Kurzmitteilungen

  • Rundbrief Nr.86 – Goerke, Sanary, Les Milles, Kerényi

    Bonn, den 16.5.2026

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierten an unserer Arbeit,

    bevor ich Ihnen von meiner Reise nach Sanary-sur- Mer berichte, erinnere ich an den anstehenden Vortrag von Dr. Britta Goerke, die uns ihr Buch Gleitende Abhänge – Thomas Manns Buddenbrooks und der Aufbruch in die Moderne vorstellen wird:

    Am 28.Mai um 19.00 Uhr

    im Haus an der Redoute in Bad Godesberg

    um 19.00 Uhr.

    Eintritt 15.00 Euro

    Zum Inhalt ihrer Arbeit habe ich im letzten Rundbrief bereits das Notwendige gesagt: Es wird ein erkenntnisreicher Abend – das kann ich Ihnen versichern. Frau Goerke wird uns zunächst einen Überblick über ihre Thesen geben, dann eröffne ich den Dialogpart mit einigen einleitenden Fragen, bevor wir in ein Gespräch über die verborgenen Geheimnisse dieses großen Romans eintreten.

    Es liegen mir bislang nur wenige Anmeldungen vor. Ich bitte dies zu tun, damit ich Frau Goerke in Hamburg auch signalisieren kann, daß sich ihre Reise lohnt! Nun nehme ich Sie mit in die Provence. Schon vor vier Jahren, als ich Ihnen von Thomas Manns Freundschaft mit René Schickele berichtete, nahm ich mir vor, diese Region wieder zu bereisen, die ich schon weit über 40 Jahren kenne. Es hat sich mehr geändert als ich ahnte: Man hat in Frankreich seit einigen Jahren begonnen, sich öffentlich und kritisch an die Kriegszeit zu erinnern: An die Gastfreundschaft, die die vielen kreativen Köpfe 1933 im Sanary erfahren durften, aber auch an die völlig unangebrachte Härte, mit der man eben diese 1939 in Les Milles einsperrte und dort im Jahr darauf begann, die Deutschen bei ihrem Mordhandwerk zu unterstützen.

    Meine Notate aus den Rundbriefen Nr. 39 und 40 zu Schickele und Mann habe ich Ihnen in einer separaten Datei angehängt. Ich stellte fest, daß ich damals die Rubrik Feuilleton eingeführt hatte, was ich nun wieder tue:

    Feuilleton

    Klaus Mann war 1925 der erste, der für die Familie Mann die Côte d’Azur entdeckte. 1931 ist er mit seiner Schwester Erika dort wieder unterwegs und noch im gleichen Jahr erscheint Das Buch von der Riviera. Darin stellen die beiden fest, daß Sanary der sommerliche Treffpunkt der pariserisch-berlinisch-schwabingerschen Malerwelt geworden sei. Sanary-sur-Mer war also 1933 kein ganz unbekanntes Fischernest mehr, als mehr und mehr deutsche und europäische Intellektuelle sich dort niederließen. Am Haus der Touristen-Information ist eine große Gedenktafel mit all deren Namen angebracht, und man erhält dort vielfältige Informationen zu all diesen Exilanten, auch ein Faltblatt, auf dem zwei Rundgänge Sur les pas des exilés à Sanary dargestellt sind, einen kürzeren von ca. 3km und einen längeren von 8km, welchselbigen man auch mit dem Wagen absolvieren kann. In Summe sind 21 Stationen markiert, bei denen allesamt Gedenktafeln angebracht sind mit dreisprachigen Erläuterungen. Wenn Sie sich davon einen Eindruck machen wollen, können Sie den Inhalt aller Tafeln auf der Seite Sanary-tourisme.com einsehen.

    Zentraler Punkt beider Touren ist das Hotel de la Tour, ganz rechts im Bild. Grandios gelegen direkt am Hafen, Klaus Mann wohnte 1933 für fast vier Wochen dort, ließ sich entsprechendes Briefpapier drucken. Das Hotel ist für heutige Verhältnisse sehr einfach, hat zwei Sterne, ganz im Gegensatz zum Restaurant im Erdgeschoß, wohin Papa Thomas zur Bouillabaisse einlud: Es ist heute das erste Haus am Platz, bei dem man beim Blick auf die Preise leicht von Appetitlosigkeit geschlagen werden kann.

    Auf der Anhöhe links im Bild reihen sich die Häuser, in denen Walter Bondy, Alma Mahler und Franz Werfel, Bruno Frank und am weitesten draußen Thomas Mann wohnten.

    Der Weg nach oben ist traumschön, und vom höchsten Punkt, von La Tranquille aus, erreicht man auf der Rückseite des Caps in fünf Minuten einen kleinen Strand. Die Idee, im Paradies gelandet zu sein, liegt noch heute nahe. Hier oben saß Thomas Mann oft in den Sommernächten des Jahres 1933 und blickte in die Sterne.

    1944 wurde das Haus abgerissen und auf den Grundmauern eine Flugabwehrstellung eingerichtet. Nach dem Kriege hat man es neu aufgebaut, inzwischen zwei Anbauten ergänzt, sodaß dieser Blick über den Zaun uns als Erinnerung genügen muß.

    Ich gestehe freimütig, kein Freund von Florian Illies‘ Chronologien zu sein. Zu zwanghaft ist mir sein lineares Erzählprinzip, das zudem stets einen Panoramablick zu wahren sucht. In der Parallelität der Erzählstränge gehen auf der einen Seite Details verloren und auf der anderen wird allzu großer Wert auf intime, aber nicht relevante Belange der Protagonisten gelegt.

    In Wenn die Sonne untergeht ist ihm das letzte Kapitel „September“ sehr gut gelungen. Die Darstellung des Vater-Sohn-Konflikts zwischen Thomas und Klaus wurde aus meiner Sicht noch nie so schlüssig und vor allem ohne einseitige Parteinahme geschildert: Die in Amsterdam erscheinende politisch-literarische Zeitschrift Die Sammlung von Klaus droht das Erscheinen von Die Geschichten Jaakobs des Vaters in Berlin zu verhindern. Die faschistische Gewaltherrschaft führt dazu, daß zwei sich liebende und hoch schätzende Menschen sich wechselseitig arge Verletzungen zufügen.

    Es ist noch nachzutragen, daß Klaus Mann im Frühjahr 1936 nochmals einige Wochen im Hotel de la Tour verbringt, um seinen Mephisto abzuschließen. Auch die Geschichte einer Kränkung und einer Liebe.

    Bei diesem gewaltigen Gebäude handelt es sich um die Ziegelei des Arbeitervororts Les Milles von Aix-en-Provence. Wie oben erwähnt wurden dort bei Kriegsbeginn Flüchtlinge eingesperrt, und ein Jahr später – nach dem Blitzkrieg – das Objekt als Deportationslager für Juden genutzt. Nach dem Kriege wurde die Ziegelei bis in die 2000er Jahre hinein wieder in Betrieb genommen, und 2012 das Site-mémorial du Camp des Milles eröffnet. Darin wird eindrucksvoll dargelegt, wie unwürdig man damals mit den Menschen umging. Das Haus wurde für die Lagernutzung nicht umgebaut. Die Insassen, darunter auch Golo Mann, lagerten auf dem Boden in fensterlosen Fluren und in den alten Brennöfen.

    Voll Scham und Schaudern schreitet man heute durch die Gänge. Umso erstaunlicher, daß die Menschen in dieser Lage ihren Willen zur Kunst am Leben hielten, oder besser umgekehrt, daß sie mit ihrer Kunst ihren Lebenswillen erhielten. Es bildete sich ein kleines Orchester, an den Wänden sind noch schattenhaft Bilder zu erkennen, und auf jedem verfügbaren Stück Papier wurde geschrieben und gezeichnet. Von Wols sind zwei eindrucksvolle Blätter erhalten. Und auch der Humor ging nicht verloren.

    In der Ausstellung werden immer wieder Bezüge zur Gegenwart hergestellt. Den Schulklassen – mit den so vielen farbigen Gesichtern -, die durch das Museum strömen wird nachdrücklich vor Augen geführt, wohin Rassismus und Antisemitismus führen kann.

    Wem ich nun Lust gemacht habe auf eine Reise nach Les Milles und Sanary kann sich der Reise der Art Agentur Köln anschließen, auf die mich unsere Freundin Ulla Egbringhoff vom Kölner KunstSalon e.V. aufmerksam machte. Dem entsprechenden Flyer finden Sie im Anhang.

    Ich komme nochmals zurück auf Anregungen, die ich aus dem Briefwechsel mit Bermann-Fischer gewonnen habe: Immer wieder fällt der Name Karl Kerényi mit dem Thomas Mann einen intensiven Briefwechsel führte. Kerényi war ein ungarischer Religionshistoriker und 1945 – zum 70 Geburtstag Thomas Manns – gab er jenen Briefwechsel unter dem Titel Romandichtung und Mythologie heraus. Der intellektuelle Austausch der beiden begann 1934 nach dem Erscheinen der Geschich- ten Jaakobs – siehe oben -, der diese als die Rückkehr zum Ursprung der Romanerzählung bezeichnet.

    Da trafen ein Religionswissenschaftler und ein im Religiösen dilettierender Dichter sich wechselseitig befruchtend zusammen und man gewinnt bei der Lektüre ganz neue Einblicke in die Entstehung der Josephs-Tetralogie. Für Kerényi war dieses unmittelbar nach dem Krieg erschienene Buch auch Werbung in eigener Sache. Er hatte in den 12 Jahren zuvor seine Heimat verloren, seine Anstellung an der Hochschule, zudem eine Familie gegründet und fast nebenbei sehr vieles publiziert in entlegenen Zeitschriften, auch in seiner eigenen Schriftenreihe ALBAE VIGILIAE. Thomas Mann wurde von ihm regelmäßig mit den neuesten Publikationen versorgt, die dieser stets überschwänglich lobte und ihm ankündigt, daß seine Texte sich in den weiteren Josephs-Bänden wiederfinden werden.

    Im Juni 1934 hielt Kerényi die Festrede zum 60. Geburtstag von Walter F. Otto, dem Autor von Die Götter Griechenlands. Thomas Mann bittet Bermann-Fischer sogleich, ihm dieses Buch mit Händlerrabatt (!) zu besorgen und in die Schweiz zu schicken. Meine Ausgabe von 1947 liegt noch ungelesen neben mir. Interessenten stelle ich das Buch gerne zur Verfügung.

    Thomas Mann betont dem Wissenschaftler gegenüber immer wieder den humoristischen Einschlag seiner Erzählung, dies sei eine Art von Wahrheitsspaß. Und dennoch bringt ihn Kerényi zu der Feststellung: Auf einmal bin ich legitimiert, mich einen religiösen Menschen zu nennen – eine Selbsteinschätzung, deren ich mich, eben aus „Vorsicht“, sonst kaum getraute.

    Zwei herausragende Geister fanden aneinander Halt, die das Mythologische vor dem Zugriff der Faschisten retten wollten.

    Mein Hinweis auf den gleichfalls beigefügten Bericht von Patricia Fehrle über die Veranstaltung in der Karl-Rahner-Akademie mit dem Titel Thomas Mann und die Religion in den „Buddenbrooks“ mag als Klammer gesehen werden vom Vortrag von Frau Goerke hin zu dieser abschließenden Selbsteinschätzung.

    Wenn Sie über eine Anmeldung zum Vortrag nachdenken, schauen Sie bitte auch im Kalender nach, ob Sie zum Stammtisch am 11. Juni kommen können. Ich treffe Sie auch gerne zweimal…

    Beste Grüße Ihr Peter Baumgärtner

    Fotos: Baumgärtner


    Rundbriefe Nr. 39, 40 Auszüge zu Sanary und Schickele


    Feuilleton (39)


    Nach Ernst Weiß habe ich mich mit einem anderen Freund und Schriftsteller aus den Exiljahren Thomas Manns beschäftigt – und tue dies nun wiederum: mit René Schickele. 1883 im damals gerade deutschen Elsaß geboren, verstand er sich Zeit Lebens als Grenzgänger, als Vermittler zwischen den beiden großen europäischen Nationen, eine Rolle, zu der Thomas Mann erst beinahe 50 Jahre alt werden mußte, bis er sie für sich fand. So standen die beiden während des Ersten Weltkriegs auch in gegensätzlichen Lagern. René Schickele war Mitarbeiter und einige Jahre auch Herausgeber der pazifistischen Zeitschrift „Weiße Blätter“ und ging darin Thomas Mann scharf an. In den mir vorliegenden Quellen ist davon nichts mehr zu spüren. In den Tagebüchern und Briefen beginnen die Eintragungen im Jahr 1933.

    1925 war René Schickele einer breiteren Leserschaft bekannt geworden mit dem ersten Band der Roman-Trilogie „Das Erbe am Rhein – Maria Capponi“ – im Subtext ein hohes Lied zur Deutsch-Französischen Aussöhnung, ein Roman, den Thomas Mann sicher kannte. Schickele war das Erzählen stets eine hohe Kunst und nie distanzierter Realismus. Er konnte sich in einem wunderschön elegischen Ton ergehen: „Unter dem Blütenfall der Blutjohannisbeere schäumt die japanische Schneekirsche. Von dort fließen Krokusse über den Rasen und bilden einen See, der morgens im Dampfe wogt…“ Die Erzählerfigur Claus, die viele Züge Schickeles trägt, ist ein Mann mittleren Alters, der in den ersten Jahren nach dem damals noch einzigen Weltkrieg zurückblickt auf seine Jugend, aber in den ersten Kapiteln zunächst seine Gegenwart beschreibt im südbadischen Rheintal mit den Vogesen leuchtend in der Abendsonne. Claus hat einen heißgeliebten kleinen Sohn namens Jacquot, mit dem er sich auf den Weg macht zu den Großeltern im Elsaß: „Zehn, vielleicht auch zwanzig Millionen Männer waren eines gewaltsamen Todes gestorben, damit dieser Familienvater mit der grünen Mütze Jacquots Taschen nach Schokolade durchsuchte. Jacquot hatte den Hut voll davon. Der Familienvater mit der grünen Mütze fand keine Schokolade.“ Dies als Beleg für den heiter-ironisch und stets auch politischen Ton der Erzählung.

    Schickele liefert dann noch einen erzählerischen Abriß der wechselvollen Geschichte von Baden und Elsaß, bei der Napoleon im Zentrum steht („Gottvater hat einen Sohn, / Und der heißt Napoleon.“) bevor die große Rückschau beginnt, die Liebesgeschichte, die Amour fou zu Maria, die sich zum einen unter dem blauen Himmel der Provence abspielt, zum andern in der morbid-schönen Kulisse von Venedig. Erinnerungen an Thomas Manns Novelle sind unausweichlich, und – wer weiß – vielleicht sogar intendiert. Im Juli ‘33 notierte Thomas Mann in seinem Tagebuch, er „lauschte der melodiösen Prosa mit Vergnügen“ – womit er das Schreiben Schickeles in kürzester Form auf den Punkt bringt.

    Der erste mir vorliegende Brief Thomas Manns an Schickele stammt aus dem April ‘33, zum Beginn seines Exils. Er wohnt mit seiner Familie in Lugano. Schickele hatte sich schon 1932 in Sanary-sur-Mer niedergelassen und unterstützt die Familie Mann bei der Quartiersuche nach Kräften. Die gut vernetzte Schriftstellergemeinde verdankt es offenbar der „Vorhut“ Schickeles, daß sich in diesem nicht gerade schönsten oder bekanntesten Bade- und Fischerdorf an der französischen Riviera eine deutsche Künstlersiedlung entwickelte. Der Ton des Briefes macht deutlich, daß sie sich schon länger kannten und schätzten. In den Monaten in Sanary (Mai bis September ‘33) treffen sich die Familien fast täglich, wie den Tagebüchern zu entnehmen ist, machen gemeinsame Ausfahrten, treffen sich zum Tee. Es gibt eine tiefe Übereinstimmung in persönlichen, politischen und künstlerischen Dingen. Nach der Rückkehr der Familie Mann in die Schweiz nach Küsnacht tauscht man lange, illusionslose Briefe aus. Mann schreibt am 2. April 1934: „…Oder glauben Sie an einen Zusammenbruch zu meinen, oder zu ihren Lebzeiten? … Aber das deutsche Volk ist stark im Hinnehmen, und da es die Freiheit nicht liebt, sondern sie als Verwahrlosung empfindet, … , so wird es trotz schweren Desillusionierungen sich unter der neuen, roh-disziplinären Verfassung immer noch besser und richtiger in Form fühlen, immer noch „glücklicher“ sein als unter der Republik.“

    Am 16. Juni ’34 bedankt sich Thomas Mann für die freundlichen Worte, die Schickele zu seinem Joseph gefunden hatte, lobt dessen „französische Sensibilität für Dinge der Prosa“, die „für deutsche Ohren einfach in den Wind getan ist… (ausgenommen natürlich die Juden, deren Freunde und Dankbarkeit ergreifend sind)“

    Im Oktober ’34 genießt er Schickeles neusten Roman „Liebe und Ärgernis des D.H. Lawrence“, nennt ihn „antideutsch in seiner Anmut“ und „ein Stück Literatur, wie es in dem jammervollen Kerker, der heute Deutschland heißt, einfach nicht wachsen kann … und [man] lacht sich ins Fäustchen, daß es den Macht-Eseln nie, nie, niemals gelingen wird, das Deutsche im Politisch-Totalitären einzufangen. Zu viel ist ihnen schon entschlüpft.“ Analogien zum heutigen Russland drängen sich auf.

    Aufhorchen ließ mich ein Zitat aus einem Brief an Schickele vom Oktober 1935: „Da lobe ich mir den alten Churchill und seine goldenen Worte im Strand-Magazine. Der reine Lichtblick.“ Fürwahr, ein höchst lesenswerter Artikel: „The trouth about Hitler“, reich bebildert, voller Sprachmacht, der im Netz leicht zu finden ist.

    1939 verfaßt Thomas Mann für die französische Ausgabe von Schickeles Roman „Witwe Bosca“ ein einfühlsames Vorwort, stellte dabei den Franzosen den so französisch empfindenden und deutsch schreibenden Elsässer vor. Ein Dienst am Freund, der im Jahr darauf allzu jung sterben sollte. Thomas Mann erreicht die Todesnachricht am 5. Februar 1940 in Princeton, am 12.Februar trifft noch ein Brief von Schickele ein mit viel Lob für die „Lotte in Weimar“. „…die unheimliche Unmöglichkeit, ihm auf seinen Brief dankbar zu erwidern…“ empfindet Thomas Mann sehr schmerzhaft.

    Feuilleton (40)

    Im Feuilleton gibt es heute nur einen kurzen Nachtrag zum letzten Rundbrief. Ich hatte Ihnen berichtet von Thomas Manns Nachwort zu Schickeles Roman „Witwe Bosca“. Inzwischen habe ich diesen selbst gelesen und war am Ende sprachlos und mußte erkennen, welch großartiger literarischer Ratgeber Thomas Mann doch ist: Der Roman spielt in Ranas-sur-Mer, das in keiner Landkarte zu finden ist, wohl aber nichts anderes darstellt, als das rückwärts gelesene Sanary ohne ‚Y‘. Ausgelöst durch einen Verkehrsunfall setzt ein zweifacher, miteinander verschlungener Reigen von Liebe und Leid ein, in deren Mitte die herrschsüchtige Witwe und ihre zarte Tochter stehen. Jedes Kapitel wird eingeleitet von einem impressionistisch duftenden Landschafts- und Naturbild, wie es nur Schickele schreiben kann, ohne peinlich zu erscheinen. Und in diese Schilderungen ist stets ein Satz eingewoben, der die Verknüpfung zur Erzählung darstellt: Die Jahreszeiten in der Provence wechseln leise in der Nacht… Immer wenn dieser Satz fällt, weiß man: jetzt geht wieder etwas gründlich daneben! Und dies auf unvergleichlich humorvolle Art und Weise. Ich gebe eine kurze Kostprobe: „Unterdessen mußte Juliette die Fahrstunden unterbrechen, weil die Regenzeit begann und der Scheibenwischer in seiner provenzalischen Wasserscheu den Dienst versagte, darin heimlich unterstützt vom Fahrlehrer, der es ablehnte, mit der Schülerin auf den glitschigen Straßen ums Leben zu kämpfen. Sie hatte den Mut eines betrunkenen Akrobaten, und er war ein nüchterner Schlosser.“
    Auf bald Ihr Peter Baumgärtner


    Kunst im Exil Marseille & Sanary-sur-Mer


    Thomas Mann und die Religion in den „Buddenbrooks“       (Patricia Fehrle)

    Die literarische Welt zelebriert 125 Jahre „Buddenbrooks“ und in Köln wurden sie an der Karl-Rahner-Akademie „gemeinsam gelesen“. Genauere Betrachtung fand dabei die Rolle der Religion im Roman. Wie stellt Thomas Mann Religiosität in den „Buddenbrooks“ dar?

    Thomas Mann und die Religion, dieses Thema fasziniert mich schon länger. Wie „religiös“ ist unser verehrter Autor? Verändert er seine Haltung gegenüber dem Christentum?

    Jeden Dezember wird eine Geschenkbuchausgabe „Weihnachten bei den Buddenbrooks“ im Buchhandel angepriesen und sicher ist allen von uns die prachtvoll geschilderte Weihnachtsfeier im Achten Teil sofort präsent. Aber erleben wir Leser dort ein zutiefst christliches Fest?

    Der Roman beginnt mit der Katechismus-Frage, gerichtet an die kleine Tony. Antonie Buddenbrook prägt Anfang und Ende des Romans, bildet sozusagen eine Klammer.

    Interessant ist, dass es um den Katechismus geht, um die amtlich verordnete Form von Religion, nicht um die Bibel. Tony muss auswendig gelernte Glaubenssätze aufsagen, worüber sich ihr Großvater, der alte Johann Buddenbrook, tatkräftiger Geschäftsmann, vom Geist der Aufklärung geprägt, lustig macht. Dies wiederum missfällt seinem Sohn „Jean“, pietistisch, mit einer grüblerisch-verinnerlichten Religiosität, die seine Geschäftstüchtigkeit negativ beeinflusst. Diesen schädlichen Einfluss erkennt man bereits an der unhinterfragt positiven Einschätzung von Tonys Eltern gegenüber dem Pastorensohn Bendix Grünlich, den nur Tony mit ihrem „Bauchgefühl“ richtig beurteilt. Später ist es wieder Tony, die sich über den „immer religiöseren Geist“ in ihrem Elternhaus ärgert, den falschen Glauben und die Geistlichen durchschaut, die regelmäßig im Hause Buddenbrook „Station“ machen, um es sich dort gutgehen zu lassen. Der Erzähler kommentiert: „… denn des Konsuls fromme Neigungen traten in dem Grade, in welchem er betagt und kränklich wurde, immer stärker hervor, und seitdem die Konsulin alterte, begann auch sie an dieser Geistesrichtung Geschmack zu finden.“ (IV, 10) Ironischer kann man es kaum formulieren.

    Religiöser missionarischer Eifer geht mit Krankheit einher, die Lebenstüchtigkeit der ersten Generation ist dahin. Über Seiten beschreibt der Autor den Todeskampf der Konsulin, aber Pastor Pringsheim spricht vom „sanften Ende“. Das ist eindeutige Kritik an falscher Frömmelei. Religion verkommt zur Fassade, das gilt für den Pastor, trifft aber auch auf Thomas Buddenbrook zu, der den überzeugten Geschäftsmann „spielt“ und gleichzeitig mit dem Gottvertrauen seines Großvaters nichts mehr anfangen kann. „Dominus providebit“?

    Der „Buchstabenglaube“ seiner Eltern ist ihm fremd, Thomas liest stattdessen Schopenhauer und versteht den Tod als Erlösung aus dem Jammertal seines Geschäfts- Lebens.

    Ein Höhepunkt ist die ausführlich geschilderte Weihnachtsfeier (VIII,8) im Hause Buddenbrook, bei der die ganze Familie „im Landschaftszimmer zusammentrat“ – ein geschäftliches Treffen? Zelebriert wird das ehedem vom Konsul festgelegte „weihevolle Programm“. Die Stille im Zimmer, anwesend sind immerhin 20 Personen, erinnert „ein wenig an die eines Leichenbegängnisses“ und während die Chorknaben „Jauchze laut, Jerusalem“ singen, herrscht Schweigen im Familienkreis. Fröhliche Weihnachten?

    Kontrastprogramm sind das festlich geschmückte Landschaftszimmer und die Gabentische. Jedoch: Man „defilierte an der Krippe vorbei, in der ein wächsernes Jesuskind das Kreuzeszeichen zu machen schien“. Die Wortwahl des Autors ist ernüchternd (meine Assoziation ist zudem der Bayerische Defiliermarsch) und den Hinweis auf das Kreuz kann man durchaus als Symbol für den offensichtlichen Niedergang der Familie Buddenbrook deuten. Dann werden die Hausarmen  beschert und man gedenkt all derer, denen es nicht

    so gut geht; zu Tisch setzt man sich „als dies erledigt war“. Eine Vokabel aus dem Geschäftsleben entlarvt das sinnentleerte Ritual. Weihnachtliche Gesinnung ist Fassade, sie wird gezeigt, gehört dazu, aber es fehlt die innere Überzeugung; Christian hätte die Weihnachtsfeier beinahe verpasst!

    Endgültig wird dem Leser im Religionsunterricht von Hanno eine Buchstabenreligion vorgeführt, um den christlichen Glauben im eigentlichen Sinn geht es nicht. Oberlehrer Ballerstedt lobt faktisch korrekte Schüleraussagen wie „Das Buch Hiob zerfällt in drei Teile“ oder wie brav auswendig gelernte Aufzählungen über den Besitz von Hiob „… siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder, fünfhundert Esel und sehr viel Gesindes“. (XI,2) Hier geht es um reines Faktenwissen, nichts ist mehr übrig von Hiobs religiöser Leidenschaft in seiner Auseinandersetzung mit Gott. Für Professor Karl- Josef Kuschel (Buchhinweis am Ende) ist Religion in dieser Kaufmanns-Gesellschaft „auf der letzten Schwundstufe völlig veräußerlicht zum formalen Erziehungsobjekt im Kontext einer preußischen Schulanstalt“. (S. 72) Sein Buddenbrook-Fazit: Die kirchlichen Rituale?

    Sinnentleert. Die Botschaft? Verbraucht. Die Moral? Bigott. Der religiöse Gehalt der urchristlichen Botschaft? Verdampft. Das kirchliche Schlüsselpersonal? Je länger, desto stärker nur noch satiretauglich. (S. 18)

    Thomas Mann beschreibt in seinem „Verfall einer Familie“ den Verfall der protestantischen Ethik. Einziger Gott, oder besser „Götze“ dieser Familie, ist die Firma! Religion dient der Repräsentation und vermindert die Lebenstüchtigkeit, wenn man über sie nachdenkt. Sie schadet und kostet Vermögen, wie z.B. nach dem Tod von Clara.

    Einzig Tonys Naturell ficht dies alles nicht an – und am Ende bleibt Sesemi Weichbrodts biblische Überzeugung, dass es ein Wiedersehen im Jenseits gibt: „Es ist so!“ Sie korrigiert auch Tonys Aussage, Hanno „war ein Engel“ in er „ist … ein Engel“. Der Wechsel im Tempus legt eine religiöse Deutung nahe, den tröstlichen Glauben an die Auferstehung als Hoffnungsschimmer am Ende.

    In den Buddenbrooks zeigt Thomas Mann große Skepsis gegenüber der Religiosität seiner Vorfahren. Rolle der Religion ist es, den Niedergang zu verdeutlichen, die Inschrift über dem Eingangsportal in der Mengstraße „Dominus providebit“ wird hinterfragt.

    Gibt es später einen „religiösen“ Thomas Mann? Eindeutig JA. Diese Entwicklung wird vom Zeitgeschehen beeinflusst, vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Der Mensch Thomas Mann erweist sich dabei als religiöser als der Künstler. Für ihn ist in moralisch verrotteten Zeiten die Besinnung auf die Gebote des Christentums wichtig, er bezeichnet sie als „das Grundgesetz für das künftige Zusammenleben der Völker“. (Kuschel, S. 25) In den „Zehn Geboten“ verbinden sich Glaube und Humanität, es geht um die so einfache wie wunderbare Unterscheidung, die schon Kai Sina als Buchtitel wählte: „Was gut ist und was böse.“ Christliches Ethos und Einsatz für das Gute bilden die Grundlage für den politisch aktiven Thomas Mann, hier erweist sich sein religiöser Humanismus. Seine Hinwendung zur Unitarischen Kirche in den USA sollte ebenfalls nicht außer Acht bleiben, würde an dieser Stelle aber den Rahmen sprengen.

    Als vertiefende Lektüre sehr zu empfehlen:

    Karl-Josef Kuschel: „Weltgewissen. Religiöser Humanismus in Leben und Werk von Thomas Mann“ (Patmos, 2025, 445 S.)

  • Rundbrief Nr.85 – Buddenbrooks, Jüdischer Friedhof, Jens Peter Otto

    Bonn, den 18.4.2026

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierten an unserer Arbeit,

    wenn Sie sich darüber wundern, schon wieder einen Rundbrief zu bekommen, dann hat dies damit zu tun, daß ich kommende Woche in Urlaub fahre – in Richtung Sanary sur Mer – und wir bald danach eine Veranstaltung haben. Mit Herrn Prof. Wißkirchen bin ich nach wie vor auf der Suche nach einem Ausweichtermin.

    Am 28.Mai wird uns Dr. Britta Goerke ihr Buch Gleitende Abhänge – Thomas Manns Buddenbrooks und der Aufbruch in die Moderne im Haus an der Redoute in Bad Godesberg vorstellen, wie üblich um 19.00 Uhr. Sie beschreibt den Roman als geniales Erstlingswerk eines noch völlig unbekannten Autors, der noch kein Villenbesitzer war und in häufig wechselnden Wohnsitzen ein Werk schuf, das viel mehr der literarischen Moderne zuzuordnen ist, als man dies gemeinhin tut. Britta Goerke hat bei Prof. Borchmeyer promoviert und entsprechend streng wissenschaftlich und gleichzeitig gut verständlich ist ihr Stil. Sie sieht in den autobiographischen Aspekten nur Futter für eine herausragende fiktionale Leistung des Autor und argumentiert ausschließlich textimmanent, indem sie einzelne Passagen genau in den Blick nimmt. Sie konfrontiert die Hauptfiguren mit Begriffen der Moderne: War Thomas Buddenbrook ein Flaneur? Ein Melancholiker? Verdrängte er heimliche Sehnsüchte? Frau Goerke kommt zu erstaunlichen Antworten, und zuweilen war mir, als wolle sie Thomas Mann gegenüber die Nobelpreisentscheidung begründen: Ja, genau dafür hat er den Nobelpreis verdient.

    Das Buch, bei Königshausen & Neumann erschienen, kostet leider 68.- Euro, was auch Frau Goerke bedauert. Nutzen Sie daher die Gelegenheit, die Autorin persönlich kennenzulernen und von ihr eine Zusammenfassung ihrer Thesen vorgetragen zu bekommen. Dies wird Sie nur 15.- Euro kosten! Merken Sie sich den Termin vor. Sie werden bereichert nach Hause gehen.

    Unser letzter Stammtisch am 9.April war sehr gut besucht. An einer langen Tafel entwickelten sich zwischen den 15 Teilnehmenden lebendige Gespräche. Der Abend wurde bereichert durch Jens Peter Otto, der uns nach Jahren im Ausland mal wieder beehrte. Seit 2019 stehe ich mit ihm in Kontakt. Vor fünf Jahren, mitten in der Corona- Zeit, berichtete ich in meinen Rundbriefen Nr. 24, 25 und 32 über ihn. Zu dieser Zeit stellte Peter Lange bei uns sein Buch Prag empfing uns als Verwandte vor. Jens Peter Otto hätte Peter Lange eine Vielzahl von weiteren Hinweisen zum Thema Thomas Mann und die Tschechen geben können. Auch daran erinnerte er sich noch nun beim Stammtisch. Wieder sprudelten seine Erzählungen aus ihm heraus, angefangen von seiner ersten Begegnung mit Golo Mann im Saarbrücker Studentenheim bis hin zu seinen vielfältigen Treffen mit Katia und Erika. Ich bin nicht berufen, all diese Geschichten vom Hörensagen weiterzugeben. Vor fünf Jahren schon bat ich ihn, seine Erinnerungen niederzuschreiben. In einem Brief antwortete er darauf wie folgt: … einiges zu ordnen: Ich habe ja, wenn ich bei GM war, mit der Familie in Kilchberg gelebt und GM auf seinen Reisen begleitet (wurde nicht, wie seine „Gespielen“, von ihm vom Haus ferngehalten und vor der Mutter versteckt), habe mit ihm die Personen getroffen, die er traf: Max Frisch, Günter Grass, Hans Habe, Alfred und Gisela Andersch, Ernst Jünger, Ernst Klett, Gräfin Dönhoff, Manuel Gasser, Emmi Oprecht, Graf Coudenhove-Kalergi, Inge und Walter Jens, …, Marie-Luise Kaschnitz, Marianne Oellers, die Familie Mann (außer Thomas und Klaus), Dieter Chenaux-Reponds, Wystan Hugh Auden, Anneliese Poppinga – und vielleicht noch einige. Ich habe kein Tagebuch geführt – leider, wie ich heute vielleicht sagen sollte. Andererseits war ich ja immer nur Begleiter.

    Was soll’s, es waren unglaublich anregende Begegnungen, vieles ist vergessen, manches noch da, und Sie rufen es gerade wieder hervor.

    In diesem Sinne hoffen wir, daß er seine Erinnerungen, so unvollständig sie auch sein mögen, uns und allen Freunden der Familie Mann doch noch schriftlich zur Verfügung stellt. Ein weiteres Heft in unserer Schriftenreihe haben wir ihm zugesagt.

    Die Teilnehmer unserer Jahresmitgliederversammlung hatten schon das Vergnügen, ihn kennenlernen zu dürfen: Herrn Walter Schiffer aus dem Münsterland, der seit einem halben Jahr bei uns Mitglied ist. Vergangene Woche nahm ich an seiner Führung durch die jüdische Abteilung des Godesberger Burgfriedhofs teil. Der studierte Judaist und Theologe gab hochinteressante Einblicke in Kultur, Geschichte und Traditionen des Judentums, einer Religion der Erinnerung, was sich bis in die Grabstätten hinein fortsetzt: Die Inschriften auf den für die Ewigkeit errichteten Stelen erzählen Geschichten, bewahren Erinnerungen.

    Herr Schiffer ist auch begeisterter Leser der Josephs-Romane. Die Verknüpfungen liegen nahe. Er ist bereit, für unseren Ortsverein eine solche Führung zu wiederholen.

    Bitte signalisieren Sie mir, ob daran Interesse besteht, dann könnten wir ggf. den übernächsten Stammtisch dort oben einläuten und in einer Gaststätte ausklingen lassen.

    Unser nächster Stammtisch findet statt am 11. Juni wie üblich um sechs im Delikart.

    Ich kehre zurück zum Briefwechsel mit Gottfried Bermann Fischer aus dem letzten Rundbrief. Für zwei Autoren verwendete sich Thomas Mann besonders, die ich hier kurz vorstellen will. Dies war zum einen Friedrich Walter (1902-1989), den für entschieden begabt hielt. Von ihm erschien noch 1939 der Roman Kassandra bei Allert de Lange in Amsterdam.

    Geschildert wird die Rückreise des siegreichen Königs aus Troja. Mit von der Partie ist Kassandra, Kriegsbeute und Geliebte sogleich – unter heutigen Gesichtspunkten der weiblichen Selbstbestimmung ist die griechische Mythologie nur schwer zu ertragen. Doch in Mykene wartet Klytämnestra bereits mit gewetztem Messer auf ihren Agamemnon. Kassandra wir von ihrem Götterliebling Apollon gewarnt, erlebt das Blutgericht schon zuvor im Traume, aber wieder glaubt man ihr nicht. Es ist großartig, wie Friedrich Walter diese Passage aus der Ilias in Prosa verwandelt. Eigentlich war er Journalist, der als Dreißigjähriger im Exil sein Auskommen suchen mußte. Er schrieb für Maß und Wert und für die Sammlung von Klaus. Der deutsche Exilverlag Allert de Lange wurde von Walter Landauer geleitet, der sich stets bemühte, einer politischen Konfrontation mit dem „Reich“ aus dem Wege zu gehen.

    Dennoch hat man ihn 1943 verhaftet und er ging in Bergen Belsen elend zugrunde.

    Das magische Jahr von Joachim Maass (1901 – 1972) erschien zunächst 1944 in New York auf Englisch und Bermann Fischer fragte an, ob Mann darüber ein paar lobende Worte zu Werbezwecken liefern könne. Und er tat’s. Der originäre Brief Thomas Manns ist leider nicht überliefert, aber der Verleger bedankte sich für die gründliche und tiefgreifende Analyse, … die dichterische Schönheit in wenigen Worten sichtbar macht.

    Nach den ersten 40 Seiten konnte ich Thomas Mann nur zustimmen. Diese sind kursiv gesetzt und in der ersten Person verfasst: Ein deutscher Exilant lebt einsam in einem verschneiten Haus in den Rocky Mountains, Erinnerungen kommen in ihm hoch an die letzte Liebe in Berlin, an das nächtliche Eindringen der SA in seine Hamburger Wohnung einige Zeit davor. Autobiographische Bezüge liegen nahe; was folgt ist die Beschreibung seiner Kindheit in Hamburg. Maass war nicht nur Bewunderer von Thomas Mann, er hatte auch einen ähnlichen familiären Hintergrund eines wohlhabenden Kaufmannshauses, eines älteren Künstlerbruders, eines Vaters, den geschäftlicher Mißerfolg plagt und darüber schwer krank wird – aber überlebt. Und in der Schule wird strammgestanden und der Bubenhintern tüchtig mit der Rute traktiert.

    Thomas Mann wird es genossen haben, wie dieser um eine Generation Jüngere ihm nacheiferte, sogar im hohen Ton der Sprache, aber jedem Satz merkt man an, daß es eben kein Thomas Mann ist. Maass fehlt das Doppelbödige, die unterschwellige Ironie, versucht alles mit Sprachschönheit, mit einem Überschwang von Eigenschafts- und Umstandswörtern zu verkleistern. Der Mann kann schreiben, jedes Kapitel bietet einen Spannungsbogen, oft mit einem „Cliffhanger“ am Ende. Als Entspannungslektüre wohl geeignet, aber ob ich einem Verleger zuraten würde, sich des Buchs anzunehmen? Ich glaube eher nein.

    Ich habe das Buch antiquarisch erstanden, die deutschsprachige Erstausgabe vom Bermann-Fischer Verlag Stockholm aus 1945. Der Vorbesitzer war Joachim Kersten (1946, Celle – 2023, Hamburg) Der Eintrag bei Wiki zu ihm liest sich hoch spannend. Er war unter anderem der Nachlaßverwalter von Bloch, Grass, Rühmkorf und Raddatz – und seinen eigenen Büchernachlaß hat er dem Antiquariat Tautenhahn überlassen; Adresse: Beckergrube 83-85, Lübeck – eine uns wohlbekannte…

    So darf ich Ihnen nun schöne Frühlingstage wünschen, ich melde mich bald zurück mit Bildern aus Sanary-sur-Mer.

    Beste Grüße Ihr Peter Baumgärtner

    Fotos: Baumgärtner

  • Rundbrief Nr.84 – Flasch, Bergmann-Fischer, Reich-Ranicki

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierten an unserer Arbeit,

    nach der bedauerlichen krankheitsbedingten Absage von Herrn Prof. Wißkirchen bin ich noch gemeinsam mit ihm auf der Suche nach einem Ausweichtermin. Ich möchte den Vortrag zur Zeit der Magier im Haus an der Redoute stattfinden lassen. Da die Absage im Landesmuseum nur zwei Tage vor dem geplanten Termin erfolgte, mussten wir dort die vollständige Saalmiete und auch die bestellte Führung bezahlen, ohne Einnahmen erzielen zu können. Dies hat einen tiefen Krater in der Vereinskasse hinterlassen, weshalb ich mich nach einer preiswerteren und dennoch bewährten Lokalität umsehen musste.

    An dieser Stelle auf der ersten Seite des Rundbriefs erinnere ich auch an unseren nächsten Stammtisch am 9.April wie immer um 18.00 Uhr im Delikart.

    Ich bitte um Anmeldungen, um einen entsprechenden Tisch reservieren zu können.

    Die personelle Änderung in unserem Vorstand ist noch nicht im Vereinsregister hinterlegt. Die buchhalterischen Spitzfindigkeiten, die mir hierfür neuerdings abverlangt werden, ließen mich an den Text von Ryyan Alshebl denken, den ich dem letzten Rundbrief beifügte: die amtlichen Auflagen für kleinste Initiativen verlangen den Antragstellern viel Langmut und Humor ab, den wir zur eigenen Erbauung bei Thomas Mann finden.

    Von einem der Verlage Kerstin Holzers erhielt ich die Auskunft, daß sie an einen neuen Buch schriebe und ihre Lesereise zu Ende sei. Vielleicht kann ich beim Stammtisch mit besseren Nachrichten zu diesem Thema aufwarten.

    Unsere letzten Veranstaltungen haben bei mir einen weitläufigen Lesecorso ausgelöst, über den ich Ihnen nun berichten will: Frau Beßlich machte mich auf das 2000 erschienene Buch von Kurt Flasch aufmerksam: Die geistige Mobilmachung – die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg.

    In seiner Vorrede sagt Flasch, Thomas Mann nicht näher in den Blick nehmen zu wollen – über seine Betrachtungen sei schon alles gesagt -, und erwähnt ihn dennoch dreizehn Mal. Daß dieser sich mit seiner Zustimmung zum Kriege in breitester akademischer Gesellschaft befand, war mir bislang nicht bewusst. Flaschs Buch ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Wühlens in dem geistigen Müll jener Zeit. Dieser erste Krieg wurde von ungeheuren philosophischen Textmassen besungen, beim zweiten hatten die Geister, die man rief, das Zepter in der Hand, und die duldeten kein freies Wort.

    Es ist erschütternd, wie viele alte und wohlbestallte Hochschullehrer ihre jungen Studenten in den Tod trieben. Nur mit Sarkasmus kann man die immer wiederkehrende Volte betrachten, nach der der Krieg die Moral stärke und Frieden nur das Lotterleben befördere. Einem Monarchen zu dienen, so immer wieder der Tenor, sei Ausdruck einer inneren Freiheit in nationaler Überzeugung – der junge Thomas Mann schimmert durch.

    Kurt Flaschs Die geistige Mobilmachung ist von einer vorzüglichen wissenschaftlichen Prosa. Seine Lakonie besitzt bei allem Ernst eine wunderbar unterschwellige Ironie. Er hebt Annette Kolb (alias Jeanette Scheurl mit dem eleganten Schafsgesicht) hervor mit ihrer deutsch-französischen Herkunft und ihrer Tapferkeit: Noch im Januar 1915 verkündete sie vor einem wütenden Mob ihre innere Zerrissenheit und ihre Ablehnung des Krieges. Dagegen bescheinigt er Thomas Mann, daß dessen Parallele zwischen Friedrich dem Großen und dem heutigen Deutschland besten Falles ein scharfsinniger Einfall sei, aber es ist kein Gedanke.

    Zwei weitere ironische Seitenhiebe Flaschs will ich Ihnen nicht vorentahlten. So gegen Hermann Bahrs Buch Kriegssegen: Ich kann seinen Inhalt schlecht wiedergeben, denn ich fürchte, es hat keinen. Oder am Ende in den zusammenfassenden Kapiteln: Den Sinn des Weltkrieges zu beweisen, war eine Aufgabe von nicht geringer Absurdität.

    Ich verdanke es einem Hinweis aus der Zeit der Magier, daß ich mir den Briefwechsel Thomas Manns mit Gottfried Bermann Fischer (GBF; 1897 – 1995) antiquarisch besorgte. Dieser wurde schon 1973 von Peter de Mendelssohn herausgegeben. GBF, der Schwiegersohn von Samuel Fischer, war 1925 in den Verlag eingetreten und seine Korrespondenz mit TM setzte 1932 ein mit einem Lob des jungen Verlegers für den im Berliner Tageblatt erschienenen Text Thomas Manns mit dem Titel: Was wir verlangen müssen, in dem dieser sich über Meuchelmorde der Nazis empört. Er hebt an mit den Worten: Werden die blutigen Schandtaten von Königsberg den Bewunderern der seelenvollen »Bewegung«, die sich Nationalsozialismus nennt, sogar den Pastoren, Professoren, Studienräten und Literaten, die ihr schwatzend nachlaufen, endlich die Augen öffnen über die wahre Natur dieser Volkskrankheit, … Damit ist schon das Thema umrissen, das diesen Briefwechsel im Grunde bis zum Tod Thomas Manns prägt: die Überlassung der Staatsmacht an die sogenannten Nationalsozialisten und die Folgen ihrer Herrschaft.

    Das Ganze liest sich wie ein Krimi als Briefroman, ein Wirtschaftskrimi war es für den Verleger auf alle Fälle. Hatte der Senior Samuel sich noch standhaft geweigert, an eine Verlagerung des Verlags ins Ausland zu denken, so betreibt Gottfried nach dem Tod des Schwiegervaters 1934 die Aufteilung des Verlags: Die „unbelasteten“ Autoren blieben beim Stammhaus in Berlin – das dann von Peter Suhr- kamp geleitet wurde – die kritischen, darunter Thomas Mann und Hermann Hesse, wechselten 1936 zum Bermann Fischer Verlag nach Wien.

    Dort hatte er sich gerade niedergelassen, sämtliche Vertriebswege neu geordnet, als der Schnauzbart mit Tschingderassabum und römischem Gruße durch die Straßen fuhr. Das Bücherlager des Verlags wurde beschlagnahmt, tausende Bände der Josephs-Romane darunter. Panik-Attacken von Thomas Mann, er sieht – zu Recht – seine Exitenzgrundlage gefährdet. In einem höflich formulierten Brief will er seine Verträge mit dem Verlag lösen. Eine hektische Korrespondenz setzt ein, Telegramme sausen hin und her, dann die Nachricht von der gelungenen Niederlassung in Stockholm, Beruhigung.

    Auf die dann folgende nationale Exkommunikation reagiert er dagegen gelassen, wundert sich, daß es plötzlich in seiner Bekanntschaft ähnlich turbulent zugeht wie nach dem Nobel-Preis oder an Dezimalgeburtstagen.

    Auch in Schweden blickt man skeptisch auf den Verlag. Man ist offiziell neutral um den Preis, dem „Reich“ Eisenerz zu liefern. Von der Regierung kommt die dringende Aufforderung, keine allzu aggressiven Texte gegen das Staatsoberhaupt eines Nachbarlandes zu veröffentlichen. Es ging um Bruder Hitler, der zurückgehalten wurde und dann erst 1939 in Holland erschien. GBF wird dennoch im April 1940 wegen „antinationalsozialistischen Betätigung“ in Schutzhaft genommen. Es bedurfte u.a. der Unterstützung von Thomas Mann, daß er nach zweieinhalb Monaten entlassen und ausgewiesen wurde.

    Von da an lenkte er den Verlag aus dem fernen New York. Nach dem Kriege ging er zunächst zurück nach Stockholm, bevor er sich 1948 in Amsterdam mit Fritz Landshoff und dessen Querido-Verlag zusammentat. Mit Peter Suhrkamp kommt es zum Zerwürfnis, man trennt sich 1950, beide Verlage lassen sich in Frankfurt nieder, da Berlin in Zeiten der Blockade nicht mehr infrage kommt.

    So weit die Perspektive des Verlags. Thomas Mann war nicht nur aus seiner bürgerlichen Sesshaftigkeit vertrieben, auch seine wirtschaftliche Existenz war in all den Jahren bedroht. Wenn ihn seine ältesten Kinder schon 1933 bedrängten, offen Stellung wider das Reich zu beziehen, so hatten sie nicht im Blick, daß der Vater in Deutschland noch Bücher verkaufte, Einnahmen erzielte, von denen auch sie lebten. Und schon die Frage, wie die in Deutschland erzielten Einkünfte in die Schweiz überführt werden können, füllt mehrere Briefe von GBF und TM. Oft kommt der Verleger in Nöte, bittet seinen Autor, auf Teile seiner Tantiemen zu verzichten, worauf dann der Kaufmannsohn Thomas Mann in Erscheinung tritt und im Prozentrechnen glänzt – wahrscheinlich saß seine Katia mit dem Rechenschieber daneben. Diese Auseinandersetzungen flammen immer wieder auf, in der gesamten Exilzeit und auch danach, zum Teil in großer Heftigkeit.

    Mehrfach droht Thomas Mann damit, der Verlag zu wechseln, um sich im nächsten Brief wieder wortreich zu entschuldigen. Man staunt immer wieder, wie neben diesen Spannungen und Unsicherheiten des Alltags, er wieder zu jener Ruhe und Konzentration zurückfinden konnte, die er benötigte, um bedeutende Weltliteratur zu schreiben, die Josephs-Romane, die Lotte, den Faustus. Seinen Humor hat er niemals verloren. Anfang August 1941 berichtet er GBF von seinen Fortschritten bei Joseph, der Ernährer:

    der junge Nicht-Arier ist bereits Minister. Oder kurz vor dem Fall von Stalingrad vermerkt er am Ende eines kummervollen Briefes: Desto mehr Freude hat man an Adolf. Sein Tagesbefehl zur Übernahme des Oberbefehls ist wohl das Romantischste, was seit der Jungfrau von Orléans dagewesen.

    Zudem darf man auch nie vergessen, daß er – oft zusammen mit GBF – sich für Freunde und Kollegen einsetzte, die sich in noch größeren Notlagen befanden, so für Ernst Weiß, Robert Musil und auch für den Bruder Heinrich.

    Ein weiterer, nicht ganz nebensächlicher Aspekt des verlegerischen und schriftstellerischen Alltags in jenen Jahren: Die Romane Thomas Manns wurden in Schweden gesetzt, von schwedischen Setzern. In den ersten Druckfahnen wimmelte es von Fehlern. Sie mußten zu Kriegszeiten auf dem Postwege nach New York geschafft werden, von dort nach Pacific Palisades, dann alles wieder retour. Einfachste Vorgänge brauchten Monate, TM hatte seine Ungeduld nicht immer im Griff.

    Ich verlasse die Chronologie und springe zurück in das Jahr 1939: GBF hatte für TM einen Vortragstermin beim PEN-Kongress in Stockholm organisiert: Das Problem der Freiheit – so war der Vortrag überschrieben, der wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr gehalten werden konnte. Darin hätte er seinem Publikum allerhand zugemutet. Erst am Ende einer weit ausholenden Gedankenbewegung über Goethe und Heine kommt er auf den Punkt, daß man die Demokratie die politische Ausprägung christlichen Lebensgefühls nennen kann. Die individuelle Forderung nach Freiheit steht im Spannungsverhältnis zur gesellschaftlichen Forderung nach Gleichheit. Die humanistische Idee der Caritas bindet beides zusammen. Thomas Mann räumt auch mit dem Vorurteil auf, der Faschismus sei das einzige Bollwerk gegen den Kommunismus. Das Gegenteil sei der Fall: Der Faschismus hat das freie Wirtschaften genauso zerschlagen wie der Kommunismus. Und der Antisemitismus sei nichts anderes als der Angriff auf das Christentum selbst, in welchem alle Demokratie wurzelt und dessen politischer Ausdruck sie ist. Und wenn er ausruft, eine militante Demokratie tut heute not, sind wir sofort wieder in die Gegenwart versetzt.

    Auch in Amerika herrscht Kriegswirtschaft und der amerikanische Verleger Alfred Knopf ist noch halsstarriger als der selige Pappi. (13.4.’43) Aber wird das Ende nicht bald da sein? Hoffnung keimt auf, er hört von Friedensdemonstrationen in München – wir kennen das Ende der Weißen Rose. Papier ist rationiert, aber die Meyerin hat vollständig versagt – welches zu besorgen. Menschen, Menschen, falsche heuchlerische Krokodillenbrut. (1.2.’44) Der deutschsprachige Raum ist in fast gänzlich in Hitlers Hand, die Schweiz ist postalisch kaum noch zu erreichen und zudem hat dort die Kirche Vorbehalte gegen die Josephs-Romane (14.1.1946), erste Besprechungen erscheinen.

    Erstaunlich faul und unbegabt wieder einmal unser Korrodi.

    Der Krieg ist vorbei, Deutschland in Trümmern, drei Jahre später die Währungsreform, es gibt plötzlich wieder Konsumgüter zu kaufen, Bücher bleiben liegen, TM fehlt jedes Verständnis für das Leben in schierer Not in Deutschland. Der Doktor Faustus wird als Überforderung empfunden, der Roman befeuert die Feindseligkeit gegen ihn in Deutschland. Nur kundige Leser wie Brigitte Bermann Fischer sind angetan. Die Welt des Geistes weht aus unmenschlich-übermenschlicher Nähe eisig daher. (9.8.’48) Am 28.5.’49 ein sehr eindringlich-mitfühlender Kondolenzbrief von GBF zum Tod vom Klaus. Die Lücke schließt sich nicht mehr, wir sind um einen mehr allein. Im Jahr darauf macht TM mehrfach Druck, daß Klausens Wendepunkt doch endlich erscheinen möge. GBF sei dies Klaus‘ Prosa schuldig, das schmerzlich-anmutige Vermächtnis-Werk eines im Lebenskampf Gefallenen zu veröffentlichen. (17.12.50)

    1950 beginnen Auseinandersetzungen zwischen Autor und Verleger zum Erscheinen von Lizenzausgaben in der Ostzone. GBF ist zunächst strikt dagegen, mit einem Staatsverlag zusammen zu arbeiten. TM, der die deutsche Teilung einfach nicht anerkennt, will in ganz Deutschland gelesen werden. Aus dem Osten wird er mit Komplimenten überschüttet – nun, nachdem sein Bruder tot ist. Und im Westen überhäuft ihn die Adenauer-Presse (4.8.’54) mit Häme. Praktische Probleme, wie z.B. seine Tantiemen die Grenze überwinden sollen, überläßt er seinem Verleger. Ein großer Teil meiner TM-Bibliothek entstammen dem Aufbau- Verlag. In ihrem Erscheinungsbild stehen sie den S. Fischer-Ausgaben in nichts nach. In meiner Ausgabe von Adel des Geistes prangt vorne drin die Dankes- urkunde der Berliner Bank zum Ausscheiden eines altgedienten Mitarbeiters. Ob eine westdeutsche Bank je ein solches Präsent machte?

    Bei der Vorbereitung meiner Rundbriefe werde ich immer wieder unterstützt von meinem Freund Jürgen Quasner aus dem Schwabenland, wofür ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bedanken möchte. Schon Wochen und Monate vor Erscheinen kennt er die Rundbriefe in Fragmenten. Diesmal wies er mich darauf hin, daß 1973 dieser Briefwechsel mit Bermann Fischer von Marcel Reich-Ranicki in der FAZ ausführlich besprochen wurde. Diese Besprechung habe ich dem Rundbrief angefügt.

    Nachtragen möchte ich nun noch, daß unser Freund Mikhail Shishkin bei der Tagung der Internationalen Hermann Hesse Gesellschaft am 9.Mai den Festvortrag halten zum Thema Hesse und Dostojewski.

    Ich würde mich freuen, Sie am 9. April beim Stammtisch treffen zu können und verbleibe bis dahin mit herzlichen Grüßen

    Ihr Peter Baumgärtner


    Vor einer Renaissance? Thomas Mann im Alltag

    Zu dem Briefwechsel mit seinem Verleger Gottfried Bermann Fischer (1973) Von Marcel Reich-Ranicki

    Ist es schon so weit, gibt es die von manchen seit Jahren gewünschte Thomas-Mann- Renaissance? Allerlei Zeichen, die darauf hinzudeuten scheinen – von Viscontis „Tod in Venedig“-Verfilmung bis zu Benjamin Brittens neuer Oper –, kommen freilich aus dem Ausland. Aber es wäre nicht das erste Mal, daß hierzulande das erneute Interesse für einen großen deutschen Schriftsteller oder gar seine Wiederentdeckung durch Impulse ausgelöst wird, die von Paris oder Rom, London oder New York ausgehen. So war es ja, um gleich das bekannteste Beispiel anzuführen, in den fünfziger Jahren mit Kafka, so in den Sechzigern, also in einer anderen literarischen Situation, mit Hermann Hesse.

    Dabei sind die Ursachen der eher außerhalb des deutschen Sprachraums bemerkbaren Hinwendung zum Werk Thomas Manns schwer auszumachen: Sie mögen zu einem Teil mit jenem zwielichtigen Phänomen zusammenhängen, das sich nicht ganz ernst nehmen und gleichwohl nicht ignorieren läßt und das man mit dem Schlagwort „Nostalgiewelle“ zu bezeichnen pflegt. Was sich dahinter verbirgt, ist vermutlich nichts anderes als, kurz gesagt, die Sehnsucht nach einer im Gegensatz zum Heutigen stehenden Welt, nach dem verlorenen Paradies, das freilich nie ein Paradies war. Ein vollkommenes, in sich geschlossenes episches Universum, das, mit größter Liebe bezeichnet und mit schärfstem Kritizismus beglaubigt, als eine derartige Kontrastwelt aufgefaßt werden kann, haben wohl nur zwei Romanciers unseres Jahrhunderts zu bieten: Marcel Proust und eben er, Thomas Mann.

    Indes kommt es weniger auf die Umstände an, die diesen Rezeptionsprozeß ausgelöst haben, als vor allem auf die Resultate, zu denen er führen kann und führen sollte. Mit anderen Worten: Es ist nicht sehr wichtig, warum Thomas Mann neuerdings wieder Mode wird – auch Zufälle können hier im Spiel sein –, wenn sich daraus nur eine intensivere Beschäftigung mit seinem Werk ergibt und dies zur Revision mancher Urteile und Vorurteile beiträgt.

    Von dem Schriftsteller Gustav Aschenbach im „Tod in Venedig“ (1912) heißt es, er habe „gelernt, von seinem Schreibtisch aus zu repräsentieren, seinen Ruhm zu verwalten, in einem Briefsatz, der kurz sein mußte (denn viele Ansprüche dringen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswürdigen ein), gütig und bedeutend zu sein“. Wenige Jahre später, 1916, schreibt Thomas Mann an Ernst Bertram, daß er das Verhängnis Deutschlands „längst in meinem Bruder und mir symbolisiert und personifiziert sehe“.

    Dieses Bewußtsein der von ihm konsequent angestrebten, bisweilen gewiß als Last empfundenen, doch viel häufiger als grandiose Auszeichnung und stolze Lebensaufgabe verstandenen Repräsentanz hat einen großen Teil seiner bisher publizierten Briefe aus den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und erst recht nach 1933 geprägt. Ja, sogar in seiner Korrespondenz mit den nächsten Angehörigen, etwa mit dem Bruder Heinrich oder mit der Tochter Erika, scheint er die nationale und epochale Rolle, die er so virtuos zu spielen wußte, nie ganz vergessen zu können.

    So fühlte sich Thomas Mann, wie er es seinem Geschöpf Gustav Aschenbach mit leiser Ironie nachgesagt hatte, verpflichtet, womöglich immer „gütig und bedeutend zu sein“. Es liegt nahe, sich darüber lustig zu machen. Aber ihm dies verübeln, hieße bedauern, daß er Hunderte, wenn nicht vielleicht Tausende von Briefen verfaßt hat, die zum Besten gehören, was in deutscher Sprache, jedenfalls in unserem Jahrhundert, geschrieben wurde.

    Doch hatte diese Korrespondenz gleichzeitig zur Folge, was sich wohl gar nicht verhindern ließ: Indem sie stets aufs neue den Klassiker und den Olympier, den genialen Zeitgenossen und den bürgerlichen Dichterfürsten, den souveränen Repräsentanten der deutschen Nation und der europäischen Kultur ins Blickfeld rückte, suggerierte sie der Leserschaft ein überaus feierliches, ein würdevoll-mächtiges Thomas-Mann-Bild, dessen Umrisse, befürchte ich, längst erstarrt sind. Während man aus Kafka ein Mysterium gemacht hat, wurde aus Thomas Mann ein Monument. Während jenen die Dunkelheit gefährdet, bedroht diesen das Museale – und ich weiß nicht, was schlimmer ist. Das dringlichste Gebot scheint daher in dem einen Fall die Entmystifizierung und in dem anderen die Entmonumentalisierung. Hierbei kann ein Buch behilflich sein, das gerade im rechten Augenblick erschienen ist: Thomas Mann: Briefwechsel mit seinem Verleger Gottfried Bermann Fischer 1932–1955 (hg. von Peter de Mendelssohn. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1973, 891 S.).

    Der erste Eindruck mag etwas enttäuschend sein: Mit den Briefen Thomas Manns an Bertram oder an Heinrich Mann oder gar mit jenen, die zwischen 1961 und 1965 von Erika Mann in drei umfangreichen Bänden herausgegeben wurden, läßt sich dieses Buch kaum vergleichen. Gewiß, das vollendete stilistische Raffinement, das die früher veröffentlichte Korrespondenz in geradezu verschwenderischer Fülle offerierte, ist auch hier bemerkbar, aber doch nur gelegentlich. An Äußerungen und Reflexionen über literarische, zeitgeschichtliche und sonstige allgemeinere Fragen mangelt es nicht, nur sind sie auffallend knapp und wiederholen oft, was man schon in den Schriften Thomas Manns und auch in seinen Briefen an andere Adressaten ausführlicher und genauer gelesen hatte.

    Wer Meisterwerke der Epistolographie erwartet, wird nicht auf seine Rechnung kommen, Geniales läßt sich in dieser Sammlung nicht finden – und eben deshalb ist sie, mag es auch paradox klingen, so aufschlußreich, so wertvoll. Denn im Unterschied zu sehr vielen Briefen Thomas Manns sind die hier gedruckten weder für die Mitwelt noch für die Nachwelt bestimmt, sondern tatsächlich nur für den Verleger Bermann Fischer. Es handelt sich um gewöhnliche Geschäftsbriefe, und sie bleiben es offensichtlich auch dann, wenn Thomas Mann (meist rasch und doch nur am Rande) Persönliches einbezieht oder beschreibt. Immer will er etwas Konkretes erledigen, auch die Verweise auf Privates sollen in der Regel nur die beruflichen Vorschläge oder Wünsche unterstützen.

    Da also sachliche Mitteilungen und Fragen, nachdrückliche Beanstandungen und trockene Darlegungen dominieren, da Wiederholungen sich in einer derartigen Korrespondenz von selbst verstehen und überdies vieles besprochen wird, was uns heute beim besten Willen nicht interessieren kann, erfordert die Lektüre mancher Teile des Briefwechsels einige Geduld. Aber er dokumentiert gerade die Aspekte des Porträts und der Biographie Thomas Manns, die bisher zu kurz gekommen waren: Der Alltag des professionellen Schriftstellers wird sichtbar. Dank dieser, zugegeben, überaus profanen Dimension verliert das Bild des literarischen Würdenträgers viel von seiner Klassizität, von seinem Pathos, und es gewinnt zugleich an Wahrhaftigkeit und Anschaulichkeit, an barer Menschlichkeit: Die Einschüchterung läßt nach, die Annäherung wird möglich.

    So zeigen die Briefe, daß derjenige, der von Robert Musil ein „Großschriftsteller“ genannt wurde, zugleich eine Art Großkaufmann war, der seine mitunter komplizierten geschäftlichen Angelegenheiten nüchtern und umsichtig zu überwachen wußte: Streitbar pochte er auf sein Recht, hartnäckig überprüfte er die Abrechnungen, stets nach Fehlern und Irrtümern ausspähend. Auch die geringsten Unklarheiten riefen sein nicht immer unbegründetes Mißtrauen hervor.

    Befürchtete etwa Thomas Mann, daß der Schwiegersohn und Nachfolger Samuel Fischers, der seit 1928 als Geschäftsführer des berühmten Verlages tätige Gottfried Bermann Fischer ihn, den in den Jahren der Emigration (und natürlich auch später) prominentesten Autor des Hauses schlechterdings übervorteilen wollte? Aber sicher. In einem 1954 an Bermann Fischer gerichteten Brief sagte er ohne Umschweife, daß er „die psychologische Mischung von wahrer Anhänglichkeit und der Neigung, mich übers Ohr zu hauen, bei einem Geschäftsmann jetzt wohl für möglich halte“. Damit aber hatte der Neunundsiebzigjährige nur ausgesprochen, was seiner Korrespondenz oft genug zu entnehmen war: „Von Geld ist allzuwenig zwischen uns die Rede…“ – warnte er seinen Verleger 1938. Und: „Ich kann nur wiederholen, was ich schon in meinen Briefen aus Californien andeutete: daß es schön wäre, wenn Sie auch an meine geschäftlichen Interessen etwas dächten und auf diese Dinge von sich aus zu sprechen kämen, statt mir die Rolle des Fordernden und Drängenden zu überlassen.“

    Unwillig und verärgert äußerte er sich 1946 „über die Unbegreiflichkeiten, die alles Vertrauen erschütternde Unordnung und Unstimmigkeit in unseren geschäftlichen Beziehungen“.Er habe „sich in guten, unbedingt zuverlässigen Händen“geglaubt und sehe nun, „daß dies nicht der Fall ist“.Als ihm die Herabsetzung des Honorars für eine Auslandsausgabe „eine einseitige Maßnahme Ihrerseits“schien, fragte er ganz ungeniert: „Haben Sie einen Zustimmungsbrief von mir bei Ihren Akten? Dann möchte ich ihn sehen, denn ich bin einfach mißtrauisch geworden gegen die geschäftliche Behandlung, die Sir mir angedeihen lassen.“

    Mit zunehmendem Alter wurde Thomas Mann in seinen finanziellen Angelegenheiten weder nachlässiger noch nachsichtiger. 1950 teilte er Bermann Fischer sehr direkt mit, daß er ihm nicht mehr über den Weg traue: „Ich hatte noch keine Möglichkeit festzustellen, ob Ihre Angabe auf Wahrheit beruht, daß diese schweizerischen Lizenzausgaben den Transfer meiner deutschen Honorare gefährden würden.“

    Die Ausführlichkeit vieler dieser Briefe macht zumindest wahrscheinlich, daß ihm die Kontrolle der Abrechnungen und die Erledigung anderer geschäftlicher Fragen auch Spaß bereitete und daß es ihm oft eine wahre Genugtuung war, dem Verlag Unregelmäßigkeiten und Fehler nachzuweisen. Freilich gab es überdies einen anderen Grund, der ihn offenbar zwang, sich darum zu kümmern: „In einem langen, arbeitsreichen und und ja auch erfolgreichen Leben“ klagte er 1953 – „ist es mir kaum gelungen, finanzielle Reserven für mich und die Meinen anzulegen…“

    Noch in seinem letzten Lebensjahr schrieb und diktierte Thomas Mann lange Briefe mit allerlei Vorwürfen und Beanstandungen, die sich nicht immer als berechtigt erwiesen. Im August 1954 beispielsweise mußte er zurückstecken: „Man ist heutzutage, bei diesem gequälten Leben zwischen den Stühlen, manchmal nicht recht Herr seiner Nerven.“ Und: „Tragen Sie mir ein überschärftes Wort nicht nach! Meine polemische Ader spielt mir manchmal einen Streich.“ Damit eben hängt zu einem nicht geringen Teil die Attraktivität der Korrespondenz mit Bermann Fischer zusammen: Weil Thomas Mann angesichts des Geschäftlichen seine Fassung nicht unbedingt bewahren wollte, weil ihm, dessen Selbstdisziplin schon fast unheimlich war, hier seine polemische Ader zuweilen einen Streich spielen durfte, läßt sich diesen Briefen nachrühmen, was bei ihm Seltenheitswert hat: Spontaneität.

    Freilich mag die Gereiztheit, die sich im Verhältnis Thomas Manns zu seinem Verleger doch oft und heftig bemerkbar machte, besondere Gründe haben. Bermann Fischer war es ja, der im Juli 1933 den damals in der Schweiz lebenden Thomas Mann zur Rückkehr nach Deutschland aufgefordert hatte: „Da nichts gegen Sie vorliegt…, setzen Sie die Regierung gewissermaßen erst ins Recht, wenn Sie fernbleiben. Denn Sie bieten ihr durch Ihr Fernbleiben die Handhabe zu Maßnahmen gegen Sie, da man hier daraus schließen wird, daß Sie sich endgültig gegen Deutschland entschieden haben … Aus der Emigrantenatmosphäre lassen sich die Dinge nicht richtig beurteilen … Wir stehen Ihnen ganz zur Verfügung, würden Sie gern an der Grenze erwarten … Überlegen Sie nicht lange. Man steht allen diesen Dingen hier viel ruhiger gegenüber, als man es je im Ausland kann.“

    Zwar wies Thomas Mann diese Aufforderung entrüstet zurück, doch zeigte er sich in einer anderen Angelegenheit weniger entschieden. Im August 1933 hielt er es für richtig, den ersten Band seiner „Joseph“-Tetralogie nicht in Deutschland zu veröffentlichen, sondern „draußen“, in Amsterdam, „wo er zwar nur auf eine beschränkte Publizität, dafür aber auf Wohlwollen, freie Empfänglichkeit rechnen kann … Mit einem Wort: überlassen Sie das Buch Querido …“ Bermann Fischer wollte davon nichts wissen und warnte vor einem „endgültigen Schritt, der Ihnen nicht verziehen wird … Denken Sie doch an Ihre deutschen Leser hier“.Thomas Mann gab nach, das Buch erschien in Berlin, und wenige Wochen später distanzierte er sich (abermals einem dringenden Wunsch seines Verlegers folgend) von der in Amsterdam von seinem Sohn Klaus herausgegebenen antifaschistischen Zeitschrift „Die Sammlung“. Seine Position dem „Dritten Reich“ gegenüber geriet vorübergehend in ein fatales Zwielicht. Es scheint, als habe er das Bermann Fischer nie ganz verziehen.

    Jedenfalls werden erst auf diesem Hintergrund zwei Briefe Thomas Manns vom April 1938 verständlich. Von Beverly Hills aus fragte er den unmittelbar nach dem Anschluß aus Österreich geflohenen Bermann Fischer, ob er etwa beabsichtige, seine verlegerische Tätigkeit in den USA fortzusetzen, denn: „Ihre durch alle diese Jahre verfolgte Politik, Ihr bis zum erzwungenen Bruch aufrecht erhaltenes Verhältnis zu Deutschland und selbst noch der Charakter Ihres Wiener Unternehmens, das ja immer noch auf den deutschen Markt abgestellt war, (hat) Ihnen hier auf sehr negative Weise den Boden bereitet.“Bermann Fischer habe das moralische Recht verscherzt, „jetzt, wo es gar nicht mehr anders geht, den deutschen Emigrationsverlag in Amerika aufzutun“. Er möge sich doch seinem ursprünglichen Beruf zuwenden, also wieder als Arzt praktizieren, er jedenfalls, Thomas Mann, müsse sich von ihm trennen.

    Da Bermann Fischer zwischen 1933 und 1938 den S. Fischer Verlag in Berlin und Wien mit Thomas Manns Billigung (und zum Teil in seinem Interesse) geführt hatte, zeigen solche Briefe den würdigsten Repräsentanten der deutschen Literatur unseres Jahrhunderts nicht gerade – um es gelinde auszudrücken – von der schönsten Seite. Aber es ist gut, daß auch sie deutlich sichtbar wird. Im übrigen änderte sich nichts: Bermann Fischer blieb Verleger (jetzt in Stockholm) und Thomas Mann sein Autor. Nur daß Bermann Fischer gelegentlich zu hören bekam, daß er den falschen Beruf ausübe, so noch 1950: „Sie kämpfen allein auf einem Posten, für den Sie nicht geboren sind, der Ihnen vom Schicksal nie zugedacht schien, und der mir oft schon ganz verloren vorkommt.“

    Warum hatte Thomas Mann, trotz aller Unzufriedenheit und trotz vieler Versuchungen, Bermann Fischer und seinen Verlag doch nie verlassen? Anhänglichkeit? Treue? Tradition? Oder gar Sentimentalität? Es gab, will mir scheinen, einen anderen und einfacheren Grund: Er mochte schimpfen und nörgeln, protestieren und rebellieren, er mochte Bermann Fischer Dilettantismus und Schlimmeres vorwerfen, aber letztlich scheint er überzeugt gewesen zu sein, daß sein Werk bei ihm und in seinem Verlag gar nicht schlecht aufgehoben war.

    Daß sich Bermann Fischer um seinen Autor unaufhörlich bemühte, versteht sich von selbst. So spendete er ihm in vielen Briefen – oft die Hilfe der Verlegergattin in Anspruch nehmend –, wovon Thomas Mann nie genug bekommen konnte: Lob. „Wir alle tragen Wunden“ – heißt es in der „Entstehung des Doktor Faustus“ –, „und Lob ist, wenn nicht heilender, so doch lindernder Balsam für sie.“

    Von der „bestallten Kritik“ hielt er nicht viel, dennoch erkundigte er sich bei Bermann Fischer häufig nach Rezensionen seines jeweils neuesten Buches. Er las sie aufmerksam, bisweilen, wie er ironisch vermerkte, „mit heißen Backen“ und wertete sie ernsthaft als Echo auf seine Produktion, obwohl er genau wußte, daß ihm der rücksichtsvolle Verleger „nur die gut gemeinten“ zu zeigen pflegte, ja, er verlangte von Bermann Fischer, ihm bloß das zu schicken, „wovon Sie denken, daß es mir nicht auf die Magennerven geht“. Die Qualität einer Kritik entging ihm nicht, doch wichtiger war ihm ihr Tenor. Zu einer Rezension Eduard Korrodis in der „Neuen Zürcher Zeitung“ meinte er: „Sie ist unglaublich schlecht geschrieben und zeugt auch von ungenauem Lesen, hat mir aber doch Freude gemacht durch ihre Beherztheit und Wärme …“ Blieben Zeitungsausschnitte aus, so hielt sich Thomas Mann, in dieser Hinsicht den meisten Schriftstellern auf Erden auffallend ähnlich, an freundliche Zuschriften von unbekannten Lesern. Wenn nichts anderes da war, wurde dankbar registriert, daß jemand aus Afghanistan „sehr nett geschrieben“ habe.

    Eigenlob war Thomas Mann ebenfalls nicht unbekannt und galt sowohl entstehenden Arbeiten als auch früheren, die aus diesem oder jenem Grunde ins Gespräch kamen. Regungen des Selbstzweifels erlaubte er sich seinem Verleger gegenüber erst in den letzten Lebensjahren. Bei der Durchsicht seiner politischen Schriften, deren Neuausgabe 1950 geplant war, sei ihm „gar nicht wohl“, er bitte, „die Veröffentlichung zu unterlassen“, denn „manches darin ist veraltet, liest sich nicht mehr richtig…“ 1952 teilte er Bermann Fischer mit: „Eigentlich gefällt mir nur wenig noch von den alten Dingen aus den drei verschollenen Bänden.“Es handelte sich um seine Bücher „Rede und Antwort“, „Bemühungen“ und „Die Forderung des Tages“.

    Am Vortag seines neunundsiebzigsten Geburtstags bekannte er, daß er der Veröffentlichung des „Felix Krull“ nicht „besonders freudig entgegensehe“: „Und das Schlimmste ist, daß mir das Ganze jetzt im Licht des Unfughaften und Unwürdigen erscheint, wenig geeignet, eine öffentliche Stimmung der Ehrerbietung für das Leben des Achtzigjährigen vorzubereiten. Oft denke ich, es wäre mir besser gewesen, wenn ich nach dem ‚Faustus‘ das Zeitliche gesegnet hätte. Das war doch ein Buch von Ernst und Gewalt und hätte ein Lebenswerk gerundet, dessen lose Nachspiele mir oft peinlich-überflüssig erscheinen.“

    Der strenge Anspruch zeigt noch einmal, wie er gesehen werden wollte, er, der von sich selber glaubte sagen zu können, er sei „zum Repräsentieren geboren“. Aber sein wirkliches Bild ergibt sich nicht nur aus der Summe seines Werks, sondern auch aus jenen nüchternen Dokumenten, die etwas Licht auf sein alltägliches Leben werfen und die beweisen, daß es sogar ihm widerfahren konnte, aus der Rolle zu fallen. Nichts, was Thomas Mann geschrieben hat, darf uns gleichgültig sein.

    Hinweise: Der Beitrag von Marcel Reich-Ranicki ist zuerst erschienen in „Die Zeit“ Nr. 27 am 29. Juni 1973 und wurde später in mehreren Auflagen des zuerst 1987 und zuletzt 2020 erschienen Bandes „Thomas Mann und die Seinen“ unter dem Titel „Die Geschäfte des Großschriftstellers“ mit nur kleinen Änderungen, die hier zum Teil übernommen wurden, neu veröffentlicht. Die erneute Veröffentlichung in literaturkritik.de erfolgt mit Genehmigung von Marcel Reich-Ranickis Erbin Carla Ranicki und seines Nachlassverwalters.

  • Rundbrief Nr.83 – Wißkirchen, Mitgliederversammlung, Bensberg

    Liebe Mitglieder unseres Ortsvereins, liebe Damen und Herrn, die sich für unsere Arbeit interessieren,

    ich erhielt von Herrn Prof. Wißkirchen gerade die bedauerliche Nachricht, daß er mit einer Grippe krank zu Bette liegt und bis Mittwoch sicherlich nicht wiederhergestellt sein wird. Daher muß ich unsere Veranstaltung am Mittwochabend leider absagen, auch die vorgeschaltete Führung durch die Arbeitswelt-Ausstellung macht dann keinen Sinn. Ich möchte Ihnen diese dennoch wärmstens ans Herz legen, ggf. kann meine Ulrike an einem Wochenende noch eine Führung kurzfristig anbieten. Die Ausstellung läuft nur noch bis zum 12.April.

    Für den Vortrag von Herrn Wißkirchen werden wir einen Ausweichtermin suchen, das wird aber nicht so kurzfristig möglich sein.

    Alle, die sich bislang bei mir angemeldet haben, bitte ich, mir die Kenntnisnahme dieser traurigen Nachricht zu bestätigen. Ich werde am Mittwoch um 18.00 Uhr mit Ulrike im Delikart sitzen, um mit allen Irrläufern ein Trostbier zu trinken.

    Ihnen alle wünsche ich Gesundheit, auf bald Ihr Peter Baumgärtner


    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierten an unserer Arbeit,

    die Jahresmitgliederversammlung verlief in angenehmer Atmosphäre im MATERNUS und ging dann fließend in eine Stammtischrunde über, bei der wieder viele anregende Gespräche stattfanden.

    Kurz zur Versammlung: Der Vorstand wurde entlastet und neu gewählt, Dorothee von Hoerschelmann schied aus dem Vorstand aus, Thomas Schmalzgrüber wurde hineingewählt. Thomas Kempken erstattete seinen wohlgeordneten Kassenbericht. Zur großen Freude unserer Kassenprüfer Agnes und Axel Volhard mit einer ordentlichen Ein- und Ausgabentabelle – und nicht wie bei mir mit einem schlichten Ausdruck des Jahreskontosauszuges: Eine bedeutsame Verbesserung über die ich mich sehr freue. Kirsten Huppertz war wieder so freundlich, Protokoll zu führen. Die Mitglieder erhalten es in Kürze per Mail.

    Zum wichtigsten Punkt des Tages, zum Vortrag von Prof. Dr. Hans Wißkirchen am kommenden Mittwoch, den 11. März 2026 um 18.00 Uhr im Seminarraum des LVR-Landesmuseums. Wie vielfach angekündigt wird er sein Buch „Zeit der Magier“ vorstellen. Es sind schon eine Reihe von Anmeldungen bei mir eingegangen – es dürfen gerne noch einige mehr werden. Aus der Mitgliederschaft kam die Frage, diese Einladung auch im Freundeskreis verbreitet werden darf? Ja, natürlich! Unsere Veranstaltungen sollen auch Chance sein, um neue Mitglieder zu werben.

    Wie gleichfalls angekündigt, wird vor dem Vor- trag um 16.00 Uhr eine Führung durch die Aus- stellung Schöne neue Arbeitswelt angeboten. Auf der nächsten Seite finden Sie ein Bild daraus:

    Carl Walther: Portrait einer Frau mit Zigarette, Foto pb
    Carl Walther: Portrait einer Frau mit Zigarette, Foto pb

    Auf den ersten Blick dachte ich: Oh, Erika Mann ist auch da! Das ist sie aber nicht, und dennoch zeigt sie das Abbild einer selbstbewußten jungen Frau aus den 20er Jahren in modisch-salopper Kleidung mit Zigarette in der Hand. 20 Jahre zuvor wäre dies kaum denkbar gewesen.

    Und hier ein wichtiger Hinweis: Das ganze kostet Geld, Saalmiete, Spesen von Herrn Wißkirchen. Daher werden wir für den Vortrag einen Eintritt von 15.00 € erheben, und um an der Führung teilnehmen zu können, muß man eine Eintrittskarte kaufen – Regeltarif 11.- €. Zu- dem werde ich vor dem Seminarraum mit dem Spendenwürfel stehen und um einen Zuschuss bitten für die notwendige Gebühr für die Museumsführung von 90.-€.

    Noch ein kurzer Blick zurück: Ich war sehr erfreut bei der Veranstaltung der Thomas- Morus-Akademie in Bensberg, die unter dem Titel stand: „Thomas Manns Jahrhundertwerk“ 13 Mitglieder unseres Ortsvereins zu treffen. Die Tagung war mit 71 Teilnehmenden beinahe überbucht, wir wurden als Projektpartner mehrfach genannt, es fanden viele von Neugier auf unseren Ortsverein geprägte Gespräche statt und ich konnte 30 Hefte unserer Schriftenreihe verkaufen. Ein Format mit Gewinn für beide Seiten. Die zuständige Akademie-Referentin legt daher großen Wert auf eine weitere Zusammenarbeit.

    Das Programm spannte einen weiten Bogen vom Vortrag von Dr. Rolf Füllmann mit dem Titel „Lübeck als geistige Lebensform“ bis zu den abschließenden Gedanken von Dr. Miriam Albracht zum Motiv der Gnade in Thomas Manns Spätwerk. Noch am ersten Abend wagte die uns wohlbekannte Janka Zündorf ihren eigenen Blick auf den Tod in Venedig. Für mich ganz neu waren ihre semantischen Untersuchungen wie auch ihre Forschung zur Verdrängung der tatsächlich vorhandenen Gefahr, der sich ausbreitenden Cholera-Epidemie im Jahre 1911, in jenem Jahr, als sich die Manns in Venedig aufhielten. Für mich ein hochspannendes Thema. Wurde nicht auch die Kriegsgefahr in jenen Jahren ausgeblendet, obgleich alle Staaten aufrüsteten? Ein Sujet, das sich zu vertiefen lohnt, ich bleibe mit Janka darüber im Gespräch.

    Hierzu mehr im nächsten Rundbrief. Einstweilen freue ich mich sehr, Sie am kommenden Mittwoch begrüßen zu dürfen.

    Herzlich ihr Peter Baumgärtner

    PS: letztes Wochenende entdeckte ich in der BNN den angehängten Artikel, in dem Hermann Hesse nur am Rande eine Rolle spielt. Er ist dennoch inhaltlich großartig, sprachlich weit über Tageszeitungsniveau und vor allem von einem gerade 32 Jahre jungen Bürgermeister, der vor 11 Jahren als Flüchtling aus Syrien in unser Land kam.

  • Rundbrief Nr.82 – zu Zeit der Magier, Heinrich Mann „Der Kopf“, Bruno Frank „Politische Novelle“

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    ich stelle Vereinsinternes ganz an den Anfang: die Jahresmitgliederversammlung wird am 19. Februar um 18. Uhr im Nebenraum des Godesberger Traditionslokals MATERNUS stattfinden, in der Löbestraße 3, keine 100 Meter vom Bahnhof entfernt. In diesem Nebenraum finden so viele Menschen Platz, wie in den letzten Jahren zu den Versammlungen gekommen sind. Ich habe mit der Wirtin vereinbart, daß wir dort eine gute Stunde lang unsere „geschäftlichen“ Dinge besprechen und hierzu nur Getränke ordern. Im Anschluß kann, wer möchte, dort noch ein Essen bestellen, womit unser administra- tiver Akt in einen Stammtisch übergeht.

    Die Einladung hierzu finden die Mitglieder im Anhang.

    Womit ich auch die Interessierten an unserer Arbeit begrüße, die ich an dieser Stelle gerne darauf hinweise, daß man in unserem Ortsverein auch Mitglied werden kann.

    Für alle, die in den letzten Monaten die Inszenierung von Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ auf der Bonner Werkstattbühne gesehen haben – oder mit dem Gedanken spielen, diese sich noch anschauen zu wollen, weise ich auf die Veranstaltung der Theatergemeinde Bonn hin: In der Reihe „EinSichten“ findet am 3. Februar, um 19.00 Uhr im Haus an der Redoute ein Gespräch mit der Regisseurin Hanna Müller am Dienstag statt. Diese höchst erfolgreiche Produktion wurde 2025 von den Schauspielfreunden mit dem Preis für die beste Inszenierung der Saison ausgezeichnet und steht daher in der laufenden Spielzeit weiterhin auf dem Spielplan.

    Wie im letzten Rundbrief angekündigt, habe ich den Präsidenten unserer Gesellschaft Prof. Dr. Hans Wißkirchen zur Vorstellung seines Buchs „Zeit der Magier“ nach Bonn eingeladen. Die Veranstaltung wird im Seminarraum des LVR-Landesmuseums stattfinden, eben dort, wo wir uns in der Regel zum Stammtisch treffen, und zwar am 11. März 2026 um 18.00 Uhr. Wer Interesse an einer Führung durch die Ausstellung „Arbeitswelt“ hat, möge sich bei mir melden. Bei einer hinreichend großen Teilnehmerzahl kann ich eine Führung für 16.00 Uhr organisieren. Diese Ausstellung beleuchtet die Lebenszeit Thomas Manns und den künstlerischen Niederschlag der sozialen Umwäl- zungen dieser Zeit.

    Angeregt durch die „Zeit der Magier“ habe ich den eher unbekannten Roman von Heinrich Mann „Der Kopf“ gelesen. Dieser Roman, so Wißkirchen, sei Heinrichs Gegenwurf zum Zauberberg gewesen, er erschien 1925. Antiquarisch konnte ich mir eine Originalausgabe für 20.- Euro besorgen – das würde mir beim Zauberberg nicht gelingen.

    Die „Bruderschaft“ des Romans springt immer wieder ins Auge: Im Mittelpunkt stehen zwei junge Männer, die versuchen, sich von ihren hanseatischen Kaufmannsfamilien abzunabeln; deren Debatten untereinander erinnern an Naphta und Settembrini, sind aber weniger philosophisch als politisch, und gemahnen an die Debatten zwischen Heinrich und Thomas. Zuweilen wird Isoldes Liebestod gespielt, und einer der beiden hat eine schauspielernde Schwester, die in dem chauvinistischen Theatermilieu zerrieben wird.

    Alles Motive, die wir kennen, und der Roman spielt auch in den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg – aber nicht in einem abgeschiedenen Höhenluftkurort, sondern mitten in Berlin, im Zentrum der Macht, in der Reichskanzlei – ein Polit-Krimi.

    Und hier liegt für uns heutige Leser die Schwierigkeit: Der Roman ist für die Zeitgenossen von 1925 geschrieben: für sie war es sicher ein Leichtes, vielen Figuren historische Persönlichkeiten zuzuordnen, was uns heute nur noch schwer möglich ist. Er ist eben nicht wie Thomas Manns „Der Zauberberg“ eine Erzählung aus einem der Welt entrückten Ort, somit auch keine große Metapher über das Leben, die Liebe und den Tod.

    Und dennoch: eine gewisse Zeitlosigkeit steckt auch in Heinrichs Roman. Die Art und Weise wie er die Machtausübung, die Intrigen und die Korrumpierbarkeit der Protagonisten beschreibt, ist sehr gegenwärtig. Die Darstellung der um Weltvormachtstellung ringenden europäischen Großmächte, die in den Krieg mündete, hat unverwechselbare Ähnlichkeiten mit dem entsprechenden Ringen der heutigen Weltmächte. Hinzu kommt der Humor oder besser der hintergründig, beißende Sarkasmus, der den Text durchzieht. Zuweilen kann man auch laut auflachen, wie einer Gleichung zur ehelichen Entsprechung bei der Partnerwahl: „Sie ist reich, aber kompromittiert. – Ich bin arm, aber korrekt.“ Oder bei der Diskussion über die Flottenaufrüstung Preußens, die dem erzkonservativen Alldeutschen namens „Plockwurst“ mißfällt: „Bei mir sitzt Preußen zu Pferde… Reiten erhält Figur. Kahnfahren macht Bauch.“

    Ich nehme nun Bezug auf den letzten Rundbrief: im Rotary-Buch über die verstoßenen Mitglieder fand sich auch der Nachruf auf Bruno Frank, und darin wird dessen „Politische Novelle“ besonders hervorgehoben, weshalb ich mir dieses schmale Bändchen von 170 Seiten in der Originalausgabe von 1828 besorgte.

    Das Buch stößt einen in ein Wechselbad der Gefühle – was kann man über einen Text besseres schreiben? Zeitweilig liest es sich wie ein Mittelmeer-Reiseführer. Es hebt an in Ravello an der Amalfiküste, die wesentlichen Gespräche finden in Cannes statt, im Casino werden uns die Schönheiten einer Stripteasetänzerin geschildert und in einem Landgasthof in den Bergen wird kulinarisch gespeist, bevor Carmer, die Hauptfigur, in Marseille ein tödliches Ende findet.

    Für das Buch würde sich heute kaum noch ein Verleger finden. Allzu häufig ist von der„Negermusik“ der „Wulstlippigen“ die Rede. Es ist authentisch – in vielerlei Hinsicht. Schon vor 100 Jahren strandeten viele Flüchtlinge aus dem Norden Afrikas im Süden Frankreichs. Frank zeigt auch die Schattenseite dieser Idylle. Gleichzeitig ist die Situation in Deutschland stets gegenwärtig: Carmer ist ein hoch angesehener, aber verzagter deutscher Politiker, der sich mit seinem jüdischen Assistenten in den Süden Italiens zurückgezogen hat. Er wird nach Hause gerufen. Eine Regierung ist gescheitert, er soll eine neue Regierung anführen, heimkehren also wieder in den Braukessel trüb schäumender Böswilligkeit, die sich deutsche Politik nannte, zum Gezänk von Philistern, die an ihren nächsten schäbigen Vorteil denken, wo die wenigen denkenden und kräftigen Gefährten vor der Zeit abgenutzt, bedrückt und zerrieben sind. Und in Ravello stören Faschistenaufmärsche die Sonntagsruhe.

    In Cannes trifft Carmer einen französischen Freund, mit dem er berät, wie die Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland beendet werden könne, wie die Reparationszahlungen erträglich gestaltet und eine europäische Einigung herbeigeführt werden könne.

    Bruno Franks Novelle wurde damals in der ›Frankfurter Zeitung‹ mit einer milzsüchtigen und gesucht herablassenden Kritik überzogen, weshalb Thomas Mann von der Berliner Zeitschrift ›Das Tageblatt‹ gebeten wurde, für seinen Freund und Nachbarn im Münchner Herzogpark, für dieses Sonntagskind, das sich zuweilen grämt, Stellung zu beziehen, da dieser von dem Verriß tief getroffen war – und auch vernichtet werden sollte, wie Thomas Mann unterstellt. Er tut dies, obgleich er selbst kein Kritiker ist, wie sein Freund und Biograph Dr. Eloesser. Ein Kunstwerk, so schickt er voraus, ist nicht an sich von vornherein gut oder schlecht; …, es ist vielmehr ein schwebendes Anerbieten an das Herz und den Geist des Menschen – ist das nicht wundersam formuliert? – aber es läßt sich ›schlechtmachen‹. Gleich darauf folgt noch eine fein formulierte Spitze gegen seinen alten Widersacher Alfred Kerr – schon dafür lohnt es sich, den Text zu lesen.

    Die Kritik an Frank entzündete sich in erster Linie an der Intention des Textes, an Bemerkungen wie jener, daß die Söhne Karls des Großen sich zuweilen wie Dummköpfe benommen haben. Auch macht Thomas Mann darauf aufmerksam, daß der französische Widerpart Carmers Herr Dorval in seinem Äußeren Aristide Briand nachempfunden ist, was bei den Rückwärtsgewandten ebenso die Alarmglocken schrillen ließ, wie die abschätzige Darstellung des italienischen Faschismus, die als unzulässige Einmischung bezeichnet worden war. Auch hier nimmt Mann Frank in Schutz: …ist all diese Gewaltsamkeit und sich übernehmende Unnatur, diese Selbstberäucherung und Eisenfresserei … unumgänglich, um sich tüchtig zu machen für die Zeit?

    Bruno Frank wurde keine 60 Jahre alt. Nach seinem Tod schrieb Thomas Mann am 21.6.1945 an seinen Sohn Klaus: 35 Jahre gute Freundschaft, Nachbarschaft, Gemeinsamkeit! Er war ein lieber, heiterer, grundanhänglicher, von ganzem Herzen bejahender Lebensgenosse. Es ist recht bitter.

    Es ist auch recht bitter zu sehen, wie gegenwärtig diese Texte aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts sind. Sie sind aber immer unterlegt mit großen Portionen von Lebenszuversicht, Tapferkeit und Humor. Diese Tugenden wollen wir uns bewahren mit Hilfe unserer Literatur.

    Ich freue mich darauf, Sie bald wieder persönlich zu treffen. Herzlich ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr.81 – Beßlich, Rotary, Wißkirchen, Georgien

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    kurz vor dem Jahreswechsel wende ich mich nochmals an Sie, um zurück- und vorauszublicken. An 11. November war Prof. Dr. Barbara Beßlich bei uns im Haus an der Redoute zu Gast. Unserer Bitte folgend, referierte sie über ihre akademische Publikation mit dem Titel Der Biograph des Komponisten – Unzuverlässiges Erzählen in Thomas Manns Roman Doktor Faustus in einer für belesene Laien verständlichen Form, und alle Anwesenden waren begeistert. Mehrfach hörte ich den Satz: „Nun muß ich den Faustus nochmals lesen! Mit einem ganz neuen und tiefergehenden Verständnis.“ Man könnte sagen: das Klassenziel wurde erreicht.

    Im letzten Rundbrief berichtete ich über Michael Haukohls Vortrag zu Thomas Manns Mitgliedschaft im Rotary- Club München (RCM), die mit einem Hohelied auf ihn begann und dann im schnöden Rausschmiss endete. Die beiden von Herrn Haukohl hierzu empfohlenen Bücher habe ich inzwischen vorliegen und in Auszügen gelesen.

    Beide sind unmittelbar vom RCM herausgegeben und zum großen Teil auch von Mitgliedern desselben verfaßt. Zunächst erschien „Erinnern und Gedenken: der Ausschluss von 14 Münchner Rotariern im April 1933“ herausgegeben von Karl Huber und Wolfram Göbel.

    Darin die sehr aufrichtige Aufarbeitung des Ausschlusses von 13 jüdischen Mitgliedern – und von Thomas Mann. Von ersteren – sämtlich angesehene Kaufleute und Wissenschaftler – wird jeweils ein einfühlsames Lebensbild gezeichnet und die Frage gestellt und beantwortet, ob und wie sie die braune Zeit überstanden haben. Schon beim Portrait von Bruno Frank nimmt dessen Freund Thomas Mann einen breiten Raum ein, und das letzte Kapitel des Bandes von Hans-Jürgen Möller ist überschrieben mit Der Sonderfall Thomas Mann. Ein langatmiges Lavieren nach dem „Warum?“ und „Wieso?“, das dann im zweiten Buch: Thomas Manns Höhen und Tiefen in dessen Beziehung zum Rotary Club München und der »Münchner Protest« nicht kurzatmiger wird. Es ist alles in sehr beschwichtigendem aber kaum um Entschuldigung bittenden Ton geschrieben. Verwundert liest man, daß Thomas Manns Hinwendung zu Demokratie den Gründungsmitgliedern des RCM wohl nicht bekannt gewesen sei.

    Dessen Eintreten für soziale und demokratische Ziele stellte ihn gleich in Marxismus-Verdacht, der von der Rechtsaußenpresse auch tüchtig geschürt wurde. Im RCM dachte man monarchistisch deutschnational und der eilfertige Kotau vor Heydrich und Konsorten fiel allzu leicht. Selbst einem Rassen-Hygieniker hörte man bereitwillig zu und wunderte sich sogleich, daß der Nobelpreisträger sich rarmachte. Die beiden Bücher geben Einblick in die Strenge und das Standesbewußtsein dieses bürgerlichen Clubs, der bis heute nichts mehr scheut als in Sozialismusverdacht zu kommen. Es ist dennoch ehrenwert, daß sich der RCM mit seiner Vergangenheit auseinandersetzte – fast 90 Jahre nach dem Sündenfall.

    Zu meiner Freude erfuhr ich beim Stammtisch, daß sich zur Tagung mit dem Titel: Thomas Manns Jahrhundertwerk in der Thomas Morus Akademie in Bensberg am 21. und 22. Februar 2026 schon mehrere Mitglieder des Ortsvereins angemeldet haben. Neben den inhaltlichen Aspekten werden wir vielfältige Kontakte dort knüpfen können. Den Flyer habe ich angehängt.

    Zwei Tage zuvor, am Donnerstag nach Aschermittwoch (19.2.2026) planen wir die Jahresmitgliederversammlung durchzuführen. Nach drei Jahren stehen wieder Vorstandswahlen an. Eine entsprechende Einladung geht allen Mitgliedern nochmals gesondert zu. Wir werden uns wohl in Bad Godesberg treffen, ggf. im Nebenraum der Traditionsgaststätte Ria Maternus. Dies ist auch abhängig von der Zahl der Mitglieder, die kommen werden. Daher bitte ich schon jetzt um ein Signal, wer sich an diesem Abend freimachen und kommen kann.

    Bei der Jahrestagung im Sommer stellte unser Präsident Prof. Dr. Wißkirchen seine gerade erschienenes Buch Zeit der Magier vor, ein Doppelbiographie von Heinrich und Thomas Mann, die Beschreibung ihres brüderlichen Verhältnisses über 75 Jahre. Nun endlich fand ich die Zeit, es zu lesen – mit größtem Gewinn! Zuweilen fühlte ich mich von ihm mit der Feststellung ertappt, daß ich, wie viele andere Thomas-Mann-Anhänger, Heinrich als eher zweitklassig ansehe, und diesen am Ende seines Lebens als von Moskau gedungen.

    Mit diesen Vorurteilen räumt Wißkirchen tüchtig auf. Er beschreibt die Bruderbeziehung als eine große Kreuzbewegung, vom zunächst superioren Heinrich über den gemeinsamen Kampf in den 20er Jahren bis hin zu Thomas‘ Führungsrolle spätestens mit dem Erhalt des Nobelpreises. Aber ganz gleich in welcher Lebenslage sie waren: Ihr wechselseitiger Respekt und Hochachtung voreinander war immer gegeben, und unter der siebenjährigen Entzweiung litten beide, der jeweilige Widerpart fehlte, oder um es mit meinen Worten zu sagen: Man verkracht sich nur mit Menschen, die man liebt.

    Ich wußte nicht, daß die beiden sich wechselseitig stets ihre neuesten Romane zuschickten und um Rezensionen baten, die ihrerseits immer eine gewisse Doppelbödigkeit aufwiesen. Wißkirchen arbeitet an vielen Stellen pointiert heraus, wie die beiden in ihren literarischen Texten sich verschlüsselte Botschaften zukommen ließen. So heißt es in einem Dialog im letzten Roman Heinrichs, Der Atem: „Beide benötigen die ästhetische Brechung, um recht eigentlich miteinander reden zu können.“

    Heinrich gilt auch das Hauptaugenmerk Wißkirchens; zum einen setzt er zu Thomas mehr Grundwissen voraus – zurecht -, zum andern wird auch seine Intention deutlich, den bislang zu wenig in der literarischen Welt gewürdigten Heinrich ins rechte Licht zu rücken, ohne dessen verborgene Leidenschaften zu verbergen. Er scheut sich auch nicht, hin und wieder pathetisch zu werden:

    Hier ist ein Mensch, der in Zeiten der Anarchie Ordnung fordert, der inmitten blödfrecher Arroganz bluffender Literaten und sich brüstender Unbildung Haltung bewahrt, der dem Übermut des Hochkapitals nichts als die blanke und scharfe Waffe seines Geistes gegenüberstellt…“ (S. 219)

    Die Bezüge zur Gegenwart springen den Leser an, Wißkirchen verharrt nicht im germanistischen Elfenbeinturm. Das ist in der heutigen Weltlage wichtiger als je zuvor. Meine Anfrage, ob er bereit sei, uns sein Buch in Bonn vorstellen, hat er positiv beschieden. Vom Landesmuseum Bonn wurde mir signalisiert, daß man uns einen Seminarraum zu überschaubaren Konditionen für eine Lesung vermieten würde. Es bestünde dann die Möglichkeit, im Vorfeld der Lesung durch die sehr sehenswerte Ausstellung: Schöne neue Arbeitswelt eine Führung zu buchen, zumal diese just die Lebenszeit der Brüder beleuchtet. Die Terminabstimmung ist im Gange.

    თომას მანი Gesellschaft von Georgien

    Ist das Schriftbild nicht wunderschön?! So schreibt sich Thomas Mann in Georgien.

    So fremd uns diese Schrift und Sprache ist, so groß ist mein Respekt vor der გუნდი – Mannschaft, die Natia Tscholadze um sich versammelt hat, die man eigentlich als „Frau“-schaft ansprechen müßte, wie die beigefügten Fotos beweisen. Einige der Damen waren schon mehrfach in Lübeck zu Gast. Ihre Beherrschung der deutschen Sprache ist ebenso bewundernswert wie ihr Mut, in politisch bedrängter Situation sich mit einem bedeutenden Vorkämpfer für die Freiheit des Geistes, für Humanität und Demokratie zu befassen.

    Nun hat die Gruppe auch eine erste Thomas Mann Tagung in Kuatissi veranstaltet. Thema war – natürlich – der 150. Geburtstag und stand unter dem Motto: Der Mensch soll um der Liebe und der Güte willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken. Neben einer ganzen Reihe georgischer Referenten trat das langjährige Mitglied des Vorstands unserer Gesellschaft Prof. Dr. Elisabeth Galvan aus Neapel als Rednerin auf. Sämtliche Vorträge werden bald online zur Verfügung stehen. Neben der Tagung besuchte man auch die dortige georgisch-amerikanische Schule Progress. Mich erreichten Bilder strahlender Kinder, die hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Frido Mann war vor wenigen Jahren bereits in Georgien gewesen.

    Er stellte sein Buch: Democracy will win vor. Dieser Überzeugung bleiben die Mitglieder der dortigen Thomas Mann-Gesellschaft Georgien treu.

    Das Motto der neuen Dauerausstellung im Haus der Geschichte lautet: Du bist Teil der Geschichte. War dies nicht auch der Tenor von Thomas Manns Radioansprachen an die deutschen Hörer? So sind auch unsere Freundinnen in Georgien Teil der Geschichte ihres Landes, wie wir dies sind des unseren. Wollen wir in diesem Sinne auch im kommenden Jahr unserem Thomas Mann gedenken.

    Mit besten Wünschen für das neue Jahr grüßt Sie herzlich Ihr Peter Baumgärtner


    Fotos von der Thomas Mann Tagung in Georgien

    Natia Tscholadze, Elisabeth Galvan
    Lehrerinnen der Georgisch-Amerikanischen Schule – Natia Tscholadze, Natia Janjgava
    Im Ethnographischen Museum – von links nach rechts: Mari Mindiashvili, Anna Khukhua, Natia Janjgava, Nana Nikabadze, Theodora Jinjolia, Elisabeth Galvan, Maritsa Purtskhvanidze, Tea Mkervalishvili, Lela Cibadze, Maria Tcholadze
    Von links nach rechts: Theodora Jinjolia, Mari Mindiashvili, Anna Khukhua, Lela Cibadze, Maria Janjgava, Elisabeth Galvan, Natia Tcholadze, Tes Mkervalishvili, Maritsa Purtskhvanidze, und vorne: Nana Nikabadze
  • Rundbrief Nr.80

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    dieser Brief diene in erster Linie dazu, nochmals an den Vortrag von Frau Prof. Dr. Barbara Beßlich am 11. November ’25 um 19.00 Uhr im Haus an der Redoute zu erinnern.

    Man sagte mir, daß nur so kurzfristige Ladungen im Gedächtnis bleiben – daher. Inhaltlich habe ich zu ihrem Buch Der Biograph des Komponisten – Unzuverlässiges Erzählen in Thomas Manns Roman Doktor Faustus schon alles erzählt – es würde mich freuen, wenn Sie zahlreich kommen würden.

    Nun zur Rückschau: Am vergangenen Dienstag erhielt ein leider nur kleiner Kreis unserer Mitglieder ein kurzen, aber sehr erhellenden Vortrag zu Thomas Mann und der Rotary-Club: Erst nach dem Beitritt Deutschlands zum Völkerbund 1926 wurden in Deutschland erste Rotarier-Verbände gegründet. Der erste in Hamburg, der dritte in München, mit Thomas Mann als Gründungsmitglied. Nach der Nobelpreisverleihung 1929 sang man hohe Lieder auf ihn, Thomas Mann sei eine Zierde der Rotarier – als erster Nobelpreisträger im Club. Vier Jahre später wurde er schnöde aus der Mitgliederkartei gestrichen, wie ein schäbiges Inventar vor die Tür gestellt. Im Nachgang zum Vortrag entwickelte sich ein interessantes Gespräch – es hat Freude gemacht!

    Zu diesem Thema sind in den letzten Jahren zwei Bücher erschienen – ich habe sie mir bestellt:

    1. Hans-Jürgen Möller: Thomas Mann – Allitera Verlag 2021, 14,90 Euro
    2. Karl Huber, Wolfram Göbel (Hg): Erinnern und Gedenken: der Ausschluss

    Ich werde berichten.

    Noch folgende Terminhinweise zum Schluß:

    Am 17. November stellt Reinhard Kiefer in der Buchhandlung Böttger sein gerade erschienenes Büchlein: Thomas Mann. Letzte Liebe – die vollständige Einladung finden Sie im Anhang.

    Am 11. Dezember unser letzter Stammtisch des Jahres – wahrscheinlich kommt zuvor nochmals ein Rundbrief.

    Und weit voraus aber sehr interessant: Am 21. und 22. Februar 2026 findet in der Thomas Morus Akademie in Bensberg eine Wochenendtagung mit dem Titel: Thomas Manns Jahrhundertwerk statt. Den Flyer mit allen Details finden Sie im Anhang. Ich werde dort sein mit einem Büchertisch – über Unterstützung würde ich mich freuen.

    Aber viel wichtiger als ich: Wir dürfen die uns wohlbekannte Janka Zündorf dort wieder erleben, sie springt quasi in die Bresche für Prof. Thomas Wortmann, der uns in Bonn auch schon einmal beehrte und im Februar Verpflichtungen in den USA nachkommt.

    Für den unwahrscheinlichen Fall, daß wir uns am Dienstag nicht sehen, verabschiede ich mich hiermit für ein paar Tage nach Venedig…

    Mit besten Grüßen Ihr Peter Baumgärtner



  • Rundbrief Nr.79

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    ich bleibe meinem Motto treu, der Vorschau den Rückblick voranzusetzen.

    Am 14. Oktober 25beehrte uns Dr. Holger Pils im Haus an der Redoute mit der Vorstellung seines Buches »Liebes Fräulein Herz«, dem von ihm herausgegebenen Briefwechsel mit Thomas Mann. Sein Vortrag war mehr als eine ausführliche Zusammenfassung seines ausführlichen Nachworts. Kein Buch kann die bescheidene Begeisterung übermitteln, mit der Holger Pils ans Werk ging, die über 300 meist handgeschriebenen Briefe Thomas Manns entzifferte und uns zugänglich machte. Eineinhalb Stunden durften wir in das nur scheinbar private Leben Thomas Manns Einblick nehmen, das ein ganz und gar literarisches und politisches war. Pils ersparte uns nicht die zuweilen gereizten (Über-) Reaktionen Thomas Manns auf diverse Ansinnen von Ida Herz, und gönnte uns den Vortrag ganz gegenteiliger Briefe, wie jenen vom 15. Oktober 1954 zu ihrem 60. Geburtstag, in dem er in herzlich-rührender Weise ihren gemeinsamen Weg durch diese unruhigen Zeiten Revue passieren ließ und hervorhob, daß sie ihm immer so wohlgesetzte Briefe schreibt, in besserem Deutsch als mancher Gelehrter es aufbringt.

    Daß Ida Herz weit mehr war als nur die Archivarin des Zauberers, war bereits Frank Walter Steinmeier bei seiner Festrede im Juni in Lübeck aufgefallen: Er zitierte in einer Passage über die Josephsromane aus dem gerade erschienen Buch von Holger Pils wie folgt:

    Die Freundin Ida Herz schreibt ihm [Thomas Mann] im Dezember 1933: Was […] uns deutsche Juden an Ihrem Werk so besonders rührt: es ist für uns die Inkarnation der liebenden Verschmelzung des deutschen Geistes mit dem jüdischen.

    Ich habe Ihnen die vollständige Rede des Bundespräsidenten angefügt. Man möge sie all jenen vorlegen, die der Ansicht sind, daß wir natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem haben – offenbar mit fremdländischen Gesichtern – und glauben, dafür nicht um Entschuldigung bitten zu müssen.

    Tags darauf, am 15. Oktober 2025 hatte ich das Vergnügen, bei der Zauberberg-Lesung von Frau Barbara Teuber im Haus der Theatergemeinde zugegen zu sein. Sie las das erste und das letzte Kapitel des Romans, steckte damit den Rahmen ab von der Anreise eines einfachen jungen Menschen nach Davos-Platz bis zum Ende des gereiften Mannes im Matsch der Westfront. Im vollbesetzten Raum lauschte man mit angehaltenem Atem.

    Nun der Blick nach vorne.

    Thomas Mann und der Rotary-Club:
    Zu diesem Thema wird uns Herr Haukohl am
    4. November um 18.00 Uhr die verfügbaren Fakten vortragen, vom Gründungsmitglied 1929, mit dem sich die Münchner Rotarier schmückten, bis zum grußlosen Rausschmiß 1933. Eine kurze, aber vielsagende Episode im Leben Thomas Manns und für die geistige Verfaßtheit des Münchner Bürgertums. Die Veranstaltung wird online stattfinden. Den Zugangslink habe ich in einer beigefügten, offenen Word-Datei angehängt, damit Sie sich die entsprechenden Zahlen- und Zeichenfolgen leicht in ihren Browser ziehen können. Ein Probelauf hat bereits erfolgreich stattgefunden. Ich werde Herrn Haukohl im Sitz unseres Vereins, in meinem Büro in der Wurzerstraße 106, um viertel vor sechs begrüßen. Es wäre schön, wenn mir fünf oder sechs Personen Gesellschaft leisten könnten – ungefähr so viele Menschen finden Platz und können von unserer Kamera erfaßt werden – um Herrn Haukohl in Lübeck ein Publikum als Gegenüber präsentieren zu können. Ich bitte um Rückmeldung, wer Lust hat zu kommen.

    Dann, am 11. November ’25 um 19.00 Uhr im Haus an der Redoute wird Prof. Dr. Barbara Beßlich ihre Publikation Der Biograph des Komponisten –   Unzuverlässiges Erzählen in Thomas Manns  Roman Doktor Faustusvorstellen, wie ich dies bereits im Rundbrief Nr.76 angekündigt hatte – und dies allen Karnevalsumtrieben zum Trotz.

    Frau Beßlich ist in Bad Godesberg aufgewachsen und ist seit 2008 als Nachfolgerin von Dieter Borchmeyer Professorin an der Uni Heidelberg. Ich habe sie in Lü-beck als begeisterungsfähige Rednerin erlebt, die auch schwierige Zusammenhänge faßbar erläutern kann.

    Das Buch ist eine universitäre Publikation, es ist ein narratologischer Text, er nimmt die Erzähltechnik Thomas Manns in den Fokus und zieht daraus inhaltliche Rückschlüsse. Im Mittelpunkt steht die Erzählerfigur Serenus Zeitblom, der Biograph des Komponisten, dessen Halbwissen uns Leser zum Hinterfragen des Erzählten animiert, uns schlauer, wissender macht als der Erzähler selbst ist.

    Diese Unzuverlässigkeit des Erzählers Zeitblom wird als literarischer Kunstgriff beschrieben, als Metaebene über der Erzählhandlung, als Ausweis der Modernität Thomas Manns. Es wird ein erkenntnisreicher Abend für uns werden, bei dem Frau Beßlich uns sicherlich auch von ihrem aktuellen Tätigkeitsschwerpunkt berichten wird, von ihrer Beschäftigung mit der Pariser Rechenschaft aus 1926. Hierzu wird im nächsten Sommer von ihr federführend organisiert ein Seminar in der Sorbonne, Paris, stattfinden, über dessen Ergebnis sie uns vielleicht im nächsten Herbst berichten wird.

    https://www.gs.uni-heidelberg.de/de/thomas-manns-pariser-rechenschaft-1926

    Bei unserem letzten Stammtisch berichtete uns Herr Matheisen von seiner Reise ins Baltikum, von seinem Besuch im Thomas Mann Haus in Nidden, begeistert, angetan von Landschaft und Leuten. Es kam die Anregung, eine Gruppenreise dorthin von und für unserem Ortsverein aus organisieren. Eine großartige Idee! Rufe aber laut und deutlich: Freiwillige vor! – Ich kann eine solche Vorbereitung nebenberuflich nicht auch noch auf den Weg bringen.

    Unser nächster Stammtisch wird turnusgemäßam 11.Dezember stattfinden. Wer hierzu vorweihnachtliche Ideen einbringen möchte, ggf. auch einen anderen Treffpunkt als das Delikart, möge sich bei mir melden. Noch ist Zeit.

    GEORGISCHE THOMAS MANN GESELLSCHAFT

    Unsere Freundin Natia Tscholadze berichtet mir von der sehr schwierigen Situation in ihrem Lande, von dessen innerer Zerrissenheit, von autoritären politischen Strukturen, in denen Menschen von Geist kaum gelitten sind. Das Mißtrauen der Menschen untereinander ist groß. Natia schrieb mir:

    Es gibt einige, die offen das sogenannte Regime unterstützen, andere, die sich klar dagegenstellen – und die gefährlichste Gruppe sind jene, die schweigen. Jede Begegnung endet mit Konflikten, Diskussionen, Spannungen. Kurz gesagt, lieber Peter, wir blicken im Moment überhaupt nicht durch, was sich hier wirklich abspielt.

    Und dennoch hat sie zum 150. Geburtstag Thomas Manns eine Tagung organisiert. Sie steht unter der Überschrift: „Thomas Mann in der georgischen Literaturkritik“ und finden in der Akaki Tsereteli Universität in Kutaissi statt am 15. und 16. November.

    Neben zehn Referentinnen und Referenten aus Georgien – darunter auch Frau Dr. Natia Tcholadze – wird von deutscher Seite Prof. Dr. Hans Wißkirchen online teilnehmen und Prof. Dr. Elisabetta Galvani aus Napoli persönlich. Natia würde sich freuen, noch weitere Gäste aus Deutschland begrüßen zu dürfen. Die Tagung wird in erster Linie in deutscher Sprache geführt.

    Ich habe ihr versichert, daß wir mit größtem Respekt ihr tapferes Einstehen für die Freiheit des Geistes verfolgen. Möge dieser seine Strahlkraft entfalten, auch im sogenannten freien Westen ist er unter größtem Druck. Zusammenhalt ist gefragt.

    In diesem Sinne grüßt Sie herzlich Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 78 – Kreuzkirche – Fräulein Herz – neues Konto

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
    bevor wir voraus schauen, schauen wir zurück:

    Am 5.September in der Kreuzkirche traf ich einige unserer Mitglieder, die den vier früheren Stipendiaten des Thomas Mann Hauses lauschten. Zu den allzu aktuellen Themen »Alles scheint erlaubt gegen den Menschenanstand« oder »Die große Gereiztheit« entspann sich weniger eine Podiumsdiskussion als ein sehr fruchtbarer Austausch von Statements. Andreas Platthaus warf Stichworte ein, auf die Friedhelm Marx „unsere“ Thomas-Mann-Sicht auf die Dinge wie immer routiniert vortrug. Spannend waren für mich insbesondere die Nicht-Thomas-Mann-Fachleute auf der Bühne, so die Journalistin Aida Baghernejad, die aus Pacific Palisades ein offenes Haus machte, viele Menschen einlud, viele Begegnungen initiierte.

    Nils Kumkar, ein Soziologe, hatte durch seine ganz andere Begrifflichkeit einen für mich sehr neuen und frischen Blick auf Thomas Mann, und wir Bonner konnten staunen und uns darüber freuen, welch aufgeweckten und frei denkenden jungen Mann wir als Intendanten des Beethoven Fests mit Steven Walter gewonnen haben. Auf die Frage, welche Bücher Manns ihm denn am besten gefielen, konnte er sich nicht entscheiden. Etwas zögerlich sagte er, er liebe alle Passagen, in denen gestorben wird, stets ohne Transzendenz, da müsse er immer weinen. Recht hat er, das sind Requiems in Worten.

    Den musikalischen Rahmen gestaltete Luisa Imorde am Flügel mit Opus 111, diesem zentralen Berührungspunkt der Werke von Beethoven und Thomas Mann.

    Das ganze fand statt in den Kulissen der in den Tagen darauf stattfindenden Tanz-Performance Echoes (Inszenierung: Hannah Baumann), einem Konzert für Gehörlose: Musik von Pink Floyd – Echoes – gespielt vom Wooden Elephant Streichquintett, gleichzeitig in Gebärdensprache übersetzt, dabei huschten drei singende Nymphen durch das Publikum, während Ovids Metamorphose der Nymphe Echo in einen nachklingenden Fels gestisch erzählt wurde, und das alles in dem blau ausgekleideten Kirchraum. Grenzüberschreitungen in vielerlei Hinsicht, geistige Horizonterweiterungen ganz im Sinne Thomas Manns, – auch dies der Initiative von Steven Walter zu verdanken.

    Auf unsere nächste Veranstaltung hatte ich bereits im vorletzten Rundbrief ausführlich hingewiesen: Am 14. Oktober 25 um 19.00 Uhr wird uns Dr. Holger Pils im Haus an der Redoute, Bad Godesberg, den von ihm herausgegebenen Briefwechsel Thomas Manns mit Ida Herz vorstellen.

    Die Interessierten an dem Thema werden sich den Band sicher schon besorgt haben. Wir werden dort nicht als Buchhändler auftreten mit einem Stapel von „Liebes Fräulein Herz“. Herr Pils wird Ihnen aber gerne Ihr Exemplar mit einer Widmung versehen. Dieser intime und dennoch diskrete Blick auf das Privatleben Thomas Manns lohnt einen Besuch. Ich würde mich über Ihr Kommen freuen.

    Buchhändler werde ich insofern sein, daß ich einen Büchertisch aufbaue mit unserer Schriftenreihe und auch der Hommage-Übersetzung. Wer diese noch nicht hat: Bitte neben dem Eintritt von 10 € auch noch 15 € für das Buch mitbringen.

    Gleich am Tag darauf, am 15. Oktober 2025 um 19.30 Uhr liest Frau Barbara Teuber im Haus der Theatergemeinde (Bonner Talweg 10) Ausschnitte aus dem Zauberberg. Wer also Lust hat, sich mal wieder verzaubern zu lassen… Um Anmeldung wird gebeten unter info@tg-bonn.de.

    Auf unsere nachfolgenden Veranstaltungen mit Herrn Haukohl am 4. November und Frau Beßlich am 11. November werde ich in meinem nächsten Rundbrief intensiv eingehen. Zu unserem Stammtisch am 9. Oktober im Delikart bitte ich um Anmeldungen zur Tischreservierung.

    Am Schluß darf ich noch melden, daß Thomas Kempken, der sich bei unserer Mitgliederversammlung im Februar dankbarerweise bereit erklärt hat, das Amt des Schatzmeisters zu übernehmen – wenn man bei unserer Barschaft von einem Schatz sprechen kann – nun endlich im Besitz eines Bankkärtchens ist und über einen Online-Zugang verfügt. Den Weg dorthin als Zangengeburt zu beschreiben, wäre zu milde ausgedrückt. Am Ende des Prozesses hat unsere bisherige Sparkassen-Filiale nicht nur einen Kunden weniger, sondern auch einen Mitarbeiter, womit Kaiserschnitt wohl das passende Sprachbild für diesen Vorgang wäre.

    Unser Geld ist nun über den Rhein gewandert in die Hausbank von Herrn Kempken, in die Sparkassenfiliale von Niederkassel-Ranzel. Unsere neue IBAN lautet:

    DE31 3705 0299 0026 0086 59

    Soweit der Service für alle, die uns eine Spende zukommen lassen wollen.

    Ich würde mich freuen, Sie am Stammtisch begrüßen zu dürfen.

    Herzlich Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 77 – Marx in Bonn, Haukohl und Rotary

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    schon wieder ein Rundbrief, mögen Sie sagen, doch drängt es mich, auf eine Veranstaltung hinzuweisen, die in Kürze in Rahmen des Beethovenfests Bonn stattfindet:

    Am 5.September um 17.00 Uhr treffen sich auf dem Altar der Kreuzkirche vier frühere Stipendiaten des Thomas Mann Hauses in Pacific Palisades zur Podiumsdiskussion, darunter der uns wohlbekannte Friedhelm Marx und der Intendant des Beethovenfests Steven Walter. Unter der Moderation von Andreas Platthaus steht das aktuelle Thema »Alles scheint erlaubt gegen den Menschenanstand« oder »Die große Gereiztheit« im Mittelpunkt. Unter dem Link: https://www.beethovenfest.de/de/programm- tickets/thomas-mann-fellows/560 finden Sie weitere Details und haben auch die Möglichkeit, ein Ticket zu bestellen. Als quasi musikalisches Statement wird sich die Pianistin Luisa Imorde mit Opus 111 von Beethoven auseinandersetzen.

    Es wird ein spannender Nachmittag, würde mich freuen, Sie dort zu treffen.

    Eine weitere Vorankündigung möchte ich noch machen: Am 4. November wird der frühere Schatzmeister unserer Gesellschaft Michael Haukohl zu uns sprechen über die kurze Liaison von Thomas Mann und Rotary. Ich hatte beim Stammtisch bereits darauf hingewiesen: Die Veranstaltung wird online stattfinden. Eine kleine Gruppe von „Stammtisch“-Mitgliedern werde ich in mein Büro einladen, alle weiteren Interessierten bekommen zu gegebener Zeit einen Link, mit dem Sie sich von zuhause aus einloggen können. Es ist mir jedenfalls eine besondere Freude, daß ich Herrn Haukohl dazu gewinnen konnte.

    An unsere weiteren Veranstaltungen im Haus an der Redoute – am 14. Oktober 25 mit Holger Pils und am 11. November mit Barbara Beßlich werde ich nochmals explizit hinweisen. Ich hatte zuletzt vergessen zu erwähnen, daß wir an beiden Abenden einen Unkostenbeitrag von 10.- Euro erheben.

    Erlauben Sie mir noch zwei Literaturhinweise.

    Wie Sie vielleicht wissen, veranstaltet der Ortsverein Hamburg einen Literaturwettbewerb für junge Autorinnen und Autoren, er schreibt den „Erika und Klaus Mann-Preis“ aus. Die zweite Staffel ist gerade beendet, die besten Texte der ersten sind unter dem Titel Funkenflug im Osburg-Verlag erschienen mit dem Untertitel „Kurzgeschichten junger Autor:innen“. Ich hatte große Freude an den Texten, auch wenn ich keinen Nobelpreis-Kandidaten darunter entdecken konnte. Das Buch sei all jenen empfohlen, die ihren Kindern oder Enkel den Mut zum eigenen Schreiben geben wollen, den Mut, ihr eigenes Befinden und Erleben in einen fiktionalen Text zu bannen. Nur wer selbst einmal geschrieben hat, weiß die Leistung großer Schriftsteller zu würdigen.

    Dann fiel mir noch ein keineswegs taufrisches Buch in die Hände: Frido Manns Mein Nidden – Auf der kurischen Nehrung“. Es erschien 2012 bei mare, versammelt aber Texte, die Ende der 90er Jahre erschienen und Frido Manns erste Reisen eben dorthin nach Litauen beschreiben: Das Land nähert sich gerade dem Westen, das Ferienhaus Thomas Manns wird renoviert und die Gedenkstätte eingerichtet – es liegt viel Hoffnung in der Luft. Frido zitiert also nicht nur seinen Großvater und alle Tanten und Onkel mit deren Erinnerungen an diesen wundervollen Urlaubsort, an die Sahara des Nordens, er verfaßt auch einen historischen Abriß dieses Landstrichs mit all seinen Brüchen. Einmal gelingt es ihm auch, so anzureisen wie die Großeltern: Von Berlin mit dem Nachtzug über Danzig nach Kaliningrad und von dort mit der Fähre übers kurische Haff. Wann wird das wieder möglich sein? Einstweilen erinnere ich an den Hinweis von Frau Prof. Dr. Ruth Leiserowitz aus Nidden: täglich fährt ein Schiff von Kiel nach Klaipèda. (Rundbrief Nr.74)

    Zum Abschluß der Hinweis, daß der nächste Stammtisch turnusgemäß am 9. Oktober zur üblichen Zeit am üblichen Ort stattfinden wird.

    Beste Grüße

    Ihr Peter Baumgärtner