Rundbrief Nr.85 – Buddenbrooks, Jüdischer Friedhof, Jens Peter Otto

Bonn, den 18.4.2026

Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierten an unserer Arbeit,

wenn Sie sich darüber wundern, schon wieder einen Rundbrief zu bekommen, dann hat dies damit zu tun, daß ich kommende Woche in Urlaub fahre – in Richtung Sanary sur Mer – und wir bald danach eine Veranstaltung haben. Mit Herrn Prof. Wißkirchen bin ich nach wie vor auf der Suche nach einem Ausweichtermin.

Am 28.Mai wird uns Dr. Britta Goerke ihr Buch Gleitende Abhänge – Thomas Manns Buddenbrooks und der Aufbruch in die Moderne im Haus an der Redoute in Bad Godesberg vorstellen, wie üblich um 19.00 Uhr. Sie beschreibt den Roman als geniales Erstlingswerk eines noch völlig unbekannten Autors, der noch kein Villenbesitzer war und in häufig wechselnden Wohnsitzen ein Werk schuf, das viel mehr der literarischen Moderne zuzuordnen ist, als man dies gemeinhin tut. Britta Goerke hat bei Prof. Borchmeyer promoviert und entsprechend streng wissenschaftlich und gleichzeitig gut verständlich ist ihr Stil. Sie sieht in den autobiographischen Aspekten nur Futter für eine herausragende fiktionale Leistung des Autor und argumentiert ausschließlich textimmanent, indem sie einzelne Passagen genau in den Blick nimmt. Sie konfrontiert die Hauptfiguren mit Begriffen der Moderne: War Thomas Buddenbrook ein Flaneur? Ein Melancholiker? Verdrängte er heimliche Sehnsüchte? Frau Goerke kommt zu erstaunlichen Antworten, und zuweilen war mir, als wolle sie Thomas Mann gegenüber die Nobelpreisentscheidung begründen: Ja, genau dafür hat er den Nobelpreis verdient.

Das Buch, bei Königshausen & Neumann erschienen, kostet leider 68.- Euro, was auch Frau Goerke bedauert. Nutzen Sie daher die Gelegenheit, die Autorin persönlich kennenzulernen und von ihr eine Zusammenfassung ihrer Thesen vorgetragen zu bekommen. Dies wird Sie nur 15.- Euro kosten! Merken Sie sich den Termin vor. Sie werden bereichert nach Hause gehen.

Unser letzter Stammtisch am 9.April war sehr gut besucht. An einer langen Tafel entwickelten sich zwischen den 15 Teilnehmenden lebendige Gespräche. Der Abend wurde bereichert durch Jens Peter Otto, der uns nach Jahren im Ausland mal wieder beehrte. Seit 2019 stehe ich mit ihm in Kontakt. Vor fünf Jahren, mitten in der Corona- Zeit, berichtete ich in meinen Rundbriefen Nr. 24, 25 und 32 über ihn. Zu dieser Zeit stellte Peter Lange bei uns sein Buch Prag empfing uns als Verwandte vor. Jens Peter Otto hätte Peter Lange eine Vielzahl von weiteren Hinweisen zum Thema Thomas Mann und die Tschechen geben können. Auch daran erinnerte er sich noch nun beim Stammtisch. Wieder sprudelten seine Erzählungen aus ihm heraus, angefangen von seiner ersten Begegnung mit Golo Mann im Saarbrücker Studentenheim bis hin zu seinen vielfältigen Treffen mit Katia und Erika. Ich bin nicht berufen, all diese Geschichten vom Hörensagen weiterzugeben. Vor fünf Jahren schon bat ich ihn, seine Erinnerungen niederzuschreiben. In einem Brief antwortete er darauf wie folgt: … einiges zu ordnen: Ich habe ja, wenn ich bei GM war, mit der Familie in Kilchberg gelebt und GM auf seinen Reisen begleitet (wurde nicht, wie seine „Gespielen“, von ihm vom Haus ferngehalten und vor der Mutter versteckt), habe mit ihm die Personen getroffen, die er traf: Max Frisch, Günter Grass, Hans Habe, Alfred und Gisela Andersch, Ernst Jünger, Ernst Klett, Gräfin Dönhoff, Manuel Gasser, Emmi Oprecht, Graf Coudenhove-Kalergi, Inge und Walter Jens, …, Marie-Luise Kaschnitz, Marianne Oellers, die Familie Mann (außer Thomas und Klaus), Dieter Chenaux-Reponds, Wystan Hugh Auden, Anneliese Poppinga – und vielleicht noch einige. Ich habe kein Tagebuch geführt – leider, wie ich heute vielleicht sagen sollte. Andererseits war ich ja immer nur Begleiter.

Was soll’s, es waren unglaublich anregende Begegnungen, vieles ist vergessen, manches noch da, und Sie rufen es gerade wieder hervor.

In diesem Sinne hoffen wir, daß er seine Erinnerungen, so unvollständig sie auch sein mögen, uns und allen Freunden der Familie Mann doch noch schriftlich zur Verfügung stellt. Ein weiteres Heft in unserer Schriftenreihe haben wir ihm zugesagt.

Die Teilnehmer unserer Jahresmitgliederversammlung hatten schon das Vergnügen, ihn kennenlernen zu dürfen: Herrn Walter Schiffer aus dem Münsterland, der seit einem halben Jahr bei uns Mitglied ist. Vergangene Woche nahm ich an seiner Führung durch die jüdische Abteilung des Godesberger Burgfriedhofs teil. Der studierte Judaist und Theologe gab hochinteressante Einblicke in Kultur, Geschichte und Traditionen des Judentums, einer Religion der Erinnerung, was sich bis in die Grabstätten hinein fortsetzt: Die Inschriften auf den für die Ewigkeit errichteten Stelen erzählen Geschichten, bewahren Erinnerungen.

Herr Schiffer ist auch begeisterter Leser der Josephs-Romane. Die Verknüpfungen liegen nahe. Er ist bereit, für unseren Ortsverein eine solche Führung zu wiederholen.

Bitte signalisieren Sie mir, ob daran Interesse besteht, dann könnten wir ggf. den übernächsten Stammtisch dort oben einläuten und in einer Gaststätte ausklingen lassen.

Unser nächster Stammtisch findet statt am 11. Juni wie üblich um sechs im Delikart.

Ich kehre zurück zum Briefwechsel mit Gottfried Bermann Fischer aus dem letzten Rundbrief. Für zwei Autoren verwendete sich Thomas Mann besonders, die ich hier kurz vorstellen will. Dies war zum einen Friedrich Walter (1902-1989), den für entschieden begabt hielt. Von ihm erschien noch 1939 der Roman Kassandra bei Allert de Lange in Amsterdam.

Geschildert wird die Rückreise des siegreichen Königs aus Troja. Mit von der Partie ist Kassandra, Kriegsbeute und Geliebte sogleich – unter heutigen Gesichtspunkten der weiblichen Selbstbestimmung ist die griechische Mythologie nur schwer zu ertragen. Doch in Mykene wartet Klytämnestra bereits mit gewetztem Messer auf ihren Agamemnon. Kassandra wir von ihrem Götterliebling Apollon gewarnt, erlebt das Blutgericht schon zuvor im Traume, aber wieder glaubt man ihr nicht. Es ist großartig, wie Friedrich Walter diese Passage aus der Ilias in Prosa verwandelt. Eigentlich war er Journalist, der als Dreißigjähriger im Exil sein Auskommen suchen mußte. Er schrieb für Maß und Wert und für die Sammlung von Klaus. Der deutsche Exilverlag Allert de Lange wurde von Walter Landauer geleitet, der sich stets bemühte, einer politischen Konfrontation mit dem „Reich“ aus dem Wege zu gehen.

Dennoch hat man ihn 1943 verhaftet und er ging in Bergen Belsen elend zugrunde.

Das magische Jahr von Joachim Maass (1901 – 1972) erschien zunächst 1944 in New York auf Englisch und Bermann Fischer fragte an, ob Mann darüber ein paar lobende Worte zu Werbezwecken liefern könne. Und er tat’s. Der originäre Brief Thomas Manns ist leider nicht überliefert, aber der Verleger bedankte sich für die gründliche und tiefgreifende Analyse, … die dichterische Schönheit in wenigen Worten sichtbar macht.

Nach den ersten 40 Seiten konnte ich Thomas Mann nur zustimmen. Diese sind kursiv gesetzt und in der ersten Person verfasst: Ein deutscher Exilant lebt einsam in einem verschneiten Haus in den Rocky Mountains, Erinnerungen kommen in ihm hoch an die letzte Liebe in Berlin, an das nächtliche Eindringen der SA in seine Hamburger Wohnung einige Zeit davor. Autobiographische Bezüge liegen nahe; was folgt ist die Beschreibung seiner Kindheit in Hamburg. Maass war nicht nur Bewunderer von Thomas Mann, er hatte auch einen ähnlichen familiären Hintergrund eines wohlhabenden Kaufmannshauses, eines älteren Künstlerbruders, eines Vaters, den geschäftlicher Mißerfolg plagt und darüber schwer krank wird – aber überlebt. Und in der Schule wird strammgestanden und der Bubenhintern tüchtig mit der Rute traktiert.

Thomas Mann wird es genossen haben, wie dieser um eine Generation Jüngere ihm nacheiferte, sogar im hohen Ton der Sprache, aber jedem Satz merkt man an, daß es eben kein Thomas Mann ist. Maass fehlt das Doppelbödige, die unterschwellige Ironie, versucht alles mit Sprachschönheit, mit einem Überschwang von Eigenschafts- und Umstandswörtern zu verkleistern. Der Mann kann schreiben, jedes Kapitel bietet einen Spannungsbogen, oft mit einem „Cliffhanger“ am Ende. Als Entspannungslektüre wohl geeignet, aber ob ich einem Verleger zuraten würde, sich des Buchs anzunehmen? Ich glaube eher nein.

Ich habe das Buch antiquarisch erstanden, die deutschsprachige Erstausgabe vom Bermann-Fischer Verlag Stockholm aus 1945. Der Vorbesitzer war Joachim Kersten (1946, Celle – 2023, Hamburg) Der Eintrag bei Wiki zu ihm liest sich hoch spannend. Er war unter anderem der Nachlaßverwalter von Bloch, Grass, Rühmkorf und Raddatz – und seinen eigenen Büchernachlaß hat er dem Antiquariat Tautenhahn überlassen; Adresse: Beckergrube 83-85, Lübeck – eine uns wohlbekannte…

So darf ich Ihnen nun schöne Frühlingstage wünschen, ich melde mich bald zurück mit Bildern aus Sanary-sur-Mer.

Beste Grüße Ihr Peter Baumgärtner

Fotos: Baumgärtner