Kurzmitteilungen

  • Rundbrief Nr. 54

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    vergangenen Sonntag durften wir einen wunderbaren Tristan-Abend im Woelfl-Haus erleben. Es war weit mehr als eine Lesung, die meine Co-Vorsitzende Frauke May- Jones mit ihrem Partner Philip Stemann präsentierten, es war vielmehr eine musi- kalischliterarische Vorstellung. Der Abend wurde eingeleitet, untermalt und gegliedert von Musikeinspielungen und der Text im Wechsel von den beiden gelesen, wobei Stemann stets die Rolle von Spinell übernahm und May-Jones jene von Frau Klöterjahn und Herrn Klöterjahn im fliegenden Wechsel, die eine mit piepsend- verletztem Stimmchen und die andere dunkel-polternd. Es war eine wunderbare Verschmelzung von Literatur, Musik und Schauspiel, und damit – gerade für diesen ausnehmend knapp bemessenen Thomas-Mann-Text eine treffliche Art der Literaturvermittlung.

    Man spürte, wieviel Vorbereitung und Übung die beiden investiert hatten. Leider war der Abend nur spärlich besetzt. Einige Gäste verfolgten die Vorstellung aus der Ferne, ihnen wurde Bild und Ton zeitgleich auf den heimischen Bildschirm zugespielt. Auch Sie, meine sehr verehrten Damen und Herrn, haben noch die Chance, die Vorstellung – zeitversetzt – zu erleben. Über die Seite Woelfl-Haus Bonn – Tristan (woelflhaus.de) können Sie sich noch ein Streaming-Ticket erwerben. Dies würde sowohl Ihrem Genuß und Ihrer Erbauung dienen als auch dem Kontostand unseres Ortsvereins. Ich würde einen solchen Abend nie als defizitär bezeichnen – er war ein Gewinn allemal – aber mehrere Veranstaltungen in dieser Art können wir uns in einem Jahr nicht leisten.

    Daher habe ich bislang noch davon abgesehen, die Schauspielerin Johanna Krumstroh und den Vibraphonisten Oli Bott mit ihrem Literaturkonzert „Die Buddenbrooks und die Musik“ einzuladen (siehe Rundbrief Nr.50).

    Es ist anzufügen, daß unser kölsches Bremer Mädchen Frauke May-Jones und ihr Bremer Partner Philip Stemann gerne mit ihrer Lesung Gastspiele in anderen Orten in diesem weiten Land wahrnehmen würden. Nicht nur Thomas-Mann-Verehrer kämen auf ihre Kosten, Richard-Wagner-Fans dürfen sich gleichermaßen angesprochen fühlen.

    Feuilleton

    Die ‚Burleske‘ Tristan wirkt sowohl hinsichtlich des Inhalts wie auch des Spielorts wie eine Fingerübung zum Zauberberg. Die am letzten Sonntag anwesenden Mitglieder unseres Ortsvereins fragten sich, woher Thomas Mann schon um die Jahrhundertwende die Expertise nahm, einen solchen Höhenluftkurort plastisch zu beschreiben, eben lange vor dem Zauberberg und den berühmten Visiten Thomas Manns bei seiner maladen Katia in Davos. In Borchmeyers Bibel fand ich viel zu den mythologischen Bezügen des Tristan-Textes, aber nichts zum Handlungsort. In Harpprechts noch dickerem Kompendium ist die Geschichte eingewickelt in Thomas Manns geheimnisvolle erotische Sondierungen zum eigenen Geschlecht, aber auch nichts zur Lokalität der Handlung. In der Thomas Mann Chronik entdeckte ich allerdings, daß er im Sommer 1901 auf dem Rückweg aus Italien in der Nähe von Meran im Mitterbad im Ultental Station machte. Diese Badeanstalt ist leider seit 50 Jahren dem Verfall preisgegeben und liegt hoch in den Bergen von Bozen in Südtirol und gehörte damals noch zur K&K-Monarchie Österreich- Ungarn. Der leitende Arzt in Mitterbad war Dr. Christoph Hartung von Hartungen – ein Name, wie ihn Thomas Mann nicht besser hätte erfinden können. Er war in damaligen Künstlerkreisen sehr beliebt (Christian Morgenstern soll in seinen Armen gestorben sein), und die jungen Herren Heinrich und Thomas waren bei ihm häufig zu Gast. Zu Doktor Leander konnte ich leider keine Ähnlichkeiten feststellen. Auf Wikipedia kann man einige interessante Entdeckungen dazu machen.

    Hinsichtlich des ‚mineralischen‘ Namens des „verwesten Säuglings“ Spinell sprach ich den uns wohlbekannten Goldschmied Hans-Joachim Weingarz an, in dessen Ladengeschäft vor einigen Jahren schon eine Veranstaltung unseres Ortsvereins stattfand. Ich habe ihn auf den Halbedelstein ‚Spinell‘ angesprochen und wurde wie folgt belehrt:

    Also, mit dem Halbedelstein ist es folgendermaßen bestellt. In den Fünfzigern hat eine internationale Normungskommission (cibjo) vom Begriff des Halbedelsteins Abstand genommen, weil man nicht wusste, wie man sogenannte Edelsteine von Halbedelsteinen trennen soll. Seit den 1880gern konnte man Rubine von Spinellen unterscheiden und mußte feststellen, daß in den schräbbeligen britischen Kronjuwelen viele Rubine Spinelle sind. Schade, schade. Aber so schlimm können die Dinger nicht sein. Wir könnten Dir, für welchen Zweck auch immer, eine sehr schöne und edle Spinellkette verkaufen. Spinell war allerdings auch das Material, welches man als erstes synthetisches Mineral produzieren konnte. Alle blauen Aquamarine in Oma’s Silberschmuck sind synthetische Spinelle. Mit dem echten nicht zu verwechseln…

    Bevor Sie nun ihre Schmuckschatullen durchwühlen, bitte ich noch den Hinweis der Eheleute Volhard zur Kenntnis zu nehmen: Sie erinnerten daran, daß im Jahre 2005 im Kursaal von Travemünde in Gedenken an den fünfzigsten Todestag von Thomas Mann eine Sondersendung des Literarischen Quartetts aufgezeichnet wurde, die man noch im Netz abrufen kann: https://youtu.be/38WwVNI9LyI

    Ich genoß das Filmchen, schwelgte in Erinnerungen an diese unterhaltsame wie zwiespältige Reich-Ranicki-Show. Gegenstand damals waren nicht die großen Romane Thomas Manns, sondern dessen frühe Erzählungen – und der Tristan wurde zuerst behandelt. In dieser Sendung versuchte Iris Radisch dem großen Meister Paroli zu bieten, (von wegen: Text aus den üblichen Thomas-Mann‘schen Schubkästen: Hanseatische Kaufmannschaft im Gegensatz zum Künstlertum, Musik und Todessehnsucht) wurde aber erfolgreich von Reich-Ranicki pariert, dessen Worte ich nicht wiederzugeben wage: Gönnen Sie sich den Spaß!

    Auch unser Mitglied Marcus Pfeifer hat von seiner niederrheinischen Heimat aus den Tristan verfolgt und zeigte sich in einer Mail sehr zufrieden damit. Beim Hören des Textes fühlte er sich an Heines Gedicht „Im Hafen“ erinnert, das er vor einigen Wochen beim Lyrik-Marathon in Düsseldorf verlesen hatte, zumal es dort um ein Erlebnis im Bremer Ratskeller geht, dem auch Spinell einen Besuch abgestattet haben will. Allerdings nahm Heine nicht den Modergeruch wahr, sondern den Rosenduft des Weins, Lebenslust statt Todessehnsucht. Lag gerade darin für Thomas Mann der Wert Heines? War Heine sein Gegengewicht zur Schwermut Schopenhauers oder zu Isoldes Liebestod im Tristan.

    Veranstaltungshinweis

    Ich erinnere gerne nochmals an die Einladung von Frau Dr. Ulrike Keim zur Vorstellung ihrer Gumpert-Biographie in ihrem Hause: Sie lädt ein zur

    Matinee am Sonntag, den 27.August um 11.00 Uhr

    in Bonn-Kessenich, Bergstraße 136

    Es liegen schon einige Anmeldungen vor – es können gerne noch einige mehr werden. Anmeldungen, wie gesagt, bitte an mich – besten Dank.

    Seien Sie herzlich gegrüßt Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 53

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    in vier Wochen ist es so weit: Frauke May-Jones wird am 23.Juli 2023 im Woelfl- Haus uns einen Tristan-Abend präsentieren.

    Die Opern- und Konzertsängerin und Sprecherin wird zusammen mit Philip Stemann (Theaterregisseur, Autor, Sprecher) die Erzählung „Tristan“ lesen und mit viel Musik begleiten! Auszüge aus Wagners „Tristan“, der „Walküre“, seinen „Wesendonck– Liedern“ (eingesungen von Frauke May-Jones) und Klaviermusik Chopins, werden die Lesung musik-dramatisch ergänzen.

    „Es war die Zeit der Maienblüte meiner Begeisterung für das „“Opus metaphysicum“ (Tristan und Isolde),(…). Aber Musikbeschreibung war immer meine Schwäche (und Stärke?)“….so Thomas Mann 1953.

    In seinem schon 1901 dem Bruder Heinrich angekündigten Plan einer „Burleske“ mit dem Titel „Tristan“, wird Thomas Mann, wie später noch so oft „(…) so viel Musik machen, als man ohne Musik füglich machen kann“. Gleichzeitig tiefernst in der vorm geistigen Ohr erklingende Musik der Burleske und ironisch, wenn sie schweigt, folgt er Nietzsches Forderung, die Mythen Wagners ins Bürgerliche zu übersetzen. Eine Literarisierung der Musik Wagners im dichten Gewebe von Manns Worten.

    Die Veranstaltung wird auch gestreamt. Ich bitte darum, sich dort auch unmittelbar an- zumelden und ein Ticket vorab zu erwerben, da die Anzahl der Sitzplätze beschränkt ist.

    Dann habe ich die besondere Freude, die Einladung der Autorin der Biographie von Martin Gumpert Frau Dr. Ulrike Keim an dieser Stelle anzukündigen: Sie lädt ein zur Matinee am Sonntag, den 27.August um 11.00 Uhr zu sich nach Hause in Bonn Kessenich, Bergstraße 136. Sie wird bei der Vorstellung ihres Buchs:

    Ein außergewöhnliches Leben in zwei Welten – Der Arzt, Dichter, Forscher und Schriftsteller Martin Gumpert“ einen besonderen Schwerpunkt auf dessen Verhältnis zu Thomas und Erika Mann setzen. Im Rundbrief Nr.44 habe ich auf die Vorzüge dieses Buchs schon ausführlich hingewiesen, diesen Text habe ich nochmals angehängt. Sie kann bis zu 16 Gäste empfangen. Anmeldungen bitte an mich – es wird sicher eine sehr aufschlußreiche Begegnung für uns werden. Ich danke Frau Keim an dieser Stelle schon für Ihre Großzügigkeit.

    Eine ganz besondere Veranstaltung findet in Wiesbaden statt: Die Thomas-Morus- Akademie lädt ein zum Seminar: Und das Wunderbare war ich – Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ 31. August bis 3. September 2023

    Als Referenten sind neben anderen die Leiterin des Buddenbrook-Hauses Frau Dr. Birte Lipinski und „unser‘ Präsident Prof. Dr. Hans Wißkirchen geladen. Nähere Informationen finden Sie unter tma-bensberg.de

    Im letzten Rundbrief hatte ich Sie auf die Aufführung von „Mario und der Zauberer“ im Schauspielhaus hingewiesen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Es war in jeder Hinsicht großartig! Der Saal war voll, der Applaus am Ende wollte kein Ende finden. Die Schülerinnen und Schüler des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums haben sich die Theater- Adaption des Stücks selbst erarbeitet, ein ganzes Jahr geprobt und eine Aufführung zu- stande gebracht, die Thomas Manns Sprache leuchten ließ und dem Inhalt der Novelle vollständig gerecht wurde: Die Aspekte der faschistischen Ausgrenzung von Fremden und der Verführbarkeit des Menschen wurden hervorragend herausgearbeitet. Es ist ein Jammer, daß nur eine Aufführung stattfinden konnte, es ist eine Freude zu sehen, daß Thomas Mann für die Schule noch nicht verloren ist. Dieser Abend bescherte ihm sicher viele neue Leser!

    Feuilleton

    Bevor ich Ihnen noch zwei Bücher anempfehle, möchte Sie in kleinen Ansätzen an der vielfältigen Korrespondenz mit unserem Mitglied Jürgen Quasner aus dem tiefen Süden unseres Landes teilhaben lassen. Da es mir immer wieder eine Freude ist, seine mit feiner Ironie gesetzten Briefe zu lesen, bat ich darum, ihn in meinem Rundbrief zitieren zu dürfen, was er gestattete.

    Im ersten Jahrbuch unserer Gesellschaft von 1988 fand er in dem sehr lesenswerten Beitrag von Heinz Gockel mit dem Titel „Faust im Faustus“ das Briefzitat Thomas Manns

    Aber der Dr. Faustus ist gar nicht mein Faust, sondern das ist eher der ‚Josef‘.“ Quasner schreibt dazu:

    Die hier zitierte Briefstelle an Hausmann habe ich in den „Selbstkommentaren“ auch gefunden. Wenn Th. Mann nach der „Lotte“ Goethe nicht mehr als Gestalt in seinen eigenen Werken darstellt, befaßt er sich umso mehr mit Exzellenz in Reden und Essays. Am meisten interessiert mich, wie er dazu kommt, Joseph seinen Faust zu nennen.

    Dazu würde ich anführen:

    1. die ausgedehnte Lebensfahrt von beiden, die Begegnung mit allen Sphären oder zum Teil deren Durchdringung, deren Aneignung, ihre besonderen Fähigkeiten, der hoch kompetente Gelehrte versus Traumdeuter mit staatsmännischer Karriere.
    2. Unter Gefahren die Erlösung des Teufelsbündners dank seines Strebens, bei Joseph der denkbar höchste Aufstieg eines Migranten, ohne die von den Juden nicht eingeführte Erlösung;
    3. Die Figuren zeigen wesentliche Unterschiede. Faust hat keine Familie, keine Verwandten, verführt aus Frust Gretchen und stürzt sie ins Unglück; Joseph wird verführt, verleumdet, eingesperrt und siedelt später seine ganze Sippe als Volk Israel an.
    4. Das mystische Brimborium am Ende von Faust II: für den alten Goethe als Wunschtraum für sich selbst, für uns heute unzumutbar, obsolet, der ganze Joseph bis heute frisch, weniger fromm als fröhlich frei, die integrierende Überwindung von Felix Krull, Joseph als der stärker gleißende Hochstapler, Th. Manns eigenes unerreichtes Wunschbild …

    So far so good?

    Und einige Tage später legte er nach:

    Th. Mann betont in einem Brief vom 8.5.40 an Menno ter Braak, er habe vorher „nie so eifrig und genau alles gesammelt, was mir schriftlich und gedruckt über ein Buch vor Augen kam.“ Er meint seine „Lotte“, in der englischen Übersetzung „The beloved returns“, „noch der beste“ Titel, „weil er der spirituellste ist und die Idee der Wiederkehr überhaupt durchschimmern läßt“ (Selbstkommentare S. 58). Und jetzt kommt‘s, daß gerade dieser „Roman“ – hier in feet of geese – in seiner „Langweiligkeit durch eine gewisse Aufregung balanciert wird, die die Realisierung des Mythos mit sich bringt“.

    So rückt auch die „Lotte“ mit „Joseph“ zusammen, wo auch allerlei balanciert wird, und Th. Mann verspürt „leichten Unmut“, daß gerade dieser Roman in Deutschland nicht erscheinen kann. Den leichten Unmut darf man wohl als beherrschten Zorn interpretieren.

    Bei der Veranstaltung mit Frau Dr. Bensch wurde ich auf den 2008 erschienenen Roman vom Martin Walser ‚Ein liebender Mann‘ aufmerksam gemacht. Es ist ein toller Roman, wie ich finde: Goethe wird keineswegs der Peinlichkeit ausgesetzt, wie dies in Thomas Manns Umgebung gemutmaßt hatte, und er dann den ‚Tod in Venedig‘ vorzog zu schreiben, aber wahrscheinlich waren Aschenbachs Neigungen ihm auch näher als jene Goethes. Zurück zu Walser. Seine Darstellung Goethes ist respektvoll, eine gelungene Mischung von ‚Condition humaine‘ und ‚Comédie humaine‘; es gibt keine schlüpfrigen Altherrengedanken sondern überzeugende Dialoge. Walser liefert das Portrait einer selbstbewussten jungen Frau, einer ‚Contresse‘, einer Frau, die wagte, zu widerspre- chen, das letzte Wort zu haben, die Goethe genau deshalb liebt, sicher auch, weil sie ein hübsches Äußeres hat. Solch devoten Schmetterlinge umflattern den Meister zuhauf, aber die lassen ihn kalt. Walser gelingen wundervolle Sätze für Goethe, so etwa

    Ich bin ein Kartenhaus, das behauptet, eine Festung zu sein“. In den letzten Kapiteln wird aus den Versuchen, einen Goethe zu erschaffen eine recht unverhohlene Selbstdarstellung des alten Alphamannes Walser, der Auseinandersetzung mit dem, was nicht mehr ist, wie es war. Aber auch das paßt, ist glaubhaft auch für Goethe. All dies hat auch Thomas Mann getrieben, wenn er seinen Schiller in „Schwere Stunde“ sagen ließ, wie er zu Goethe stehe…

    Nur mittelbar mit Thomas Mann zu tun hat folgende Entdeckung: Beatrice Harraden: Wie Schiffe in der Nacht. Ein schmaler Roman, keine 150 Seiten stark:

    Eine in heiterem Ton melancholisch-traurige Liebesgeschichte, die Begegnung zweier einsamer Menschen in einem Schweizer Lungensanatorium, zwei Menschen finden sich wie zwei Schiffe in der Nacht, nehmen kurz voneinander Notiz in der unendlichen Dunkelheit und Weite des Meeres und des Lebens. Es liest sich, wie ein Skizzenbuch zum Zauberberg: die Hauptfigur, ein Mr Alliston, weilt sieben Jahre dort oben, erscheint wie eine Mischung aus Hans Castorp und Hofrat Behrens und wird allerseits nur als ‚der unangenehme Mensch‘ bezeichnet wird, erfährt zum ersten Mal so etwas wie Liebe zur weiblichen Hauptfigur, einer gewissen Bernadine, die man als Selbstbild der frauenbewegten Autorin sehen kann, und ein holländischer Mynheer nimmt sich das

    Leben. Allein, der Roman erschien 30 Jahre vor dem Zauberberg, wurde im englischen Sprachraum zum Million-Seller, erst 1921 erschien eine deutsche Ausgabe. Nicht auszuschließen, daß er in Davos auslag, als Katia dort in Kur war und von ihrem Mann besucht wurde. Nachweisen läßt sich nichts. Außerdem entspricht es nicht meiner Vorstellungswelt, daß Thomas Mann das Buch einer Suffragette in die Hand genommen haben soll…

    Aber ganz seitab von diesen Thomas-Mann-Bezügen: Es ist ein hoch lesenswertes Büchlein, das mich ein wenig an Tucholskys Schloß Gripsholm erinnert hat. Es wurde nun neu übersetzt und erschien in dem wunderbaren Kleinverlag Edition A-B-Fischer aus Berlin, der von Angelika und Bernd Fischer betrieben wird.

    Seien Sie herzlich gegrüßt Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 52 + Bericht von der Buchvorstellung von Hanjo Kestings „Thomas Mann – Glanz und Qual“

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    man hatte mich darauf aufmerksam gemacht, daß ich mich bei meinen Rundbriefen kürzer fassen solle, um deren Lesefreundlichkeit zu erhöhen. Dieser Aufforderung komme ich gerne nach – daher werden die Rundbriefe nun häufiger kommen, denn es gibt allerhand Buchenswertes:

    Der Vortrag von Frau Dr. Bensch im Hause von Volker Schlegel zum Thema „Thomas Manns Goethe-Rezeption“ war ein voller Erfolg: Das Wohnzimmer voll, der Vortrag frei und offen für Zwischenfragen. Es entwickelte sich eine entspannte Atmosphäre, vielerlei Anregungen wurden gegeben. Der Inhalt des Vortrags läßt sich mit zwei Zitaten auf den Punkt bringen: Zum einen mit einer Phrase aus Thomas Manns Schiller-Novelle „Schwere Stunde“ (1905), die auch Frau Bensch hervorhob und die im Text gleich zweimal vorkommt: „… an den dort in Weimar, den er mit einer sehn- süchtigen Feindschaft liebte.“ Und zum andern mit einer Bemerkung Hermann Kurzkes, Thomas Mann habe in dieser Novelle „…eine Psychopathologie der Größe entwickelt, die er nicht an Schiller, sondern an sich selbst studiert hat…“ Man darf auch lächeln über den großen Meister… Ich dankte jedenfalls im Namen des Vereins Frau Dr. Bensch für ihr tolles Referat über ein unerschöpfliches Thema, den Anwesenden für die rege Teilnahme und vor allem dem Gastgeber Herrn Schlegel, der uns in einfacher Art und Weise köstlich verwöhnte. Unter den Teilnehmern wurden schon Anregungen ausge- tauscht für weitere Veranstaltungen im privaten Kreis. Wir dürfen gespannt sein.

    Frauke May-Jones nutzte die Gelegenheit, auf Ihre Veranstaltung am 23.Juli 2023 im Woelfl-Haus hinzuweisen, auf den Tristan-Abend, den sie zusammen mit Philip Stemann präsentieren wird. Sie werden die Erzählung „Tristan“ lesen und mit viel Musik begleiten! Weitere Details folgen. Merken Sie sich diesen Termin vor. Die Veranstaltung wir auch gestreamt werden, also auch an einem fernen Urlaubsort genossen werden können.

    Bei der Buchvorstellung von Hanjo Kestings „Thomas Mann – Glanz und Qual“ in der Buchhandlung Böttger waren eine Reihe von Mitgliedern anwesend. Herr Thomas Kempken war so nett, uns von der Veranstaltung zu berichten. Seinen Brief finden Sie im Anhang.

    Auf eine weitere in naher Zukunft stattfindende Veranstaltung darf ich Sie hinweisen: Am 8. Juni 2023 (Fronleichnam), um 18.00 Uhr findet im Schauspielhaus Bad Godesberg die Aufführung des Theaterstücks „Mario und der Zauberer“ – frei nach Thomas Manns Novelle – statt. Schülerinnen und Schüler des Ernst-Moritz-Arndt-Gym- nasiums haben im Rahmen des Schultheaterfestivals „Spotlights“ sich an diese Insze- nierung gewagt und dürfen sogleich in das große Haus! Eine tolle Sache! Eintrittskarten können über die üblichen Vorverkaufsstellen (derticketservice.de) erworben werden, oder gehen Sie einfach auf ema-bonn.de – dann erfahren Sie schnell weitere Einzel- heiten. Ich wünsche schon jetzt den jungen Leuten viel Erfolg!

    Feuilleton

    Den Hinweis zu dieser Mario-Aufführung erhielt ich übrigens von Frau Einecke-Klöve- korn, der Vorsitzenden der Bonner Theatergemeinde, mit der wir die Zusammenarbeit verstärken sollten. Frau Einecke-Klövekorn ist zudem gerne bereit, an dem Über- setzungsprojekt von der ‚Hommage de la France à Thomas Mann‘ mitzuwirken.

    Nun sind es bereits fünf Interessenten, die sich bei mir gemeldet haben. Um das Interesse noch weiter zu schüren, habe ich die Titelseiten, die Namen der Gratulanten und die Überschriften der Texte in meine Textverarbeitung übertragen. Ich habe mich dabei bemüht, die sehr ausgepichte Typographie der Herren Flinker so genau als mög- lich nachzuempfinden. Den kürzesten Text des Buches „L’Allemagne peut le remercier“ habe ich daher probehalber als Rohübersetzung eingefügt. Bei allen anderen Beiträgen finden Sie unter jeder Überschrift die ersten Zeilen des Schlumberger-Textes als Platz- halter. Das so konzipierte Blanko des Buchs finden Sie im Anhang. Gönnen Sie sich das Vergnügen, die schillernden Namen der Gratulanten durchzulesen! Beim Abend bei Herrn Schlegel deutete unser Mitglied Herr Pfeifer an, daß er sich gerne mit dem Text von Marguerite Yourcenar befassen würde. Dagegen habe ich keine Einwendungen – es ist mithin der längste Text des Bandes. Sollte Sie der Name eines Autors oder eine Überschrift reizen, erhalten Sie von mir umgehend den entsprechenden Text als Scan zugeschickt. Das Ganze wird sicher ein wunderbares Abendteuer!

    Seien Sie herzlich gegrüßt Ihr Peter Baumgärtner


    Bericht von der Buchvorstellung von Hanjo Kestings „Thomas Mann – Glanz und Qual“

    Guten Tag Herr Baumgärtner,

    bezüglich Ihrer Frage aus dem Rundbrief

    „Eine Frage in die Runde: Hanjo Kesting war vergangenen Freitag zur Buchvorstellung von „Thomas Mann – Glanz und Qual“ in der Buchhandlung Böttger. Kann jemand von dem Abend berichten?“

    kann ich Ihnen das Folgende mitteilen:

    Neben mir waren am Freitagabend, den 05.05. auch einige Mitglieder der Thomas Mann- Gesellschaft in der Buchhandlung Böttger zu Gast.

    Das Ladenlokal der schmucken Buchhandlung war voll besetzt, worüber sich sowohl Herr Kesting als auch Herr Böttger erfreut äußerten. Allerdings beklagte Herr Böttger ein wenig die schwierige Planbarkeit dieser Veranstaltungen, sofern Interessenten nicht im Vorverkauf die Tickets erwürben, sondern an der Tageskasse. Vielleicht ist das eine kleine Anmerkung, zum Beispiel im nächsten Rundbrief, wert.

    Die Veranstaltung begann pünktlich um 20.00 Uhr, und nach kurzer Vorstellung und Dank des Herrn Böttger begann Herr Kesting einleitend über sein Werk zu sprechen, seine Beweggründe und den Inhalt des Buches, das keineswegs eine Biographie, sondern eher dazu geeignet sei, Einsichten näherzubringen und (Lebens-)Entwicklungen aufzuzeigen. Es wurden mehrere Passagen aus dem Buche vorgelesen, darunter aus dem Vorwort, aus dem mit dem Titel „Werkfahrten“ überschriebenen Kapitel sowie aus den Tagebüchern Thomas Manns („Lebensfahrten“) und den Briefwechseln zwischen den Brüdern Thomas und Heinrich Mann („Querfahrten“).

    Herr Kesting las dabei nicht nur vor, sondern mühte sich, Hintergründe zu vermitteln und seine Ansätze zu erläutern. Sich dabei ergebende Fragen aus dem Auditorium wurden bereitwillig und ausführlich beantwortet bzw. diskutiert. So ergab sich zum Beispiel auch die etwas heikle, eher allgemein auf klassische und/oder moderne klassische Literatur abzielende Frage aus dem Auditorium, inwieweit ausgerechnet sie in der heutigen (häufig auf elektronischen Kommunikation und Freizeitgestaltung basierenden) Zeit insbesondere an die jüngere Generation vermittelbar und wie jene dafür zu begeistern sei, einen zum Beispiel 800 Seiten starken Roman zu lesen. Die sich anschließende Diskussion erbrachte verständlicherweise kein Patentrezept, jedoch eine durchaus interessante Diskussion über Ursachen und mögliche Lösungsansätze.

    Insgesamt, so muss ich für mich persönlich feststellen, war der Abend außerordentlich bereichernd, zumal ich das Buch bereits gelesen hatte. Ich habe die Lesung durch den Autor als sehr angenehm empfunden, und dabei neben seiner anerkannten Kompetenz vor allem auch seine Hintergrunderläuterungen geschätzt. Am Ende der Lesung nahm er sich Zeit, einige Bücher zu signieren und dabei erneut auf Fragen einzugehen.

    Herr Böttger beschloss den gelungenen Abend mit dem Dank an Herrn Kesting sowie einem Hinweis auf eine bis zu jenem Tage zu besichtigende Ausstellung einiger Werke des Künstlers Otto Pankok, die in den Räumen der Buchhandlung zu besichtigen seien.

    Soweit mein Resümee dieser Veranstaltung. Viele Grüße!

    Thomas Kempken

  • Rundbrief Nr. 51

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    während meines Aufenthalts bei den Hellenen wurde ich darauf aufmerksam gemacht, daß sich für den Vortrag von Frau Dr. Bensch im Hause von Volker Schlegel zum Thema „Thomas Manns Goethe-Rezeption“ noch sehr wenige Personen ange- meldet haben. Es wäre sehr schön, wenn wir den beiden ein volles Haus bescheren könnten, damit diese Eigeninitiative von Vereinsmitgliedern auch Schule macht.

    Daher hier nochmals in fett gedruckt: Der Vortrag findet statt am:

    Freitag, den 19.Mai um 19.00 Uhr in Bonn-Röttgen, An den Eichen 33.

    Sie können sich entweder bei mir, oder besser direkt bei Herrn Schlegel anmelden, damit er rechtzeitig „Halt!“ rufen kann, wenn sein Wohnzimmer voll ist: vschlegel2003@aol.com.

    Zudem darf ich Ihnen mit großer Freude noch folgende Mitteilung machen:

    Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeichnete unser Vereinsmitglied Prof. Dr. Hermann Dechant mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland aus. Im Namen des Ortsvereins habe ich ihm bereits unsere Glückwünsche übermittelt.

    Im letzten Rundbrief berichtete ich von der Anfrage von Frau Krumstroh und ihrem Vibraphonisten Oli Bott zu deren Literaturkonzert mit dem Titel: „Die Buddenbrooks und die Musik“. Zur Finanzierung einer Einladung sind inzwischen 260.-Euro an Spenden eingegangen. Ich werde mit den Vorstandskolleginnen beraten, wie wir hier weiter verfahren.

    Eine Frage in die Runde: Hanjo Kesting war vergangenen Freitag zur Buchvorstellung von „Thomas Mann – Glanz und Qual“ in der Buchhandlung Böttger. Kann jemand von dem Abend berichten?

    Feuilleton

    Im Feuilleton meines letzten Rundbriefs zu Heinrich Heine berichtete ich ihnen von dem österreichisch-jüdischen Buchhändler und Verleger Martin Flinker und dessen 1955 zum 80.Geburtstag erschienene‚ Hommage de la France à Thomas Mann‘. Ich konnte mir das Buch für nur 20.- Euro antiquarisch besorgen.

    Es ist erstaunlich, was jener Marton Flinker auf die Beine gestellt hat, wie gut er ver- netzt war. Das Buch enthält Texte von Albert Schweitzer, Robert Schumann, Jean Cocteau, dem jungen Pierre Boulez und vielen anderen mehr, und die lange Liste der Gratulanten enthält Namen wie Chagall und Genet, Camus und Sartre! Gelesen habe ich bislang noch wenig. Mir scheint, alle Gratulanten versuchten, einen dem Jubilar angemessenen Ton anzuschlagen. Nun meine Idee: Ich hielte es für ein ver- dienstvolles Projekt unseres Ortsvereins, wenn wir diese Schrift, die im Original nur 1000 Mal gedruckt worden ist, zum 150.Geburtstag Thomas Manns in einer deutschen Ausgabe vorlegen könnten. Neben der Übersetzungsarbeit sind sicher vielfältige Recherchen zum Inhalt und den einzelnen Autoren notwendig. Auch ich werde mein Schulfranzösisch mächtig in Schwung bringen müssen, um ein paar Texte mit Hilfe von Herrn Langenscheidt und meiner Ulrike ind Deutsche zu übertragen. Ohne ein Team von Frankophilen ist das nicht zu leisten. Wer sähe sich in der Lage, diesem Team beizutreten?

    In der Hoffnung, sie bei Herrn Schlegel zu treffen grüßt Sie herzlich Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 50



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    wie vielfach gewünscht beginne ich mit Hinweisen auf die nächsten Veranstaltungen:

    Zunächst mit einem vereinsinternen Abend, einem Vortrag eines Mitglieds unseres Ortsvereins im Hause eines anderen: Am 19. Mai wird Frau Dr. Bensch im Hause von Volker Schlegel in Röttgen uns zum Thema „Thomas Manns Goethe-Rezeption“ referieren. Ich bin sehr froh über diese Eigeninitiative! Natürlich ist die Teilnehmerzahl begrenzt. Da ich über den Monatswechsel von April zu Mai verreist bin, bitte ich Interessierte, sich möglichst unmittelbar bei Herrn Schlegel anzumelden. Die Liste der öffentlich gemachten Adressen werde ich im Nachgang separat versenden. Im Zweifel kann auch ich eine Anmeldung weiter leiten. Herrn Schlegel bestimmt, wenn sein Wohnzimmer voll ist.

    Und auch die zweite Veranstaltung, die ich ankündigen möchte, wird von einem Vereinsmitglied bestritten:

    Frauke May-Jones wird am 23.Juli 2023 im Woelfl-Haus uns einen Tristan- Abend präsentieren.

    Die Opern- und Konzertsängerin und Sprecherin wird zusammen mit Philip Stemann (Theaterregisseur, Autor, Sprecher) die Erzählung „Tristan“ lesen und mit viel Musik begleiten! Auszüge aus Wagners „Tristan“, der „Walküre“, seinen „Wesendonck– Liedern“ (eingesungen von Frauke May-Jones) und Klaviermusik Chopins, werden die Lesung musik-dramatisch ergänzen.

    „Es war die Zeit der Maienblüte meiner Begeisterung für das „“Opus metaphysicum“ (Tristan und Isolde),(…). Aber Musikbeschreibung war immer meine Schwäche (und Stärke?)“….so Thomas Mann 1953.

    In seinem schon 1901 dem Bruder Heinrich angekündigten Plan einer „Burleske“ mit dem Titel „Tristan“, wird Thomas Mann, wie später noch so oft „(…) so viel Musik machen, als man ohne Musik füglich machen kann“. Gleichzeitig tiefernst in der vorm geistigen Ohr erklingende Musik der Burleske und ironisch, wenn sie schweigt, folgt er Nietzsches Forderung, die Mythen Wagners ins Bürgerliche zu übersetzen. Eine Literarisierung der Musik Wagners im dichten Gewebe von Manns Worten.

    Die Veranstaltung wird wie üblich im Woelfl-Haus auch gestreamt. Weitere Details folgen in den nächsten Rundbriefen.

    Auf die Buchvorstellung von Hanjo Kesting in der Buchhandlung Böttger von „Thomas Mann – Glanz und Qual“ am 5. Mai 2023 weise ich gerne noch einmal hin. Ich erinnere mich gut an Kestings eindrucksvollen Vortrag im Jahre 2016, den man im Nachhinein als Vorbereitung zu „Glanz und Qual“ ansehen kann. Ich hatte damals eine Zusammenfassung seines Vortrags geschrieben und ihn gebeten, diese vor der Veröffentlichung durchzulesen. Dies tat er gerne und antwortete ausführlich. Unseren damaligen Briefwechsel können Sie auf unserer Homepage unter der Rubrik „Geschichte“ nochmals nachlesen. Und da ich ihn am 5.Mai urlaubsbedingt nicht persönlich treffen werde, fragte ich ihn vorweg, ob wir denn noch eine nachgereichte „Werkfahrt“ zum Doktor Faustus erwarten können, da er diesem Roman in „Glanz und Qual“ kein „schlankes“ Essay gewidmet hat. Er antwortete mir bündig, daß er im Musikkapitel zu diesem Thema das Notwendige gesagt habe und er sich sehr freue, mal wieder in Bonn vortragen zu können.

    Zudem erreichte mich eine sehr interessante Anfrage: die Schauspielerin Johanna Krumstroh und der Vibraphonist Oli Bott haben im Auftrage des Literaturbüro OWL in Detmold ein Literaturkonzert entwickelt, das sie unter dem Titel: „Die Buddenbrooks und die Musik“ vorstellen. Es wurde dort bereits mit

    großer Resonanz aufgeführt (anbei eine Pressemeldung und Konzertskizze). Frau Krumstroh schreibt:

    Die Musik im Hause Buddenbrook spielt zuweilen eine große Rolle. Die Charaktere werden durch sie gezeichnet – durchaus amüsant, wie der Herr Organist Edmund Pfühl – oder mit geheimnisvoller Ausstrahlung, wie Gerda mit ihrer Stradivari.

    Die Musik ermöglicht ein innigliches, fast wortloses Verstehen zwischen Gerda, Hanno und dem Herrn Organisten von Sankt Marien, doch sie zeigt ebenso die tiefen Abgründe zwischen Gerda und Thomas. Es ist ein Abend voller überraschender Wendungen.

    Ich antwortete ihr sogleich, daß wir sie natürlich gerne einladen würden, sofern die Finanzierung geregelt ist.

    Der Abend mit ihr wird uns in Summe fast 2.500.- Euro kosten, ein voller Woelfl-Saal samt Streaming-Tickets bringt uns mit Glück 1.500.- Euro Einnahmen. Es gilt also Spender und Sponsoren zu finden, damit das Manko zu Lasten unserer Vereinskasse überschaubar bleibt. Die ersten 60.- Euro habe ich durch einen privaten Bücherverkauf schon in die Sammelbüchse eingezahlt. (www.johannakrumstroh.de)

    Ans Ende der Veranstaltungshinweise setze ich nochmals den Link zum Thomas-Mann- Festival in Bad Tölz: Thomas Mann Festival – Thomas Mann in Bad Tölz – Kunst & Literatur – Entdecken (bad-toelz.de)

    Nun noch „amtliche“ Nachrichten: Die Änderung im Vereinsregister ist vollzogen, zur Änderung der Zeichnungsberechtigung unseres Kontos verlangt die Sparkasse aus unergründlichem Anlaß neben der Kopie des Ausweises von Frau von Hoerschelmann auch jene von Frau May-Jones – aber auch das ist erledigt und der Vorgang somit bald abgeschlossen. Vor meinem Urlaub will ich noch das Thema Gemeinnützigkeit angehen.

    Aus der Mitgliederschaft erreichte mich noch die Frage, weshalb es denn keine Flyer unsers Ortsvereins mehr gäbe? Nun, weil diese sich nicht alleine machen. Zum Beginn meiner Vorstandschaft gab ich einen in Druck, es kam Covid, sie landeten im Papiermüll. Ein Flyer bedingt, daß man die Veranstaltungen ein Jahr im voraus fixiert. Ich bin froh, daß wir nun wieder langsam in Takt kommen. Mehr ist von meiner Seite nicht leistbar. Wir bleiben somit auf elektronische Kommunikationsmittel angewiesen.

    Feuilleton

    Wenn Heinrich Heine, wie in den ersten Zeilen des letzten Kapitels von „Die Bäder von Lucca“, seinen „lieben Lesern“ mitteilt, daß er diesen „in den nächsten Seiten nicht viel Unterhaltung versprechen“ kann, dann ahnten diese seine Leser schon, daß er vielleicht vom Thema abschweifen, aber Unterhaltung reichlich bieten würde. So will ich es heute auch halten, in dem ich Ihnen vieles über Heinrich Heine berichte, aber mich auch mit der Frage beschäftige, wie sehr Thomas Mann aus dem tiefen Brunnen namens Heine schöpfte. Angeregt hierzu wurde ich durch die Lektüre von Lew Kopelews großartiger Heine-Biographie, einem wunderbaren Dokument der Verbundenheit der Kulturen von Rußland und Deutschland jenseits aller Barbarei in Geschichte und Gegenwart.

    Man mag zunächst den Eindruck haben, daß es sich bei Thomas Mann und Heinrich Heine um zwei grundverschiedene Persönlichkeiten gehandelt hat, kennt man letzteren doch in erster Linie als Romantiker, Polemiker und hemmungslosen Schürzenjäger. Diese unbändige Lust nach dem Weibe war Mann bekanntlich nicht gegeben, aber in der Kunst, die Schönheit des Leibes zu besingen, standen sich die beiden in nichts nach. Bei Mann ist der Ton stets etwas verklärter, denkt man an den jungen Joseph, träumend am Brunnen; Heine packt da kräftiger zu, so in seinem „Hohelied“:

    Fürwahr, der Leib des Weibes ist Das Hohelied der Lieder;

    Gar wunderbare Strophen sind Die schlanken weißen Glieder.

    Versenken will ich mich, o Herr, In seines Liedes Prächten;

    Ich widme seinem Studium Den Tag mitsamt den Nächten.

    Zudem scheinen mir die politischen Spannungen, die Heine miterlebte und kommentierte, sich in den Diskussionen zwischen Settembrini und Naphta zu spiegeln, und somit auch im Wesen der beiden Dichter, die das bürgerliche Bohèmeleben genossen und gleichzeitig spürten, wie wenig haltbar die sozialen und politischen Zustände ihrer Zeit gewesen waren. Heine war befreundet mit Balzac und Meyerbeer, aber eben auch mit Marx und Engels. Marx sah in ihm einen väterlichen Freund, den es zu bekehren galt – allein Heine blieb auf Distanz zu dessen Theorien. Wenn es zu einer Revolution käme, so mutmaßte er Marx gegenüber, müßte man die Guillotine mit einer Dampfmaschine betreiben. Diese Ahnung hat spätestens Stalin wahrgemacht.

    Der Humor, die Ironie der beiden war fraglos verschieden, aber als unverzichtbares „Lebensmittel“, als Schutzschirm gegen die Widrigkeiten der Welt war beiden die ironische Distanz lebensnotwendig. Heine behielt seinen Humor auch in den letzten acht Jahren seiner Matratzengruft, aus der er in jedem lichten Moment noch seine verbalen Giftpfeile abschoß, in der er die fürsorgliche Liebe seiner Mathilde genoß und es dennoch nicht unterließ, einem jungen Ding, Elise Krinitz mit Namen, sehnsüchtige Liebesbriefe zu schreiben. Einem gelähmten Gerippe von Mann, der nur noch mit Mühe ein Auge aufbekam, gelang es, diese junge Frau zu häufigen Besuchen zu bewegen und ihn bis in seine letzten Tage hinein mit ihrem Anblick zu erfreuen! Chapeau! Und auf die Aufforderung am letzten Tag, er möge seine Angelegenheiten mit Gott ins reine bringen, antwortete er: „Keine Angst, Gott wird mir verzeihen. Das ist sein Metier.“

    Als ich dies las, ich glaube, da begunnen meine Augen zu tropfen…

    Um es mit Thomas Mann alias Serenus Zeitblom zu sagen: Bitte erlauben Sie mir, wieder neu ansetzen zu dürfen: Wir können heute nicht mehr ermessen, wie ungeheuer populär Heine im 19. Jahrhundert gewesen war. Er war jedenfalls in „aller Munde“! In jenen der sehnsüchtig von einer blonden Loreley träumenden Männer, die im Chor gemeinsam im Rhein versanken, als auch in den Mündern der Marxisten, die den väterlichen Freund von Karl Marx für den Kommunismus einnehmen wollten. Allein, dieser freie Geist ließ sich nicht fangen und wurde in seiner Tiefe nur von anderen freien Geistern begriffen – wie von dem jungen Thomas Mann. Schon in der Schülerzeitung legt er sich für ihn ins Zeug, nachdem ein gewisser Herr Scipio im Berliner Tageblatt Heine als ›guten Menschen‹ darzustellen versuchte – trotz dessen lockeren Lebenswandels. „Aber bleibt mir nur vom Leibe mit diesen sogenannt ›guten Menschen‹, deren Gutheit aus praktischem Lebensegoismus und christlicher Moral mit möglichster Inkonsequenz zusammengestückt ist.“ So Thomas Mann in dem herzerfrischenden Artikel von 1893. Scipio versucht Heine als guten Protestanten und guten Patrioten in das neue Deutsche Reich einzugemeinden, was Thomas Mann in Harnisch treibt:

    Heinrich Heine, mein lieber Herr Doktor, bewunderte Napoleon, trotzdem er ein geborener Deutscher war, und er bewunderte Luther, trotzdem er kein Protestant war.“ Und am Ende des Artikels: „Nein, Heinrich Heine war kein ›guter‹ Mensch. Er war nur ein großer Mensch. – Nur …!“

    Fünfzehn Jahre später veröffentlicht er eine „Notiz über Heine“ (1908), in der er bekennt, das Buch über Börne am meisten zu lieben. Darin finde sich nicht nur die genialste Prosa bis Nietzsche, er bekennt sich auch zu einer Geistesverwandtschaft mit Heine, zu einer Nähe in der schriftstellerischen Haltung zu ihrem jeweiligen Gegenstand: „Ach, nur wer das selig zerstreute Lächeln versteht, mit dem er den Freunden, die ihm warnend die menschliche, persönliche, politische Anstößigkeit des Buches vorhielten, zur Antwort gab: ›Aber ist’s nicht schön ausgedrückt?‹“ Da ist Thomas Mann ganz bei Heine: zwei Jahre zuvor notierte er in „Bilse und ich“: „Wenn ich aus einer Sache einen Satz gemacht habe – was hat die Sache noch mit dem Satz zu tun?“ Die Kunst hatte bei beiden Vorrang vor allen übrigen Dingen des Lebens.

    Thomas Mann hatte ‚seinen‘ Heine stets parat, war ihm immer Referenzgröße oder Kronzeuge, sei es in Texten über Fontane (Der alte Fontane, 1919), Chamisso (1911), Bruno Frank (Politische Novelle, 1928), Lessing (Rede über Lessing, 1929), in seiner Rede über das Theater in Heidelberg 1929. In einem Text über Dostojewski (Dostojewski – in Maßen, 1946) über die Unmöglichkeit der Selbstbiographie, und über Bernhard Shaw (1951). Selbst in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) versucht er mehrfach, Heine in seine krause Argumentation einzugliedern, vergleicht Heine unausgesprochen mit Bruder Heinrich, aber eine rechte Logik ist nicht zu erkennen.

    In einem Artikel für die Frankfurter Zeitung 1924 zum fünften Jahrestag der Weimarer Verfassung äußert sich der noch zaudernde Demokrat Thomas Mann dennoch hoffnungsvoll zur Zukunft des „Pergaments von Weimar“, indem er sich neben Heine auf Nietzsche beruft, der in wohlmeinender Ironie meinte: „… der Deutsche, der von sich behaupte: »Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust« bleibe hinter der Wahrheit um einige Seelen zurück…“

    Den erbitterten Streit zwischen August von Platen und Heine versuchte Thomas Mann quasi posthum zu schlichten. In seinem Text „August von Platen“(1930) weist er nach:

    „Er [Platen] war ein politischer Dichter, wie Heine es sich nur wünschen konnte.“ Den Grund des Zerwürfnisses der beiden Dichter benennt Mann nur in Andeutungen. Kurz zusammengefaßt: Karl Immermann (Münchhausen!), der Freund Heines, hatte eine spöttische Ode über die Orientmode im Allgemeinen und über die Dichtung Platens im Besonderen verfaßt. Dieser rächte sich mit dem Theaterstück „Der romantische Ödipus“, in der er Heine als Herr Nimmermann auftreten läßt, bezeichnete ihn als „herr- lichen Petrark des Lauberhüttenfestes“, unterstellte ihm „Synagogenstolz“ und dichtete ihm „Knoblauchsgeruch“ an. Auf solch antisemitische Klischees folgte Heines brutale Rache, in dem er seinem Reisebild „Die Bäder von Lucca“ zwei völlig unpassende (nicht viel Unterhaltung versprechende – siehe oben) Kapitel eben über Platen anhängt: Mithin die bösartigste (und schönste) Satire, die ich von Heine bislang gelesen. Es beginnt damit, daß er Platens Homosexualität öffentlich macht und ihn mehrfach seinen „warmen Freund“ nennt. Doch Heine beläßt es nicht dabei. Auch über dessen Dichtkunst macht er seine Späße. Dies gipfelt in folgendem, fraglos erfundenen Dialog: »Strenge Kritiker, die mit scharfen Brillen versehen sind, stimmen ein in dieses Urteil oder äußern sich noch lakonisch bedenklicher: „Was finden Sie in den Gedichten des Grafen von Platen-Hallermünde?“ frug ich jüngst einen solchen Mann. „Sitzfleisch!“ war die Antwort. „Sie meinen in Hinsicht der mühsamen ausgearbeiteten Form?“ entgegnete ich.

    „Nein“, erwiderte er, „Sitzfleisch auch in betreff des Inhalts.“«

    Beide, Heine und Platen, mußten für ihre in der Öffentlichkeit ausgetragene Schlammschlacht bezahlen: Platen wagte sich nicht mehr zurück nach Deutschland, starb jung in Syrakus, und Heines Bewerbung um eine Professur in München wurde endgültig abgewiesen und er mußte sich weiterhin von seinem reichen Onkel aushalten lassen. So weit zu den Dingen, die Thomas Mann nicht erwähnte – aber sicherlich wußte.

    Im „Lebensabriß“ (1930) erinnert er sich an seine ersten Bildungserlebnisse, unter anderen „auch der Vergötterung Heine’s um die Zeit, da ich meine ersten Gedichte schrieb.“ In „Das Bild der Mutter“ (1930) gedenkt er in erster Linie seiner musikalischen Frühbildung und seines Staunens über die musikalisch-lyrische Verschmelzung gerade auch der Verse von Heine durch Schubert, Silcher, Liszt und viele andere.

    In einem Brief an den Literaturhistoriker und Lektor des S. Fischer-Verlags (und Schiegersohn Albert Einsteins) Dr. Rudolf Kayser, der schon in die USA ausgewandert war, zitierte er am 1. November 1933 den Vers „Denk‘ ich an Deutschland in der Nacht…“ unter Verzicht der Namensnennung des Autors und der nächsten Zeile: Man wußte, was die Stunde geschlagen hatte.

    Im Sommer 1939 bereitet er in Stockholm eine umfassende Rede vor mit dem Titel

    „Das Problem der Freiheit“, die er dann aufgrund des Kriegsausbruchs nicht mehr halten kann. Goethe ist ihm darin häufig Gewährsmann, aber eben auch wieder Heine, dessen Blick auf die französischen Zustände ihn besonders interessieren und dessen entspannte Haltung er auch bewundert, wohl auch deswegen, weil ihm Heines Lockerheit fehlt, „der, nach seiner Art, den Gefühlszwiespalt spielerisch genießt, den die Liebe zum Schönen, zum Künstlertum, und die humanitär-zukunftsgläubige Bejahung der neuen demokratisch-sozialen Welt ihm erregen.“

    Im November 1939 lädt Thomas Mann Albert Einstein zu einer Lesung in sein damaliges Zuhause in Princeton ein: Erhat einen Rezitator eingeladen, gleichfalls Emigrant aus Deutschland, Freund von Elias Canetti: Ludwig Hardt – er liest Heine und Goethe…

    In „Die Entstehung des Doktor Faustus“ bekennt er gleich zweimal, während der Arbeit viel Heine gelesen zu haben, einmal in Bezug auf Moses und die Darstellung des alten Joseph, bei der er sich eher das Bild Heines von Moses zum Vorbild nahm und nicht den steingewordenen Helden von Michelangelo, sondern von „Michelangelo selbst, um ihn als mühevollen, im widerspenstigen menschlichen Rohstoff schwer und unter entmutigenden Niederlagen kämpfenden Künstler zu kennzeichnen.“

    In der Korrespondenz mit verzweifelten Exilanten findet Thomas Mann immer wieder tröstliche Verse von Heinrich Heine; so zum Beispiel im Brief an Ellen Fischer (1949), deren Mann, Schriftsteller, von Selbstabschaffungsplänen geplagt ist. So sind „Die heil’gen drei Könige aus Morgenland“ auch nichts anderes als Flüchtlinge, die einen anderem Flüchtling suchen:

    Der Stern blieb stehn über Josephs Haus, Da sind sie hineingegangen;

    Das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie, Die heil’gen drei Könige sangen.

    Noch in einem der letzten Briefe Thomas Manns zitiert er Heinrich Heine. Er ist gerichtet an den österreichisch-jüdischen Buchhändler und Verleger Martin Flinker, der nach schlimmen Jahren der Vertreibung auf der Flucht zusammen mit seinem Sohn in Paris einen hoch angesehenen Buchladen eröffnete. Zum 80. Geburtstag von Thomas Mann gab er eine ‚Hommage de la France à Thomas Mann‘ heraus, für die sich dieser im Brief überschwänglich bedankt und mit den Worten endet: „…und wenn ich sterben werde, so will ich zwar nicht, wie Heine’s napoleonischer Grenadier „in Frankreichs Erde“, sondern in schweizerischer, begraben sein, aber wie jener werde ich sprechen:

    Das Ehrenkreuz am roten Band Sollt ihr aufs Herz mir legen.

    Bis in seine letzten Tage hatte Thomas Mann seinen Heinrich Heine präsent. Jeder der erwähnten Texte verdiente eine eingehende Betrachtung, und führt uns zu einem weiteren breiten Kapitel: Thomas Manns ambivalente Haltung zu Frankreich, seinen Wechsel vom Freund von Sprache und Literatur zum Kriegsbefürworter, und zurück zum Mann der Verständigung, zum großen Bewunderer – aber das ist ein weiteres Kapitel der Recherche.

    Thomas Mann, so scheint es mir, schaute sein Leben lang mit bewundernden und auch etwas neidvollen Blicken auf sein stets so frei agierendes Vorbild. Einen Beleg dafür habe ich nicht, einen Hinweis vielleicht, mit dem ich enden möchte, mit den letzten Zeilen des Vorworts zu „Bilse und ich“: „Für viele zu stehen, indem man für sich steht, repräsentativ zu sein, auch das, scheint mir, ist eine kleine Art von Größe. Es ist das strenge Glück der Fürsten und Dichter. München am 50.Todestage Heinrich Heine’s

    (Den vielfach falsch gesetzten Apostroph bitte ich in aller Form zu entschuldigen) Beste Grüße Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 49



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    ich muß diesen Rundbrief leider mit einer traurigen Nachricht beginnen: Der Rat der Stadt Lübeck hat am Donnerstagabend den Um- und Erweiterungsbau des Buddenbrookhauses gestoppt. Das von einer internationalen Jury zurecht vorzüglich bewertete architektonische Konzept, das inzwischen mit den Ausstellungsmachern fein abgestimmt war, wurde von einer aus meiner Sicht selbstherrlichen Denkmalpflege torpediert. Dies brachte eine Verzögerung eines möglichen Baubeginns von zwei Jahren mit sich, damit eine erhebliche Kostensteigerung und landete nun zu Wahlkampfzeiten nochmals vor dem Rat der Stadt mit dem genannten Ergebnis. Unser Vorstand im Verbund mit allen Lübecker Museen stemmte sich mit einer umfangreichen Presseerklärung gegen die drohende Niederlage im Rat – leider vergebens. Nun ist man wieder bei null.

    Die Kulisse von Weltliteratur wird noch viele Jahre mit verklebten Fenstern dastehen. Es ist wie ein Bonn ohne Beethovenhaus. In Pacific Palisades hat man das Thomas-Mann-Haus sorgfältig restauriert, in Nida in Litauen ist das Ferienhäuschen der Manns der Zwischenkriegsjahre zu einem kleinen Museum geworden und in Bad Tölz wird im Mai rings um das erste Ferienhaus der Familie Mann ein hoch interessantes Festival stattfinden. Im dortigen Stadtmuseum hat man ein Thomas-Mann-Zimmer eingerichtet und auch im unweit gelegenen Polling, im „Pfeiffering“ aus dem Doktor Faustus, ist man stolz auf seinen zeitweiligen Gast und auf die Erwähnung in großer Literatur. In Lübeck hingegen sägt man an einem kräftigen Ast, auf dem man sitzt. Gehen Sie auf die Seite von Bad Tölz, gönnen Sie sich ein paar Frühlingstage im Voralpenland. Hier der entsprechende Link:
    Thomas Mann Festival – Thomas Mann in Bad Tölz – Kunst & Literatur – Entdecken (bad-toelz.de)

    Feuilleton
    Schon kurz zuvor, am 5. Mai 2023 wird Hanjo Kesting in der Buchhandlung Böttger in der Maximilianstraße in Bonn sein neues Werk „Thomas Mann – Glanz und Qual“ vorstellen. Merken Sie sich diesen Termin vor, melden Sie sich rechtzeitig an. Das Buch ist ein fulminant gutes Werk, ganz großartig in seiner Prosa, mit einer kritischen Distanz zu Thomas Mann und vor allem auch zu sich selbst. Kesting bekennt, daß er in studentenbewegten Jahren und zum Beginn seiner Tätigkeit für den NDR vor 50 Jahren Mann sehr kritisch gegenüberstand. Er lotet die Untiefen Thomas Manns und seiner Kunst aus, lobt, was es zu loben gilt, und stellt nüchtern dar, was es zur Befremdung Anlaß gibt, die Kälte insbesondere zu seinen Nächsten. Die Kapitel über dessen Verhältnis zu Heinrich und Klaus darf man niemandem zu lesen geben, den man von Thomas Mann begeistern will. In den letzten beiden Kapiteln durchläuft Kesting die Tagebücher, stellt immer wieder die verzweifelten Notate darin der gerade entstehenden literarischen Produktion entgegen – Glanz und Qual liegen nahe beieinander.

    Ein mir bislang noch unbekannter Schweizer Autor namens Rudolf Jacob Humm begegnete mir bei der Lektüre. Über dessen 1935 erschienen Roman „Die Inseln“ geriet Hermann Hesse ins Schwärmen:

    „Humm beschwört die Mythen seiner Kindheit und Herkunft … Wer sie in sich einläßt, für den wird dieses seltsam spiegelnde Mosaik von Erinnerungsfragmenten nicht nur vollkommen wahr und lebendig, sondern es verliert auch seinen privaten auch seinen privaten Charakter…“ Mir gibt es darin zu viel Kunstwollen, zu viel Glasperlenspiel zwischen Traum und Wirklichkeit.

    Jener Rudolf Jakob Humm fragte nach dem Erscheinen von „Der Erwählte“ bei Thomas Mann an, was für ein Glaube in seinem Schrank verstaut sei, und dieser antwortete in einem Brief vom 21.11.1953: „Ich glaube an das Gute und Geistige, das Wahre, Freie, Kühne, Schöne und Rechte, mit einem Wort an die souveräne Heiterkeit der Kunst, dieses großen Lösungsmittels für Haß und Dummheit.“

    So viel des Gegenwartsbezugs für heute. Es grüßt herzlich Ihr Peter Baumgärtner

  • (Kurz-) Rundbrief Nr. 48 + Anlage Lew Kopolew 



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    dieser Rundbrief möge in erster Linie daran erinnern, daß kommenden Freitag, den 10.Februar um 19.00 Uhr unsere nächste Veranstaltung im Woelfl-Haus stattfindet. Frau Haider-Dechant wies mich darauf hin, daß im Saal noch Plätze frei sind, im Netz noch unendlich viele.

    Der Abend wurde zwar unter der Federführung des Richard-Wagner-Verbands konzipiert, unser Ortsverein ist aber im gleichen Maße Mitveranstalter und somit am monetären Gewinn oder Verlust der Veranstaltung beteiligt.

    So viel zu den profanen Dingen. Die Erinnerung an diesen 10.Februar 1933, der den Wendepunkt im Leben Thomas Manns einläutete, sollte für uns alle von Interesse sein. Mit seiner Rede „Leiden und Größe Richard Wagners“ in München befreite er sich von der Umklammerung der deutschnationalen Rechten und trug sich die Feindschaft der Nationalsozialisten ein. Thomas Mann mußte mit seiner gesamten Familie ins Exil, um der Todfeindschaft der Geistlosen zu entgehen.

    Ich freue mich auf den Pianisten Georgy Voylochnikov und die Lesung von Bernt Hahn, diesen außerordentlichen Vermittler von Poesie und Prosa, weshalb ich auch gerne für seine Aktivitäten für das Lew Kopelew Forum Werbung mache. Bitte beachten Sie daher den Anhang. Details zum Abend im Woelfl-Haus finden sie unter folgendem Link, über den Sie sich anmelden bzw. einen Streamingzugang bekommen können:

    Woelfl-Haus Bonn – Thomas Mann: Leiden und Größe Richard Wagners (woelflhaus.de)

    Unsere Jahresmitgliederversammlung hat am 23. Januar mit reger Beteiligung stattgefunden. Hier nur ganz kurz: Der Vorstand wurde in seiner bisherigen Zusammensetzung bestätigt, Herr Prof. Büning-Pfaue trat, wie angekündigt, nicht mehr an. Das Protokoll alles Weitere in Kürze in einem internen Rundbrief.

    Feuilleton

    Angeregt durch Hanjo Kestings „Glanz und Qual“ widmete ich mich mal wieder einem Buchtipp von Thomas Mann. Im Kapitel über die Buddenbrooks gibt Kesting den Hin- weis auf Manns 1926 gehaltene Rede „Lübeck als geistige Lebensform“, in der er bekannte: „Da geschah es, daß ich …, einen französischen Roman, die Renée Mauperin der Gebrüder Goncourt, las und wieder las, mit einem Entzücken über die Leichtigkeit, Geglücktheit und Präzision dieses in ganz kurzen Kapiteln komponierten Werkes, einer Bewunderung, die produktiv wurde und mich denken ließ, dergleichen müsse doch schließlich auch wohl zu machen sein…“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Ich verschlang diesen Roman mit großem Vergnügen, sah auf jeder Seite Sätze, die Thomas Mann sicherlich schmunzeln ließen, Sätze, die klingen, wie von Thomas Mann abgeschrieben, obwohl es just umgekehrt war. Selbst das Thema, der Versuch der Verheiratung einer störrischen und selbstbewußten Tochter, kommt uns sehr bekannt vor. Die ersten drei Viertel erinnerten mich in ihrer Leichtigkeit auch an Tucholskys „Schloß Gripsholm“, bevor bei Renée Mauperin der Tod anklopft und von den Brüdern Goncourt auf den letzten vierzig Seiten ihr Sterben geschildert wird, genau, distanziert und eindrücklich, in einem Stil der Darstellung, der in allen Belangen an die Sterbeszenen in den Buddenbrooks erinnert. Das Buch war eine Entdeckung für mich und der Gedanke ließ mich schmunzeln, daß Thomas Manns Welterfolg quasi auf den Schultern eines Zivilisationsliteraten entstanden war.

    Gönnen auch Sie sich das Lesevergnügen.

    Ich verbleibe mit besten Grüßen, herzlich Ihr Peter Baumgärtner

    Anlage Lew Kopolew

    LEW KOPELEW FORUM
    Do., 9.02.23, 19.00 Uhr

    Bernt Hahn liest „Die Dämonen“ von Fjodor Dostojewskij

    (in anderer Übersetzung „Böse Geister“)

    Teil 14

    WEITERE TERMINE:

    2.03, 23.03 und 13.04 jeweils um 19.00 Uhr

    Präsenz und Online

    In Zusammenarbeit mit M. Lengfeld‘sche Buchhandlung, Köln

    Bernt Hahn ist freiberuflicher Schauspieler und Sprecher. Neben seinen zahlreichen Hörbüchern mit Texten von u.a. Alexander Puschkin, Joseph Roth, M. Gandhi und Bruno Schulz hat er „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust und „Jahrestage“ von Uwe Johnson in öffentlichen Lesungen vollständig vorgetragen.

    Das Buch: https://www.fischerverlage.de/buch/fjodor-dostojewskij-boese-geister-9783596907311

    © Fjodor M. Dostojewskij „Böse Geister “ (Übersetzung: Swetlana Geier).

    Leserechte mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

    Eintritt frei. Um eine Spende zugunsten Kulturschaffender in der Ukraine wird gebeten.

    Um an der Veranstaltung online teilzunehmen, melden Sie sich bitte unter dem folgenden Link an (einmalige Anmeldung für alle Lesungen):

    https://us06web.zoom.us/meeting/register/tZItf-qvqjkjGdZNh_QZUVq3X3ENjkijKRXW

    Nach der Registrierung erhalten Sie eine Bestätigungs-E-Mail mit Informationen über die Teilnahme am Meeting.

    Die Veranstaltung wird live auf unserem YouTube-Kanal übertragen: https://www.youtube.com/c/LewKopelewForum

    Mit freundlichen Grüßen

    Lew Kopelew Forum

    Neumarkt 18, Neumarkt Passage 50667 Köln

    www.kopelew-forum.de

    Tel.: +49 221 257 67 67, Fax: +49 221 257 67 68

  • (Weihnachts-) Rundbrief Nr. 45 + Anlage  Schischkin Thomas Mann Ukraine 



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    ich bin sehr froh, Ihnen noch vor Weihnachten mitteilen zu können, daß der Band 14 unserer Schriftenreihe erschienen ist. Im Heft:

    Tobias Schwartz:
    Mein Thomas Mann. Eine Spurensuche

    sind neben seinem Vortrag im Museum Koenig noch vier weitere, sehr lesenswerte Essays von ihm veröffentlicht. Alle Mitglieder unseres Ortsvereins erhalten traditionsgemäß ein Exemplar dieses Hefts gratis. Aber ich bitte um Verständnis dafür, daß ich für 90 Mitglieder keinen postalischen Versand vornehmen kann. Ich werde am kommenden Mittwoch, beim Vortrag von Prof. Wortmann einen Stapel dabei haben und bei allen künftigen natürlich auch. Sie können das Buch aber auch bei jeder Buchhandlung Ihrer Wahl bestellen, selbst bei der Versandbuchhandlung, deren Namen an die antiken Reiterkriegerinnen erinnert, ist es für zehn Euro erhältlich. Ich habe das Buch bei Books-on- Demand verlegen lassen und diesmal auch nur 100 Exemplare auf Vereinskosten vorfinanziert. Alle weiteren Hefte werden erst bei Bestellung produziert – sicher ein sehr zeitgemäßes Verfahren. In diesem Zusammenhang muß ich auch noch erwähnen, daß beim Umzug der Buchhandlung Böttger noch ein weiterer, großer Stapel alter Hefte aufgetaucht ist. So haben sich nun bei mir ca. 350 Hefte fast aller Bände von 1 bis 13 angesammelt, weshalb ich mich dazu entschlossen habe, diese an Mitglieder in Einzelheften zukünftig zu verschenken und an Nichtmitglieder für nur fünf Euro abzugeben und nicht mehr für zehn.

    So hoffe ich, daß wir uns am Mittwoch, den 14.12. um 18.30 Uhr in der früheren LESE zum Vortrag von Prof. Thomas (Wort-) Mann sehen werden.

    Abenteuertourismus im doppelten Sinne. »Thomas Manns „Eisenbahnunglück“ und das unbekannte(re) Werk«

    Auf eine weitere Veranstaltung darf ich Sie schon jetzt aufmerksam machen: Anlässlich des 90. Jahrestages des Festvortrages von Thomas Mann im Auditorium Maximum der Universität München mit dem Titel:

    »Leiden und Größe Richard Wagners«

    plant der Richard-Wagner-Verband Bonn e.V. in Zusammenarbeit mit unserem Ortsverein eine Veranstaltung zu diesem Thema. Mit diesem Vortrag begann das Exil Thomas Manns und seine Schmähung in den rechten Kreisen der untergegangenen Republik.

    Bernt Hahn liest die wesentlichen Passagen dieses Essays, ein musikalisches Rahmenprogramm ist in Vorbereitung. Weitere Informationen folgen nach den Feiertagen.

    An dieser Stelle muß ich noch die traurige Mitteilung in die Runde geben, daß das langjährige Mitglied unseres Ortsvereins Frau Rose Wolfgarten im vergangenen November plötzlich und unerwartet gestorben ist.

    Feuilleton

    Der eben erwähnte und uns wohlbekannte Schauspieler und Sprecher Bernt Hahn machte mich auf den russischen Schriftsteller Michail Schischkin aufmerksam, den er im Lew Kopelew Forum kennengelernt hatte, dessen tätiges Mitglied Hahn auch ist.

    Schischkin hatte 2019 mit dem jüngst verstorbenen früheren Vorsitzenden des Lew Kopelew Forums Fritz Pleitgen das Buch „Frieden oder Krieg“ herausgegeben. Eindringlich mahnte er darin den Westen, die Gefährlichkeit Putins nicht zu unterschätzen, warnte seine deutschen Freunde vor der Blauäugigkeit vor dessen Brutalität. Sein Blick auf seine russischen Landsleute ist nüchtern und illusionslos, sein Blick auf deren Staatsführung erbarmungslos. Er ist in den letzten Monaten vielfach im Fernsehen aufgetreten, auch die Veranstaltung im Lew Kopelew Forum ist online abrufbar. Man erlebt einen Mann, der seine ganze Sprachmacht in den Kampf wider die Diktatur in seiner Heimat wirft. In diesem Sinne hat er nun auch einen Text verfaßt, der überschrieben ist mit „Die russische Deutschstunde – Thomas Mann und die Ukraine“.

    Schischkin potenziert darin seine Sprachgewalt mit jener Thomas Manns. Die FAZ sagte ihm zu, dies Essay zu publizieren, hat dies bislang aber noch nicht getan. Herr Schischkin gestattete mir, Ihnen, quasi im privaten Kreis, den Artikel zur Lektüre zu geben, sie finden ihn im Anhang.

    Michail Pawlowitsch Schischkin (Михаил Павлович Шишкин) lebt seit einigen Jahren in der Schweiz, seine Romane wurden in alle Weltsprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet. Ich habe ihn für das Frühjahr nach Bonn eingeladen, bevor er in die USA auf Lesereise geht. Seinen mir bislang unbekannten Romanen nähere ich mich gerade an. „Die Eroberung von Ismail“ ist ein fulminanter Liebes- und Leidensreigen um Rußland, es ist, als wolle er den Mythos und die Macht seines Landes entschlüsseln, ich konnte nicht umhin, mich an Rushdies „Satanische Verse“ erinnert zu fühlen. Der Roman erschien im Jahr 2000. Inzwischen hat sich der Blick auf sein Land weiter eingetrübt. Wir können sehr gespannt auf ihn sein.

    Am Ende noch ein Hinweis auf eine literarische Veranstaltung der Görres-Gesellschaft: am 3. Februar 2023 kommt Hanns-Josef Ortheil nach Bonn in die Aula des Collegium Albertinum, um aus seinen Werken zu lesen. Dazu wird Frau Prof. Margit Haider- Dechant Stücke von Robert Schumann spielen, der ganz im Fokus dieses Abends stehen wird. Titel des Abends ist:

    „Von nahen Ländern und Menschen“

    Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite der Görres-Gesellschaft, Karten- bestellungen können über deren Geschäftsstelle vorgenommen werden: verwaltung@goerres-gesellschaft.de

    Vorbehaltlich eines nochmaligen Wiedersehens am Mittwoch bei Prof. Wortmann wünsche ich allen Lesern meiner Rundbriefe ein geruhsames Weihnachtsfest.

    Auf bald Ihr Peter Baumgärtner

    Anlage  Schischkin Thomas Mann Ukraine 

    Die russische Deutschstunde

    Thomas Mann und der Ukraine-Krieg

    «Das russische Volk ist stark im Hinnehmen, und da es die Freiheit nicht liebt, sondern sie als Verwahrlosung empfindet, weshalb sie ihm denn auch wirklich gewissermaßen zur Verwahrlosung gereicht, so wird es trotz schweren Desillusionierungen sich unter der neuen, roh-disziplinären Verfassung immer noch besser und richtiger in Form fühlen, immer noch „glücklicher“ sein als unter der Republik. Die unbeschränkten Belügungs-, Betäubungs- und Verdummungsmittel des Regimes kommen hinzu. Das intellektuelle und moralische Niveau ist längst so tief gesunken, daß der zu der eigentlichen Empörung notwendige Schwung einfach nicht aufzubringen ist“.

    In diesem Zitat aus dem Brief von Thomas Mann an René Schickele (2.04.1934) habe ich nur ein Wort ersetzt: „deutsch“ durch „russisch“. Die historischen Parallelen zwischen Nazi-Deutschland und Putin-Russland sind frappierend. Die jüngste russische Geschichte hat den deutschen Klassiker zu unserem Zeitgenossen gemacht.

    Sein ganzes Leben lang führte Thomas Mann ein Gespräch mit der russischen Literatur, noch kurz vor seinem Tod hat er über Tschechow geschrieben. Als junger Autor nahm er bei den russischen Schriftstellern Unterricht im Schreiben, jetzt erteilt er uns Unterricht im Überleben in Zeiten des Faschismus.

    Russische Kulturschaffende können heute besser nachvollziehen, was Thomas Mann und andere deutsche Intellektuelle gefühlt und erlebt haben: Die Sprache Puschkins und Tolstois wurde zur Sprache von Kriegsverbrechern und Mördern gemacht. Russland wird auf absehbare Zeit nicht mit russischer Musik und Literatur assoziiert, sondern mit Bomben, die auf Kinder fallen.

    Manchmal fahren auf einer Eisenbahnstrecke zwei Züge in dieselbe Richtung, Fenster an Fenster. Man nähert sich auf Armeslänge, man sieht die Leute im Nebenzug: Jemand liest, jemand döst, jemand schaut dich an. So sitzen wir, durch die Zeit voneinander entfernt und doch irgendwie gleichzeitig, in parallelen historischen Zügen, die in die Katastrophe rasen.

    Hitler schaffte es, das deutsche Volk seelisch zu verseuchen, nun hat es Putin mit meinem Volk getan. 1940 nannte Thomas Mann die deutschen Siege „Schritte in einem endlosen Sumpf“. Russland hat diese Schritte in den Abgrund fast buchstäblich wiederholt. Offene rassistische Propaganda im Göbbels-Stil. Russki mir als Großdeutschland. Die Krim als Sudetenland. Ukrainerhass als Judenhass. Putin als Führer: „Gibt es Putin – gibt es Russland!“

    „Leiden an Deutschland“ – so nannte Thomas Mann seine Tagebücher. In den 30er Jahren warnte er in vielen Publikationen vor der Gefahr des Hitler-Regimes und wurde von seinen Landsleuten nicht gehört. „Leiden an Russland“ – so könnte man unzählige Publikationen russischer Schriftsteller nennen, die jahrelang in oppositionellen Medien erschienen und vor der Gefahr des entstehenden faschistischen Regimes in Russland warnten. Meine Landsleute jubelten nur: „Die Krim ist unser!“

    Weder 1936 noch 2014 wurden die Aufrufe zum Boykott der Olympischen Spiele gehört. Nach Berlin kamen fast 50 Nationen, obwohl die „Nürnberger Rassengesetze“ bereits 1935 verabschiedet worden waren. Den großen Sieg des deutschen Sports privatisierte Hitler. Den großen Sieg des russischen Sports hat sich Putin zugeschrieben. Der Sieg gehört ihm mit Recht, denn er hat die Spezialoperation der Geheimdienste veranlasst, bei der die Urinproben der gedopten Athleten durch saubere ersetzt wurden.

    Thomas Mann scheiterte mit seinen Versuchen, die zombifizierten Deutschen wachzurütteln und musste emigrieren. Auch die russische Kultur lebt heute nur in der Emigration. In Russland muss man patriotische Lieder singen oder schweigen. „Kann aber die Kultur ohne das durch den Faschismus verpestete Territorium existieren?“ Thomas Mann hat uns die Antwort gegeben. Nach seiner Übersiedlung in die USA sagte er in einem Interview: „Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur in mir.“ Am Beispiel Deutschlands erklärt er uns, warum Kultur und Putins Regime unvereinbar sind: „… In meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und

    Schande haftet ihnen an; sie sollten alle eingestampft werden. … Es war nicht erlaubt, es war unmöglich, «Kultur» zu machen in Deutschland, während rings um einen herum das geschah, wovon wir wissen. Es hieß die Verkommenheit beschönigen, das Verbrechen schmücken“ („Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe“). Alle Diktatoren missbrauchen die Kultur, um ihre Verbrechen zu

    „schmücken“.

    Jede Diktatur lebt von Feinden und Kriegen. In seinem „Bonner Brief“ 1936 beschreibt Thomas Mann sowohl das Nazi-Deutschland als auch das Putinsche Machtsystem: „Sinn und Zweck des nationalsozialistischen Staatssystems ist einzig der und kann nur dieser sein: das deutsche Volk unter unerbittlicher Ausschaltung, Niederhaltung, Austilgung jeder störenden Gegenregung für den «kommenden Krieg» in Form zu bringen“.

    In den Vorkriegsjahren litt Thomas Mann – nicht weniger als an Deutschland – an der Duldung Hitlers durch den Westen, an der so genannten Appeasement-Politik. Auch Putins Einmarsch in die Ukraine war nur dank der jahrelangen Bemühungen der „Putin-Versteher“ in den demokratischen Ländern möglich. Der verzweifelte Aufruf russischer Schriftsteller zum Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 fand bei den westlichen Politikern kein Gehör. Der damals bereits vier Jahre andauernde Krieg gegen die Ukraine mit Tausenden Toten konnte keine Nation stoppen, nach Russland zu gehen und vor Putin Fußball zu spielen. Der Diktator nahm das als stillschweigende Zustimmung zu seiner Aggression wahr, der Weg zum 24. Februar 2022 war frei.

    Jetzt geriet die russische Kultur im Ausland unter die Walze des „culture cancelling“, so, wie damals die deutsche. Den amerikanischen Studenten, die sich weigerten, die Kultur und Sprache eines Landes zu erlernen, das eine menschenverachtende Ideologie und Krieg in die Welt brachte, antwortete Thomas Mann, dass die Abneigung gegen das politische Regime nicht auf die deutsche Kultur übertragen werden dürfe, sie habe damit überhaupt nichts zu tun. Das war im Jahre 1938. Später, als die Gräueltaten der Nazis bekannt wurden, änderte er seine Meinung. Die Verführung und Schändung der deutschen Nation durch Hitler sei bereits durch die deutsche Geschichte und Kultur, durch die deutsche Romantik vorbereitet. „Heruntergekommen auf ein klägliches Massenniveau, das Niveau eines Hitler, brach der deutsche Romantizismus aus in hysterische Barbarei, in einen Rausch und Krampf von Überheblichkeit und Verbrechen, der nun in der nationalen Katastrophe, einem physischen und psychischen Kollaps ohnegleichen, sein schauerliches Ende findet.“ („Deutschland und die Deutschen“). Nun müssen auch wir Russen die russische klassische Kultur aufarbeiten und unsere Literatur durch das Prisma des Ukraine-Krieges mit offenen Augen neu lesen. Das wird eine wichtige Erfahrung sein, denn wir haben nie aus dieser Perspektive auf unsere Klassiker geblickt, nie die imperialistischen Untertöne ihrer großen Romane wahrgenommen. Wir haben uns durch die berüchtigte Kinderträne aus den Brüdern Karamasow verführen lassen und Dostojewskis fanatische Aufrufe zum orthodoxen Kreuzzug gegen den Westen, seinen Hass gegen alle nicht slavischen Völker und seinen besonderen Hass gegen die Slaven, die Russland „verraten“ haben, als etwas nicht Relevantes übersehen. Wir haben Tolstois naive Behauptungen nicht ernst genommen, die Wahrheit lebe in den Analphabeten, den russischen Bauern, und nicht in der Bildung und Kultur, den sozialen und technischen Errungenschaften der westlichen Zivilisation.

    Und doch gibt es nichts, was der Barbarei entgegenzusetzen ist, als die Kultur. In seinem Roman Lotte in Weimar macht Thomas Mann Goethe zu seinem Avatar und spricht über das der Barbarei verfallene Volk: „Sie mögen mich nicht – recht so, ich mag sie auch nicht, so sind wir quitt. Ich hab mein Deutschtum für mich – mag sie mitsamt der boshaften Philisterei, die sie so nennen, der Teufel holen. Sie meinen, sie sind Deutschland, aber ich bins, und gings zu Grunde mit Stumpf und Stiel, es dauerte in mir.“ Deutschland ging zu Grunde vor den Augen des Schriftstellers, ruiniert von Hitler und seinem Krieg. Jetzt geht Russland vor unseren Augen unter. Damals ging es ums Überleben der deutschen Kultur, jetzt geht es ums Überleben der russischen.

    Thomas Mann lässt Goethe sein Deutschtum definieren: „Deutschtum ist Freiheit, Bildung, Allseitigkeit und Liebe, – daß sies nicht wissen, ändert nichts daran. Tragödie zwischen mir und diesem Volk“. Aber das ist mein „Russischtum“ auch: Freiheit, Bildung, Allseitigkeit und Liebe, und das hat weder mit Deutschland noch mit Russland zu tun. Das ist unser gemeinsames Menschentum, welches sich

    über das Nationale hinweg zur Weltkultur, zu unserem geistigen Zusammenleben auf der Erde entwickelt.

    Aber sind Symphonien und Poeme die Antwort auf Bomben und Gefängnisse? Die Besten Bücher der Menschheit handeln nicht vom Hass, sondern von der Liebe. Steht die Kultur gegen die Barbarei auf verlorenem Posten? Für Thomas Mann ist die klare Antwort: Nein! Die Kultur, die Demokratie, die Zivilisation muss sich verteidigen können. „Europa wird nur sein, wenn der Humanismus seine Männlichkeit entdeckt, wenn er lernt, in Harnisch zu gehen, und nach der Erkenntnis handelt, daß die Freiheit kein Freibrief sein darf für diejenigen, die nach ihrer Vernichtung trachten.“ („Humaniora und Humanismus, 1936). Nur „militanter Humanismus“ kann die Weltkultur retten. Die Barbarei muss mit Gewalt im Krieg besiegt werden. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion von Thomas Mann an uns Russen: Wenn man das eigene Land liebt, muss man ihm in seinem ungerechten Krieg eine vernichtende Niederlage wünschen.

    Thomas Mann führte in den Radiosendungen „Deutsche Hörer!“ seinen persönlichen Kampf. In den ersten Ansprachen hegte er noch die Hoffnung, dass sein durch die Nazis verführtes Volk zur Besinnung kommt und sich gegen die Hitler-Diktatur erhebt. Der Schriftsteller war so naiv zu glauben, die Deutschen sehnten Hitlers Niederlage tatsächlich ebenso herbei wie er selbst. „Die Hölle, Deutsche, kam über euch, als diese Führer über euch kamen. Zur Hölle mit ihnen und all ihren Spießgesellen! Dann kann euch immer noch Rettung, kann euch Friede und Freiheit werden.“ (November 1941) Aber diese Hoffnung auf gesunde Kräfte in Deutschland schrumpfte schnell.

    Angesichts von ungeheuren Verbrechen des Regimes und einer schweigenden Bevölkerung begann er, von deutscher Kollektivschuld zu reden.

    „… Daß es nicht zwei Deutschland gibt, ein böses und ein gutes, sondern nur eines, dem sein Bestes durch Teufelslist zum Bösen ausschlug. Das böse Deutschland, das ist das fehlgegangene gute. Das gute im Unglück, in Schuld und Untergang. Darum ist es für einen deutsch geborenen Geist auch so unmöglich, das böse, schuldbeladene Deutschland ganz zu verleugnen und zu erklären: ‚Ich bin das gute, das edle, das gerechte Deutschland im weißen Kleid, das böse überlasse ich euch zur Ausrottung.‘“

    Das böse Russland Putins, das ist das fehlgegangene gute Russland, das gute im Unglück, in Schuld und Untergang. Wie lässt sich erklären, dass Millionen russischer Männer und Frauen die Verbrechen des eigenen Staates unterstützen und gehorsam in den Krieg ziehen, um die Ukrainer zu töten? Wo liegt hier die Grenze zwischen dem bösen russischen Staat und dem guten russischen Volk?

    Wurde Thomas Mann von den deutschen Hörern überhaupt gehört? Oder waren seine Sendungen bloß verzweifelte Rufe ins Leere? Immer wieder sprach er über die Massenvernichtung der Juden überall dort, wo die Deutschen Fuß fassten – in Frankreich, Österreich, Polen. „Nach den Informationen der polnischen Exil-Regierung sind alles in allem bereits 700.000 Juden von der Gestapo ermordet oder zu Tode gequält worden […] Wißt ihr Deutschen das? Und wie findet ihr es?“ (27.09.1942) Die Antwort lautete 1945: „Wir haben nichts gewusst.“

    Ich nehme an, Thomas Mann wurde während des Kriegs von den meisten im eigenen Land als Verräter wahrgenommen. Genauso wie die emigrierten russischen Autoren, die jetzt die Ukraine unterstützen. Alle im Internet publizierten Bücher und Artikel von mir und anderen regimekritischen Schriftstellern können die Massen in Russland nicht erreichen, die ihrem Führer in den Abgrund folgen. Hat Thomas Mann auch als „Vaterlandsverräter“ Morddrohungen von seinen Landsleuten bekommen?

    Jahrelang hat er seine Radioansprachen gemacht, auch ohne zu wissen, ob jemand seine Stimme hört. Für «deutsche Hörer» waren seine Worte gefährliche Botschaften. Sogenannte Rundfunkverbrechen wurden streng geahndet und bestraft – sogar Todesstrafen wurden verhängt. Diese Ansprachen waren vor allem für ihn selbst überlebenswichtig. Sie waren sein Kampf gegen Hitler und für die deutsche Kultur, für die deutsche Sprache. „Überleben hieß: siegen. Ich hatte gekämpft und den Lästerern der Menschheit Hohn und Fluch geboten, indem ich lebte: also ist es, auch persönlich, ein Sieg“ („Entstehung des Doktor Faustus“ 1949). Er verteidigte sein Deutschland, sein Deutschtum der Freiheit, Bildung, Allseitigkeit und Liebe. Er gab uns ein Beispiel dafür, dass Schriftsteller den Kampf nicht aufgeben müssen, auch wenn sie von den Lesern abgeschnitten sind, vom eigenen Land verraten und

    verleumdet werden. Jetzt müssen wir unsere russische Sprache gegen Putin und die Kriegsverbrecher verteidigen, wie Thomas Mann seine Sprache verteidigte. Fast im Alleingang, als „Vaterlandsverräter“ gegen das eigene Land, gegen das eigene Volk.

    Am 28. März 1942 wurde Manns Vaterstadt Lübeck von den Alliierten angegriffen, als Vergeltung für die Vernichtung von Coventry. Hunderte starben im Feuer, auch sein Buddenbrook-Haus wurde zerstört. Die anschließenden Worte fielen ihm nicht leicht: „Ich denke an Coventry – und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muß“. Galt die Kollektivschuld auch für die getöteten deutschen Kinder? Mussten sie durch ihren Tod für den Tod der englischen Kinder bezahlen?

    Mit Wut beschwört Thomas Mann die Bombardierung der deutschen Städte: „Zweitausend Lufthunnen täglich über diesen Lügensumpf, – es gibt nichts anderes. Diese unmäßige Niedertracht, dieser revoltierende, den Magen umkehrende Betrug, diese schmutzige Schändung des Wortes und der Idee, dies überdimensionierte Lustmördertum an der Wahrheit muss vernichtet, muss ausgelöscht werden um jeden Preis und mit allen Mitteln.“ (28. März 1944)

    Meine ukrainischen Freunde sagen: „Wenn nach jeder Rakete, die auf Charkiv oder Kiev fällt, eine Rakete in Moskau oder Sankt-Petersburg explodiert, dann wird der Krieg schneller zu Ende gehen. Das ist der einzige Weg zum Frieden.“ Müssen jetzt russische Kinder durch ihren Tod für den Tod der ukrainischen Kinder bezahlen?

    Thomas Mann gibt Antworten, aber es sind seine Antworten auf meine Fragen. Hat ein Emigrant weit weg vom Krieg überhaupt das moralische Recht, dem ganzen Volk Kollektivschuld zu geben? Sollen auch russische Städte „unter einem Regen aus Feuer und Schwefel“ untergehen, wenn das der Preis für den Frieden ist? Wenn man sagt, dass alles bezahlt werden muss, nimmt man in Kauf, dass die heute noch lachenden Kinder bald der Kollektivschuld zum Opfer fallen werden. Bin ich bereit, diese Verantwortung zu übernehmen?

    „Es wird mehr Lübecker geben, mehr Hamburger, Kölner, Düsseldorfer, die dagegen auch nichts einzuwenden haben. Und wenn sie das Dröhnen der Royal Air Force über ihren Köpfen hören, ihr guten Erfolg wünschen.“ Werden meine Landsleute ukrainischen Raketen guten Erfolg wünschen können?

    Thomas Mann hat an die Zukunft seines Landes geglaubt. „Die Gnade ist höher als jeder Blutsbrief. Ich glaube an sie, und ich glaube an Deutschlands Zukunft, wie verzweifelt auch immer seine Gegenwart sich ausnehmen, wie hoffnungslos die Zerstörung erscheinen möge. Man höre doch auf, vom Ende der deutschen Geschichte zu reden! Deutschland ist nicht identisch mit der kurzen und finsteren geschichtlichen Episode, die Hitlers Namen trägt.“ („Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe“) In der Zerstörung des Staates, der zum Instrument der Gewaltherrschaft wurde, sah Thomas Mann eine Chance: „Goethe ging, wenigstens in mündlicher Unterhaltung, so weit, die deutsche Diaspora herbeizuwünschen. ,Verpflanzt‘, sagte er, ,und zerstreut wie die Juden in alle Welt müssen die Deutschen werden!‘ Und er fügte hinzu: ,um die Masse des Guten, die in ihnen liegt, ganz und zum Heile der Nationen zu entwickeln.‘ Die Masse des Guten – sie ist da, und in der hergebrachten Form des nationalen Staates konnte sie sich nicht erfüllen.“ („Deutschland und die Deutschen“)

    Thomas Mann konnte an eine demokratische Zukunft Deutschlands glauben, da diese Zukunft nach der Zerstörung des Nazi-Staates von den Alliierten gesichert wurde. Wie würde die deutsche Zukunft aussehen, wäre die Gestapo an der Macht geblieben? Wie soll die Zukunft meines Landes aussehen? Wer wird die demokratische Zukunft Russlands sichern? Wer wird die Entputinisierung durchführen? Der nächste Putin? Wer wird „Nürnberger Prozesse“ gegen die Kriegsverbrecher durchführen? Die Kriegsverbrecher selbst? Glaube ich an eine demokratische Zukunft Russlands?

    Seine letzte Radioansprache am 10. Mai 1945 beendete Thomas Mann mit den Worten: „Ich sage, es ist trotz allem eine große Stunde: die Rückkehr Deutschlands zur Menschlichkeit.“ Wird diese große Stunde überhaupt kommen: die Rückkehr Russlands zur Menschlichkeit?

  • Rundbrief Nr. 44 + Anlagen Stefan Zweig in Amerika | Jan Assmann | Bilder | Lieder



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    ich erlaube mir, Sie nochmals auf den Vortrag von Prof. Wortmann am Mittwoch, den 14.12. um 18.30 Uhr hinzuweisen. Er findet im Clubraum des Verwaltungsgebäudes der evangelischen Kirchen Bonns statt, den man früher nur als LESE angekündigt hätte. Bei dem gewählten Titel „Abenteuertourismus im doppelten Sinne. »Thomas Manns „Eisenbahnunglück“ und das unbekannte(re) Werk« erinnerte ich mich an Wortmanns Vortrag im Januar dieses Jahres bei der Thomas- Morus-Akademie in Bensberg. Im Rundbrief Nr. 36 hatte ich geschrieben: „Er berichtete über die Statussymbole von Thomas Mann und machte dies an der frühen Erzählung ‚Eisenbahnunglück‘ fest, die einen weit weniger dramatischen Verlauf nimmt, als der Titel vermuten läßt, schildert sie doch eine Begebenheit, die TM 1906 selbst erlebt hatte. Prof. Wortmann, in Mannheim lehrend aber aus dem Rheinland stammend, ist bei aller Wissenschaftlichkeit mit einem humorvollen Redefluß gesegnet. Es war erstaunlich, wie er mit seinem germanistischen Analysebesteck diesen kurzen Text zergliederte und erstaunliche Erkenntnisse zutage förderte.“

    Die Erinnerung daran erfüllt mich mit Vorfreude auf den Abend, den wir nun Mitte Dezember mit ihm erleben dürfen. Wer zuvor schon die Bekanntschaft mit ihm machen möchte, kann dies bereits am kommenden Donnerstag tun, wo er wieder an einer Veranstaltung der Thomas-Morus-Akademie teilnimmt, die auch online besucht werden kann. Gegenstand des Abends ist der preisgekrönte Spielfilm von Maria Schrader:

    »Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika«.

    Als Anlage 1 zum Rundbrief finden Sie die entsprechende Ankündigung im Akademieprogramm.

    Ein zweiter, externer Veranstaltungshinweis betrifft wieder Thomas Mann. Der uns wohlbekannte Ägyptologe Jan Assmann wird als Gast der ETH in Zürich einen Vortrag unter dem Titel

    «Thomas Manns ‹Morgenlandfahrt› – die Josephsromane»

    halten. Auch an dieser Veranstaltung können Sie online teilnehmen. Nähere Angaben finden Sie in der Anlage 2.

    Doch nun zur Rückschau auf unsere eigene Veranstaltung, zu unserem Georgienabend im Woelfl-Haus. Hier präsentierte zunächst Frau Natia Tcholadze eine Kurzfassung ihrer Promotionsarbeit zur »Sinfonischen Architektonik von Thomas Manns Zauberberg«. Ihr Vortrag war neben ihren literarischen Kenntnissen von einem breiten musikalischen Wissen geprägt. Mit Unterstützung von Herrn Prof. Hermann Dechant bereiten wir eine Publikation vor. Frau Dr. Tcholadze ist inzwischen Mitglied unseres Ortsvereins, zwei weitere (Geschenk-) Mitgliedschaften sind in Vorbereitung; Frau Tcholadze denkt darüber nach, in ihrer Heimat- und Universitätsstadt Kutaissi einen eigenen Ortsverein zu gründen. Im Briefwechsel mit ihr spüre ich, wie sie – bei all ihren Sorgen ob des nahen Krieges – in der Beschäftigung mit der Literatur ihren seelischen Ausgleich findet.

    Für den zweiten Teil des Abends hatte unser Mitglied Frau Ekaterine Horn für wundervollste Unterhaltung gesorgt: Georgische Volkslieder vorgetragen von Rezo Tschchikwischwili und Nino Winjbergen-Shatberashvili (wer die beiden Nachnamen unfallfrei ausspricht, erhält einen Preis) Beide waren überaus hinreißend, Nino mit all ihrer Schönheit, Stimme und Ausstrahlung, Rezo als Vollblutschauspieler, Komödiant, Pianist und Gitarrist einzigartig. Im Nachgang lud Frau Prof. Haider-Dechant die Künstler noch zur Brotzeit in der Bauernstube ein, wobei sich in bester Stimmung Rezo T. alsbald als Tamada (თამადა – „Tischführer“) bewährte und mit einem herzlichen Gaumarjos (გაუმარჯოს – „Prost“) immer wieder sein Glas erhob – womit Sie hiermit auch ihre erste Unterrichtsstunde in Georgisch erhalten hätten. In der Anlage 3 finden Sie einige photographische Eindrücke des Abends, in Anlage 4 die Übersetzungen der Liedtexte von Ekaterine Horn. Die Veranstaltung ist übrigens noch im Netz abrufbar: All jene, die ein Streaming-Ticket gelöst hatten, können die Aufzeichnung beliebig oft ansehen, die Gäste, die am Abend vor Ort waren, können auf Nachfrage im Woelfl-Haus einen entsprechenden Link erhalten, und all jene, die ich nun neugierig gemacht habe, können im Nachgang ein entsprechendes Ticket erwerben. Es kostet wie immer 22,- Euro. Da mit den bereits erzielten Einnahmen alle Unkosten des Woelfl-Hauses beglichen werden konnten, können wir alle zusätzlichen Einnahmen zum weiteren Ausgleich der Honorare nutzen. Falls also Interesse besteht, bitte ich den Betrag auf das Konto unseres Ortsvereins zu überweisen und mir dies mitzuteilen. Vom Woelfl- Haus wird Ihnen dann der Link übermittelt. Ich wünsche Ihnen damit viel Freude!

    Noch ein Satz zur Publikation des Vortrags von Tobias Schwartz im Museum Koenig: Die Druckvorlage ist fertig, die ISBN wird gerade besorgt – ich hoffe noch auf eine Auslieferung vor Weinachten.

    Feuilleton

    Dieser Tage meldete sich Frau Dr. Ulrike Keim bei mir und berichtete, daß sie gerade vom Verlag druckfrisch eine Reihe von Exemplaren des von ihr verfaßten Buches, von der Biographie Martin Gumperts, des Freundes von Thomas Mann, erhalten habe. Sie übergab mir ein Exemplar – ich habe es sofort ‚verschlungen‘. Hier mein Bericht:

    Ein außergewöhnliches Leben in zwei Welten – Der Arzt, Dichter, Forscher und Schriftsteller Martin Gumpert.

    Mit diesem außergewöhnlich langen Titel ist das Buch soeben im Verlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte überschrieben. Autorin ist die Bonner Ärztin Frau Dr. Ulrike Keim, die auch einmal einige Semester Germanistik studierte und somit prädestiniert war, ein Lebensbild dieser schillernden Figur Martin Gumpert (1897-1950) zu verfassen. In jahrelanger Arbeit hat sie sich Quellen erschlossen, die bislang unbekannt waren. Als Sohn eines Arztes in Berlin stieß Gumpert schon als Schüler zum Dichterkreis der Expressionisten, mußte im Krieg Lazarettdienste leisten, verlor seine erste große Liebe durch die spanische Grippe, studierte Medizin, entwickelte sein berufliches Ethos, nachdem der Arzt auch immer das soziale Umfeld des Kranken im Blick haben muß, wurde angesehener Dermatologe, bevor ihn die Nazis 1933 mit Berufsverbot belegten. Er besinnt sich zurück auf seine frühe Leidenschaft, das Schreiben. So erschien 1934 sein erster Roman: „Hahnemann – Die abenteuerlichen Schicksale eines ärztlichen Rebellen und seiner Lehre der Homöopathie“. Als Autor dieses Buches ist er Thomas Mann bereits bekannt, als Gumpert ihn 1935 in Kilchberg besucht und eine lebenslange Freundschaft ihren Lauf nimmt.

    1937 findet er auch zur Lyrik zurück, allerdings hat er den Expressionismus hinter sich gelassen, vielmehr blickt er in dem Band „Berichte aus der Fremde“ in einem ‚prosaischen Alltagston‘ auf sein Leben zurück.

    1933 begann man dort Meine Freunde zu quälen, meine Sprache zu schinden. Schmutz und Unrat befielen das Land. Ich habe versucht es zu ertragen.

    Thomas Mann verwendet sich für ihn, legt ein gutes Wort für ihn ein bei Ferdinand Lion, dem Herausgeber von ‚Maß und Wert‘. An Gumpert schrieb er dann: „Er ist ein häkelig-mäkelig Köpfchen, und ich glaube, Sie können sich etwas einbilden darauf, daß er doch wenigstens eines Ihrer Gedichte mit spitzen Fingern […] ausgewählt hat…“

    Nun, 1937 war er bereits ein Jahr in den USA, es war eben nicht mehr zu ertragen in Deutschland. In New York angekommen mietete er sich im Bedford-Hotel ein und verliebte sich alsbald in Erika Mann und eine Amour fou zweier ganz gegensätzlicher Persönlichkeiten nahm ihren Lauf: Der sein inneres Feuer immer bändigende, sanfte Martin Gumpert konnte die extrovertierte, laute, oft provokante Erika Mann auf Dauer nicht an sich binden. Die Briefe der beiden aneinander, die Frau Keim zitiert, sind dennoch geprägt von höchstem Respekt füreinander. Vom Auf und Ab dieser Beziehung unberührt bliebt das sehr freundschaftliche Verhältnis zu Katia und Thomas Mann. Als Beweis höchster Zuneigung ist daher das Bildnis Gumperts als Mai-Sachne im vierten Band der Josefs-Tetralogie zu werten. So heißt es dort, er habe „…beides vereint, nicht heute ein Arzt und Schreiber ein andermal, sondern dieses in jenem und eines zugleich mit dem anderen, worauf man den Ton legen muß, denn meiner Meinung nach ist es von vorzüglichem Wert.“

    Dann der Doktor Faustus: Welch besseren Berater in Sachen Syphilis hätte Thomas Mann sich wünschen können, als den Dermatologen Gumpert? Dann Manns Lungenkrebs – Katia sucht Rat bei Martin Gumpert. Aber dann: Martin Gumpert erleidet 1946 einen ersten Herzinfarkt. Thomas Mann ist tief erschrocken, möchte seinen Freund auch weiter an seiner „Seite wissen“ und ermahnt ihn: „Achten Sie also auf meinen Vorsprung und kommen Sie bald wieder auf die Beine!

    Nun, Gumpert achtete den Vorsprung nicht und starb 1955 drei Monate vor Thomas Mann.

    In Ulrike Keim hat Martin Gumpert eine Biographin gefunden, die ihm in Sachen Leidenschaft in nichts nachsteht. Sie hat das Feuer dieses hochsympathischen Humanisten trefflich eingefangen. Selbst die medizinischen Passagen sind für Laien gut verständlich. Wir werden im nächsten Jahr sicher eine Veranstaltung mit ihr machen – aber besorgen Sie sich vorab schon das Buch, es wird Sie bereichern. Wer sich noch einen weiteren Eindruck von Martin Gumpert verschaffen will – und auch die Stimme von Frau Keim hören möchte -, kann sich in der Mediathek des WDR das Zeitzeichen vom 13.11.2022 anhören, darin wurde an den 125. Geburtstag Gumperts erinnert.

    Auf bald Ihr Peter Baumgärtner

    Anlagen Stefan Zweig in Amerika | Jan Assmann | Bilder | Lieder

    Stefan Zweig in Amerika

    KulturGut | AkademiePlus | Online-Programm

    Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika

    Preisgekrönter Spielfilm von Maria Schrader (2016)

    24. November 2022 (Do.) | 19.30 Uhr bis 21.00 Uhr

    Stefan Zweig gehörte mit seinen brillanten psychologischen Novellen zu den populärsten deutschsprachigen Schriftstellern seiner Zeit. Als jüdischer Intellektueller und radikaler Pazifist trat er dem aufkeimenden Nationalismus entgegen und musste schließlich fliehen – um dann in Brasilien den Freitod zu wählen.

    „Vor der Morgenröte“ ist ein elegant bebildertes und hochkarätig besetztes filmisches Epos über die Exiljahre des Schriftstellers. Maria Schraders preisgekröntes Werk von 2016 lässt eine untergegangene Weltordnung erahnen, in der der Protagonist noch angesichts des Abgrunds ein zukünftiges geeintes Europa erträumt.

    Unter sachkundiger Leitung des Germanisten Prof. Dr. Thomas Wortmann, Universität Mannheim, widmet sich das KinoKolloquium dem gemeinsamen, moderierten Gespräch rund um den Film. Nach einem eingehenden Vortrag von Prof. Wortmann zu Entstehungsgeschichte, Besetzung, Motiven und Hintergründen wird Gelegenheit zu Gespräch und Austausch geboten.

    Der Film selbst wird allen angemeldeten Gästen vorab per Link zugesandt und kann bis zur Veranstaltung jederzeit und beliebig oft geschaut werden.

    Jan Assmann

    Thomas Mann Lecture mit Jan Assmann

    Am 30. November 2022 ist der Kulturwissenschaftler und Ägyptologe Jan Assmann zu Gast an der ETH Zürich. Er spricht über Bezüge zwischen den Werken von Thomas Mann und Hermann Hesse.

    Thomas Mann und Hermann Hesse pflegten einen jahrzehntelangen Austausch: Mann schätzte Hesses «Der Steppenwolf» und sah «Das Glasperlenspiel» in Verbindung mit seinem eigenen Roman «Doktor Faustus». Jan Assmann geht in seinem Vortrag auf die weniger etablierten Bezüge zwischen den Werken beider Autoren ein und zeigt die Zusammenhänge zwischen Hesses «Glasperlenspiel» und Manns Josephsromanen auf.

    Die Thomas Mann Lecture findet in diesem Jahr wieder in Präsenz statt. Jan Assmann hält seinen Vortrag mit dem Titel «Thomas Manns ‹Morgenlandfahrt› – die Josephsromane» am 30. November 2022 um 18.00 Uhr, im Audi Max der ETH Zürich. Gleichzeitig kann die Veranstaltung online verfolgt werden.

    Thomas Mann Lecture mit Jan Assmann – Thomas-Mann-Archiv | ETH Zürich

    Bilder

    Lieder

    1.    Georgien, meine Schöne

    Ein Wiegenlied singt mir der Wind Die Platane erzählt ein Märchen,
    Die Trauerweide hat mich wie ein Kind Mit seinen hängenden Ästchen
    mit Zärtlichkeit und Eifersucht erfüllt!
    Refr.:
    Georgien, meine Schöne, Wer ist schöner als Du?

    2.    Suliko

    Sucht ich, ach, das Grab meiner Liebsten Fragend überall: Wer weiß wo?
    Weinend klagte ich oft mein Herzelend: Wo bist du, mein lieb Suliko?
    Blühte dort am Waldrand die Rose, Morgensonnenschön, still und froh.
    „Fragt ich hoffnungsvoll das Blümlein: Sag, bist du mein lieb Suliko?“
    Sang die Nachtigall in den Zweigen. Brannte mir das Herz lichterloh
    „Sag mir doch, du holde Sängerin Bist gar du mein lieb Suliko?“
    Neigt die Nachtigall drauf ihr Köpfchen, Aus der Rosenglut klang es so Silberhell und tröstend wie ihr Lied:
    „Ja, ich bin‘s, ich bin Suliko!“ (Deutsche Übersetzung von Ernst Busch)

    3.    Das Schicksalsrad

    Überall war ich auf der Suche nach dem Schicksal, Die Zeit und Augenblicke machten mich nieder, Die Schuld der Sühne trifft man immer wieder, Warum wird der Himmel dabei nicht finster?
    Refr.:
    Das Schicksalsrad dreht sich in Eile, Mit uns geht die Zeit zur Neige,
    Wer weiß, wer kann die Wunden heilen? Das Schicksalsrad dreht sich in Eile.

    4.    Der sentimentale Tango

    Die Berge sind voller Wehmut
    Und die Dämmerung macht sich breit, Alles verschwindet in Demut
    Und die Brücke der Treue entzweit.
    Alles verschwindet spurlos, Der Zweig der Treue verwelkt, Alles geschieht zeitlos
    Bis der Frühling wieder alles erhellt!
    Refr.:
    Das Leben singt, das Licht singt, Dieses Herz zwitschert: „Ich liebe Dich!“

    5. Wenn der Mond aufgehen möchte

    Vor dem Aufstieg des Mondes am Himmel, laufe ich entlang des Flussufers singend.
    Refr.:
    Komm Frühling, komm Liebe zurück zu mir, Ich sehne mich so sehr nach Dir!

    6.    Der bunte Schmetterling

    Flieg doch bitte langsam,
    Du, mein bunter Schmetterling! Flieg nicht weit und einsam
    Aber auch nicht zurück, Du Liebling!
    Refr.:
    Oh, Du bunter Schmetterling, Flieg doch nicht so beschwingt!

    7.    Nebel im Herbst

    Herbstlich liegen die Nebelschwaden, Die Schwalben fliegen weit weg, Willst Du mir wirklich sagen,
    Dass Du gehst, welch ein Schreck!
    Refr.:
    Ich kann es gar nicht wagen, Meinen Schmerz Dir zu sagen, Habe ich Dich so verletzt, Dass Du mich jetzt verlässt?

    8.    Im Frühling blüht die Mandelblüte

    Ich bin hier, ich bin da, Ich bin wirklich überall,
    Da ich selbst die Sonne bin
    Für die Erde, die alles verschlingt.
    Refr.:
    Ich bin hier, ich bin da, Ich bin wirklich überall!

    9.    Tagsüber singe ich in Deinem Garten

    Tagsüber singe ich in Deinem Garten,
    In der Nacht bewache ich Deine Blumen, Schenke mir bitte zuerst Dein Lachen, Und danach Deiner Mohnblume!
    Refr.:
    Die Mohnblume in Deinem Garten Liebkost mich strahlend und lachend, In der Nacht werde ich auf Dich warten, Deine schönen Blumen bewachend!

  • Rundbrief Nr. 43



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    dieser kurze Rundbrief wagt einen kurzen Blick zurück und möchte vor allem nochmals an unsere Veranstaltung nächste Woche im Woelfl-Haus erinnern. Wir werden viel Neues erfahren aus der uns bislang kaum bekannten Welt Georgiens, auch zur Befindlichkeit der Bürger dieses Landes, in das gerade viele Russen flüchten, um sich vor dem Militärdienst zu retten. Aber es werden am Samstagabend nicht die Ängste im Mittelpunkt stehen, sondern die Kultur und die Lebensfreude, die dieses Land auszeichnen.

    Daher nochmals meine Bitte: Melden Sie sich an, kommen Sie hin, melden Sie sich beim Streaming-Service an. Beim Flyer war uns leider ein kleiner Fehler unterlaufen: Der Streaming-Link steht natürlich nicht schon um 15.45 Uhr zur Verfügung sondern erst um 17.45, eine Viertelstunde vor Beginn, siehe Anhang.

    Ein kurzer Nachtrag zum Vortrag von Tobias Schwarz im Museum Alexander Koenig. Herr Pfeiffer schickte mir einige Aufnahmen vom anschließenden Besuch im Adenauer-Saal, vom interessanten Vortrag vom Prof. Misof, von Alexander Koenigs Bücherschrank, den Adenauer hinter einem Vorhang verschwinden ließ, von der Renaissance-Decke im Stile Sankt Petersburgs… wir danken nochmals für das Entgegenkommen.

    Herr Schwartz sandte mir inzwischen noch vier weitere Texte zu Thomas Mann. Die Druckvorlagen zum neuen Heft unserer Schriftenreihe sind schon weit vorangeschritten. Wir werden es diesmal wohl bei ‚Books on Demand‘ herstellen lassen, einem Verlag also, der die Bücher erst auf Bestellung produziert und unser Verein keine große Auflage vorfinanzieren muß. Alles weitere dazu im nächsten Rundbrief.

    Noch ein Blick voraus: Der seit langem angekündigte Vortrag von Prof. Wortmann kann in diesem Jahr doch noch stattfinden und zwar am Mittwoch den 14.12. im Clubraum des Verwaltungsgebäudes der evangelischen Kirchen Bonns, den man früher nur als LESE angekündigt hat. Als Titel haben wir gewählt: „Abenteuertourismus im doppelten Sinne. Thomas Manns „Eisenbahnunglück“ und das unbekannte(re) Werk“ … Weitere Details in Kürze.

    Und wenn wir in den kommenden, kühleren Tagen unsere Heizungen nur mäßig aufdrehen werden, mögen wir Hanno Buddenbrooks gedenken, an sein Erwachen am kalten Wintermorgen, als der der matte Morgen fahl durch die Eiskruste der Fensterscheibe ins Zimmer blickte, und er, wenn auch verspätet, dennoch aufstand, um nach dem Schwamm in der Waschschüssel zu greifen und sich den Oberkörper zu waschen, worauf er erstarrte und dastand, qualmend wie ein schwitzendes Pferd

    Sag mir einer noch, er sei ein Weichling gewesen. Auf bald Ihr Peter Baumgärtner