Rundbrief Nr.84 – Flasch, Bergmann-Fischer, Reich-Ranicki

Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierten an unserer Arbeit,

nach der bedauerlichen krankheitsbedingten Absage von Herrn Prof. Wißkirchen bin ich noch gemeinsam mit ihm auf der Suche nach einem Ausweichtermin. Ich möchte den Vortrag zur Zeit der Magier im Haus an der Redoute stattfinden lassen. Da die Absage im Landesmuseum nur zwei Tage vor dem geplanten Termin erfolgte, mussten wir dort die vollständige Saalmiete und auch die bestellte Führung bezahlen, ohne Einnahmen erzielen zu können. Dies hat einen tiefen Krater in der Vereinskasse hinterlassen, weshalb ich mich nach einer preiswerteren und dennoch bewährten Lokalität umsehen musste.

An dieser Stelle auf der ersten Seite des Rundbriefs erinnere ich auch an unseren nächsten Stammtisch am 9.April wie immer um 18.00 Uhr im Delikart.

Ich bitte um Anmeldungen, um einen entsprechenden Tisch reservieren zu können.

Die personelle Änderung in unserem Vorstand ist noch nicht im Vereinsregister hinterlegt. Die buchhalterischen Spitzfindigkeiten, die mir hierfür neuerdings abverlangt werden, ließen mich an den Text von Ryyan Alshebl denken, den ich dem letzten Rundbrief beifügte: die amtlichen Auflagen für kleinste Initiativen verlangen den Antragstellern viel Langmut und Humor ab, den wir zur eigenen Erbauung bei Thomas Mann finden.

Von einem der Verlage Kerstin Holzers erhielt ich die Auskunft, daß sie an einen neuen Buch schriebe und ihre Lesereise zu Ende sei. Vielleicht kann ich beim Stammtisch mit besseren Nachrichten zu diesem Thema aufwarten.

Unsere letzten Veranstaltungen haben bei mir einen weitläufigen Lesecorso ausgelöst, über den ich Ihnen nun berichten will: Frau Beßlich machte mich auf das 2000 erschienene Buch von Kurt Flasch aufmerksam: Die geistige Mobilmachung – die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg.

In seiner Vorrede sagt Flasch, Thomas Mann nicht näher in den Blick nehmen zu wollen – über seine Betrachtungen sei schon alles gesagt -, und erwähnt ihn dennoch dreizehn Mal. Daß dieser sich mit seiner Zustimmung zum Kriege in breitester akademischer Gesellschaft befand, war mir bislang nicht bewusst. Flaschs Buch ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Wühlens in dem geistigen Müll jener Zeit. Dieser erste Krieg wurde von ungeheuren philosophischen Textmassen besungen, beim zweiten hatten die Geister, die man rief, das Zepter in der Hand, und die duldeten kein freies Wort.

Es ist erschütternd, wie viele alte und wohlbestallte Hochschullehrer ihre jungen Studenten in den Tod trieben. Nur mit Sarkasmus kann man die immer wiederkehrende Volte betrachten, nach der der Krieg die Moral stärke und Frieden nur das Lotterleben befördere. Einem Monarchen zu dienen, so immer wieder der Tenor, sei Ausdruck einer inneren Freiheit in nationaler Überzeugung – der junge Thomas Mann schimmert durch.

Kurt Flaschs Die geistige Mobilmachung ist von einer vorzüglichen wissenschaftlichen Prosa. Seine Lakonie besitzt bei allem Ernst eine wunderbar unterschwellige Ironie. Er hebt Annette Kolb (alias Jeanette Scheurl mit dem eleganten Schafsgesicht) hervor mit ihrer deutsch-französischen Herkunft und ihrer Tapferkeit: Noch im Januar 1915 verkündete sie vor einem wütenden Mob ihre innere Zerrissenheit und ihre Ablehnung des Krieges. Dagegen bescheinigt er Thomas Mann, daß dessen Parallele zwischen Friedrich dem Großen und dem heutigen Deutschland besten Falles ein scharfsinniger Einfall sei, aber es ist kein Gedanke.

Zwei weitere ironische Seitenhiebe Flaschs will ich Ihnen nicht vorentahlten. So gegen Hermann Bahrs Buch Kriegssegen: Ich kann seinen Inhalt schlecht wiedergeben, denn ich fürchte, es hat keinen. Oder am Ende in den zusammenfassenden Kapiteln: Den Sinn des Weltkrieges zu beweisen, war eine Aufgabe von nicht geringer Absurdität.

Ich verdanke es einem Hinweis aus der Zeit der Magier, daß ich mir den Briefwechsel Thomas Manns mit Gottfried Bermann Fischer (GBF; 1897 – 1995) antiquarisch besorgte. Dieser wurde schon 1973 von Peter de Mendelssohn herausgegeben. GBF, der Schwiegersohn von Samuel Fischer, war 1925 in den Verlag eingetreten und seine Korrespondenz mit TM setzte 1932 ein mit einem Lob des jungen Verlegers für den im Berliner Tageblatt erschienenen Text Thomas Manns mit dem Titel: Was wir verlangen müssen, in dem dieser sich über Meuchelmorde der Nazis empört. Er hebt an mit den Worten: Werden die blutigen Schandtaten von Königsberg den Bewunderern der seelenvollen »Bewegung«, die sich Nationalsozialismus nennt, sogar den Pastoren, Professoren, Studienräten und Literaten, die ihr schwatzend nachlaufen, endlich die Augen öffnen über die wahre Natur dieser Volkskrankheit, … Damit ist schon das Thema umrissen, das diesen Briefwechsel im Grunde bis zum Tod Thomas Manns prägt: die Überlassung der Staatsmacht an die sogenannten Nationalsozialisten und die Folgen ihrer Herrschaft.

Das Ganze liest sich wie ein Krimi als Briefroman, ein Wirtschaftskrimi war es für den Verleger auf alle Fälle. Hatte der Senior Samuel sich noch standhaft geweigert, an eine Verlagerung des Verlags ins Ausland zu denken, so betreibt Gottfried nach dem Tod des Schwiegervaters 1934 die Aufteilung des Verlags: Die „unbelasteten“ Autoren blieben beim Stammhaus in Berlin – das dann von Peter Suhr- kamp geleitet wurde – die kritischen, darunter Thomas Mann und Hermann Hesse, wechselten 1936 zum Bermann Fischer Verlag nach Wien.

Dort hatte er sich gerade niedergelassen, sämtliche Vertriebswege neu geordnet, als der Schnauzbart mit Tschingderassabum und römischem Gruße durch die Straßen fuhr. Das Bücherlager des Verlags wurde beschlagnahmt, tausende Bände der Josephs-Romane darunter. Panik-Attacken von Thomas Mann, er sieht – zu Recht – seine Exitenzgrundlage gefährdet. In einem höflich formulierten Brief will er seine Verträge mit dem Verlag lösen. Eine hektische Korrespondenz setzt ein, Telegramme sausen hin und her, dann die Nachricht von der gelungenen Niederlassung in Stockholm, Beruhigung.

Auf die dann folgende nationale Exkommunikation reagiert er dagegen gelassen, wundert sich, daß es plötzlich in seiner Bekanntschaft ähnlich turbulent zugeht wie nach dem Nobel-Preis oder an Dezimalgeburtstagen.

Auch in Schweden blickt man skeptisch auf den Verlag. Man ist offiziell neutral um den Preis, dem „Reich“ Eisenerz zu liefern. Von der Regierung kommt die dringende Aufforderung, keine allzu aggressiven Texte gegen das Staatsoberhaupt eines Nachbarlandes zu veröffentlichen. Es ging um Bruder Hitler, der zurückgehalten wurde und dann erst 1939 in Holland erschien. GBF wird dennoch im April 1940 wegen „antinationalsozialistischen Betätigung“ in Schutzhaft genommen. Es bedurfte u.a. der Unterstützung von Thomas Mann, daß er nach zweieinhalb Monaten entlassen und ausgewiesen wurde.

Von da an lenkte er den Verlag aus dem fernen New York. Nach dem Kriege ging er zunächst zurück nach Stockholm, bevor er sich 1948 in Amsterdam mit Fritz Landshoff und dessen Querido-Verlag zusammentat. Mit Peter Suhrkamp kommt es zum Zerwürfnis, man trennt sich 1950, beide Verlage lassen sich in Frankfurt nieder, da Berlin in Zeiten der Blockade nicht mehr infrage kommt.

So weit die Perspektive des Verlags. Thomas Mann war nicht nur aus seiner bürgerlichen Sesshaftigkeit vertrieben, auch seine wirtschaftliche Existenz war in all den Jahren bedroht. Wenn ihn seine ältesten Kinder schon 1933 bedrängten, offen Stellung wider das Reich zu beziehen, so hatten sie nicht im Blick, daß der Vater in Deutschland noch Bücher verkaufte, Einnahmen erzielte, von denen auch sie lebten. Und schon die Frage, wie die in Deutschland erzielten Einkünfte in die Schweiz überführt werden können, füllt mehrere Briefe von GBF und TM. Oft kommt der Verleger in Nöte, bittet seinen Autor, auf Teile seiner Tantiemen zu verzichten, worauf dann der Kaufmannsohn Thomas Mann in Erscheinung tritt und im Prozentrechnen glänzt – wahrscheinlich saß seine Katia mit dem Rechenschieber daneben. Diese Auseinandersetzungen flammen immer wieder auf, in der gesamten Exilzeit und auch danach, zum Teil in großer Heftigkeit.

Mehrfach droht Thomas Mann damit, der Verlag zu wechseln, um sich im nächsten Brief wieder wortreich zu entschuldigen. Man staunt immer wieder, wie neben diesen Spannungen und Unsicherheiten des Alltags, er wieder zu jener Ruhe und Konzentration zurückfinden konnte, die er benötigte, um bedeutende Weltliteratur zu schreiben, die Josephs-Romane, die Lotte, den Faustus. Seinen Humor hat er niemals verloren. Anfang August 1941 berichtet er GBF von seinen Fortschritten bei Joseph, der Ernährer:

der junge Nicht-Arier ist bereits Minister. Oder kurz vor dem Fall von Stalingrad vermerkt er am Ende eines kummervollen Briefes: Desto mehr Freude hat man an Adolf. Sein Tagesbefehl zur Übernahme des Oberbefehls ist wohl das Romantischste, was seit der Jungfrau von Orléans dagewesen.

Zudem darf man auch nie vergessen, daß er – oft zusammen mit GBF – sich für Freunde und Kollegen einsetzte, die sich in noch größeren Notlagen befanden, so für Ernst Weiß, Robert Musil und auch für den Bruder Heinrich.

Ein weiterer, nicht ganz nebensächlicher Aspekt des verlegerischen und schriftstellerischen Alltags in jenen Jahren: Die Romane Thomas Manns wurden in Schweden gesetzt, von schwedischen Setzern. In den ersten Druckfahnen wimmelte es von Fehlern. Sie mußten zu Kriegszeiten auf dem Postwege nach New York geschafft werden, von dort nach Pacific Palisades, dann alles wieder retour. Einfachste Vorgänge brauchten Monate, TM hatte seine Ungeduld nicht immer im Griff.

Ich verlasse die Chronologie und springe zurück in das Jahr 1939: GBF hatte für TM einen Vortragstermin beim PEN-Kongress in Stockholm organisiert: Das Problem der Freiheit – so war der Vortrag überschrieben, der wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr gehalten werden konnte. Darin hätte er seinem Publikum allerhand zugemutet. Erst am Ende einer weit ausholenden Gedankenbewegung über Goethe und Heine kommt er auf den Punkt, daß man die Demokratie die politische Ausprägung christlichen Lebensgefühls nennen kann. Die individuelle Forderung nach Freiheit steht im Spannungsverhältnis zur gesellschaftlichen Forderung nach Gleichheit. Die humanistische Idee der Caritas bindet beides zusammen. Thomas Mann räumt auch mit dem Vorurteil auf, der Faschismus sei das einzige Bollwerk gegen den Kommunismus. Das Gegenteil sei der Fall: Der Faschismus hat das freie Wirtschaften genauso zerschlagen wie der Kommunismus. Und der Antisemitismus sei nichts anderes als der Angriff auf das Christentum selbst, in welchem alle Demokratie wurzelt und dessen politischer Ausdruck sie ist. Und wenn er ausruft, eine militante Demokratie tut heute not, sind wir sofort wieder in die Gegenwart versetzt.

Auch in Amerika herrscht Kriegswirtschaft und der amerikanische Verleger Alfred Knopf ist noch halsstarriger als der selige Pappi. (13.4.’43) Aber wird das Ende nicht bald da sein? Hoffnung keimt auf, er hört von Friedensdemonstrationen in München – wir kennen das Ende der Weißen Rose. Papier ist rationiert, aber die Meyerin hat vollständig versagt – welches zu besorgen. Menschen, Menschen, falsche heuchlerische Krokodillenbrut. (1.2.’44) Der deutschsprachige Raum ist in fast gänzlich in Hitlers Hand, die Schweiz ist postalisch kaum noch zu erreichen und zudem hat dort die Kirche Vorbehalte gegen die Josephs-Romane (14.1.1946), erste Besprechungen erscheinen.

Erstaunlich faul und unbegabt wieder einmal unser Korrodi.

Der Krieg ist vorbei, Deutschland in Trümmern, drei Jahre später die Währungsreform, es gibt plötzlich wieder Konsumgüter zu kaufen, Bücher bleiben liegen, TM fehlt jedes Verständnis für das Leben in schierer Not in Deutschland. Der Doktor Faustus wird als Überforderung empfunden, der Roman befeuert die Feindseligkeit gegen ihn in Deutschland. Nur kundige Leser wie Brigitte Bermann Fischer sind angetan. Die Welt des Geistes weht aus unmenschlich-übermenschlicher Nähe eisig daher. (9.8.’48) Am 28.5.’49 ein sehr eindringlich-mitfühlender Kondolenzbrief von GBF zum Tod vom Klaus. Die Lücke schließt sich nicht mehr, wir sind um einen mehr allein. Im Jahr darauf macht TM mehrfach Druck, daß Klausens Wendepunkt doch endlich erscheinen möge. GBF sei dies Klaus‘ Prosa schuldig, das schmerzlich-anmutige Vermächtnis-Werk eines im Lebenskampf Gefallenen zu veröffentlichen. (17.12.50)

1950 beginnen Auseinandersetzungen zwischen Autor und Verleger zum Erscheinen von Lizenzausgaben in der Ostzone. GBF ist zunächst strikt dagegen, mit einem Staatsverlag zusammen zu arbeiten. TM, der die deutsche Teilung einfach nicht anerkennt, will in ganz Deutschland gelesen werden. Aus dem Osten wird er mit Komplimenten überschüttet – nun, nachdem sein Bruder tot ist. Und im Westen überhäuft ihn die Adenauer-Presse (4.8.’54) mit Häme. Praktische Probleme, wie z.B. seine Tantiemen die Grenze überwinden sollen, überläßt er seinem Verleger. Ein großer Teil meiner TM-Bibliothek entstammen dem Aufbau- Verlag. In ihrem Erscheinungsbild stehen sie den S. Fischer-Ausgaben in nichts nach. In meiner Ausgabe von Adel des Geistes prangt vorne drin die Dankes- urkunde der Berliner Bank zum Ausscheiden eines altgedienten Mitarbeiters. Ob eine westdeutsche Bank je ein solches Präsent machte?

Bei der Vorbereitung meiner Rundbriefe werde ich immer wieder unterstützt von meinem Freund Jürgen Quasner aus dem Schwabenland, wofür ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bedanken möchte. Schon Wochen und Monate vor Erscheinen kennt er die Rundbriefe in Fragmenten. Diesmal wies er mich darauf hin, daß 1973 dieser Briefwechsel mit Bermann Fischer von Marcel Reich-Ranicki in der FAZ ausführlich besprochen wurde. Diese Besprechung habe ich dem Rundbrief angefügt.

Nachtragen möchte ich nun noch, daß unser Freund Mikhail Shishkin bei der Tagung der Internationalen Hermann Hesse Gesellschaft am 9.Mai den Festvortrag halten zum Thema Hesse und Dostojewski.

Ich würde mich freuen, Sie am 9. April beim Stammtisch treffen zu können und verbleibe bis dahin mit herzlichen Grüßen

Ihr Peter Baumgärtner


Vor einer Renaissance? Thomas Mann im Alltag

Zu dem Briefwechsel mit seinem Verleger Gottfried Bermann Fischer (1973) Von Marcel Reich-Ranicki

Ist es schon so weit, gibt es die von manchen seit Jahren gewünschte Thomas-Mann- Renaissance? Allerlei Zeichen, die darauf hinzudeuten scheinen – von Viscontis „Tod in Venedig“-Verfilmung bis zu Benjamin Brittens neuer Oper –, kommen freilich aus dem Ausland. Aber es wäre nicht das erste Mal, daß hierzulande das erneute Interesse für einen großen deutschen Schriftsteller oder gar seine Wiederentdeckung durch Impulse ausgelöst wird, die von Paris oder Rom, London oder New York ausgehen. So war es ja, um gleich das bekannteste Beispiel anzuführen, in den fünfziger Jahren mit Kafka, so in den Sechzigern, also in einer anderen literarischen Situation, mit Hermann Hesse.

Dabei sind die Ursachen der eher außerhalb des deutschen Sprachraums bemerkbaren Hinwendung zum Werk Thomas Manns schwer auszumachen: Sie mögen zu einem Teil mit jenem zwielichtigen Phänomen zusammenhängen, das sich nicht ganz ernst nehmen und gleichwohl nicht ignorieren läßt und das man mit dem Schlagwort „Nostalgiewelle“ zu bezeichnen pflegt. Was sich dahinter verbirgt, ist vermutlich nichts anderes als, kurz gesagt, die Sehnsucht nach einer im Gegensatz zum Heutigen stehenden Welt, nach dem verlorenen Paradies, das freilich nie ein Paradies war. Ein vollkommenes, in sich geschlossenes episches Universum, das, mit größter Liebe bezeichnet und mit schärfstem Kritizismus beglaubigt, als eine derartige Kontrastwelt aufgefaßt werden kann, haben wohl nur zwei Romanciers unseres Jahrhunderts zu bieten: Marcel Proust und eben er, Thomas Mann.

Indes kommt es weniger auf die Umstände an, die diesen Rezeptionsprozeß ausgelöst haben, als vor allem auf die Resultate, zu denen er führen kann und führen sollte. Mit anderen Worten: Es ist nicht sehr wichtig, warum Thomas Mann neuerdings wieder Mode wird – auch Zufälle können hier im Spiel sein –, wenn sich daraus nur eine intensivere Beschäftigung mit seinem Werk ergibt und dies zur Revision mancher Urteile und Vorurteile beiträgt.

Von dem Schriftsteller Gustav Aschenbach im „Tod in Venedig“ (1912) heißt es, er habe „gelernt, von seinem Schreibtisch aus zu repräsentieren, seinen Ruhm zu verwalten, in einem Briefsatz, der kurz sein mußte (denn viele Ansprüche dringen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswürdigen ein), gütig und bedeutend zu sein“. Wenige Jahre später, 1916, schreibt Thomas Mann an Ernst Bertram, daß er das Verhängnis Deutschlands „längst in meinem Bruder und mir symbolisiert und personifiziert sehe“.

Dieses Bewußtsein der von ihm konsequent angestrebten, bisweilen gewiß als Last empfundenen, doch viel häufiger als grandiose Auszeichnung und stolze Lebensaufgabe verstandenen Repräsentanz hat einen großen Teil seiner bisher publizierten Briefe aus den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und erst recht nach 1933 geprägt. Ja, sogar in seiner Korrespondenz mit den nächsten Angehörigen, etwa mit dem Bruder Heinrich oder mit der Tochter Erika, scheint er die nationale und epochale Rolle, die er so virtuos zu spielen wußte, nie ganz vergessen zu können.

So fühlte sich Thomas Mann, wie er es seinem Geschöpf Gustav Aschenbach mit leiser Ironie nachgesagt hatte, verpflichtet, womöglich immer „gütig und bedeutend zu sein“. Es liegt nahe, sich darüber lustig zu machen. Aber ihm dies verübeln, hieße bedauern, daß er Hunderte, wenn nicht vielleicht Tausende von Briefen verfaßt hat, die zum Besten gehören, was in deutscher Sprache, jedenfalls in unserem Jahrhundert, geschrieben wurde.

Doch hatte diese Korrespondenz gleichzeitig zur Folge, was sich wohl gar nicht verhindern ließ: Indem sie stets aufs neue den Klassiker und den Olympier, den genialen Zeitgenossen und den bürgerlichen Dichterfürsten, den souveränen Repräsentanten der deutschen Nation und der europäischen Kultur ins Blickfeld rückte, suggerierte sie der Leserschaft ein überaus feierliches, ein würdevoll-mächtiges Thomas-Mann-Bild, dessen Umrisse, befürchte ich, längst erstarrt sind. Während man aus Kafka ein Mysterium gemacht hat, wurde aus Thomas Mann ein Monument. Während jenen die Dunkelheit gefährdet, bedroht diesen das Museale – und ich weiß nicht, was schlimmer ist. Das dringlichste Gebot scheint daher in dem einen Fall die Entmystifizierung und in dem anderen die Entmonumentalisierung. Hierbei kann ein Buch behilflich sein, das gerade im rechten Augenblick erschienen ist: Thomas Mann: Briefwechsel mit seinem Verleger Gottfried Bermann Fischer 1932–1955 (hg. von Peter de Mendelssohn. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1973, 891 S.).

Der erste Eindruck mag etwas enttäuschend sein: Mit den Briefen Thomas Manns an Bertram oder an Heinrich Mann oder gar mit jenen, die zwischen 1961 und 1965 von Erika Mann in drei umfangreichen Bänden herausgegeben wurden, läßt sich dieses Buch kaum vergleichen. Gewiß, das vollendete stilistische Raffinement, das die früher veröffentlichte Korrespondenz in geradezu verschwenderischer Fülle offerierte, ist auch hier bemerkbar, aber doch nur gelegentlich. An Äußerungen und Reflexionen über literarische, zeitgeschichtliche und sonstige allgemeinere Fragen mangelt es nicht, nur sind sie auffallend knapp und wiederholen oft, was man schon in den Schriften Thomas Manns und auch in seinen Briefen an andere Adressaten ausführlicher und genauer gelesen hatte.

Wer Meisterwerke der Epistolographie erwartet, wird nicht auf seine Rechnung kommen, Geniales läßt sich in dieser Sammlung nicht finden – und eben deshalb ist sie, mag es auch paradox klingen, so aufschlußreich, so wertvoll. Denn im Unterschied zu sehr vielen Briefen Thomas Manns sind die hier gedruckten weder für die Mitwelt noch für die Nachwelt bestimmt, sondern tatsächlich nur für den Verleger Bermann Fischer. Es handelt sich um gewöhnliche Geschäftsbriefe, und sie bleiben es offensichtlich auch dann, wenn Thomas Mann (meist rasch und doch nur am Rande) Persönliches einbezieht oder beschreibt. Immer will er etwas Konkretes erledigen, auch die Verweise auf Privates sollen in der Regel nur die beruflichen Vorschläge oder Wünsche unterstützen.

Da also sachliche Mitteilungen und Fragen, nachdrückliche Beanstandungen und trockene Darlegungen dominieren, da Wiederholungen sich in einer derartigen Korrespondenz von selbst verstehen und überdies vieles besprochen wird, was uns heute beim besten Willen nicht interessieren kann, erfordert die Lektüre mancher Teile des Briefwechsels einige Geduld. Aber er dokumentiert gerade die Aspekte des Porträts und der Biographie Thomas Manns, die bisher zu kurz gekommen waren: Der Alltag des professionellen Schriftstellers wird sichtbar. Dank dieser, zugegeben, überaus profanen Dimension verliert das Bild des literarischen Würdenträgers viel von seiner Klassizität, von seinem Pathos, und es gewinnt zugleich an Wahrhaftigkeit und Anschaulichkeit, an barer Menschlichkeit: Die Einschüchterung läßt nach, die Annäherung wird möglich.

So zeigen die Briefe, daß derjenige, der von Robert Musil ein „Großschriftsteller“ genannt wurde, zugleich eine Art Großkaufmann war, der seine mitunter komplizierten geschäftlichen Angelegenheiten nüchtern und umsichtig zu überwachen wußte: Streitbar pochte er auf sein Recht, hartnäckig überprüfte er die Abrechnungen, stets nach Fehlern und Irrtümern ausspähend. Auch die geringsten Unklarheiten riefen sein nicht immer unbegründetes Mißtrauen hervor.

Befürchtete etwa Thomas Mann, daß der Schwiegersohn und Nachfolger Samuel Fischers, der seit 1928 als Geschäftsführer des berühmten Verlages tätige Gottfried Bermann Fischer ihn, den in den Jahren der Emigration (und natürlich auch später) prominentesten Autor des Hauses schlechterdings übervorteilen wollte? Aber sicher. In einem 1954 an Bermann Fischer gerichteten Brief sagte er ohne Umschweife, daß er „die psychologische Mischung von wahrer Anhänglichkeit und der Neigung, mich übers Ohr zu hauen, bei einem Geschäftsmann jetzt wohl für möglich halte“. Damit aber hatte der Neunundsiebzigjährige nur ausgesprochen, was seiner Korrespondenz oft genug zu entnehmen war: „Von Geld ist allzuwenig zwischen uns die Rede…“ – warnte er seinen Verleger 1938. Und: „Ich kann nur wiederholen, was ich schon in meinen Briefen aus Californien andeutete: daß es schön wäre, wenn Sie auch an meine geschäftlichen Interessen etwas dächten und auf diese Dinge von sich aus zu sprechen kämen, statt mir die Rolle des Fordernden und Drängenden zu überlassen.“

Unwillig und verärgert äußerte er sich 1946 „über die Unbegreiflichkeiten, die alles Vertrauen erschütternde Unordnung und Unstimmigkeit in unseren geschäftlichen Beziehungen“.Er habe „sich in guten, unbedingt zuverlässigen Händen“geglaubt und sehe nun, „daß dies nicht der Fall ist“.Als ihm die Herabsetzung des Honorars für eine Auslandsausgabe „eine einseitige Maßnahme Ihrerseits“schien, fragte er ganz ungeniert: „Haben Sie einen Zustimmungsbrief von mir bei Ihren Akten? Dann möchte ich ihn sehen, denn ich bin einfach mißtrauisch geworden gegen die geschäftliche Behandlung, die Sir mir angedeihen lassen.“

Mit zunehmendem Alter wurde Thomas Mann in seinen finanziellen Angelegenheiten weder nachlässiger noch nachsichtiger. 1950 teilte er Bermann Fischer sehr direkt mit, daß er ihm nicht mehr über den Weg traue: „Ich hatte noch keine Möglichkeit festzustellen, ob Ihre Angabe auf Wahrheit beruht, daß diese schweizerischen Lizenzausgaben den Transfer meiner deutschen Honorare gefährden würden.“

Die Ausführlichkeit vieler dieser Briefe macht zumindest wahrscheinlich, daß ihm die Kontrolle der Abrechnungen und die Erledigung anderer geschäftlicher Fragen auch Spaß bereitete und daß es ihm oft eine wahre Genugtuung war, dem Verlag Unregelmäßigkeiten und Fehler nachzuweisen. Freilich gab es überdies einen anderen Grund, der ihn offenbar zwang, sich darum zu kümmern: „In einem langen, arbeitsreichen und und ja auch erfolgreichen Leben“ klagte er 1953 – „ist es mir kaum gelungen, finanzielle Reserven für mich und die Meinen anzulegen…“

Noch in seinem letzten Lebensjahr schrieb und diktierte Thomas Mann lange Briefe mit allerlei Vorwürfen und Beanstandungen, die sich nicht immer als berechtigt erwiesen. Im August 1954 beispielsweise mußte er zurückstecken: „Man ist heutzutage, bei diesem gequälten Leben zwischen den Stühlen, manchmal nicht recht Herr seiner Nerven.“ Und: „Tragen Sie mir ein überschärftes Wort nicht nach! Meine polemische Ader spielt mir manchmal einen Streich.“ Damit eben hängt zu einem nicht geringen Teil die Attraktivität der Korrespondenz mit Bermann Fischer zusammen: Weil Thomas Mann angesichts des Geschäftlichen seine Fassung nicht unbedingt bewahren wollte, weil ihm, dessen Selbstdisziplin schon fast unheimlich war, hier seine polemische Ader zuweilen einen Streich spielen durfte, läßt sich diesen Briefen nachrühmen, was bei ihm Seltenheitswert hat: Spontaneität.

Freilich mag die Gereiztheit, die sich im Verhältnis Thomas Manns zu seinem Verleger doch oft und heftig bemerkbar machte, besondere Gründe haben. Bermann Fischer war es ja, der im Juli 1933 den damals in der Schweiz lebenden Thomas Mann zur Rückkehr nach Deutschland aufgefordert hatte: „Da nichts gegen Sie vorliegt…, setzen Sie die Regierung gewissermaßen erst ins Recht, wenn Sie fernbleiben. Denn Sie bieten ihr durch Ihr Fernbleiben die Handhabe zu Maßnahmen gegen Sie, da man hier daraus schließen wird, daß Sie sich endgültig gegen Deutschland entschieden haben … Aus der Emigrantenatmosphäre lassen sich die Dinge nicht richtig beurteilen … Wir stehen Ihnen ganz zur Verfügung, würden Sie gern an der Grenze erwarten … Überlegen Sie nicht lange. Man steht allen diesen Dingen hier viel ruhiger gegenüber, als man es je im Ausland kann.“

Zwar wies Thomas Mann diese Aufforderung entrüstet zurück, doch zeigte er sich in einer anderen Angelegenheit weniger entschieden. Im August 1933 hielt er es für richtig, den ersten Band seiner „Joseph“-Tetralogie nicht in Deutschland zu veröffentlichen, sondern „draußen“, in Amsterdam, „wo er zwar nur auf eine beschränkte Publizität, dafür aber auf Wohlwollen, freie Empfänglichkeit rechnen kann … Mit einem Wort: überlassen Sie das Buch Querido …“ Bermann Fischer wollte davon nichts wissen und warnte vor einem „endgültigen Schritt, der Ihnen nicht verziehen wird … Denken Sie doch an Ihre deutschen Leser hier“.Thomas Mann gab nach, das Buch erschien in Berlin, und wenige Wochen später distanzierte er sich (abermals einem dringenden Wunsch seines Verlegers folgend) von der in Amsterdam von seinem Sohn Klaus herausgegebenen antifaschistischen Zeitschrift „Die Sammlung“. Seine Position dem „Dritten Reich“ gegenüber geriet vorübergehend in ein fatales Zwielicht. Es scheint, als habe er das Bermann Fischer nie ganz verziehen.

Jedenfalls werden erst auf diesem Hintergrund zwei Briefe Thomas Manns vom April 1938 verständlich. Von Beverly Hills aus fragte er den unmittelbar nach dem Anschluß aus Österreich geflohenen Bermann Fischer, ob er etwa beabsichtige, seine verlegerische Tätigkeit in den USA fortzusetzen, denn: „Ihre durch alle diese Jahre verfolgte Politik, Ihr bis zum erzwungenen Bruch aufrecht erhaltenes Verhältnis zu Deutschland und selbst noch der Charakter Ihres Wiener Unternehmens, das ja immer noch auf den deutschen Markt abgestellt war, (hat) Ihnen hier auf sehr negative Weise den Boden bereitet.“Bermann Fischer habe das moralische Recht verscherzt, „jetzt, wo es gar nicht mehr anders geht, den deutschen Emigrationsverlag in Amerika aufzutun“. Er möge sich doch seinem ursprünglichen Beruf zuwenden, also wieder als Arzt praktizieren, er jedenfalls, Thomas Mann, müsse sich von ihm trennen.

Da Bermann Fischer zwischen 1933 und 1938 den S. Fischer Verlag in Berlin und Wien mit Thomas Manns Billigung (und zum Teil in seinem Interesse) geführt hatte, zeigen solche Briefe den würdigsten Repräsentanten der deutschen Literatur unseres Jahrhunderts nicht gerade – um es gelinde auszudrücken – von der schönsten Seite. Aber es ist gut, daß auch sie deutlich sichtbar wird. Im übrigen änderte sich nichts: Bermann Fischer blieb Verleger (jetzt in Stockholm) und Thomas Mann sein Autor. Nur daß Bermann Fischer gelegentlich zu hören bekam, daß er den falschen Beruf ausübe, so noch 1950: „Sie kämpfen allein auf einem Posten, für den Sie nicht geboren sind, der Ihnen vom Schicksal nie zugedacht schien, und der mir oft schon ganz verloren vorkommt.“

Warum hatte Thomas Mann, trotz aller Unzufriedenheit und trotz vieler Versuchungen, Bermann Fischer und seinen Verlag doch nie verlassen? Anhänglichkeit? Treue? Tradition? Oder gar Sentimentalität? Es gab, will mir scheinen, einen anderen und einfacheren Grund: Er mochte schimpfen und nörgeln, protestieren und rebellieren, er mochte Bermann Fischer Dilettantismus und Schlimmeres vorwerfen, aber letztlich scheint er überzeugt gewesen zu sein, daß sein Werk bei ihm und in seinem Verlag gar nicht schlecht aufgehoben war.

Daß sich Bermann Fischer um seinen Autor unaufhörlich bemühte, versteht sich von selbst. So spendete er ihm in vielen Briefen – oft die Hilfe der Verlegergattin in Anspruch nehmend –, wovon Thomas Mann nie genug bekommen konnte: Lob. „Wir alle tragen Wunden“ – heißt es in der „Entstehung des Doktor Faustus“ –, „und Lob ist, wenn nicht heilender, so doch lindernder Balsam für sie.“

Von der „bestallten Kritik“ hielt er nicht viel, dennoch erkundigte er sich bei Bermann Fischer häufig nach Rezensionen seines jeweils neuesten Buches. Er las sie aufmerksam, bisweilen, wie er ironisch vermerkte, „mit heißen Backen“ und wertete sie ernsthaft als Echo auf seine Produktion, obwohl er genau wußte, daß ihm der rücksichtsvolle Verleger „nur die gut gemeinten“ zu zeigen pflegte, ja, er verlangte von Bermann Fischer, ihm bloß das zu schicken, „wovon Sie denken, daß es mir nicht auf die Magennerven geht“. Die Qualität einer Kritik entging ihm nicht, doch wichtiger war ihm ihr Tenor. Zu einer Rezension Eduard Korrodis in der „Neuen Zürcher Zeitung“ meinte er: „Sie ist unglaublich schlecht geschrieben und zeugt auch von ungenauem Lesen, hat mir aber doch Freude gemacht durch ihre Beherztheit und Wärme …“ Blieben Zeitungsausschnitte aus, so hielt sich Thomas Mann, in dieser Hinsicht den meisten Schriftstellern auf Erden auffallend ähnlich, an freundliche Zuschriften von unbekannten Lesern. Wenn nichts anderes da war, wurde dankbar registriert, daß jemand aus Afghanistan „sehr nett geschrieben“ habe.

Eigenlob war Thomas Mann ebenfalls nicht unbekannt und galt sowohl entstehenden Arbeiten als auch früheren, die aus diesem oder jenem Grunde ins Gespräch kamen. Regungen des Selbstzweifels erlaubte er sich seinem Verleger gegenüber erst in den letzten Lebensjahren. Bei der Durchsicht seiner politischen Schriften, deren Neuausgabe 1950 geplant war, sei ihm „gar nicht wohl“, er bitte, „die Veröffentlichung zu unterlassen“, denn „manches darin ist veraltet, liest sich nicht mehr richtig…“ 1952 teilte er Bermann Fischer mit: „Eigentlich gefällt mir nur wenig noch von den alten Dingen aus den drei verschollenen Bänden.“Es handelte sich um seine Bücher „Rede und Antwort“, „Bemühungen“ und „Die Forderung des Tages“.

Am Vortag seines neunundsiebzigsten Geburtstags bekannte er, daß er der Veröffentlichung des „Felix Krull“ nicht „besonders freudig entgegensehe“: „Und das Schlimmste ist, daß mir das Ganze jetzt im Licht des Unfughaften und Unwürdigen erscheint, wenig geeignet, eine öffentliche Stimmung der Ehrerbietung für das Leben des Achtzigjährigen vorzubereiten. Oft denke ich, es wäre mir besser gewesen, wenn ich nach dem ‚Faustus‘ das Zeitliche gesegnet hätte. Das war doch ein Buch von Ernst und Gewalt und hätte ein Lebenswerk gerundet, dessen lose Nachspiele mir oft peinlich-überflüssig erscheinen.“

Der strenge Anspruch zeigt noch einmal, wie er gesehen werden wollte, er, der von sich selber glaubte sagen zu können, er sei „zum Repräsentieren geboren“. Aber sein wirkliches Bild ergibt sich nicht nur aus der Summe seines Werks, sondern auch aus jenen nüchternen Dokumenten, die etwas Licht auf sein alltägliches Leben werfen und die beweisen, daß es sogar ihm widerfahren konnte, aus der Rolle zu fallen. Nichts, was Thomas Mann geschrieben hat, darf uns gleichgültig sein.

Hinweise: Der Beitrag von Marcel Reich-Ranicki ist zuerst erschienen in „Die Zeit“ Nr. 27 am 29. Juni 1973 und wurde später in mehreren Auflagen des zuerst 1987 und zuletzt 2020 erschienen Bandes „Thomas Mann und die Seinen“ unter dem Titel „Die Geschäfte des Großschriftstellers“ mit nur kleinen Änderungen, die hier zum Teil übernommen wurden, neu veröffentlicht. Die erneute Veröffentlichung in literaturkritik.de erfolgt mit Genehmigung von Marcel Reich-Ranickis Erbin Carla Ranicki und seines Nachlassverwalters.