Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft,

ich stelle unseren liebgewonnenen Stammtisch wieder an den Anfang des Rundbriefs: Er wird turnusgemäß am 13.August stattfinden, um 18.00 Uhr im Restaurant Delikart im Bonner Landesmuseum. In vierzehn Tagen werde ich wie versprochen nochmals daran erinnern, aber Sie dürfen sich gerne schon jetzt dazu anmelden.
… womit ich auch die Interessierten an unserer Arbeit herzlich grüße!
Ich hatte im letzten Rundbrief auf unsere Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bildungsforum in Bonn aufmerksam gemacht, auf den Vortrag von Prof. Dr. Michael Seewald mit dem Titel: Das Christentum und die Kultur … oder wie lässt es sich im Arbeitszimmer von Thomas Mann denken und schreiben?
https://programm.bildungswerk-ev.de/bildungsforum-bonn/webbasys/index.php?kathaupt=11&knr=2616730008
Ich werde im nächsten Rundbrief nochmals darauf zurückkommen. Gleiches gilt für die Buchvorstellungen von Prof. Hans Wißkirchen am 26.Oktober. Ich bin der Hoffnung, daß ich bei der Jahrestagung schon ein Exemplar von Meine Buddenbrooks ergattern und ihnen etwas mehr Appetit machen kann. Der Vortrag wird jedenfalls in Köln in der Buchhandlung Der andere Buchladen stattfinden.
Genauere Angaben folgen.
Feuilleton
Auf meine Ankündigung zum Erscheinen des Films VATERLAND über Thomas Manns erste Deutschlandreise, hat nach Ulrike Keim sich auch Irmela von der Lühe, die Biographin von Erika Mann, bei mir gemeldet, und die schlichte Frage aufgeworfen, weshalb man sich die Mühe mache, Biographien zu schreiben, wenn sie dann in einem populären Medium wie dem Film wissentlich unbeachtet bleiben?

Und dennoch sind wir alle sehr gespannt auf den Film. Der Verleih ließ mir alle Plakatentwürfe zukommen. Auf das Spiel von Sandra Hüller und Hanns Zischler freue ich mich sehr.
Von einem ganz besonderen Konzerterlebnis möchte ich Ihnen noch berichten:
Am Abend des 28.Juni spielte die diesjährige Gewinnerin des Telekom-Beethoven-Wettbewerbs Ildikó Rozsonits im Kammermusiksaal. Sie eröffnete den Abend mit Opus 111: Ich habe dieses Werk noch nie mit so viel Energie, Differenzierung und Leidenschaft vorgetragen gehört. Ildikó ging auf in der Musik, verkörperte sie. Dann spielte sie noch zwei Virtuosen-Stücke von Liszt und als Zugabe dessen Transkription von Isoldes Liebestod, im steten Wechsel von zarter Eleganz und brutaler Energie.

Feierlich bekam sie am Ende eine Beethoven-Büste überreicht.

Malte Böker, der Direktor des Beethovenhauses meinte danach, sei ein Rohdiamant.
Ildikó Rozsonits kommt aus Budapest und ist gerade 20 Jahre alt geworden. Sie studiert an der dortigen Liszt-Akademie und ist auch schon viel auf Konzertreise. Ich hatte das Glück, mich mit ihr nach dem Konzert in privatem Rahmen noch lange unterhalten zu können. Da war sie dann plötzlich eine ganz normale junge Frau, hoch intelligent und dennoch bescheiden. Vom Doktor Faustus hat sie noch nie etwas gehört, geschweige denn gelesen. Wie sollte sie auch in ihren jungen Jahren, in denen sie Tag für Tag fünf, sechs Stunden am Klavier sitzt. Aber Opus 111, so sagte sie deutlich, das sei das Stück ihres Lebens. Wendell Kretzschmar wäre begeistert von ihr! Ich will damit sagen: Wenn jemand von Ihnen eine Veranstaltung zum Doktor Faustus plant, wäre sie eine Idealbesetzung für den musikalischen Rahmen. Und wenn jemand eine ungarische Ausgabe vom Doktor Faustus zur Verfügung hätte, könnte ich diese Ildikó zukommen lassen.
Im letzten Rundbrief berichtete ich Ihnen bereits von der Ausstellung zu Leben und Werk von Ludwig Schwerin (1897-1983) im Bezirksmuseum Buchen.
Inzwischen bin ich dort gewesen und will gleich eingangs hervorheben, daß ich dort sehr herzlich empfangen wurde und darüber ins Staunen geriet, wie seit über 40 Jahren in diesem kleinen Odenwaldstädtchen von einem Geschichtsverein Erinnerungsarbeit an diesen nicht unbedeutenden Sohn der Stadt betrieben wird. Seit 1985 gab der Verein des Bezirksmuseums Buchen eine ganze Reihe von Publikationen zu Leben und Wirken Ludwig Schwerins heraus. Ich versuche aus all diesen seine Biographie zu skizzieren:
Als Sohn eines jüdischen Religionslehrers wird er mit achtzehn Jahren zu den Waffen gerufen und muß drei Jahre lang die Grausamkeiten und den Wahn des Krieges erleben. Danach ist er an der Kunstgewerbeschule in Karlsruhe begeistert von seinem Lehrer Gustav Wolf, der ein gefragter Buchillustrator war. 1921 siedelt er nach München über und kommt dort bald in Kontakt zu Hermann Hesse und darf dessen bei S. Fischer erschienene Erzählung Knulp mit einer Illustration bereichern. Es ist ein umfangreicher Briefwechsel mit zwischen Schwerin und Hesse erhalten, bei dem der um zwanzig Jahre jüngere oft Stütze und Halt bei dem bereits bekannten Dichter sucht.

In München hat Schwerin beruflich seine erfolgreichste Zeit, ist häufig von Zeitschriften und Zeitungen als Illustrator gefragt, lernt so 1925 auch Stefan Zweig kennen, 1928 den Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde und schließlich 1930 Thomas Mann. Von den drei letztgenannten fertigt er auch Porträts in unterschiedlichen Techniken und in allen ist seine Meisterschaft zu erkennen.
1932 siedelt Schwerin nach Berlin über, harrt dort viel zu lange aus und gelangt 1939 in größter Not auf abenteuerlichem Wege nach Palästina, wo er recht bald eine Dozentenstelle an einer Kunstschule bekommt. Sein Staunen über seine neue Lebenswelt findet seinen Ausdruck in vielen Landschaftsbildern, Skizzen aus der Altstadt von Jerusalem, 1947 bedankt sich Thomas Mann bei ihm für die Skizze mit dem Eselchen – es sei köstlich.
Er erfährt schnell breite Anerkennung und bekommt 1958 eine Einzelausstellung in Tel Aviv. Auch hier ist er bei Zeitschriften als Illustrator gefragt, so auch beim Eichmann-Prozeß 1961.


Mit religiösen Themen beschäftigt sich Schwerin schon in jungen Jahren, keinesfalls nur alttestamentarischen und stets mit einer ironischen Distanz. So erscheinen 1934 Die Denkwürdigkeiten des widerspenstigen Propheten Jona – genau wie in der Bibel erzählt, illustriert von Ludwig Schwerin – Sieht er sich auch gefangen im Bauch des braunen Berlin? In diesem Sinne muß man auch Das Buch Tobias lesen, das noch 1937 in der Jüdischen Buch-Vereinigung Berlin er- scheint, einem apokryphen Text der Bibel, der nicht zum jüdischen Kanon gehört, in dessen märchenhafter Geschichte aber der Erzengel Raphael Tobias errettet und ihm ein Zauber- mittel wider die Dämonen übergibt.
Wer würde bei diesem Umgang mit den biblischen Texten nicht an Thomas Mann denken? Schwerin gehört auch zu den frühen Lesern der Josephsromane, und er berichtet aus Tel Aviv nach Pacific Palisades von der Rezeption von Joseph in Ägypten. Thomas Mann bedankt sich im Mai 1941 dafür, daß man im Jordanlande meine Arbeit so aufmerksam und sympathisch verfolgt. … Es ist schön, jetzt an einem solchen Menschheitsbuch zu schreiben, wie der „Joseph“ es schließlich ist. Die Menschheit steht vor großen Entscheidungen. Sie kann weit zurückgeworfen werden, kann aber auch auf einmal einen großen Schritt vorwärts tun in ihrer sozialen Entwicklung. Hoffen wir!
1944 drängelt Schwerin, auch ein Exemplar von Joseph der Ernährer zu bekommen, was in diesen Zeiten kein leichtes Unterfangen ist. In einem Brief bedauert Thomas Mann, daß auch er kein Exemplar zur Hand hätte, das er ihm schicken könne und ermahnt ihn, dass Sie es aber auf Deutsch lesen und nicht auf Englisch, muss ich dringend wünschen, denn die englische Übersetzung ist zwar so gut, wie eine Übersetzung sein kann, bleibt aber eben doch nur ein Schatten des Originals.
Die Briefe, aus denen ich hier zitierte, stiftete Ludwig Schwerin 1975 dem Thomas Mann Archiv in Zürich und 1985 gestattete Golo Mann den Heimatblättern von Buchen deren Abdruck.

Im Brief vom Oktober 1944 schreibt Thomas Mann zudem: Es war mir ein Vergnügen, von unserem Porträtisten aus der Münchener Poschingerstraße wieder zu hören. Ich freue mich, daß wenigstens Sie noch im Besitz jener Holzschnitte sind. Mir sind sie, wie so vieles andere, auf der Wanderung abhanden gekommen.
Nach dessen Tod kondolierte Schwerin offenbar nach Zürich, denn ein Jahr später trifft dort der verschollene Holzschnitt mit dem Porträt Thomas Manns ein, versehen mit der Widmung an Erika Mann mit herzlichem Dank für ‚Das letzte Jahr‘. Juli 1956. Und Erika schreibt direkt zurück: …Mein Vater ist häufig gezeichnet oder gemalt worden, aber meis- tens vermochten wir ihn nicht so recht zu erkennen… Sie haben von seinem Wesen so vieles eingefangen, und sein Aussehen zu jener Zeit so überzeugend wiedergegeben, daß Ihre Gabe uns einen wirklichen Gewinn bedeutet.

Unser Freund Jürgen Quasner schickte mir vor geraumer Zeit ein Zitat aus den Tagebüchern Kurt Tucholskys 1925-28, – der nun wahrlich kein Freund Thomas Manns war – in dem dieser bei der Lektüre von Sinclair Lewis‘ Roman Babbit (1922) notierte: Dies seien die Amerikanischen Buddenbrooks – was mich natürlich neugierig machte und ich mir dieses Buch unverzüglich besorgte – es ist bei Manesse 2017 in einer schönen Ausgabe neu aufgelegt worden.
Und ich konnte feststellen: Tucholsky hatte recht. Wenn man die Schicksale von Thomas Buddenbrook und George Babbitt nebeneinander legt, dann fallen viele Parallelen auf: Aufstrebende Geschäftsleute in mittlerem Alter, Kinder, die nicht so wollen wie der Vater, der Drang nach gesellschaftlicher Anerkennung höherer Kreise bis hin zum Zweifel am eigenen Tun. Als amerikanischer Erzähler hat er keine Scheu davor, in recht einfacher Sprache sein Publikum unterhalten zu wollen, seinen Sarkasmus setzt er gezielt und treffsicher ein und immer wieder gelingt es ihm, genau wie Thomas Mann, die Untiefen der menschlichen Seele auszuloten.
Sinclair Lewis erhielt für Babbit 1930 den Nobel- preis für Literatur, ein Jahr nach Thomas Mann, und ich bin mir sicher, daß in den Feuilletons Anfang der 30er Jahre diese beiden großen Romane mehrfach verglichen wurden, ein Umstand, den Tuchi schon viel früher erkannte.

Auf Thomas Manns erster Amerikareise 1934 wurde ihm zu Ehren an seinem 59. Geburtstag am 6. Juni ein Testimonial Dinner im Hotel Savoy Plaza gege- ben, bei dem auch Lewis zu Gast war, der ihm hernach telegraphierte: »As long as T.M. writes in the German language the world will not forget its debt to the people and the culture that produced him.« So Thomas Mann stolz in einem Brief an Bermann- Fischer vom 21.Juni, und darin weiter: Seine Frau, Dorothy Thompson hat im »New York Herald« besonders schön und günstig über den »Joseph« geschrieben. Dorothy Thompson, die in Wien studiert hatte, kannte Thomas Mann schon aus Deutschland. Das Verhältnis zu ihr wäre in einem eigenen Kapitel zu beleuchten. Lewis und Mann begegneten sich im- mer wieder auf den Lecture-Tours. 1935 veröffentlichte Lewis mit Blick auf Deutschland seinen satirischen Roman: It Can’t Happen Here. Als Donald Trump 2016 erstmals als Präsident kandidierte, wurde das Buch in den USA neu aufgelegt. Es erzielte hohe Auflagen.
Ich wünsche Ihnen, kühle und regnerische Tage, hoffe, beim Stammtisch Sie zu treffen und verbleibe mit den besten Grüßen
Ihr Peter Baumgärtner
Fotos: Baumgärtner, Verein Bezirksmuseum Buchen e.V.
