine Schwäche (und Stärke?)“….so Thomas Mann 1953.
In seinem schon 1901 dem Bruder Heinrich angekündigten Plan einer „Burleske“ mit dem Titel „Tristan“, wird Thomas Mann, wie später noch so oft „(…) so viel Musikmachen, als man ohne Musik füglich machen kann“. Gleichzeitig tiefernst in der vorm geistigen Ohr erklingende Musik der Burleske und ironisch, wenn sie schweigt, folgt er Nietzsches Forderung, die Mythen Wagners ins Bürgerliche zu übersetzen. Eine Literarisierung der Musik Wagners im dichten Gewebe von Manns Worten.
Die Veranstaltung wird wie üblich im Woelfl-Haus auch gestreamt. Weitere Details folgen in den nächsten Rundbriefen.
Auf die Buchvorstellung von Hanjo Kesting in der Buchhandlung Böttger von „Thomas Mann – Glanz und Qual“ am 5. Mai 2023 weise ich gerne noch einmal hin. Ich erinnere mich gut an Kestings eindrucksvollen Vortrag im Jahre 2016, den man im Nachhinein als Vorbereitung zu „Glanz und Qual“ ansehen kann. Ich hatte damals eine Zusammenfassung seines Vortrags geschrieben und ihn gebeten, diese vor der Veröffentlichung durchzulesen. Dies tat er gerne und antwortete ausführlich. Unseren damaligen Briefwechsel können Sie auf unserer Homepage unter der Rubrik „Geschichte“ nochmals nachlesen. Und da ich ihn am 5.Mai urlaubsbedingt nicht persönlich treffen werde, fragte ich ihn vorweg, ob wir denn noch eine nachgereichte „Werkfahrt“ zum Doktor Faustus erwarten können, da er diesem Roman in „Glanz und Qual“ kein „schlankes“ Essay gewidmet hat. Er antwortete mir bündig, daß er im Musikkapitel zu diesem Thema das Notwendige gesagt habe und er sich sehr freue, mal wieder in Bonn vortragen zu können.
Zudem erreichte mich eine sehr interessante Anfrage: die Schauspielerin Johanna Krumstroh und der Vibraphonist Oli Bott haben im Auftrage des Literaturbüro OWL in Detmold ein Literaturkonzert entwickelt, das sie unter dem Titel: „Die Buddenbrooks und die Musik“ vorstellen. Es wurde dort bereits mit
großer Resonanz aufgeführt (anbei eine Pressemeldung und Konzertskizze). Frau Krumstroh schreibt:
Die Musik im Hause Buddenbrook spielt zuweilen eine große Rolle. Die Charaktere werden durch sie gezeichnet – durchaus amüsant, wie der Herr Organist Edmund Pfühl – oder mit geheimnisvoller Ausstrahlung, wie Gerda mit ihrer Stradivari.
Die Musik ermöglicht ein innigliches, fast wortloses Verstehen zwischen Gerda, Hanno und dem Herrn Organisten von Sankt Marien, doch sie zeigt ebenso die tiefen Abgründe zwischen Gerda und Thomas. Es ist ein Abend voller überraschender Wendungen.
Ich antwortete ihr sogleich, daß wir sie natürlich gerne einladen würden, sofern die Finanzierung geregelt ist.
Der Abend mit ihr wird uns in Summe fast 2.500.- Euro kosten, ein voller Woelfl-Saal samt Streaming-Tickets bringt uns mit Glück 1.500.- Euro Einnahmen. Es gilt also Spender und Sponsoren zu finden, damit das Manko zu Lasten unserer Vereinskasse überschaubar bleibt. Die ersten 60.- Euro habe ich durch einen privaten Bücherverkauf schon in die Sammelbüchse eingezahlt. (www.johannakrumstroh.de)
Ans Ende der Veranstaltungshinweise setze ich nochmals den Link zum Thomas-Mann- Festival in Bad Tölz: Thomas Mann Festival – Thomas Mann in Bad Tölz – Kunst & Literatur – Entdecken (bad-toelz.de)
Nun noch „amtliche“ Nachrichten: Die Änderung im Vereinsregister ist vollzogen, zur Änderung der Zeichnungsberechtigung unseres Kontos verlangt die Sparkasse aus unergründlichem Anlaß neben der Kopie des Ausweises von Frau von Hoerschelmann auch jene von Frau May-Jones – aber auch das ist erledigt und der Vorgang somit bald abgeschlossen. Vor meinem Urlaub will ich noch das Thema Gemeinnützigkeit angehen.
Aus der Mitgliederschaft erreichte mich noch die Frage, weshalb es denn keine Flyer unsers Ortsvereins mehr gäbe? Nun, weil diese sich nicht alleine machen. Zum Beginn meiner Vorstandschaft gab ich einen in Druck, es kam Covid, sie landeten im Papiermüll. Ein Flyer bedingt, daß man die Veranstaltungen ein Jahr im voraus fixiert. Ich bin froh, daß wir nun wieder langsam in Takt kommen. Mehr ist von meiner Seite nicht leistbar. Wir bleiben somit auf elektronische Kommunikationsmittel angewiesen.
Feuilleton
Wenn Heinrich Heine, wie in den ersten Zeilen des letzten Kapitels von „Die Bäder von Lucca“, seinen „lieben Lesern“ mitteilt, daß er diesen „in den nächsten Seiten nicht viel Unterhaltung versprechen“ kann, dann ahnten diese seine Leser schon, daß er vielleicht vom Thema abschweifen, aber Unterhaltung reichlich bieten würde. So will ich es heute auch halten, in dem ich Ihnen vieles über Heinrich Heine berichte, aber mich auch mit der Frage beschäftige, wie sehr Thomas Mann aus dem tiefen Brunnen namens Heine schöpfte. Angeregt hierzu wurde ich durch die Lektüre von Lew Kopelews großartiger Heine-Biographie, einem wunderbaren Dokument der Verbundenheit der Kulturen von Rußland und Deutschland jenseits aller Barbarei in Geschichte und Gegenwart.
Man mag zunächst den Eindruck haben, daß es sich bei Thomas Mann und Heinrich Heine um zwei grundverschiedene Persönlichkeiten gehandelt hat, kennt man letzteren doch in erster Linie als Romantiker, Polemiker und hemmungslosen Schürzenjäger. Diese unbändige Lust nach dem Weibe war Mann bekanntlich nicht gegeben, aber in der Kunst, die Schönheit des Leibes zu besingen, standen sich die beiden in nichts nach. Bei Mann ist der Ton stets etwas verklärter, denkt man an den jungen Joseph, träumend am Brunnen; Heine packt da kräftiger zu, so in seinem „Hohelied“:
Fürwahr, der Leib des Weibes ist Das Hohelied der Lieder;
Gar wunderbare Strophen sind Die schlanken weißen Glieder.
…
Versenken will ich mich, o Herr, In seines Liedes Prächten;
Ich widme seinem Studium Den Tag mitsamt den Nächten.
Zudem scheinen mir die politischen Spannungen, die Heine miterlebte und kommentierte, sich in den Diskussionen zwischen Settembrini und Naphta zu spiegeln, und somit auch im Wesen der beiden Dichter, die das bürgerliche Bohèmeleben genossen und gleichzeitig spürten, wie wenig haltbar die sozialen und politischen Zustände ihrer Zeit gewesen waren. Heine war befreundet mit Balzac und Meyerbeer, aber eben auch mit Marx und Engels. Marx sah in ihm einen väterlichen Freund, den es zu bekehren galt – allein Heine blieb auf Distanz zu dessen Theorien. Wenn es zu einer Revolution käme, so mutmaßte er Marx gegenüber, müßte man die Guillotine mit einer Dampfmaschine betreiben. Diese Ahnung hat spätestens Stalin wahrgemacht.
Der Humor, die Ironie der beiden war fraglos verschieden, aber als unverzichtbares „Lebensmittel“, als Schutzschirm gegen die Widrigkeiten der Welt war beiden die ironische Distanz lebensnotwendig. Heine behielt seinen Humor auch in den letzten acht Jahren seiner Matratzengruft, aus der er in jedem lichten Moment noch seine verbalen Giftpfeile abschoß, in der er die fürsorgliche Liebe seiner Mathilde genoß und es dennoch nicht unterließ, einem jungen Ding, Elise Krinitz mit Namen, sehnsüchtige Liebesbriefe zu schreiben. Einem gelähmten Gerippe von Mann, der nur noch mit Mühe ein Auge aufbekam, gelang es, diese junge Frau zu häufigen Besuchen zu bewegen und ihn bis in seine letzten Tage hinein mit ihrem Anblick zu erfreuen! Chapeau! Und auf die Aufforderung am letzten Tag, er möge seine Angelegenheiten mit Gott ins reine bringen, antwortete er: „Keine Angst, Gott wird mir verzeihen. Das ist sein Metier.“
Als ich dies las, ich glaube, da begunnen meine Augen zu tropfen…
Um es mit Thomas Mann alias Serenus Zeitblom zu sagen: Bitte erlauben Sie mir, wieder neu ansetzen zu dürfen: Wir können heute nicht mehr ermessen, wie ungeheuer populär Heine im 19. Jahrhundert gewesen war. Er war jedenfalls in „aller Munde“! In jenen der sehnsüchtig von einer blonden Loreley träumenden Männer, die im Chor gemeinsam im Rhein versanken, als auch in den Mündern der Marxisten, die den väterlichen Freund von Karl Marx für den Kommunismus einnehmen wollten. Allein, dieser freie Geist ließ sich nicht fangen und wurde in seiner Tiefe nur von anderen freien Geistern begriffen – wie von dem jungen Thomas Mann. Schon in der Schülerzeitung legt er sich für ihn ins Zeug, nachdem ein gewisser Herr Scipio im Berliner Tageblatt Heine als ›guten Menschen‹ darzustellen versuchte – trotz dessen lockeren Lebenswandels. „Aber bleibt mir nur vom Leibe mit diesen sogenannt ›guten Menschen‹, deren Gutheit aus praktischem Lebensegoismus und christlicher Moral mit möglichster Inkonsequenz zusammengestückt ist.“ So Thomas Mann in dem herzerfrischenden Artikel von 1893. Scipio versucht Heine als guten Protestanten und guten Patrioten in das neue Deutsche Reich einzugemeinden, was Thomas Mann in Harnisch treibt:
„Heinrich Heine, mein lieber Herr Doktor, bewunderte Napoleon, trotzdem er ein geborener Deutscher war, und er bewunderte Luther, trotzdem er kein Protestant war.“ Und am Ende des Artikels: „Nein, Heinrich Heine war kein ›guter‹ Mensch. Er war nur ein großer Mensch. – Nur …!“
Fünfzehn Jahre später veröffentlicht er eine „Notiz über Heine“ (1908), in der er bekennt, das Buch über Börne am meisten zu lieben. Darin finde sich nicht nur die genialste Prosa bis Nietzsche, er bekennt sich auch zu einer Geistesverwandtschaft mit Heine, zu einer Nähe in der schriftstellerischen Haltung zu ihrem jeweiligen Gegenstand: „Ach, nur wer das selig zerstreute Lächeln versteht, mit dem er den Freunden, die ihm warnend die menschliche, persönliche, politische Anstößigkeit des Buches vorhielten, zur Antwort gab: ›Aber ist’s nicht schön ausgedrückt?‹“ Da ist Thomas Mann ganz bei Heine: zwei Jahre zuvor notierte er in „Bilse und ich“: „Wenn ich aus einer Sache einen Satz gemacht habe – was hat die Sache noch mit dem Satz zu tun?“ Die Kunst hatte bei beiden Vorrang vor allen übrigen Dingen des Lebens.
Thomas Mann hatte ‚seinen‘ Heine stets parat, war ihm immer Referenzgröße oder Kronzeuge, sei es in Texten über Fontane (Der alte Fontane, 1919), Chamisso (1911), Bruno Frank (Politische Novelle, 1928), Lessing (Rede über Lessing, 1929), in seiner Rede über das Theater in Heidelberg 1929. In einem Text über Dostojewski (Dostojewski – in Maßen, 1946) über die Unmöglichkeit der Selbstbiographie, und über Bernhard Shaw (1951). Selbst in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) versucht er mehrfach, Heine in seine krause Argumentation einzugliedern, vergleicht Heine unausgesprochen mit Bruder Heinrich, aber eine rechte Logik ist nicht zu erkennen.
In einem Artikel für die Frankfurter Zeitung 1924 zum fünften Jahrestag der Weimarer Verfassung äußert sich der noch zaudernde Demokrat Thomas Mann dennoch hoffnungsvoll zur Zukunft des „Pergaments von Weimar“, indem er sich neben Heine auf Nietzsche beruft, der in wohlmeinender Ironie meinte: „… der Deutsche, der von sich behaupte: »Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust« bleibe hinter der Wahrheit um einige Seelen zurück…“
Den erbitterten Streit zwischen August von Platen und Heine versuchte Thomas Mann quasi posthum zu schlichten. In seinem Text „August von Platen“(1930) weist er nach:
„Er [Platen] war ein politischer Dichter, wie Heine es sich nur wünschen konnte.“ Den Grund des Zerwürfnisses der beiden Dichter benennt Mann nur in Andeutungen. Kurz zusammengefaßt: Karl Immermann (Münchhausen!), der Freund Heines, hatte eine spöttische Ode über die Orientmode im Allgemeinen und über die Dichtung Platens im Besonderen verfaßt. Dieser rächte sich mit dem Theaterstück „Der romantische Ödipus“, in der er Heine als Herr Nimmermann auftreten läßt, bezeichnete ihn als „herr- lichen Petrark des Lauberhüttenfestes“, unterstellte ihm „Synagogenstolz“ und dichtete ihm „Knoblauchsgeruch“ an. Auf solch antisemitische Klischees folgte Heines brutale Rache, in dem er seinem Reisebild „Die Bäder von Lucca“ zwei völlig unpassende (nicht viel Unterhaltung versprechende – siehe oben) Kapitel eben über Platen anhängt: Mithin die bösartigste (und schönste) Satire, die ich von Heine bislang gelesen. Es beginnt damit, daß er Platens Homosexualität öffentlich macht und ihn mehrfach seinen „warmen Freund“ nennt. Doch Heine beläßt es nicht dabei. Auch über dessen Dichtkunst macht er seine Späße. Dies gipfelt in folgendem, fraglos erfundenen Dialog: »Strenge Kritiker, die mit scharfen Brillen versehen sind, stimmen ein in dieses Urteil oder äußern sich noch lakonisch bedenklicher: „Was finden Sie in den Gedichten des Grafen von Platen-Hallermünde?“ frug ich jüngst einen solchen Mann. „Sitzfleisch!“ war die Antwort. „Sie meinen in Hinsicht der mühsamen ausgearbeiteten Form?“ entgegnete ich.
„Nein“, erwiderte er, „Sitzfleisch auch in betreff des Inhalts.“«
Beide, Heine und Platen, mußten für ihre in der Öffentlichkeit ausgetragene Schlammschlacht bezahlen: Platen wagte sich nicht mehr zurück nach Deutschland, starb jung in Syrakus, und Heines Bewerbung um eine Professur in München wurde endgültig abgewiesen und er mußte sich weiterhin von seinem reichen Onkel aushalten lassen. So weit zu den Dingen, die Thomas Mann nicht erwähnte – aber sicherlich wußte.
Im „Lebensabriß“ (1930) erinnert er sich an seine ersten Bildungserlebnisse, unter anderen „auch der Vergötterung Heine’s um die Zeit, da ich meine ersten Gedichte schrieb.“ In „Das Bild der Mutter“ (1930) gedenkt er in erster Linie seiner musikalischen Frühbildung und seines Staunens über die musikalisch-lyrische Verschmelzung gerade auch der Verse von Heine durch Schubert, Silcher, Liszt und viele andere.
In einem Brief an den Literaturhistoriker und Lektor des S. Fischer-Verlags (und Schiegersohn Albert Einsteins) Dr. Rudolf Kayser, der schon in die USA ausgewandert war, zitierte er am 1. November 1933 den Vers „Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht…“ unter Verzicht der Namensnennung des Autors und der nächsten Zeile: Man wußte, was die Stunde geschlagen hatte.
Im Sommer 1939 bereitet er in Stockholm eine umfassende Rede vor mit dem Titel
„Das Problem der Freiheit“, die er dann aufgrund des Kriegsausbruchs nicht mehr halten kann. Goethe ist ihm darin häufig Gewährsmann, aber eben auch wieder Heine, dessen Blick auf die französischen Zustände ihn besonders interessieren und dessen entspannte Haltung er auch bewundert, wohl auch deswegen, weil ihm Heines Lockerheit fehlt, „der, nach seiner Art, den Gefühlszwiespalt spielerisch genießt, den die Liebe zum Schönen, zum Künstlertum, und diehumanitär-zukunftsgläubigeBejahung der neuen demokratisch-sozialen Welt ihm erregen.“
Im November 1939 lädt Thomas Mann Albert Einstein zu einer Lesung in sein damaliges Zuhause in Princeton ein: Erhat einen Rezitator eingeladen, gleichfalls Emigrant aus Deutschland, Freund von Elias Canetti: Ludwig Hardt – er liest Heine und Goethe…
In „Die Entstehung des Doktor Faustus“ bekennt er gleich zweimal, während der Arbeit viel Heine gelesen zu haben, einmal in Bezug auf Moses und die Darstellung des alten Joseph, bei der er sich eher das Bild Heines von Moses zum Vorbild nahm und nicht den steingewordenen Helden von Michelangelo, sondern von „Michelangelo selbst, um ihn als mühevollen, im widerspenstigen menschlichen Rohstoff schwer und unter entmutigenden Niederlagen kämpfenden Künstler zu kennzeichnen.“
In der Korrespondenz mit verzweifelten Exilanten findet Thomas Mann immer wieder tröstliche Verse von Heinrich Heine; so zum Beispiel im Brief an Ellen Fischer (1949), deren Mann, Schriftsteller, von Selbstabschaffungsplänen geplagt ist. So sind „Die heil’gen drei Könige aus Morgenland“ auch nichts anderes als Flüchtlinge, die einen anderem Flüchtling suchen:
Der Stern blieb stehn über Josephs Haus, Da sind sie hineingegangen;
Das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie, Die heil’gen drei Könige sangen.
Noch in einem der letzten Briefe Thomas Manns zitiert er Heinrich Heine. Er ist gerichtet an den österreichisch-jüdischen Buchhändler und Verleger Martin Flinker, der nach schlimmen Jahren der Vertreibung auf der Flucht zusammen mit seinem Sohn in Paris einen hoch angesehenen Buchladen eröffnete. Zum 80. Geburtstag von Thomas Mann gab er eine ‚Hommage de la France à Thomas Mann‘ heraus, für die sich dieser im Brief überschwänglich bedankt und mit den Worten endet: „…und wenn ich sterben werde, so will ich zwar nicht, wie Heine’s napoleonischer Grenadier „in Frankreichs Erde“, sondern in schweizerischer, begraben sein, aber wie jener werde ich sprechen:
Das Ehrenkreuz am roten Band Sollt ihr aufs Herz mir legen.
Bis in seine letzten Tage hatte Thomas Mann seinen Heinrich Heine präsent. Jeder der erwähnten Texte verdiente eine eingehende Betrachtung, und führt uns zu einem weiteren breiten Kapitel: Thomas Manns ambivalente Haltung zu Frankreich, seinen Wechsel vom Freund von Sprache und Literatur zum Kriegsbefürworter, und zurück zum Mann der Verständigung, zum großen Bewunderer – aber das ist ein weiteres Kapitel der Recherche.
Thomas Mann, so scheint es mir, schaute sein Leben lang mit bewundernden und auch etwas neidvollen Blicken auf sein stets so frei agierendes Vorbild. Einen Beleg dafür habe ich nicht, einen Hinweis vielleicht, mit dem ich enden möchte, mit den letzten Zeilen des Vorworts zu „Bilse und ich“: „Für viele zu stehen, indem man für sich steht, repräsentativ zu sein, auch das, scheint mir, ist eine kleine Art von Größe. Es ist das strenge Glück der Fürsten und Dichter. München am 50.Todestage Heinrich Heine’s“
(Den vielfach falsch gesetzten Apostroph bitte ich in aller Form zu entschuldigen) Beste Grüße Ihr Peter Baumgärtner