Kurzmitteilungen

  • Rundbrief Nr. 33 + Anlage Platthaus



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    zunächst möchte ich von der letztes Wochenende zu Ende gegangenen Jahrestagung berichten, die erst- und hoffentlich auch letztmals ausschließlich online stattfand. Sie muß dennoch als Erfolg gewertet werden, konnten sich die einzelnen Vorträge doch einer großen Zahl von Zuschaltungen erfreuen. Da ich in dieser Woche verreist war, konnte ich mich auch nur selten ‚live‘ zuschalten, kann mir aber nun – wie Sie auch – die Vorträge auf Youtube zeitversetzt anhören: Auf der Seite unsere Muttergesellschaft finden Sie leicht den Link. Nutzen Sie die Gelegenheit, warten Sie nicht ab, bis sie Ihnen nächstes Jahr im Jahrbuch in gedruckter Form vorliegen. Frau von der Lühe, die wir im vorvergangenen Jahr auch in Bonn begrüßen konnten, auch im Bild und in ihrer Art zu sprechen zu erleben, bedeutet einen zusätzlichen Gewinn. Sie hielt den einleitenden Vortrag und stellte zunächst den ganzen Titel der Herbsttagung infrage: Ein Exil kann keine geistige Lebensform sein, dem Grunde nach nicht und bei Thomas Mann schon gar nicht – es ist eine Freude, ihr zuzuhören!

    Alle Mitglieder, die ‚live‘ oder zeitversetzt an der Jahrestagung teilnahmen, bitte ich, mir ihr ‚feedback‘ zu geben, Kritik oder Anregungen zu äußern, ich trage diese gerne in den Vorstand weiter, die nächste Jahrestagung kommt bestimmt.

    Selbst miterleben konnte ich die Vorträge von Prof. Heinrich Detering und von Prof. Elisabeth Galvan. Beide hatten insbesondere den späten Roman ‚Der Erwählte‘ in ihren Fokus genommen, in dem die mittelalterliche Legende von Sybilla und Gregorius in einem märchenhaften Ton gegeben wird. Worin sich Thomas Mann darin zur Westbindung bekennt, wie Detering im Titel seines Vortrags insinuiert, kann ich nicht sagen, erstaunt hat mich in seinen Darlegungen, auf welch vernichtende (rechte) Presse Thomas Mann damit stieß, insbesondere bei FAZ und WELT. Frühere Nazikulturgrößen schmähten ihn der Schlüpfrigkeit, der Amoral, der Zerstörung der deutschen Sprache und noch weiteren Unflats – und siehe da: Thomas Mann hatte nichts anderes erwartet, hatte diese Legende, die schon Leverkühn zu vertonen gedachte, als eine paneuropäisch-grenzenlose Geschichte mit Bedacht angelegt, hatte darin sprachliche Mischformen zwischen Deutsch, italienisch und Latein erfunden und der arme kleine Gregorius wird auch noch von englischen Mönchen aufgezogen. Was uns heute als harmlos-heitere Entspannungslektüre nach dem Faustus erscheint, brachte in der sich konstituierenden Bundesrepublik das braune Wasser zum Überkochen, jenes Wasser, das man, um es mit Adenauer zu sagen, nicht wegschütten konnte, bevor man sauberes habe. (Leider wurde dieser Vortrag von Herrn Detering bislang noch nicht für Youtube freigegeben.) Ähnliche Subtexte entschlüsselte Frau Galvan in der Mosesgeschichte ‚Das Gesetz‘ und in Sachen ‚Der Erwählte‘ wies sie auf die ständige Wiederkehr der Zahl 17 hin: 17 Jahre war Sybilla jung, als sie sich verfehlte, 17 Tage, war das Fäßchen auf dem Wasser, 17 Jahre wuchs wiederum der junge Gregorius auf der Insel heran, 17 Jahre verschrumpelte er auf dem einsamen Felsen zu einem kümmerlichen Wesen und so weiter – und auch 17 Jahre war Thomas Mann im Exil gewesen, als er diese Erzählung schrieb. Da zuckten viele Augenbrauen nach oben auf dem vielfach geteilten Bildschirm, ja klar, daß uns das noch nicht aufgefallen war!

    Bleibt noch zu erwähnen, daß ich auf der anschließenden Mitgliederversammlung ‚in absentia‘ wieder zum Beirat des Vorstands gewählt wurde. In einer Jahresmitgliederversammlung unseres Ortsvereins, die hoffentlich als Präsenzveranstaltung wird durchgeführt werden können, will ich die Mitglieder darum bitten, die Aufgaben unseres Vorstands auf mehrere Schultern zu verteilen.

    Ein solches Treffen sollte nicht nur administrativen Charakter haben, auch möchte ich mich gerne mit Ihnen über eine in den Feuilletons hochgelobte Neuerscheinung unterhalten: Colm Tóibíns ‚Der Zauberer‘, einer erzählerischen Biographie Thomas Manns.

    Ich bin bei der Lektüre nun im Jahre 1914 angekommen, die Jugendjahre sind vorüber und damit auch diverse ‚blinde Flecken‘ seiner Biographie, über die sich Thomas Mann stets ausgeschwiegen hat, die er bestenfalls in vielfältiger Form in seine Werke hat einfließen lassen. Tóibín wagt fiktive Schlüssellochblicke und setzt diese Annahmen in dezenter Sprache in dennoch grelles Licht. Ist dies zulässig? Wer außer mir Bedarf hat, darüber zu sprechen, möge sich bitte melden. Ich würde mich bemühen, einen Termin zu koordinieren und in Bonner Bahnhofsnähe einen Stammtisch zu reservieren.

    Auf meiner Suche nach zeitgenössischer Rezeption von Thomas Manns Werk stieß ich auch dieses broschierte Bändchen: Sieben Manifeste zur jüdischen Frage 1936-1948. Herausgegeben wurde das Buch 1966 von Walter A. Berendsohn, einem mir bislang unbekannten Germanisten, der, 1884 geboren, 1926 zum Professor in Hamburg berufen wurde, um 1933 als Jude und Sozialdemokrat wieder entlassen zu werden. Er konnte nach Stockholm fliehen, fand dort ein bescheidenes Auskommen an der Uni, wurde aber nach dem Kriege trotz Intervention von höchster Stelle in Hamburg nicht mehr in Dienst genommen. Er mußte 99 Jahre alt werden, bevor man ihm in Hamburg quasi gnadenhalber eine Ehrendoktorwürde verlieh, um dann hundertjährig zu sterben.

    Er war jedenfalls ein großer Verehrer Thomas Manns, beschreibt im Vorwort dieses Bandes dessen Entwicklung vom unpolitischen zum höchst engagierten Schriftsteller. Im Buch versammelt sind bekannte Texte wie eine seiner Rundfunkansprachen von 1942, aber auch unbekannte Texte, Briefe und ein Vorwort zu einem Buch über Chaim Weizmann, die Berendsohn aus englischen Manuskripten rückübersetzen mußte. In diesen Texten verdichtet sich alle Erschütterung und Verzweiflung ob Thomas Manns eigener Hilflosigkeit, die umso schlimmer wurde, je länger der Krieg andauerte und je brutaler die Ermordung der Juden vorangetrieben wurde. Insgesamt sehr wichtige Dokumente (auch zur Staatsgründung von Israel), die 1966 zum Teil erstmals der deutschen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden und die zum Teil bedauerlicherweise noch aktuell sind.

    Ich erinnere an dieser Stelle nochmals an den Vortrag von Prof. Oellers am 21.10. zu Brecht und Mann Zeit, werde mich aber vorab auch nochmals melden, und weise abschließend auf eine Veranstaltung der Buchhandlung Böttger hin: Am 12.10. wird Andreas Platthaus bei ihm zu Gast sein – in einem Saal gegenüber der Buchhandlung, Thomas Mann Straße 36, – der einer der ersten Stipendiaten in Pacific Palisades war, dort das Buch ‚Auf den Palisaden‘ verfaßte (ich berichtete darüber im vergangenen Jahr) aber dort auch erste Notizen für seine Feininger-Biographie machte. Beide Bücher werden bei der Veranstaltung vorgestellt. Das Plakat hierzu finden Sie im Anhang. Es sind nur noch wenige Plätze verfügbar. Mitglieder der Thomas Mann-Gesellschaft bekommen den reduzierten Eintrittspreis zu 10 €, allerdings nur im Vorverkauf wegen der Planung der Sitzplätze. (da wir keine Mitgliedsausweise haben, kann ich die Mitgliedschaft bei Herrn Böttger bestätigen) Eine Abendkasse gibt es nicht. Bei Herrn Böttger gilt die 2-G-Regel (was ich sehr begrüße), ‚nur‘ getestete Personen sind als Gäste nicht erwünscht, er herrscht Maskenpflicht während der Veranstaltung.

    Mit besten Wünschen seien Sie herzlich gegrüßt Ihr Peter Baumgärtner

    Anlage Platthaus

    Dienstag, 12. Oktober 2021, 20 Uhr

    Andreas Platthaus: Lyonel Feininger – Portrait eines Lebens (Vortrag mit Lichtbildern)

    Andreas Platthaus: Lyonel Feininger. Porträt eines Lebens. Rowohlt 2015. 448 S. mit zahlreichen Abb. Geb. 28,00 €

    Er prägte das von Walter Gropius gegründete Bauhaus, dem er als einziger Meister vom ersten bis zum letzten Tag angehörte – von 1919 bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten 1933 –, wie kaum ein Zweiter. Mit seinen Freunden Paul Klee und Wassily Kandinsky revolutionierte er die Kunst. Später wurde er so populär und von der Alltagskultur eingemeindet, dass man Bilder von ihm als Plakate bei einem großen schwedischen Möbelhaus kaufen konnte: Lyonel Feininger. 1871 in New York geboren, hielt er sich von seinem siebzehnten Lebensjahr an fast ein halbes Jahrhundert lang in Deutschland auf. Den Großteil dieser Zeit verbrachte er in Berlin, wo sich auch die rätselhaftesten Episoden seines Lebens abspielten. Warum blieb er, obwohl als «feindlicher Ausländer» registriert, während des Ersten Weltkriegs? Und warum verließ er, obwohl mit einer Jüdin verheiratet und Vater dreier Söhne, Nazi-Deutschland erst 1937? In der Persönlichkeit des Malers spiegelt sich das Dilemma einer doppelten Exil-Existenz im 20. Jahrhundert.

    Andreas Platthaus, der für dieses Buch zahlreiche Archivbestände auswerten konnte, erzählt das Leben eines Mannes, der sich im steten Zwiespalt zwischen amerikanischem und deutschem Selbstverständnis befand.

    Andreas Platthaus: Auf den Palisaden. Amerikanisches Tagebuch. Rowohlt 2020. Geb. 24 €

    Vier Monate im Haus von Thomas Mann in Pacific Palisades – das verändert den Blick auf Amerika und Deutschland gleichermaßen. Von hier aus begibt sich Andreas Platthaus ins weite Land, auf die Spuren des deutschen Exils, während er gleichzeitig den aktuellen

    Entwicklungen in den Vereinigten Staaten auf den Grund geht: An der West- wie der Ostküste, von der mexikanischen Grenze tief in der

    Wüste bis zu den Millionärsvillen hoch über dem Pazifik, in Disneyland genauso wie auf den Straßen zwischen Obdachlosen sucht ein Alteuropäer nach dem Code der Neuen Welt. In seinem Amerikanischen Tagebuch begegnet uns ein tief gespaltenes Land – mit dem wir, mehr als sieben Jahrzehnte nach der Zeit des deutschen Exils, noch immer untrennbar verbunden sind.

    Andreas Platthaus leitet das Ressort «Literatur und literarisches Leben» der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», für die er seit 1992 schreibt, und ist Autor zahlreicher Bücher.

    Eintritt: 15 € / 10 € – Karten nur im Vorverkauf in der Buchhandlung Böttger Thomas Mann St. 41 in Bonn Dienstag – Freitag: 13 – 18 Uhr  Samstag: 11 – 16 Uhr + täglich nach Vereinbarung

    (Buchempfehlungen und Informationen zu den Veranstaltungen unter www.buchhandlung-boettger.de)

  • Rundbrief Nr. 32



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    ich möchte zunächst kurz berichten vom Treffen mit Herrn Dr. Lange: nach der alttestamentarischen Drohung im letzten Rundbrief, gingen bei mir sofort eine Reihe weiterer Anmeldungen ein, was mich veranlasste, den Clubraum im Verwaltungsverband der evangelischen Kirchen anzumieten (in dem Haus, in dem früher die LESE untergebracht war), was wiederum eine Lawine von Problemen einer mit dort notwendigen Veranstalterhaftplichtversicherung auslöste. Mit Hilfe von Lübeck bekam ich auch diese gelöst, wir hatten einen wunderbaren, gut gelüfteten Raum mit Blick auf den Rhein – mit leider nur sehr wenigen Gästen: Zwei Personen, die sich angemeldet hatten, gaben die Anreise im Stau stehend frustriert auf, eine weitere hatte sich eine üble Verletzung zugezogen und mußte absagen, weitere zwei waren schon am Donnerstag gekommen und zuletzt hat ich es vergessen, einer Interessentin die Adressänderung durchzugeben.

    Und dennoch: Wir hatten einen sehr angenehmen und informativen Abend in Räumlichkeiten, die wir in Zukunft häufiger zu Veranstaltungen nutzen werden. Herr Dr. Lange hielt ein kompaktes Referat zum Inhalt seines Buches; man staunte wieder über die Fülle an Daten, Quellen und Originaldokumenten, die er in Jahrelanger Recherchearbeit zusammengetragen hatte. Und in der Dichte wurde auch uns auch nochmals gewahr, in welch prekären Notlagen die verschiedenen Mitglieder der Familie Mann in den Jahren vor dem Kriege waren und wie entscheidend die Hilfe der Tschechoslowakei im allgemeinen und der Gemeinde Proseç samt Herrn Fleischmann im besonderen waren. Es die Hilfe einer ganz jungen wirtschaftlich prosperierenden Demokrate, die dann unter Mithilfe deutsch-faschistischer Bevölkerungsanteile zu Fall gebracht worden war, was später, nach dem Kriege, zu fürchterlichen Racheakten und Vertreibungen führte – auch an unbescholtenen Bürgern.

    Das Gespräch über diese Zeitläufte füllte die Zeit nach Herrn Langes Vortrag, aber auch dessen Dank an unser Mitglied Frau Ellen Klose, die ihn auf das Fehlen einer Tschechei- Reise Thomas Manns aufmerksam gemacht hatte. Auch bei mir bedankte er sich für die Kontaktherstellung zu Jens-Peter Otto, der Ende der 60er Jahre Golo Mann als Chauffeur auf dessen Reisen auf den Spuren von Wallenstein diente. Auch von Herrn Ottos Seite erhielt er viele neue Informationen, die in einer zweiten Auflage Eingang fänden, so sie denn kommt. (Herr Otto sei auf diesem Wege nochmals höflich angefragt, ob er bereit wäre, uns in seinem herrlichen Erzählton von seinen Begegnungen mit der Famiie Mann zu berichten.) Es sei an dieser Stelle die kulturelle Leistung des Vitalis-Verlags hervorgehoben, der, in Prag ansässig, deutschsprachige Literatur verlegt, als Erinnerung und Ausblick auf ein gedeihliches Miteinander der Völker in der Mitte Europas.

    Und noch ein Dennoch: Im Angesicht der sehr wenigen Gäste wurde mir nochmals bewußt, daß wir bei unseren künftigen Veranstaltungen nicht allein auf Publikumspräsenz setzen dürfen. Wir müssen den Schritt in eine Hybrid- oder Aufzeichnungstechnik wagen. Das Woelfl-Haus betreibt die Hybrid-Technik sehr routiniert und erfolgreich, unsere nächste Veranstaltung mit Herrn Prof. Oellers zu Brecht und Thomas Mann wird von Schülern aufgezeichnet. Für weitere Veranstaltungen brauche ich technische Unterstützung, ich kann das nicht auch noch leisten. (Zur Veranstaltung mit Oellers bei den Schlaraffen sind schon einige Anmeldungen bei Herrn Büning-Pfaue eingegangen, es gibt aber noch allerhand Luft bis zu den zulässigen 45 Personen)

    Zum gleichen Thema: Vom 19. bis zum 25.September findet die diesjährige Jahrestagung der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft im digitalen Raume statt. Lange Vorstandssitzungen gingen dieser Entscheidung voraus, die schon im April getroffen werden mußte. Sie hat sich als richtig erwiesen. Bei der derzeit wankenden Corona-Lage hätten sich nur die wenigsten von uns zu einer Präsenz-Veranstaltung nach Lübeck aufgemacht. Es ist keineswegs das Ziel, diese allein digitale Form in der Zukunft ausschließlich beibehalten zu wollen. Alle freuen sich wieder auf das Beisammensein, auf die 1000 Gespräche am Rande. Aber in diesem Jahr ist es nochmals ein Gebot der Vernunft, auf Großveranstaltungen zu verzichten. Wir sind kein Fußballclub. Die hybride Form aber wird bleiben. Schon jetzt haben sich Germanisten aus aller Welt zu den Vorträgen angemeldet. Das sollen sie auch in Zukunft tun, ohne um die halbe Welt fliegen zu müssen. Tun Sie es auch! Schauen Sie sich um auf der Tagungswebsite und melden sich an.

    https://www.thomas-mann-gesellschaft.de/herbsttagung/herbsttagung-2021/index.html

    Nach all diesen technischen Dingen noch einige literarische Hinweise:

    Nachdem mir in verschiedenen biographischen Texten immer wieder der Name Ida Herz begegnet war, besorgte ich mir das 2001 erschienene Buch von Friedhelm Kröll:

    ‚Die Archivarin des Zauberers – Ida Herz und Thomas Mann‘. Friedhelm Kröll ist von Hause aus Soziologe und Kunstgeschichtler, der sich als Biographieforscher einen Namen gemacht hat, weshalb er immer wieder gerne Giftpfeile gegen germanistische Kollegen abschießt, einzig Hermann Kurzke kommt glimpflich davon. Nachdem Thomas Mann mehrfach in seinen Tagebüchern den Satz notierte: „Zu Tische leider die Herz“ wurde diese häufig als nervendes Frauenzimmer kurz abgefertigt. Kurzke hingegen scheibt hierzu lakonisch: „Wem Besuch noch nie auf die Nerven ging, der werfe den ersten Stein.“ Denn die Beziehung zwischen Thomas Mann und Ida Herz war viel mehr. Sie erstreckte sich über mehr als 30 Jahre und die Früchte ihrer Arbeit bildeten den Grundstock für das Thomas-Mann-Archiv in Zürich. Ihre erste zufällige Begegnung erfolgte 1924 in einer Straßenbahn von Fürth nach Nürnberg, weshalb sie zwanzig Jahre später als Kunigunde Rosenstiel in den Faustus Eingang fand „mit schwer zu bändigendem Vollhaar und Augen, in deren Bräune uralte Trauer geschrieben stand.“ Auch von der zweiten, selbstlosen Unterstützerin Leverkühns Meta Nackedey finden sich Wesens- züge von Ida Herz wieder. Kröll beschreibt diese Bezüge in psychoanalytischer Tiefenschärfe. Dies ist der eine, sehr interessante Aspekt des Buches. Der andere sind die unendlich vielen Briefe, die die beiden untereinander wechselten und aus denen Kröll zitiert. Gerade in dieser privaten Korrespondenz äußert sich Thomas Mann mit größter Prägnanz und Witz, daß es eine Freude ist, diese zu lesen. Man mag bei dem Buch über Längen und Wiederholungen jammern, aber es eröffnet einen klaren Blick auf den halbprivaten Thomas Mann, der schon früh erkennt und hofft, daß die Nachwelt Interesse am Schaffensprozeß seiner Werke haben könnte.

    Nun verabschiede ich mich für einige Tage in Urlaub. Schauen Sie nochmals in Ihren Kalender, ob Sie am 21.10. zum Vortrag von Prof. Oellers zu Brecht und Mann Zeit haben. Seien Sie herzlich gegrüßt

    Ihr Peter Baumgärtner

    PS: Unser Mitglied Frau Reinhard ließ mir den beigeschlossenen FAZ-Artikel zur Begegnung zwischen Thomas Mann und Max Beckmann auf der Überfahrt nach New York zukommen, welchen Sie bei Ihrer FAZ-Lektüre ggf. überschlagen haben…

    PPS: Noch ein literarischer Hinweis ganz seitab von Thomas Mann: Im Verwaltungsverband der evangelischen Kirchen sah ich zu meiner Überraschung eine Ausstellung zu Leben und Werk von John Millington Synge, jenem allzu jung verstobenen irischen Dramatiker, den Heinrich Böll in den frühen 60er Jahren für das Deutsche Publikum entdeckt und übersetzt hat. Mich verbinden mit Synge Erinnerungen an eine Schulaufführung vor über 40 Jahren, bei der ich eine Nebenrolle in ‚The Playboy of the Western World‘ innehatte: Ich gab den Schankwirt James Flaherty, der seine hübsche Tochter Pegeen mit dem dahergelaufenen Aufschneider Christoper Mahon verheiratete, welcher damit prahlte und Eindruck schund, seinen Vater höchst heldenhaft erschlagen zu haben, bevor eben jener höchst lebendig auftauchte. Ein großes Theatervergnügen, an das hier von der Deutsch-Irischen Gesellschaft erinnert wird. Hier die entsprechenden Links: https://www.ekir.de/evib/ueber-uns/hinweis-auf-ausstellungen-111.php

  • Rundbrief Nr. 31



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    das nahende Treffen mit Herrn Dr. Lange bringt es mit sich, daß Sie schon wieder einen Rundbrief bekommen. Leider haben sich bis dato nur wenige Interessenten bei mir gemeldet: Gemeinsam mit dem Referenten sind wir sieben Personen. Mit einer an Thomas Mann erinnernden traurigen Ironie fühlte sich Herr Lange bemüßigt, die Bibel leicht abgewandelt zu zitieren: „Ich will sie nicht verderben um der sieben willen.“ (1.Mose 18, 32) Da im Original-Text von zehn die Rede ist, habe ich im Rheinhotel Dreesen einen Tisch für 10 Personen reserviert. Sollte es wieder Erwarten in diesem Jahr noch einen warmen Tag in diesem Landstrich geben, werden wir im teilweise überdachten Kastaniengarten sitzen, wenn nicht, finden wir im Restaurant einen entsprechenden Tisch. Wir treffen uns dort am 10. September um 18.00 Uhr. Wie angekündigt wird Herr Lange uns ca. eine halbe Stunde sein Buch ‚Prag empfing uns als Verwandte‘ vorstellen bevor sich sicher ein lebendiges Gespräch entwickeln wird.

    Kurzum: es sind noch drei Plätze am Tisch frei. Ich werde Sie in der Reihung der Anmeldung vergeben. Ich werde auf Ihre Anfragen ggf. nicht unmittelbar reagieren können, da ich mich Ende der Woche für einige Tage einer Behandlung unterziehen muß.

    Zur Veranstaltung mit Prof. Norbert Oellers zu Bert Brecht und Thomas Mann. Hierzu teilte mir Herr Prof. Büning-Pfaue folgendes mit:

    Ich habe die Zusage für den „Rittersaal“ der „Gesellschaft Schlaraffia Bonn“ erhalten: Als Hygieneplan gilt: die 3 G-Regel, „G“eimpft, „G“enesen und „G“eprüft (nicht länger her als 24 h), Maske: bei Betreten des Hauses … bis zum angewiesenen Sitzplatz (Schedestraße 17 /Ecke Kaiserstraße; Bushalte „Schedestraße“, Buslinien 610 und 611); .. Abstandhalten, Desinfektionsmittel-Option nutzen, Stühle stehen im 1,5 m-Abstand, Getränke/Gläser gegebenenfalls mitbringen; maximal insgesamt nur 45 Personen; nur schriftliche Anmeldung nur bei mir (buening@uni-bonn.de);

    Veranstaltungs-Beginn: 19.30 Uhr;

    Vom Germanischen Nationalmuseum Nürnberg erreichte mich folgende Mail, die ich gerne an Sie weiter leite:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    die Lackdose von Thomas Manns Schreibtisch bietet die wunderbare Gelegenheit, die Vielschichtigkeit des großen Autors und seines „Zauberberges“ zu thematisieren.

    Frau Dr. Susanna Brogi, nimmt sie in ihrem 60 Sek.-Video (https://www.youtube.com/watch?v=jikLkEu9_Hs&list=PLmY_U_O2x3kFrBy-TmuHqeggGZjpW2z0F&index=3)

    in den Blick. Viel Freude beim Anschauen! Das Original ist noch bis 3. Oktober in unserer Ausstellung Europa auf Kur

    (https://www.gnm.de/ausstellungen/sonderausstellung/europa-auf-kur/) zu sehen Mit herzlichen Grüßen

    Andrea Langer

    Dr. Andrea Langer

    Leiterin Referat Wissenschaftsmanagement und Marketing Germanisches Nationalmuseum

    Tel. 0911 1331 104

    a.langer@gnm.de

    Nun kann ich nicht umhin, Ihnen noch eine Lektüreempfehlung weiterzureichen, die unser Mitglied Herr Jürgen Quasner mir gegeben hat: Thomas Mann Selbstkommentare: ‚Doktor Faustus‘, ‚Die Entstehung des Dr. Faustus‘. Dieser Band wurde 1992 von Hans Wysling herausgegeben und ist leider nur noch antiquarisch zu bekommen. Eine Neuauflage tut Not, da uns auf fast 400 Seiten Briefe von Thomas Mann vorgeführt werden, die die Entstehung und die ersten Jahre der Rezeption ganz unmittelbar beleuchten.

    Es beginnt mit Eintragungen vom Juni 1943: Ich schreibe wieder… Die Sache ist schwer, düster, unheimlich, traurig wie das Leben, … Und zwei Monate später: Abends sind wir bei Werfel mit Stravinsky, den ich auch weidlich auszuhorchen gedenke. Der Roman beginnt in Thomas Mann zu reifen. Im April 1944 ist er überrascht von Hesses Glasperlenspiel: eine unheimliche, geisterhaft brüderliche Verwandtschaft mit meiner eigenen gegenwärtigen Schreiberei. Doch … etwas zu blaß, weltabgewandt, undra- matisch ist es mir, aber ein bedeutendes, edles und oft höchst schnurriges Alterswerk… und sehr konservativ allerdings und für meinen Sinn nicht erschüttert genug von der Krise der Zeit. Diese Erschütterung ist bei Thomas Mann immer präsent. Im letzten Kriegsjahr werden die berühmten BBC Ansprachen an die Deutschen aufgezeichnet.

    Aber was soll man diesen unglückseligen, verdummten und verbiesterten Menschen sagen? Im März ’45 hält er in Chicago seine noch heute lesenswerte Rede ‚Deutschland und die Deutschen‘ und erkennt schon jetzt: Man hat zu tun mit dem deutschen Schicksal und deutscher Schuld, wenn man als Deutscher geboren ist. Doch dazwischen immer wieder das Hadern mit dem Werk: Es ist aber von all meinen Unternehmungen die am leichtesten zu Verpatzende, und die Schwierigkeiten türmen sich. Mußte ich mir das noch aufhalsen? Andererseits gilt es, die Zeit hinzubringen. War das Schreiben auch eine Flucht vor den täglichen, schlimmen Nachrichten? Ich weiß nicht, warum ich mir so traurige Geschichten ausdenke. Die Kunst soll uns doch erheben und erheitern. … Entsetzlich! Es ist wieder »une mer à boire«. Ein Becken, in das allzuviel hineingeht. Im Dezember ’45 beschreibt er seine Technik der Montage: Ein bekanntes Motiv wird aufgegriffen und dann klebe ich es auf und lasse die Ränder sich verwischen, lasse es sich in die Komposition senken als ein mythisch-vogelfreies Thema, das jedem gehört. Im Frühjahr ’46 die Erkrankung, im April die Lungenoperation, die langsame Genesung bevor er im August wieder notieren kann: Der geflickte Wunderkreis druckst und skribbelt wieder ganz fleißig an dem Faustus-Roman… Und schon wieder gibt es Reisepläne. Das wird mein Leben verkürzen, meint meine besorgte Tochter Erika. Aber was weiter, wenn der Roman fertig ist, der vierte Hochbau, soll mir’s farcimentum sein. (Eine vornehme Art, ‚Wurscht‘ zu sagen) Er beginnt Auszüge aus dem Roman vorzulesen. Der kleine, ein elfenhaft idealisierte Frido, ist gewiß das Schönste im ganzen Buch, und dann holt ihn der Teufel. Wir waren alle gar nicht weit von den Tränen. Bevor er am 29.1.1947 an Erika schreibt: keen glorious child must know that Adrians sad story was definitely brought to a happy end today.

    Es folgen die ersten Jahre der Rezeption, der Begeisterung, der Anfeindungen und der Rechtfertigungen. Es ist von Anfang bis Ende in einem Zustand tiefer Erregung, tiefer Aufgewühltheit und Preisgabe geschrieben, und die 4 Bände des Joseph, die ich doch so gerne ein Menschheitslied nenne, waren das reine Opernvergnügen damit. … soviel Autobiographisches. Oder in einem anderen Brief: …es ist ein Sonderfall, daß Einer mit 70 sein »wildestes« Buch schreibt. Die Auseinandersetzung mit Schönberg hat er vorhergesehen, allerdings unter anderen Vorzeichen: … ist die Reihentechnik als Erfindung der Teufelskälte dargestellt. Er muß wohl einschnappen – wie mancher andere. Ich kann’s nicht ändern. Nein, Schönberg sieht sich nicht verunglimpft, er will gewürdigt werden als Erfinder der von Thomas Mann, dem unverbesserlichen Spätromantiker, beschriebenen Musik. Ich wüßte nicht, daß er je in ein Schönberg-Konzert gegangen wäre. Ich selbst bin im Vergleich mit Joyce oder Picasso ein flauer Traditionalist.

    Im Jahr 1948 bekommt Peter de Mendelssohn ein Exemplar des Faustus aus der Schweiz nach Berlin zugeschickt. Er verschlingt den Roman in zwei Tagen und zwei Nächten, und verfaßt im Anschluß Drei Briefe an einen anonymen Empfänger. Diese werden unter dem Titel Der Zauberer bei Ullstein und Kindler mit der Lizenz der amerikanischen Militärregierung verlegt. Thomas Mann erhält ein Exemplar in den USA und staunt über diese enthusiastischen Briefe Mendelssohns. Unterliegt diesen kaum 50 Seiten doch ein so unverbrauchter, staunender Blick, wie er später auf den Dr. Faustus nie mehr genommen werden konnte. Mendelssohn gesteht freimütig, daß er während der Kriegsjahre die letzten Bände des Joseph oder die Lotte nicht ertragen konnte. Sie waren ihm zu fern von den Grausamkeiten dieser Welt, schienen ihm offenbar eine unzulässige Flucht zu sein. Der Dr. Faustus ist ihm eine Offenbarung, voller Pathos stimmt er seine Elogen an, der Roman trifft ins gespaltene Herz der Nation. Thomas Mann wird in weiten Teilen der Bevölkerung als Vaterlandsverräter angesehen und nun dieses vielschichtige Buch über den Untergang eines vom Teufel verführten vor dem Hintergrund des Bombardements auf München. ‚Die Entstehung des Dr. Faustus‘ ist noch nicht geschrieben, die erzwungenen Anmerkungen Schönbergs zur Zwölftonmusik noch nicht dem Romantext nachgestellt. Es ist eben nicht so, wie Thomas Mann in einem Brief an Schönberg unterstellte, daß jedes Mohrenkind wisse, wer der Schöpfer dieser Musik ist. In den Trümmern des zwölfjährigen Reiches weiß man dies nicht, auch ein Bildungsbürger nicht wie Peter de Mendelssohn. Tausend Dinge wären anzumerken zu diesem Text. Auch er ist nur noch antiquarische zu bekommen und sollte neu verlegt werden: Jenseits aller professoralen Sekundärliteratur ist er als Zeugnis der Rezeptionsgeschichte in seiner Unmittelbarkeit einzigartig.

    Soweit mein Exkurs zu meinen literarischen Entdeckungen. Von unserem Treffen mit Herrn Dr. Lange werde ich wohl erst Ende September berichten können.

    Es grüßt herzlich

    Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 30



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    ich hatte im März, im Rundbrief Nr. 24, auf die Neuerscheinung des Buchs von Dr. Peter Lange hingewiesen ‚Prag empfing uns als Verwandte‘ und darin meinen sehr positiven und gewinnbringenden Eindruck geschildert. Um Ihnen das Nachlesen zu vereinfachen, habe ich diesen Rundbrief in Gänze nochmals angehängt. Nun ist es mir gelungen, Herrn Lange für den 10. September nach Bonn einzuladen. Er verlangt keine Gage, aber ich ersetze ihm die Spesen. Ich lud ihn ein ins Rheinhotel Dreesen mit Blick auf den Petersberg, beides Orte, an denen im Jahr 1939 der fatale Verrat an der damals letzten Demokratie im Osten Europas begangen wurde, was die neu gewonnen Pässe der Familie Mann wieder wertlos machte. Herr Dr. Lange wird uns – bei hoffentlich schönem Wetter am frühen Abend, 18.00 Uhr, sein Buch in einem circa halbstündigen Vortrag vorstellen. Dieser sollte hinreichend viele Anknüpfungspunkte bieten für ein lebendiges Gespräch im Anschluß, sicher auch über das aktuelle literarische Leben in der Tschechei, über die Rezeption deutscher Literatur im Allgemeinen und jene der Familie Mann im Besonderen. Nun ergab es sich, daß just in der vergangenen Woche das WDR-3-Zeitzeichen „Thomas Mann wird Tschechoslowake“ zum Thema hatte. Herr Dr. Lange ist mit wichtigen Wortbeiträgen mit von der Partie. Sie können die Sendung in der WDR-Mediathek anklicken – ein sehr hörenswerter Beitrag:

    https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/zeitzeichen-einbuergerung-thomas-mann-100.html

    Noch nicht abschließend geklärt ist der Veranstaltungsort. Herr Dr. Lange wird uns auch Bilder mitbringen. Bei einer sehr überschaubaren Anzahl von Teilnehmern, könnte man diese auf einem Laptop im teilweise überdachten Kastanienhof des Hotel Dreesen präsentieren. Sollten sich mehr als zehn Interessierte melden, müssen wir in einen Saal ausweichen und uns mit den Covid-Regeln auseinandersetzen. Ob dies im Dreesen möglich sein wird, muß ich noch klären. Von großer Wichtigkeit dabei ist, daß ich sehr kurzfristig, und zwar bis spätestens zum 28.8., verbindliche Anmeldungen bekomme.

    Später eingehende Bekundungen kann ich ggf. nicht mehr zusagen. Diese Pandemie zwingt zu unhöflichen Gesten.

    Die Veranstaltung mit Prof. Norbert Oellers zu Bert Brecht und Thomas Mann wird am Donnerstag, den 21. Oktober im Saal der Schlaraffia in der Schedestraße stattfinden. Ein Hygiene-Konzept ist in Arbeit.

    Ich hatte im letzten Rundbrief von der Kontaktaufnahme zu Prof. Dr. Valerij Susmann, dem Vorsitzenden des russischen Germanisten-Verbandes, berichtet. Frau Prof. Haider- Dechant gelang es, eine Zoom-Konferenz mit Prof. Susmann zustande zu bringen, an der auch Frauke May-Jones teilnehmen konnte. Über eine Stunde lang entwickelte sich ein äußerst interessantes Gespräch. Herr Prof. Susmann ist ein witziger bescheidener Mann, der aber auch gleichermaßen hartnäckig sein kann. Er wollte das Thema nicht auf Thomas Mann und Anton Tschechow eingrenzen lassen. Manns positive Haltung zur russischen Literatur und zu Tschechow im Besonderen – darüber wisse in Rußland jeder Bescheid, das sei langweilig. Im Gespräch entwickelte er die Idee einer Schnittmenge der beiden Dichter, wie diese in ihrer Kunst – der eine als Epiker und der andere als Kurzgeschichten-Erzähler – die Sprache, das Wort bis an die Schwelle des Sagbaren ausloteten, den Grenzbereich zwischen Sprache und Musik erkunden. So soll auch der Abend mit ihm ein musikalisch-literarischer sein. Herr Prof. Susmann wird seine Frau, eine Pianistin, mitbringen. Sie wird spielen, Frauke May-Jones wird russische Lieder singen. Ein sehr spannender Abend steht uns bevor, leider erst im nächsten Jahr. Am Ende zeigte ich ihm eine Weinflasche aus Badenweiler mit dem Konterfei von Tschechow (dieser starb dort 1904), die ich ihm übergeben werde, wenn er im Lande ist. Da sagte Prof. Susmann: „Jetzt können Sie sicher sein, daß ich komme!“

    Da wiederhole ich mich gerne: Bewahren Sie ihren Humor und bleiben Sie gesund, herzlich Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 29 + Anlage Brief Quasner



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    lassen Sie mich zunächst den schrecklichen Bildern der fürchterlichen Ereignisse aus dem Bonn-Kölner Umland Bilder von Schönheiten entgegenstellen, wie sie die Natur eben auch hervorbringen kann. Wie im letzten Rundbrief angekündigt, war ich dieser Tage im Museum Koenig zu Gast. Die Leiterin der Lepidoptera-Abteilung Frau Dr. Espeland und die wissenschaftliche Leiterin des Biohistoricums Frau Dr. Schmidt-Loske führten mich in die fensterlose, klimatisierte und etwas nach Formaldehyd duftende Schatzkammer ihres Instituts. Mir war, als würde „Adrians Vater am Abend seine farbig illustrierten Bücher über exotische Falter und Meeresgetier“ aufschlagen und ich würde „über die gelederte, mit Ohrenklappen versehene Rückenlehne seines Stuhles“ schauen und auf „die dort abgebildeten Herrlichkeiten und Exzentrizitäten“ blicken, auf „diese in allen Farben der Palette, nächtigen und strahlenden, sich dahinschaukelnden, mit dem erlesensten kunstgewerblichen Geschmack gemusterten und ausgeformten Papilios und Morphos der Tropen, …“ Und schon hatten die Damen aus einem Hochregal eine mit gläsernem Deckel verse- hene Schubkiste gezogen, beschriftet „Papilio (Heraclides)“

    Wir lesen weiter im Text: „Die herrlichste Farbe, die sie zur Schau tragen, sei, so belehrte uns Jonathan, gar keine echte und wirkliche Farbe, sondern werde nur durch feine Rillen und andere Oberflächengestaltungen der Schüppchen auf ihren Flügeln hervorgerufen, eine Kleinstruktur, die es durch künstliche Brechung der Lichtstrahlen und Ausschaltung der meisten besorge, daß allein das leuchtendste Blaulicht in unser Auge gelange.“ Und schon durfte ich in einen weiteren Schuber schauen, beschriftet mit „Morphini, Morpho – amathonte“.

    »Sieh an«, höre ich Frau Leverkühn sagen, »es ist also Trug?«

    »Nennst du das Himmelsblau trug?« erwiderte ihr Mann, indem er rückwärts zu ihr aufblickte.

    »Den Farbstoff kannst du mir auch nicht nennen, von dem das kommt.«

    Herrliche Tiere, mehr als handtellergroß. Dreht man sie im Licht, changiert die Farbe von Blau zu Violett ins Gräuliche. Die Damen gaben mir dazu noch allerhand wissenschaftliche Erläuterungen, die ich einerseits auf Anhieb nicht verstand und andererseits die Hoffnung habe, diese bald in einem Vortrag im Museum Koenig nochmals hören zu dürfen.

    Doch weiter im Text: „Es waren da Glasflügler abgebildet, die gar keine Schuppen auf ihren Flügeln führen, so daß diese zart gläsern und nur vom Netz der dunklen Adern durchzogen erscheinen. Ein solcher Schmetterling, in durchsichtiger Nacktheit den dämmernden Laubschatten liebend, hieß Hetaera Esmeralda. Nur einen dunklen Farbfleck in Violett und Rosa hatte Hetaera auf ihren Flügeln, der sie, da man sonst nichts von ihr sieht, im Flug einem windgeführten Blütenblatt gleichen läßt.“

    Da haben wir sie, die große Metapher des Dr. Faustus, den Auftakt zum Lebensdrama Adrian Leverkühns, die Thomas Mann aber gleich wieder in der Beschreibung weiterer Wunderlichkeiten versteckt: „Es war da sodann der Blattschmetterling, dessen Flügel, oben in volltönendem Farbendreiklang prangend, auf ihrer Unterseite mit toller Genauigkeit einem Blatte gleichen, nicht nur nach Form und Geäder, sondern dazu noch durch minutiöse Wiedergabe kleiner Unreinigkeiten, nachgeahmter Wassertropfen, warziger Pilzbildungen und dergleichen mehr. Ließ dies geriebene Wesen sich mit hochgefalteten Flügeln im Laube nieder, so verschwand es durch Angleichung so völlig in seiner Umgebung, daß auch der gierigste Feind es nicht darin ausmachen konnte.“

    Hier lohnt es sich, auf die Unterseite des oben gezeigten, herrlich blauen Morpho zu schauen: Läßt dieser sich auf einem Zweige nieder und faltet seine Schmetterschwingen zusammen, so würde man ein welkes Blatt an diesem Ast vermuten.

    Noch perfekter getarnt und der Beschreibung von Thomas Mann ähnlicher ist der Zaretis, der allerdings namentlich nicht erwähnt wird.Und Thomas Mann ist noch nicht zu Ende mit den Faltern, das Schalkhafte in der Kunst der Tarnung in der Natur scheint ihn fasziniert zu haben: „Konnte nun dieser Falter zu seinem Schutze sich unsichtbar machen, so brauchte man im Buche nur weiter zu blättern, um die Bekanntschaft solcher zu machen, die durch augenfälligste, ja aufdringliche, weithin reichende Sichtbarkeit denselben Zweck erreichten. Sie waren nicht nur besonders groß, sondern auch ausnehmend prunkvoll gefärbt und gemustert, und wie Vater Leverkühn hinzusetzte, flogen sie in diesem scheinbar herausfordernden Kleide mit ostentativer Gemächlichkeit, die aber niemand frech nennen möge, sondern der eher etwas Schwermütiges anhaftete, ihres Weges dahin, ohne sich je zu verstecken und ohne daß je ein Tier, weder Affe, noch Vogel, noch Echse, ihnen auch nur nachgeblickt hätte. Warum? Weil sie ein Ekel waren. Und weil sie durch ihre auffallende Schönheit, dazu durch die Langsamkeit ihres Fluges, eben dies zu verstehen gaben. Ihr Saft war von so scheußlichem Geruch und Geschmack, daß, wenn einmal ein Mißverständnis, ein Fehlgriff vorkam, derjenige, der sich an einem solchen gütlich zu tun gedachte, den Bissen mit allen Anzeichen der Übelkeit wieder von sich spie.“

    Mit Heliconiini – tatsächlich mit drei „i“ – war der Schuber beschriftet, in dem sich noch eine ganze Reihe weiterer herrlich hübscher Tierchen befand. Ihre Ungenießbarkeit, so erläuterte mir Frau Espeland, erzielen diese Schmetterlinge dadurch, daß Sie giftige Früchte fressen, die ihnen aber selbst nichts anhaben. Das wußte Thomas Mann nicht – es hätte ihm gefallen, denn er erwähnt im Text noch: „Daß andere Arten von Schmetterlingen sich trickweise in denselben Warnungsprunk kleideten und denn also auch in langsamem Unberührbarkeitsfluge melancholisch sicher dahinzogen, obgleich sie durchaus genießbar waren.“ An solcherlei hatte Thomas Mann Vergnügen und Frau Espeland wird uns sicher Arten zeigen können, die sich mit dieser Art der listigen Mimikry ihr flatterhaftes Leben schützen.

    Es sei an dieser Stelle erwähnt, daß die Damen mir wenig über das Alter der Präparate sagen konnten. Die Altvorderen haben wohl nur schlampig Buch geführt, aber die Dinge, die ich gesehen hätte, seien mindestens 50 Jahre alt, wahrscheinlich deutlich älter. Die sehr sterilen konservatorischen Bedingungen seien schon daher geboten, da man nicht alle Jahre am Amazonas weitere dieser seltenen Tierchen einfangen will. Womit wir beim historischen Aspekt der Sache angekommen wären: Alexander Koenig wurde 1858 in Sankt Petersburg als Sohn eines wohlhabenden Zuckerkaufmanns geboren, welcher sich im Jahre 1867 mit für seiner Familie in Bonn in der heutigen Villa Hammerschmidt niederließ. Alexander studierte Zoologie und zu seiner Promotion (zum Thema der Mallophagenfauna – der Vogelläuse) und Hochzeit im Jahre 1884 schenkte ihm der Vater eine Villa auf der anderen Seite der Coblenzer Straße, den südlichen Teil dessen, was wir heute Museum Koenig nennen und in dem sich heute die Verwaltung und die Eiersammlung befinden. Stück für Stück baute er seine Sammlung auf, begann 1912 mit dem Bau des prächtigen Museums, der durch Krieg und wirtschaftliche Wirren erst 1934 fertig gestellt werden konnte. Er reiste viel, unter anderem über Palästina, Ägypten ins innere Afrikas, von wo er unter anderem die berühmte Giraffe mitbrachte, die noch heute den Innenhof ziert. 1894 wurde er Professor an der Bonner Universität.

    Kurzum: Er wäre ein idealer Gesprächspartner von Thomas Mann gewesen, nicht nur für den Faustus, auch für die Josephs-Romane. Sind sich die beiden in den zwanziger Jahren begegnet? Ich bat Frau Dr. Schmidt-Loske im Archiv nach einer möglichen Korrespondenz der beiden Herren zu suchen. Ich bin sehr gespannt. Für eine Veranstaltung, wie im letzten Rundbrief angedeutet, ist man sehr aufgeschlossen. Es Bedarf hierzu einiger Vorbereitung und auch pandemischer Voraussetzungen – ich werde Sie auf dem Laufenden halten.

    Bevor ich mich nun auf den Ausblick in die Zukunft eingehe, eine kurze Rückschau auf unsere Veranstaltung im Woelfl-Haus mit Kotaro Fukuma und Michael Fürtjes: Sie war großartig! Von den ca. 20 Anwesenden aber auch von vielen, die zuhause dem Konzert gelauscht haben, bekam ich viele und ausschließliche positive Rückmeldungen. Wir hatten insgesamt ca. 100 zahlende Gäste, Zuschaltungen aus den USA, Italien und viele aus Japan. Leider haben nicht einmal 20 Mitglieder unseres Ortsvereins ein Ticket gelöst. Auf die Abrechnung vom Woelfl-Haus warte ich noch. Den Zuschuß unseres Ortsvereins werde ich dann ermitteln. Wie dem auch sei: Es hat sich gelohnt, der Kunst und der Außenwirkung wegen.

    Frau Prof. Haider-Dechant stellte auch den Kontakt zu Prof. Dr. Valerij Susmann her, dem Vorsitzenden des russischen Germanisten-Verbandes. Er sucht den Zugang zu den Archiven in Lübeck und Zürich, unser Präsident, Herr Prof. Wißkirchen, gab ihm die entsprechenden Kontakte. In der deutschsprachigen Literatur interessieren ihn vor allem Franz Kafka, Thomas Mann, Franz Werfel, Vladimir Vertlib, Ludwig Tieck, viele Namen, viele Epochen. Zu uns würde er gerne über Thomas Mann und Anton Tschechov sprechen. Gemeinsam mit Frau Haider-Dechant werden wir eine musikalische Umrahmung erarbeiten.

    Ich bin sehr erfreut über diesen ersten Kontakt mit der russischen Literaturwissenschaft. In Zeiten, in denen auf politischer Ebene Eiszeit herrscht, so schrieb ich ihm, muß die Kultur als Brückenbauer dienen. Dies ist auch der Antrieb für Herrn Susmann und nicht nur der Umstand, daß Mann der russischen Literatur sehr zugeneigt war.

    So habe ich dieser Tage auch wieder Kontakt aufgenommen zu Peter Lange (Autor von: Prag empfing uns als Verwandte). Er wird Anfang September im Rheinland sein. Ich werde ihn nach Bonn einladen und denke an eine Gesprächsrunde mit ihm in einem öffentlichen Biergarten, im Weingut Sülz oder in einem privaten Garten eines unserer Mitglieder. Ich habe leider keinen zur Verfügung – man darf sich melden.

    Die Veranstaltung mit Prof. Norbert Oellers zu Bert Brecht und Thomas Mann wird an einem Donnerstagabend im Oktober im Saal der Schlaraffia in der Schedestraße stattfinden; Schüler der Bert-Brecht-Gesamtschule werden den Vortrag zur schulischen Verwendung aufzeichnen. Den genauen Termin gebe ich in Kürze bekannt.

    Meine Co-Vorsitzende Frauke May-Jones, derzeit noch in den etwas heißeren der Vereinigten Staaten unterwegs, erkundet so nebenbei, ob es in Los Angeles ein Naturkundemuseum gibt – oder besser zu Zeiten Thomas Manns dort gab – in dem er sich über Schmetterlinge hätte erkundigen können und bietet zu Beginn des nächsten Jahres für unsere Ortsverein gemeinsam mit dem Woelfl-Haus ein Programm über Thomas Mann, H. C. Andersen und die Vertonungen seiner Gedichte an.

    HANS CHRISTIAN ANDERSEN: Märchen und Gedicht-Vertonungen und ihre Spiegelung und Literarisierung bei THOMAS MANN – Ein LIEDeraturabend für Gesang, Klavier und Sprecher. Lieder u. a. von Schumann, Grieg, Gade und Prokofieff

    Ein solches Angebot sollten wir gerne annehmen und uns darauf freuen.

    Dies ist nun die Stelle, an der ich ein neues Mitglied unseres Ortsvereins begrüßen darf: Frau Jutta Hartmann ist in Bonn aufgewachsen, lebt im Allgäu, liebt die Verfilmungen der Romane Thomas Manns. Unsere Broschüre ‚Thomas Mann im Film‘ aus 2011 hat sie als Begrüßungsgeschenk erhalten. Ich saß mit ihr bei Nieselregen unter alten Bäumen im Arboretum Park Härle, einem wunderbaren Ort der Kontemplation, den ich nur jedem empfehlen kann. Frau Hartmann ist von ansteckender Neugier – ich freue mich auf ihre Mitgliedschaft.

    Am Ende möchte Ihnen eine der vielen Anekdoten nicht vorenthalten, mit denen mich unser schwäbisches Mitglied Herr Jürgen Quasner immer wieder unterhält – siehe Anhang. In diesem Falle geht es um Thomas Mann, Hermann Hesse, dessen Glasperlenspiel und überzählige Adjektive, oder „fränkisch, also gastronomisch verfressen ausgedrückt: Eine gute Bratwurst braucht kaan Senf!“ Aber lesen Sie selbst.

    In diesem Sinne: Bewahren Sie ihren Humor, bis die Tage Ihr Peter Baumgärtner

    Anlage Brief Quasner

    Lieber Herr Baumgaertner,

    Ich lese gern, aber nichts mehr über Impfung und Inzidenzen. Das Dauerthema läßt jetzt auch in den Zeitungen nach; Metzingen lebt wieder auf, und schon fehlen Parkplätze, hurra!

    Hesses »Glasperlenspiel« zur Laufbahn von Josef Knecht erscheint mir als Bildungsroman in der Nachfolge von »Wilhelm Meister«, an Goethe auch in der ruhig-breiten Erzählweise und an dessen Sprache angelehnt. Der Roman leidet an Leukämie, schlimmer beim Epigonen als beim Klassiker. Ein Beispiel bringe ich: »Dann reiste er, nicht ohne Wehmut des Abschieds von einem liebgewonnenen Ort …, aber durch die das Festspiel vorbereitende Folge kontemplativer Exerzitien schon festlich vorgestimmt, denen er sich … nach dem Wortlaut der Vorschriften genauestens unterzogen hatte.« (S. 220f.)

    Die Abreise der Marquise von O … sollte man hier dagegenhalten, »durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekanntgemacht, …« Kleist strengt an, bei Hesse badet man lau.

    Hat Hesse nicht bei Heine gelesen, dass man nach Goethe so nicht weitermachen kann? Entschuldigung, ich war gerade in Stimmung. »Die Morgenlandfahrt« gefällt mir besser; sie ist auch kürzer. Dank der Weisheiten von Königs Erläuterungen erfahre ich aber, wie subtil Hesse auf seinen Freund Thomas Mann anspielt, nämlich in der Figur des fiktiven Thomas von der Trave. Martin Pfeifer, der Interpret, lobt die Kunst der Charakterisierung, wenn dieser Traven-Thomas beschrieben wird als “ein berühmter … und weltgewandter Mann, konziliant und vom artigsten Entgegenkommen gegen jedermann, der sich ihm näherte … wenn er kein Enthusiast war …, so zeigen seine … formal unübertrefflichen Spiele doch für die Kenner eine nahe Vertrautheit mit den … Problemen der Spielwelt” (Pfeifer S. 100).

    Offensichtlich hat Hesse keinen Kurs der VHS in Lugano über den sparsamen Umgang mit Adjektiven belegt und er hat diese Kunst auch bei Thomas Mann nicht erlernt. Was bitte sagt uns “eine nahe Vertrautheit” mehr als eine solche ohne Adjektiv? Oder gibt es in irgendeiner semantischen Nische auch eine ferne Vertrautheit? Die Nische möchte ich gern besuchen.

    Hesse bekam trotz seiner Adjektive 1946 den Nobelpreis, von dem Gottfried Benn behauptete, das sei nur so gegangen, weil Thomas Mann ihn vorgeschlagen hatte. Dieser Behauptung möchte ich nicht widersprechen.

    Herzliche Grüße ins bald eintretende samedimanche Jürgen und Tizi Quasner

  • Rundbrief Nr. 28a



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    es ist nicht meine liebste Tätigkeit, mit der Schelle über den Marktplatz zu marschieren und für ein Konzert zu werden, aber ich tue es um der Künstler willen. Es sind noch einige Ticketbestellungen eingegangen, den Saal des Woelfl-Hauses würden wir nun in unbeschwerten Zeiten gerade voll bekommen, aber im Netz ist noch ganz viel Platz!

    Der Fußball ist nicht unsere Konkurrenz, wie ich nun erfuhr, aber András Schiff in der Kölner Philharmonie. Doch bevor wir uns hier in allzu großer Bescheidenheit üben, hier ein sehr wichtiger Hinweis von Frau Haider-Dechant:

    Der Kauf des Stream-Tickets hat den Vorteil, dass Sie das Konzert nicht nur live, sondern auch später immer wieder ansehen können. Auch eine plötzliche Verhinderung des Konzertbesuchs stellt somit kein Problem mehr dar. Sollten Sie Hilfe benötigen zögern Sie nicht, mich zu kontaktieren.

    Gemeinsam und mit Mut zu neuen Wegen kann uns auch in Zukunft kein Virus der Welt mehr erschüttern

    Diese Möglichkeit bietet András Schiff nicht, und ich muß mich auch nicht wie der sprichwörtliche Wasserverkäufer im Regen fühlen.

    Das Programm vom kommenden Mittwoch finden Sie auf der nächsten Seite. Beste Grüße Ihr Peter Baumgärtner

    Konzert-Lesung im Woelfl-Haus am 30.6.2021 um 19.00 Uhr

    Das Programm wurde von dem Musikphilosophen Michael Fürtjes gemeinsam mit dem Pianisten Kotaro Fukuma 2019 anläßlich des 50. Todestags von Adorno und im Blick auf das Beethoven-Jahr 2020 konzipiert. In Amorbach, dem beliebten Kindheitsort Adornos, kam es im November 2019 zu einer begeistert gefeierten Aufführung.

    Vor op. 111 von Beethoven kommen in unserem Programm 3 kleine Klavierstücke von Adorno und die Klaviersonate von dessen Kompositionslehrer Alban Berg zur Auffüh- rung. Außerdem synchronisieren die Herren Fukuma und Fürtjes Klavierspiel und Lesung der im Roman geschilderten Sonaten-Passagen.

    Das Programm:

    Theodor W. Adorno (1903-1969) Drei Klavierstücke (1927-1945)

    1. Adagietto – Hommage á Bizet
    2. Die böhmischen Terzen
    3. Valsette

    Alban Berg (1885-1935) Klaviersonate op. 1

    Thomas Mann (1875-1955) Lesung aus dem Kapitel VIII des Romans  „Doktor Faustus“

    Ludwig van Beethoven (1770-1827) Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111

    Hierfür nochmals der Link, mit dem man sich für das Streaming-Angebot anmelden kann: (https://www.woelflhaus.de/events/adorno-beethoven-thomas-mann; https://dringeblieben.de/videos/adorno-beethoven-thomas-mann ) Bitte machen Sie in Ihrem Bekanntenkreis Werbung.

  • Rundbrief Nr. 28 + Anlage Brief Klose



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    leider haben sich bis dato nur sehr wenige Personen zu unserer Veranstaltung am 30. Juni im Woelfl-Haus angemeldet. In sehr eingeschränkter Zahl ist auch eine Teilnahme vor Ort möglich. Diese wenigen Plätze werden von Frau Prof. Haider-Dechant persönlich vergeben: Sitzordnung, Abstände von Paaren und Einzelpersonen können nur in diesem Sinne verwaltet werden. Ich fände es ausgesprochen schade, wenn dieser außerordentliche Kunstgenuss von nur wenigen Menschen geteilt würde, ganz abgesehen von den Mühen, die sich viele Menschen gemacht haben, um diesen Abend zu realisieren.

    Es mag auch sein, daß an diesem Abend ein Fußballspiel von nationaler Bedeutung stattfindet – ich habe mich in diesen Belangen noch nicht kundig gemacht – aber da muß jeder wissen, wo seine Präferenzen liegen.

    Hierfür nochmals der Link, mit dem man sich für das Streaming-Angebot anmelden kann: (https://www.woelflhaus.de/events/adorno-beethoven-thomas-mann; https://dringeblieben.de/videos/adorno-beethoven-thomas-mann) Bitte machen Sie in Ihrem Bekanntenkreis Werbung.

    Hier nochmals das Programm, das die Herren Fukuma und Fürtjes zur Aufführung bringen:

    Das Programm:

    Theodor W. Adorno (1903-1969) Drei Klavierstücke (1927-1945)

    1. Adagietto – Hommage á Bizet
    2. Die böhmischen Terzen
    3. Valsette

    Alban Berg (1885-1935) Klaviersonate op. 1

    Thomas Mann (1875-1955) Lesung aus dem Kapitel VIII des Romans  „Doktor Faustus“

    Ludwig van Beethoven (1770-1827) Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111

    So viel zu unserer Veranstaltung zu Kapitel VIII des Dr. Faustus.

    Nun gehe ich fünf Kapitel zurück und zeige Ihnen diesen Schmetterling:

    Hetaera Esmeralda…

    … dieser wunderbaren Metapher für Liebe, Versuchung und Vergänglichkeit aus Kapitel III. Im Rahmen einer geschäftlichen Korrespondenz habe ich kürzlich den kaufmännischen Leiter des Museum Alexander Koenig (für das mein Büro seit 25 Jahren Sanierungen und Umbauten durchführt) gebeten, mir den Kontakt zu den Lepidopterologen in seinem Hause herzustellen, was er auch umgehend tat und ich die beiden zuständigen Damen dann fragen konnte, ob es die von Thomas Mann beschriebenen Tierchen gibt und ob sie solche in ihrer Sammlung hätten. Umgehend bekam ich das vorgestellte Bild geschickt verbunden mit den Zeilen:

    Die Art Hetaera esmeralda gibt es wirklich, auch wenn sie jetzt als Unterart einer anderen Art gesehen wird und deshalb anders heisst (Cithaerias andromeda esmeralda). Sie ist nur aus Pará in Brasilien bekannt, und wir haben davon in der Sammlung leider keine Exemplare, aber von verwandten Arten haben wir sicherlich was. Hier ein Foto vom Holotypus dieser Art, also das Exemplar wonach die Art von Edward Doubleday in 1845 beschrieben worden ist

    Es ist nicht so, daß ich diesen Satz vollständig verstünde. Daher haben mich die Damen für Anfang Juli in Ihre Sammlung eingeladen, wo wir uns umschauen wollen auch nach den anderen von Jonathan Leverkühn gezeigten Faltern. Damit verbunden ist natürlich die Idee, eine Veranstaltung im Museum Koenig durchzuführen, bei der nach einer Lesung aus Kapitel III entsprechende Exponate gezeigt und mit wissenschaftlichen Erläuterungen aus kundigem Munde versehen werden. Eine kurze Führung durch das Haus könnte sich anschließen, das neben seiner wissenschaftlichen Bedeutung auch eine wichtige Rolle in den Gründungsjahren unserer Republik einnahm: Hier fand 1948 die feierliche Eröffnung des Parlamentarischen Rates statt, der unser Grundgesetz entwickeln sollte, hier hatte Konrad Adenauer sein Büro in den ersten Monaten seiner Kanzlerschaft. Im nächsten Rundbrief werde ich von meinem Besuch berichten.

    Sie spüren: Die schwindelerregend rasant fallenden Inzidenz-Zahlen laden zum Träumen ein. Den Warnungen der Politik, nicht allzu schnell die Masken fallen zu lassen, steht ein großer Druck und eine Sehnsucht der Öffentlichkeit gegenüber, wieder Präsenzveranstaltungen zuzulassen. Der Buchhändler Alfred Böttger hat, mutig wie er ist, bereits 19 Veranstaltungen für den Herbst geplant. Auch wir werden Termine vereinbaren, wollen aber in einem absehbaren Überangebot an nachgeholter Kultur nicht ertrinken. Herrn Prof. Oellers habe ich schon angesprochen: Sein Vortrag zu Bert Brecht und Thomas Mann liegt noch auf seinem Schreibtisch. Ob wir damit in eine Schule gehen können und dürfen, wird sich zeigen.

    Mit welcher Verve und mit wieviel Lust ich mich dann in die Veranstaltungsplanung begeben werde, wird entscheidend davon abhängen, wie groß der Zuspruch zu unserer Veranstaltung im Woelfl-Haus sein wird. Wir leben durchaus in Zeiten, in denen sich die Kümmerer um Kultur über einen Klapps auf die Schulter freuen.

    In diesem Sinne grüßt sie herzlich Ihr Peter Baumgärtner

    PS: Im Anhang der Antwortbrief von Frau Ellen Klose auf meine letzten Rundbriefe mit wie immer sehr interessanten, weiterführenden Hinweisen.

    Anlage Brief Klose

    Lieber Herr Baumgärtner, nach meiner Mail vom 4. Mai an Sie habe ich noch weitergelesen.

    Zur „Pariser Rechenschaft“ gibt es im Essay II-Kommentarband noch Diverses – teils in Französisch – betreffend die (problematischen) deutsch-französischen Beziehungen, u.a.:

    • Einführende Bemerkungen zur Lesung „Liberté et Noblesse“ und „Grace Aristocratique“ in Paris; seine Lesung aus „Goethe und Tolstoi“;
    • Geistige Tendenzen des heutigen Deutschlands;
    • Entmilitarisierung des Rheinlandes;

    Ein Teil seiner Ansprache war ins Französische übersetzt und von TM vorgetragen worden – um seinen Respekt vor den Franzosen zum Ausdruck zu bringen.

    Thomas Mann hatte sich wohl auch gern in der Rolle des Vermittlers zwischen beiden Staaten gesehen, dieser Besuch im Januar 1926 war ihm „eine Ehrenpflicht“. Die Achtung dafür wurde ihm ja auch entgegengebracht. Dazu sollte auch die Einladung des Pariser PEN-Clubs an ihn gesehen werden.

    Ich freue mich schon sehr auf den Meinungsaustausch in unserem Gesprächskreis – der, wie mir scheint, immer weitere Kreise zieht.

    Im Kommentar zu den „Pariser Rechenschaften“ wird auch wiederholt Bezug genommen auf die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (Considérations d’un non-politique resp. Considérations d’un apolitique). Dazu passt – wie gerufen – der Kommentar von Florian Keisinger im Feuilleton der FAZ vom 15. Mai 2021-Seite 14-Nr. 116

    „Thomas Mann an die Front – Taugt der Autor zur Waffe gegen die Identitätspolitik?“ In den Vereinigten Staaten gibt es jetzt eine Neuauflage der „Betrachtungen“, zu der der New Yorker Ideenhistoriker (???) Mark Lilla das Vorwort beigesteuert hat. Lilla ist, wie F. Keisinger schreibt, „bisher nicht als Thomas-Mann-Experte in Erscheinung getreten“, wohl aber „als scharfer Kritiker einer linken Identitätspolitik, deren Absolutheitsanspruch und Kompromissresistenz er als Spaltpilz liberal-demokratischer Konsenzfindung erachtet- und damit als Gefahr für die Demokratie insgesamt“. Ein Disput Kunst versus Politik – fürwahr. Wenn man bedenkt, dass dieser Essay von über 100 Jahren geschrieben wurde, ein bemerkenswerter Kommentar. Lilla bezieht sich in seinem Vorwort auf das folgende Werk von TM und weist insbesonders auf den Zauberberg (hier die Kontroversen des Demokraten Settembrini mit dem Jesuiten Naphta) , die Josef-Romane und Dr. Faustus hin.

    An Gesprächsstoff wird es uns wohl nicht mangeln.

    Mit besten Grüßen aus Duisburg und bleiben Sie gesund Ellen Klose

  • Rundbrief Nr. 27



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    meine am Ende des letzten Rundbriefs vorsichtig zum Ausdruck gebrachte Hoffnung, die Zahlen mögen nach unten gehen, scheint sich nun tatsächlich zu erfüllen: Im Sommer und Herbst scheinen persönliche Treffen und Veranstaltungen wieder möglich zu werden. Mein Gedanke, auch Gesprächskreise oder vielleicht so etwas wie einen Stammtisch zu organisieren, wurde von Frau Klose in ihrem beigefügten Antwortbrief begrüßt. Schade, daß gerade sie einen so weiten Anfahrtsweg nach Bonn oder Köln hat. Ihre Briefe machen mir stets große Freude, sie ist in vielen Thomas-Mann-Themen wunderbar zuhause. So gebe ich jedenfalls die Bitte um Anregungen für eine Lokalität in die Runde, die sich für solche Treffen eignen würde. In Bonn käme das, vielen bekannte, Restaurant Delikart im Landesmuseum in Betracht, wenngleich dies eben ein ausgewiesenes Speiselokal ist und wir vielleicht nicht so gern gesehen sind, wenn wir stundenlang nur reden und trinken. Das Weingut Sülz ist etwas ab vom Schuß – aber wie gesagt, ich warte auf Vorschläge.

    Doch zunächst wollen wir unsere Veranstaltung im Woelfl-Haus ins Auge fassen. Das Plakat habe ich Ihnen mit dem letzten Rundbrief zukommen lassen. Die Konzertlesung „Adorno-Beethoven-Thomas Mann“ wird in Zusammenarbeit mir dem Woelfl-Haus und dem Richard Wagner Verband Bonn am 30. Juni 2021 um 19.00 Uhr im Woelfl-Haus stattfinden. Die Veranstaltung wird live gestreamt; ob und wenn ja wieviel Publikum im Saal sein kann, wird sich kurzfristig gemäß den geltenden Corona-Bestimmungen ent- scheiden. Um die Sache zu finanzieren benötigen wir in jedem Falle mehr zahlende Gäste, als das Woelfl-Haus im besten Falle aufnehmen könnte. Daher an dieser Stelle die Bitte, für dieses Streaming-Angebot (https://www.woelflhaus.de/events/adorno-beethoven- thomas-mann; https://dringeblieben.de/videos/adorno-beethoven-thomas-mann ) in Ihrem Be- kanntenkreis Werbung zu machen. Hier ein Ausblick auf das Programm:

    Es wurde von dem Musikphilosophen Michael Fürtjes gemeinsam mit dem Pianisten Kotaro Fukuma 2019 anläßlich des 50. Todestags von Adorno und im Blick auf das Beethoven-Jahr 2020 konzipiert. In Amorbach, dem beliebten Kindheitsort Adornos, kam es im November 2019 zu einer begeistert gefeierten Aufführung. Zwei Pressestimmen zu dieser Veranstaltung finden Sie im Anhang.

    Vor op. 111 von Beethoven kommen in unserem Programm 3 kleine Klavierstücke von Adorno und die Klaviersonate von dessen Kompositionslehrer Alban Berg zur Aufführung. Außerdem synchronisieren die Herren Fukuma und Fürtjes Klavierspiel und Lesung der im Roman geschilderten Sonaten-Passagen.

    Das Programm:

    Theodor W. Adorno (1903-1969) Drei Klavierstücke (1927-1945)

    1. Adagietto – Hommage á Bizet
    2. Die böhmischen Terzen
    3. Valsette

    Alban Berg (1885-1935) Klaviersonate op. 1

    Thomas Mann (1875-1955) Lesung aus dem Kapitel VIII des Romans  „Doktor Faustus“

    Ludwig van Beethoven (1770-1827) Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111

    So weit die Vorschau auf diesen sicher spannenden Abend. Wer keine technische Möglichkeit hat, an dieser Veranstaltung online teilzunehmen, aber dennoch dabei sein möchte, möge sich bei mir melden. Vielleicht kann ich mit Frau Dr. Haider-Dechant so etwas wie eine Warteliste für Präsenzgäste anlegen.

    Nun zu meinem wahrscheinlich letzten literarischen Exkurs im Rahmen des Rundbriefs, in der Hoffnung, daß sich die kommenden wieder stärker dem aktuellen Vereinsgeschehen widmen können. Um die Gemeinnützigkeit unseres Vereins zu belegen, werde ich die Rundbriefe des letzten Jahres in einer gedruckten Broschüre zusammenfassen. Wer Interesse an einem Exemplar hat, möge sich bei mir melden.

    Angeregt durch die Ausstellung: ‚Dichtung und Revolution – Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller‘1, die 2018 in der Monacensia in München stattfand, bin ich seither dem sehr besonderen Verhältnis von Thomas Mann zu Ernst Toller nachgegangen. Ich bemühe mich nun, die Dinge chronologisch zu ordnen.

    Toller wird 1893 im heutigen Polen in eine jüdische Familie hineingeboren. Im Januar 2015 meldet er sich freiwillig an die Front und erlebt vor Verdun 13 Monate die Hölle.

    Körperlich und seelisch zerrüttet landet er im Sanatorium und versucht in expressionistischen Gedichten sein Kriegstrauma zu verarbeiten. 1917 beginnt er in München ein Studium der Literatur- und Staatswissenschaften. Der Anblick des Isenheimer Altars – damals noch im München – löst Albträume aus. Er lernt Rilke und auch Thomas Mann kennen, der an der Hochschule aus seinen Texten liest. Mit seinen ersten Gedichten wagt Toller einen Besuch beim berühmten Dichter. „…Er läßt sich die Manuskripte geben, er liest mit mir jede Zeile, lobt diese und sagt, warum die andere unzulänglich, bewundernswert ist seine Geduld, gemessen und väterlich sein Rat. Er behält sich einige Papiere, zwei Tage später schreibt er mir einen langen Brief, er hat nochmals geprüft und belehrt den jungen Menschen, der diese schöne Haltung nie vergißt.“2

    Er freundet sich mit dem um eine Generation älteren Kurt Eisner an; beide sind in ihrem Herzen Künstler und finden sich bei Kriegsende mitten in der Politik wieder. Die Ermordung Eisner spült Toller in die erste Front der Revolutionäre. Thomas Mann erwähnt ihn erstmals in seinem Tagebuch: Die Erlasse sind vom ehem. Studenten Toller aus Ostpreußen gezeichnet, der uns einmal Eier schickte. (9.4.1919) Die Gedichte sind vergessen, in Zeiten der Not sind Eier wichtiger.

    In dem beigefügten, längeren Text von Wolfgang Frühwald wird die Rolle Tollers in der Revolution im Detail geschildert. Das Kapitel im Ausstellungskatalog der Monacensia zu Ernst Toller ist vielsagend überschrieben mit ‚Armeeführer, der nicht schießen will‘.

    Jedenfalls hat der Spuk bald ein Ende, Toller flieht, wird gefaßt. Ihm droht die Exeku- tion. Viele wohlmeinende Stimmen bewahren ihn davor, auch Thomas Mann verwendet sich für ihn. ‚Ich stelle dem jungen Toller brieflich ein Zeugnis aus, das ihn vor weiteren Verhaftungen schützen soll‘ schreibt er am 3.6.2019 in sein Tagebuch.

    Im Gegensatz zu allem Putschisten von der rechten Seite müssen Toller und seine Kameraden ihre Strafen absitzen. Toller muß fünf Jahre in Festungshaft ertragen. Sein Leben hinter Gittern ist in Briefen gut dokumentiert. 2018 wurden die Briefe von Ernst Toller (1915-1939)3 vom Wallsteinverlag herausgegeben. Zwei Bände mit insgesamt 1.750 Seiten – eine Großleistung des Herausgeberteams, die aus aller Welt 1681 Briefe zusammentrugen und vorzüglich edierten. Tollers Umgang mit Sprache ist virtuos: Leidenschaftlich und zuweilen mit zu viel Pathos versehen sind seine politischen Briefe, wunderschön und fast gesanglich seine Liebesbotschaften und entschieden scharf, seine intellektuelle Überlegenheit ausnutzend, seine Briefe an die Obrigkeit, an den Gefängnisdirektor, den Zensor und andere. Er wußte von seinen Rechten, oft mußte er um sie kämpfen, häufig hat er sie nicht bekommen. 1922 versucht er, vorzeitig aus der Haft entlassen zu werden, wagt es, sich an Thomas Mann zu wenden, von dem er „… weiß, daß er mich nicht mit den Augen des Bürgers sieht, daß er, quand même, einer der seltenen »gentlemen« unter den Schriftstellern ist.“4 Thomas Mann reicht ein entsprechendes Schreiben beim Justizministerium ein, jedoch ohne Erfolg.

    Ernst Tollers ‚Schwalbenbuch‘5 ist der literarische Ertrag dieser harten Zeit: Pathetische Poesie der Hoffnung und der Verzweiflung geschrieben im Gefängnis und vor dem Git- terstäben die freundliche, freie und friedliche Natur, das Fürsorgliche dieser Tierchen, das Miteinander der Paare, das Kümmern um die Kleinen. Mit ihnen flogen Tollers Träume davon, ihnen taten die Wärter, die Menschen, Gewalt an, zerstörten die Nester, alles eine große Metapher auf das Leben und ein Selbstbild eines empfindsamen Herzens.

    Auf einem Kongress gegen koloniale Unterdrückung in Brüssel im Februar 1927 lernt Toller den Privatsekretär Mahatma Gandhis und späteren ersten Ministerpräsidenten von Indien Jawaharlal Nehru kennen. Die beiden blieben fortan in Kontakt.

    Im gleichen Jahr 1927, also drei Jahre, nachdem er aus der Festungshaft entlassen wurde, veröffentlicht er das Buch ‚Justiz-Erlebnisse‘, in dem er als mittlerweile sehr bekannter Theaterautor sich in der Öffentlichkeit für eine Amnestie der noch einsitzenden Kameraden aus Zeiten der Räterevolution einsetzt. Er bittet Thomas Mann, sich für dieses Buch zu verwenden. Was dieser mit einem offenen Brief im Berliner Tageblatt vom 31.7.1927 auch tut: „Sehr geehrter Herr Toller! Ihr Justizbuch ist gekommen und ich habe es mit furchtbarem Eindruck gelesen. […] Welch ein abscheulicher Mißbrauch zu Rachezwecken ist getrieben worden mit dem Begriff des Hochverrats, der praktikabel sein mag, in Tagen eines klaren, eindeutigen und legitimen Staatslebens, aber jeden Rechtssinn verliert in Zeiten wie 1919! Welch ein Unsinn, daß seit acht Jahren Menschen unter der Fuchtel von Zuchthauswärtern stöhnen und verkommen… […] Welch widerwärtiges, auf Eis Konservieren einer Rachesucht, die heute nicht einmal mehr lebendig empfunden werden kann! […]“6

    Nachdem Toller im April 1933 in Ascona bei Thomas Mann zu Gast war, spricht er im Mai auf dem PEN-Kongress in Ragusa. Die offiziellen deutschen Delegierten protestieren, bringen die gastgebenden Jugoslawen in eine schwierige Lage. Darüber berichtet er in einem Brief an Klaus Mann, den er für seinen Aufsatz gegen Gottfried Benn lobt. Darin auch erste Abreden zu ‚Eine Jugend in Deutschland‘, Tollers Autobiographie seiner jungen Jahre, die noch im gleiche Herbst bei Querido erscheinen sollte. (Der Querido-Verlag wurde als Verlag deutschsprachiger Autoren 1933 von Emanuel Querido gegründet – ein gleichnamiger holländischer Verlag bestand schon seit 1915. Er wurde geleitet von Fritz H. Landshoff und Alice van Nahuys, von Klaus Mann stets nach Kräften unterstützt. 1940, nach Einmarsch der Deutschen, wurde er zerschlagen. Emanuel Querido wurde 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.)

    In den 30er Jahren ging Ernst Toller völlig auf in seinem Kampf gegen Hitler. Allein auf das Wort setzend, Netzwerke knüpfend und Publikationen unterstützend, tat er alles, um den Nazis noch in den Arm zu fallen. In der von Klaus Mann in den Jahren 1934 und 1935 herausgegebenen literarischen Zeitschrift DIE SAMMLUNG7 finden sich einige Beiträge Tollers, poetische, erzählerische, essayistische – aber immer politische. Die Freundschaft zu Klaus Mann vertieft sich. Die Absolutheit ihres Kampfes bindet sie zusammen. In einem Brief vom 2.11.1934 zeigt er sich entzückt von Klaus Manns ‚Flucht in den Norden‘.8 Im gleichen Jahr 1934 sind sie gemeinsam auf Moskaureise. Klaus Mann erinnert sich in seinem ‚Turning-Point‘ (1942, Der Wendepunkt, 1952): „Ernst Toller, und dessen revolutionärem Pathos das emotionell-humanistische Element bestimmend war, neigte zu Abweichungen, die von den Strenggläubigen als ‚kleinbürger- lich-sentimental‘ gegeißelt wurden.“

    Toller konnte aber auch anstrengend sein. Klaus notiert am 22.1.1936 in Den Haag: „In Tollers „Briefen aus dem Gefängnis“ (Er hetzt dieses Thema – seine Gefangenenzeit – gar zu schamlos zu Ende, übrigens gibt es einige aufschlussreiche und einige rührende Stellen.)“ und am 26.10.1936 in New York: „Cocktail – Empfang … Toller spricht zu lang und zu pathetisch.“

    Im Wendepunkt wird Klaus Mann einige Jahre später notieren: „Ernst Toller kam – eine Persönlichkeit von sehr rührenden und liebenswürdigen Eigenschaften: hilfsbereit und kameradschaftlich bei aller Ich-Erfülltheit, aufrichtig bei aller Neigung zum Rhetorischen, dankbaren Herzens und oft heiteren Sinnes bei übrigens gefährlich sensitiver psychischer Disposition und einer ominösen Tendenz zum Manisch-Depressiven.“

    Im Jahr 1936 kommt es zu wiederholten Begegnungen Tollers mit Nehru. Dieser wurde in Indien Anfang der 30er Jahre mehrfach inhaftiert, lernte im Gefängnis die deutsche Sprache und las mit großer Begeisterung die Texte Tollers, gerade dessen ‚Jugend in Deutschland‘: Nehrus Frau ist 1936 schwer erkrankt, ein langer Sanatoriumsaufenthalt in Badenweiler kann sie nicht mehr retten. Zu dieser Zeit beginnt seine Tochter Indira in London ihr Studium und trifft dort mit dem Ehepaar Toller häufig zusammen. Toller hatte im Jahr zuvor Christiane Grautoff – die Tochter von Thomas Manns Schulfreund Otto Grautoff – geheiratet, die als Schauspielerin in London in Stücken ihres Mannes sehr erfolgreich auftritt. Zur Tochter Nehrus entwickelt sich ein freundschaftliches Verhältnis. In einem Brief von 1936 schreibt sie über Indira: „Sie kam mir wie eine Blume vor, die der Wind leicht wegblasen könnte; aber ich glaube, daß sie den Wind nicht fürchtet.“9 Welch richtige Einschätzung! Diese Briefe entnahm ich übrigens einem Bänd- chen, das sich seit vielen Jahren in meinem Bücherschrank versteckt: Jawaharlal Nehru – Ernst Toller: Dokumente einer Freundschaft 1927 -1939. Es ist 1989 in Halle und Leipzig im ‚Mitteldeutschen Verlag‘ erschienen und mit einem der letzten Vereinnah- mungs-Vorworte der DDR von längst verstorbenen Personen versehen. (Der Begriff ‚mitteldeutsch‘ überlebte nicht nur die DDR, nein, er lebt bis heute in der Verlags- und Rundfunkwelt, als würde es irgendwann wieder ein weiter östlich gelegenes Deutsch- land geben.)

    Am 28.12.1937 notiert Klaus Mann in Hollywood in sein Tagebuch: „Nach feinem Dinner in Gesellschaft: Rückweg mit Toller zu Fuß. Ziemlich bittere Gespräche über Hollywood“ Toller hatte im Februar 1937 einen lukrativen Einjahresvertrag als Drehbuchautor bei den MGM-Studios unterschrieben. Ab Juni 1937 bezieht er mit seiner Frau Christiane ein Haus in Santa Monica. Doch stellt sich bald heraus, daß er mit den Arbeitsmethoden der Filmindustrie nicht zurechtkommt. Schon am 6.3.1938 schreibt er an Klaus Mann: „Es ist ja seltsam, dass man in Städten, die einem zuwider sind, nicht einmal in der eigenen Klause ruhig und friedlich bleibt.“ Zu diesem Zeitpunkt ist er schon zurück in New York und bewohnt ein Zimmer im Mayflower Hotel, in dem er sich im Folgejahr das Leben nehmen sollte.

    Am 25.2.1939 notiert Klaus Mann in sein Tagebuch: „Toller. Abendessen mit ihm allein. … Ganz nett, wenngleich Toller sehr niedergeschlagen, auch finanziell bedrängt u.s.w.“

    Am 11. Mai 1939 sind sie gemeinsam bei einem politischen Kaffeekränzchen bei Mrs. Roosevelt, ihr Mann war unabkömmlich, mußte regieren – was Wunder in dieser Zeit.

    „…auf der Fahrt von New York nach Washington habe ich ihn im Pullmann-Wagen neben mir gehabt, wir verbrachten den Tag zusammen. Ein reicher, bunter Fest- und Reisetag. Toller, empfänglichen Herzens, dankbaren Gemüts, schien den Tag im Weißen Haus zu genießen. Ein paarmal klagte er freilich über Müdigkeit. „Wenn ich nur heute Nacht etwas schlafen könnte!“ Es war nur ein leiser Seufzer, nur für mich bestimmt, denn wir waren Freunde. … Es war unser letztes Beisammensein. Ein paar Tage später berichteten die Blätter, Ernst Toller habe sich in seinem New Yorker Hotelzimmer erhängt. Warum? Kein letzter Brief war da…“ Es folgt eine wehmütig-bewundernde Rückschau auf die Jahre ihrer Freundschaft, und dann: „Ich mußte an seinem Sarge sprechen. Er lag hinter mir, das Würgemal am Hals gnädig verdeckt. Ich wagte nicht, ihm ins Gesicht zu schauen. Ich hatte Angst. Ich schämte mich meiner Tränen. Wem galten sie! Doch nicht ihm, der endlich schlafen durfte.“ 10

    Neben allem dokumentarischen Wert dieser Aufzeichnungen sind sie in ihrer eindeutigen Vieldeutigkeit auch große Literatur. Klaus Mann schreibt, er ‚mußte… sprechen‘. Ja, Thomas Mann ist gebeten worden zu sprechen, aber kann auf die Schnelle nicht aus Kalifornien anreisen. Klaus trägt die Rede seines Vaters vor. In Thomas Manns Rede auf dem Schriftstellerkongress am 2. Juni 1939 in New York geht er dann allerdings ausgiebig auf Ernst Toller ein.11 Leider handelt es sich bei dem überlieferten Text um eine Rückübersetzung ins Deutsche, der Originaltext ist leider verloren, gleichwie – so nehme ich an – seine Grabrede für Toller, die Klaus am offenen Sarg halten mußte. Im Tenor wird diese ähnlich geklungen haben: Verständnis für die Verzweiflung, mahnen- der Aufruf zusammenzustehen und durchzuhalten.

    Um wieviel weniger dramatisch ist unsere Situation heute. Wir haben durchgehalten und ich hoffe, wir können am 30. Juni gemeinsam einen wunderschönen Abend erleben,

    herzlich Ihr Peter Baumgärtner


    1 Gleichnamiger Ausstellungskatalog von Laura Mokrohs, Regensburg 2018

    2 Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland; 1934; Hamburg 1963 / 1988. Seite 55

    3 Ernst Toller: Briefe 1915-1939; Göttingen 2018

    4 Briefe, Seite 257, Band 1, Brief 203 vom 17.März 1922

    5 Ernst Toller: Das Schwalbenbuch; 1923; Leipzig 1957 (Insel-Bücherei Nr.633)

    6 Briefe, Seite 655, Band 1, Brief 616 vom 26.Juli 1927, Anmerkungen

    7 Briefe, Seiten 960ff, Band 2, Brief 1017 vom 17.Juli 1933

    8 Klaus Mann: Flucht in den Norden; 1934; München 1977

    9 Jawaharlal Nehru – Ernst Toller: Dokumente einer Freundschaft 1927 -1939, Halle und Leipzig 1989. S.111

    10 Wendepunkt, Seite 392 ff

    11 Schriftsteller im Exil‘; in TM gesammelte Werke in Einzelbänden, (Frankfurter Ausgabe) ‚Rede und Antwort – über eigene Werke – Huldigungen und Kränze – über Freunde, Weggefährten und Zeitgenossen‘

  • Rundbrief Nr. 26 + Anlage Brief Klose 



    „Es ist nur, daß ich es nicht vergesse.“ So hemdsärmelig,

    liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    beginnt Thomas Manns Bericht „Pariser Rechenschaft“ aus dem Jahr 1926. Ich gestehe, daß ich diesen Text erst jetzt für mich entdeckt habe und denke, vielen von Ihnen ist er auch noch unbekannt. Er ist in verschiedenen Essay-Sammlungen enthalten. Ich konnte mir antiquarisch zum Taschenbuchpreis eine Originalausgabe des S.Fischer-Verlags besorgen. Ein broschiertes Heft von 120 Seiten, die der erste Besitzer noch selbst aufschneiden mußte. Besonders daran sind zudem die stets wechselnden, stichwortartigen Seitenüberschriften – ein Stilmittel, das bei den späteren Gesamtausgaben nicht übernommen wurde. Zum Inhaltlichen: Es ist ein launig, witziger und sehr ernster Reisebericht, der Bericht einer kulturellen Annährung. Thomas Mann genießt spürbar die Internationalität der Metropole, das Zusammentreffen mit Gelehrten aus aller Welt. In Frankreich hatte man wohlwollend die Wandlung Thomas Manns vom monarchistischen Kriegsbefürworter zum liberalen Demokraten zur Kenntnis genommen und ist sich einig, daß eine Einigung Europas das Gebot der Stunde ist. Thomas Mann erhält viel Applaus bei dem Satz: „Es werde das kein Ergebnis gereifter Sittlichkeit sein, sondern ein solches der primitiven Vernunft und der baren Notwendigkeit, da allzu offenbar geworden sei, daß Europa als Ganzes stehe oder falle:…“ Die Aktualität einer solchen Bemerkung muß ich nicht hervorheben, eher darauf hinweisen, daß dieser Text wundervolle Passagen der Schilderung der Pariser Lebensart enthält, die Thomas Mann mit allen Sinnen genießt und die eine fatale Reiselust erwecken. Neben vielem anderen erfährt man auch, wie weit er 1926 gedanklich schon bei den Josephsromanen vorangedrungen war – in Gesprächen ist von „Frau Potiphar“ und „Mut-em-enet“ die Rede… Es würde jedenfalls lohnen, sich mit dieser „Pariser Rechenschaft“ eingehender zu befassen. Es werden viele mir unbekannte Namen genannt und auf tagespolitische Ereignisse verwiesen, die mir nicht geläufig sind. Ich würde hier gerne nach dem Motto verfahren: Wenn du nicht mehr weißt, dann gründe einen Arbeitskreis. Wer hat Lust daran teilzunehmen? Wollen wir hoffen, daß es im Sommer möglich sein wird, sich in einem Gartenlokal darüber auszutauschen.

    Bleiben wir noch kurz im Jahre 1926: Ende Januar hatte die Paris-Reise stattgefunden und im Oktober ist er in Bonn und begleitet seinen Mentor Bernhard Litzmann in dessen Sterbestunde. Prof. Norbert Oellers hat in seinem Beitrag zu unserer Schriftenreihe schon auf die Spannungen hingewiesen, die damals zwischen den beiden herrschte.

    Litzmann hatte von seiner deutsch-nationalen Haltung nie abgelassen. Solche Friedensfahrten zum Erbfeind waren ihm sicher fremd. In der Grabrede Thomas Manns für Litzmann wird das Thema respektvoll ausgelassen. Er saß an dessen Krankenbett am Mittag vor seinem nächtlichen Sterben. Dieser war sich bereits sicher ‚überm Berg‘ zu sein und dennoch – oder gerade deshalb – bestand er darauf, mit Thomas Mann ein letztes Mal anzustoßen. Ein fast heiterer Abgang, ein Text, der mich tief beeindruckte.

    Thomas Mann spricht damals -1926- von seinen ‚wiederholten Besuchen in Bonn.‘ Wann fanden diese im Einzelnen statt? Hat er die Pietà Röttgen irgendwann tatsächlich gesehen? (Siehe hierzu Band 9 unserer Schriftenreihe von Eva de Vos.) Ich mag es kaum glauben, daß sich nicht in irgendwelchen Zeitungs- oder Museumsarchiven Belege für diese besagten Besuche finden lassen könnten. Auch Sie, liebe Ortsvereinsmitglieder, dürfen bei entsprechenden Stellen nachfragen.

    Es ist nur, daß ich es nicht vergesse: Auf meinen letzten Rundbrief bekam ich wieder einige sehr freundliche Antworten von Ihnen. Frau Klose hat sich vertiefend mit Siegfried Kracauer und Klaus Mann beschäftigt – Ihren Brief finden Sie im Anhang – und ein Mitglied, das nicht namentlich genannt werden möchte, schickte mir eine Glosse zu den gegenwärtigen politischen Diskussionen über Öffnungsstrategien, die in ihrer Absurdität und satirischem Wert alles überragt, was wir von jenen mimischen Mittelgewichten gerade zu sehen bekamen und sie verhöhnt insbesondere nicht jene, die von dieser schrecklichen Krankheit betroffen wurden. Er schrieb:

    Lieber Herr Baumgärtner,

    bonjour. Ich nehme an, daß die nächste Bundesregierung die Werktage um drei bis vier Stunden verlängert, nach verschiedenen Bedenken dann nur Mo. Mi. Do. und dafür samedimanche kürzt. Zur Eingewöhnung wird ein Ratgeber mit 25 Seiten an alle Haushalte verteilt. Eilverfahren wird das Verfassungsgericht nicht durchführen, bevor es sich selbst eingewöhnt hat. In den so neu gewonnenen Stunden bekommen zweimal Geimpfte ungeahnte Freiheiten und dürfen sich pro Tag eine Stunde in einer Imbißstube an einen Tisch setzen. Für diese neue Lizenz wird die Mehrwertsteuer auf 22% ange- hoben. Die Gründung neuer Parteien in Imbißstuben wird verboten, weil man sonst gar keine Regierung mehr zusammenkriegt…

    Ich mußte herzlich lachen und habe dem Verfasser applaudiert. Vielleicht tun Sie es mir nach – dann darf ich vielleicht im nächsten Rundbrief seinen Namen nennen.

    Zurück zu Thomas Mann und in die Mitter der zwanziger Jahre: Angeregt durch eine Sendung des Klassik-Forums auf WDR 3, in der der Lindenbaum von Schubert besprochen wurde, habe ich mir den Absatz ‚Fülle des Wohllauts‘ aus dem siebenten und letzten Kapitel des Zauberberg noch einmal vorgenommen, in dem das Ende des Romans anklingt: Der in die Schlacht ziehende Hans Castorp singt Verse dieses romantischen Lieds im Angesicht des Grauens vor sich hin. Bei aller Schönheit und Tröstlichkeit dieser wie von selbst sich mit der Melodie sich unterlegenden Zeilen, ist mir immer noch nicht klar, wie dieses Lied mit einer Todessehnsucht in Verbindung gebracht werden kann.

    Vielleicht können Sie mir dabei helfen. Ich blicke zunächst noch einmal zurück auf die ‚Fülle des Wohllauts‘: Im Berghof gibt es eine Neuerung: Ein Grammophon wurde angeschafft, kein „armseligen Kurbelkästchen“ sondern ein elektrisches mit dem „ausgepichtesten Raffinemang“, wie der Hofrat stolz verkündet, „Ia, ff, was Besseres gibt es nicht in dem Janger.“ Und ein ganzer Schrank voller Platten steht auch bereit, den der junge Castorp in einsamen Nächten für sich erkundet. Erstaunlich nun, welche Musikstücke Thomas Mann alias Hans Castorp uns ausführlich vorstellt. Da ist zunächst Verdis ‚Aida‘, die Geschichte der unerfüllten Liebe, die Castorp unausgesprochen von seiner Clawdia träumen läßt und bei der der Begriff ‚Todessehnsucht‘ sehr wohl angebracht ist. Sie endet mit dem gemeinsamen Sterben, was Thomas Mann eher nüchtern kommentiert:

    „…bis zwei Gerippe unterm Gewölbe lagerten, deren jedem es völlig gleichgültig und unempfindlich sein würde, ob es allein oder zu zweien lagerte.“ In der Oper jedoch träumen Aida und Radames unter „seligem Oktavenvorbehalt“ vom Himmel, was den Erzähler zu dem sarkastischen Schluß bringt: „Die tröstliche Kraft dieser Beschönigung tat dem Zuhörer außerordentlich wohl…“

    An einem anderen Abend findet Castorp bei Debussys ‚Nachmittag eines Fauns‘ zur inneren Ruhe, um sich später an Bizets ‚Carmen‘ zu ergötzen. Sämtlich Musikstücke, die nicht ‚schwitzen‘, um es mit Nietzsche zu sagen oder anders herum: Wagner wird nicht in aller Breite vorgestellt. Fast ist es mir, als hätte Thomas Mann mit solchen Passagen Friedenstäubchen zu seinem Bruder Heinrich abgeschickt.

    Dann folgt die Passage mit dem Lindenbaum, die, wie gesagt, in meinen Augen „etwas dunklerweise“ daherkommt. Das Lied wird als „bewunderungswürdiges Gleichnis für die Welt“ beschrieben, hinter welcher Castorp „seiner Gewissensahnung zufolge“ eine verbotene Liebe zum Tode spüren sollte. Settembrinis Gedankenwelt wird hinzubemüht, und schon sitzt Castorp „in Nacht und Einsamkeit vor seinem gestutzten Musiksarge…“ Thomas Mann nennt weder den Namen des Dichters des Lindenbaums und der Winterreise, noch die Namen des Komponisten des Kunstlieds oder des später daraus entstandenen Volkslieds. Und hier kommt die Klassik-Forum-Sendung ins Spiel, die Xaver Frühbeis in seiner unnachahmlichen Weise moderierte. Ich schrieb ihn über den Sender an und er war so freundlich, mir sein Manuskript zur Verfügung zu stellen. Er verschaffte mir einen erheblichen Erkenntnisgewinn – nicht über die Todessehnsucht Castorps, aber über den politischen Charakter von Lied, Dichter und Komponist. Doch lesen Sie den entsprechenden Ausschnitt seiner Moderation selbst:

    Verschlossen vor der Welt, ohne Haß, aber beladen mit Wehmut ist unser Sänger im nächsten Schubert-Lied unterwegs. Es ist eine kalte Winternacht, er blickt ein letztes Mal noch zurück, erinnert sich an die glücklichen Stunden, die er hier [unter dem Lindenbaum] verbracht hat, aber er muß weiter, weg von dort, obwohl oder grad: weil es so schön dort gewesen ist. Früher mal.

    „Der Lindenbaum“, das wohl berühmteste Lied aus Schuberts Liederzyklus „Winterreise“. Viele kennen das, auch wenn sie wenig mit klassischer Musik zu tun haben, aber: unter einem anderen Namen. „Am Brunnen vor dem Tore“, das ist die erste Textzeile, und „Der Lindenbaum“, das ist der Titel, den der Dichter Wilhelm Müller dem Gedicht gegeben hat.

    Das ist ein nicht unbekanntes Phänomen: daß die Leute, wenn so ein Lied bekannt und volkstümlich geworden ist, den Übertitel ignorieren, und das Lied wird unter seinem Textanfang bekannt. Beim „Lindenbaum“ ist das auch so, und: hier ist aber auch noch die Struktur des Lieds „Am Brunnen vor dem Tore“ eine ganz andere als die im Kunstlied von Schubert. Das merkt man aber erst, wenn man mal genauer anschaut, was Schubert in dem Lied eigentlich macht, und das dann mit dem Volkslied vergleicht.

    Sechs Strophen hat Müllers Gedicht, Schubert faßt sie zusammen zu drei Doppelstrophen, und vertont die auch ganz unterschiedlich. Je nachdem, was drin vorkommt. In der ersten, in Dur, bringt Schubert die bekannte Melodie. Der Wanderer steht vor dem Baum und erinnert sich an früher, an die schönen Träume in seinem Schatten und an die Liebesworte, die er in seine Rinde geschnitzt hat. Dann: die zweite Strophe dieselbe Melodie, aber eingetrübt nach Moll. Der Sänger weiß, hier kann er nicht bleiben, er muß fort, die sanft raschelnden Zweige der Linde versprechen ihm zwar Ruhe, aber: die ist trügerisch. Die dritte und letzte Strophe: bringt den dramatischen Höhepunkt, es blasen dem Sänger die kalten Winde ins Gesicht, Schubert läßt hier die bekannte Melodie weg und bringt stattdessen völlig andere, opernhaft aufwühlende Musik. Der Schluß des Lieds spielt Stunden später, die Dramatik ist weg, der Sänger ganz munter unterwegs, aber es wirkt ihn ihm noch immer die Linde als Versuchung nach. So richtig weitergekommen ist er also nicht, in seinen Gefühlen, und das zeigt uns Schubert in einem musikalischen Kreisschluß. Wir sind wieder am Anfang angelangt, in Dur und wieder mit unserer bekannten Melodie.

    Was Schubert hier gemacht hat, nennt man ein „variiertes Strophenlied“. Sowas ist zwar schön und kunstvoll, – ABER – hat sich der Liedertafelkomponist Friedrich Silcher gedacht – viel zu schwierig. Meine Männerchöre wollen es einfacher haben. Und so hat Silcher zwanzig Jahre nach Schubert den dramatischen Aufbau des originalen Lieds vereinfacht, er hat die Strophen-Melodien einander angeglichen, hat die Wendung ins Moll entfernt, den dramatischen Höhepunkt hat er auch weggelassen, und in dieser vereinfachten Form gilt seitdem „Am Brunnen vor dem Tore“ in aller Welt als ein typisches deutsches Volkslied.

    Man hat das Silcher in unseren Tagen durchaus vorgeworfen. Daß er aus einem Lied, in dem es „um Leben und Tod“ geht, eine „spießbürgerliche Kleinstadt-Idylle“ gemacht habe. Aber ich finde, da tut man Silcher unrecht damit. Kunstlied und Volkslied sind zwei paar Stiefel, und wenn man aus dem einen das andere machen will, dann muß man ein paar wichtige Dinge beiseiteschieben und das Ganze einfacher machen. Sonst haut das ja nicht hin, mit dem Volkslied.

    Wieso eigentlich soll es in dem Lied „um Leben und Tod“ gehen? Eine interessante Frage. Wir wollen uns mal anschauen, was der Text hier sagt, im „Lindenbaum“.

    Die Linde vor der Stadt, hinter dem Tor, am alten Brunnen, ist eine idyllische Szene aus alter Zeit. Eine Linde ist ein Versammlungsort gewesen für die Bewohner der Stadt, Treffpunkt für die Jugend und Ruhepunkt des Alters. Und: die Linde vor der Stadt war immer auch ein Ort, wo der mühsalgeplagte Fußwanderer von auswärts kommend Schatten finden und ausruhen kann, bevor er in die Stadt geht und seine Geschäfte treibt. Und um so eigenartiger ist es, daß der Winterwanderer bei Wilhelm Müller dieser Linde nicht traut. Lieber geht er weiter, der Wind bläst ihm ins Gesicht, der Hut fliegt ihm vom Kopf, aber das zieht er vor. Viele kluge Leute haben sich schon diese Frage gestellt. Wieso Müllers Wanderer diese Linde nicht mag. Und haben sich dabei vielerlei Antworten einfallen lassen.

    Am interessantesten finde ich, was dabei rauskommt, wenn man den sozialen Kontext mit einbezieht. Als Wilhelm Müller die „Winterreise“ gedichtet hat, war im habsburgischen Österreich eine Zeit des Rückschritts. Der ganze Mut zum Aufbruch aus der Enge der Aristokratie, die ganze Hoffnung auf freiere Zeiten für die Bürger war dahin. Die Politik hat auf dem Wiener Kongress die alten Verhältnisse wieder eingesetzt, und damit der Bürger nicht auf die Idee kam, da irgendwelche Dinge dagegen auszuhecken, hat der Fürst Metternich ein Polizei- und Spitzelsystem eingeführt. Die Leute sind überwacht worden, Treffen zu mehreren an öffentlichen Orten waren untersagt, Probeabende von Liedertafeln zum Beispiel mit mehr als vier Sängern waren verboten, deswegen sind auch die meisten von Schuberts Männerchören für eine kleine Besetzung. Und wie der Frühling und der Mai in der Literatur Symbole sind für den Aufbruch, so ist der Winter hier ein Symbol für soziale und politische Kälte. In so einer Gesellschaft will man nicht leben, wo es so zugeht, kann man sich nicht zuhause fühlen. Deswegen ist unser Mann hier auf Wanderschaft, und sucht Wärme und Identität in einem Land, das ihm das nicht mehr bieten kann. Und die gewohnte Ruhe, die der Lindenbaum ihm noch anbieten kann, die ist eine trügerisch gewordene Ruhe in einer kalten und mißtrauisch gewordenen Gesellschaft. Dieses Angebot kann der Wanderer nicht annehmen, lieber geht er weiter, in eine ungewisse Zukunft mit eisigen Gegenwinden, als sich mit den alten restaurativen Kräften gemein zu machen. Wilhelm Müllers Text ist ein fortschrittlich politischer, wenn auch zutiefst resignativer Text, und Franz Schuberts Lied ist ein fortschrittlich politisches Lied.

    So weit der Moderationstext von Xaver Frühbeis. Was wußte von alledem Thomas Mann? Wilhelm Müller war zu seiner Zeit ein sehr populärer Dichter. Drei Jahre älter als Schubert veröffentlichte er 1822 die Winterreise in der Zeitschrift ‚Urania‘, die daraufhin und dieses Gedichtzyklusses wegen verboten wurde. In Müllers Todesjahr 1827 schrieb Schubert seine Vertonung. Kaum denkbar, daß er nicht vom politischen Charakter der Texte wußte. Die Dramatik seiner Vertonung spricht dafür, die Harmlosigkeit von Silchers Fassung von der biedermeierlichen Restauration. In der weiteren Korrespondenz mit Herrn Frühbeis zeigte er sich überzeugt, daß die Müllerschen Leser und die Schubertschen Sänger und Zuhörer ganz selbstverständlich diese Botschaften zwischen den Zeilen verstehen konnten. Anders als wir heute. Dem schließe ich mich an. Zum Glück haben wir Zensur noch nicht leibhaftig erleben müssen. Thomas Mann kannte Sie und mir ist, als käme sie in allzu vielen Ländern wieder in Mode.

    So weit der heutige Rundbrief, aber: Es ist nur, daß ich es nicht vergesse: In den letzten Tagen wurden die Vorbereitungen für unsere Veranstaltung im und mit dem Woelfl- Haus vorangerieben, das Plakat bzw. der Online-Flyer hierfür fertig gestellt – sie finden es in der Anlage. In der Korrespondenz zwischen Frau Prof. Dr. Haider-Dechant und Herrn Dr. Fürtjes wurde mir deutlich, um welch außerordentlich begabten und aufstrebenden Musiker es sich bei Kataro Fukuma handelt, der im vergangenen Jahr aus bekanntem Grund kaum Einnahmen erzielen konnte. Auch der Auftritt bei unseren Kollegen vom Ortsverein Hamburg mußte abgesagt werden. Im Woelfl-Haus hat man sich inzwischen eine für Bonn einzigartige Mikrophon- und Kameratechnik angeschafft, deren „geströmte“ Übertragungsqualität sich von gewöhnlichen Fernsehübertragungen nicht mehr unterscheidet. Bitte merken Sie sich den Termin vor. Vielleicht können Ende Juni auch einige Zuschauer vor Ort zugelassen werden. Die Veranstaltung ist kostspielig. Unser Ortsverein wird sie mit 500.- Euro unterstützen, Hamburg steuert 250.- Euro bei. Sollten über das vereinbarte, bescheidene Honorar von Herrn Fukuma noch weitere Überschüsse erzielt werden, so sollen diese dem jungen Künstler zur Verfügung gestellt werden.

    Nun aber: Auf in den Mai und herunter mit den Zahlen, die wir täglich verfolgen, herzlich Ihr Peter Baumgärtner

    Anlage Brief Klose

    Lieber Herr Baumgärtner, vielen Dank für die beiden Rundbriefe, mit denen Sie zu einem literarischen Spaziergang einladen.

    Zu „Treffpunkt im Unendlichen“ habe ich mich an etwas erinnert.

    Das Bild auf dem Umschlag meiner Spangenberg-Ausgabe aus 1992 mit einem Nachwort von Fredric Kroll, datiert November 1991, ist im Motiv angelehnt an ein Cover zu Ralph Benatzkys Revue „Für Dich“. Zitat der Bildunterschrift: „Das Bild zeigt das Titelbild des 1925 erschienenen Revue-Librettos mit der Klavierbearbeitung.“ Es ist mit der Karikatur einer Frau mit großem Herzen in schönen überwiegend lindgrün-blauen Pastelltönen gehalten, was an sich ja schon Freude vermittelt, während der Romaneinband zwar auch die Frau mit dem roten Herzen, das schon unter ihren Hals gerutscht ist, zeigt, jedoch die dunkleren Farben schwarz-rot-gold überwiegen, dazu das Hakenkreuz …… Ein Kommentar ist wohl nicht nötig.

    „Treffpunkt im Unendlichen“ hat mich an einen Roman von F. Scott Fitzgerald erinnert – „Die Schönen und Verdammten“. Auch dieser Roman, wenn auch früher erschienen, handelt ja von jungen reichen Leuten, die das Leben genießen. Wie kein anderer hat Fitzgerald das Lebensgefühl dieser Gesellschaftsschicht der „roaring twenties“ in den USA beschrieben, es ist ja praktisch seine und Zeldas Autobiographie, sie verkörperten das jazz-age wie kaum andere.

    Natürlich unterscheiden sich die Lebenswege der beiden Autoren voneinander und damit auch die jeweilige Schreibweise der Romane (wie auch bei Anthony Powell, der als ehemaliger Etonianer das Leben dieser Gesellschaftsklasse kannte). Sie wussten, wovon sie schrieben. „Die Schönen und die Verdammten“ sind für mich schwungvoller und flüssiger zu lesen als „Treffpunkt im Unendlichen“, was sich etwas langsam dahinzieht. Zitat aus dem Nachwort von Fredric Kroll: „Klaus Mann will durch die Form des Romans dem Leser eine Veranschaulichung der „mystischen Einheit“ allen Seins vermitteln. Die ethische Aussage wohnt der Form inne. Der Roman, der über die in der Handlung geschilderten Grenzen von Raum und Zeit hinausdrängt, bildet die neue Unendlichkeit, in der die Figuren sich treffen können, trotz einer Handlung, die sie sogar im Tode trennt.“ Es ist ein Roman des Nebeneinanders. Klaus Mann übte Jahre später ja Selbstkritik am literarischen Wert seines Buches, zu schnell geschrieben, ohne Dichte. Wenn man allerdings im Nachhinein sein Leben, die politischen Verhältnisse, das Exil etc. betrachtet, so bleibt – Zitat „Treffpunkt im Unendlichen“ als beredtes Zeugnis von Klaus Manns psychologischem und dichterischen Können“.

    Während Golo Mann von dem Roman begeistert war, hatte Siegfried Kracauer harsche Kritik geübt. Ob nun ein literarisches Werk gefällt oder nicht, ist ja wohl auch Geschmackssache der Leserschaft, und das sagt ja nicht unbedingt etwas über die literarische Qualität.

    Zu Kracauers „Ginster“ habe ich einen Artikel aus dem Feuilleton der FAZ vom 21. Januar 2021 (Nr. 17 Seite 13) mit der Überschrift: „Dass Sie lachen mussten, bestätigt doch auch meine Kunst“ – Wie Siegfried Kracauer der Kritik einer Buchhändlerin begegnete, die ihm als Vorbild für eine Romanfigur bedient hatte. – Es geht um die Figur der Elfriede, die bisher nur als literarische Fiktion gesehen worden war.

    Aus einem bisher unbekannten Brief Kracauers geht hervor, dass es sich um eine reale Person gehandelt hat. Kracauer hatte während seiner Osnabrücker Zeit beim Stadtbauamt eine junge Buchhändlerin mit Namen Friedel Hanckel, geb. Wulff, kennengelernt. Sie stammte aus einer Osnabrücker Familie und war mit dem Berliner Buchhändler Bruno Hanckel verheiratet. Die beiden hatten in der Osnabrücker Krahnstrasse eine Buchhandlung gegründet, wo Kracauer die junge Frau wohl kennengelernt hatte. Er hatte ihr ein Gedicht „Über die Freundschaft“ mit Datum 5. Juni 1918 gewidmet, ihr Geburtstag war am 6. Juni.

    Zurück in Frankfurt in 1921 arbeitete Kracauer bis zu seiner Emigration als leitender Redakteur des Feuilletons der „Frankfurter Zeitung“ und hatte wohl keine Verbindung mehr nach Osnabrück – jedenfalls ist keine Korrespondenz erhalten.

    Als Buchhändlerin hatte Frau Hanckel „Ginster“ nach Erscheinen gelesen, sich in der Figur der Elfriede wiedererkannt und in einem wohl verloren gegangenen Brief an Kracauer kritische Worte bezüglich ihrer Charakterisierung geäußert. Kracauer hatte, wie er ihr schrieb, sie nicht über das Erscheinen des Buches informiert, aus Angst vor ihrer vielleicht nicht wohlwollenden Reaktion darauf. Das Buch war von der Kritik auch alles andere als wohlwollend aufgenommen worden. Einzig sein Freund Joseph Roth zeigte sich begeistert, seine Rezession hatte Kracauer ihr mit dem Brief zugesandt. Er betont weiter, dass die Figur Elfriede fiktional sei und er damit nur Osnabrücker Erinnerungen verbinde.

    Erst über 40 Jahre später, als Kracauer noch im New Yorker Exil lebte, hatte er nochmals brieflich Verbindung mit Frau Hanckel. In einem Brief vom 7. April 1965 an Frau Hanckel wirbt er bei ihr ein letztes Mal um Verständnis für seine Elfriede. Friedel Hanckel solle ihm – Zitat -„nicht boeser sein, als es unbedingt notwendig ist“.

    Zu Siegfried Kracauer bin ich noch über einen Artikel in der FAZ Literatur vom 8. April 2021 auf ein neues Buch von Dorothee Kimmich aufmerksam geworden: „Leeres Land – Niemandsländer in der Literatur“. Kimmich behandelt darin Orte der Literatur, die real sind oder waren und nicht unbedingt als „Niemandsland“ in das Bewusstsein der Leserschaft eingehen. So zum Beispiel bei Kracauers Essay über die Berliner Lindenpassage, die nicht mehr existierte, als Kracauer im Dezember 1930 darüber in der „Frankfurter Zeitung“ schrieb.

    Kimmichs Untersuchung verweist auf den Vorrang des Objekts. Zitat: „Als das eigentliche Sujet der Niemandslandstexte – so Kimmich – könne man „die Erfahrungen bezeichnen, die die Niemande im Niemandsland machen: Die Entkoppelung von Eigen und Eigentum gehört ebenso dazu wie eine erstaunliche Beglückung durch Entfremdung…““.

    Frau Kimmich behandelt in dem Buch noch weitere Niemandsländer, so zum Beispiel die von Theodor Storm, Gottfried Keller, Goethes Faust, Adalbert Stifter. – Aber diese Lektüre um Kracauer herum habe ich noch vor mir. Dazu möchte ich noch auf Frau Kimmichs kleines Büchlein aus 2011 „Lebendige Dinge in der Moderne“ hinweisen, das auch schon einen Text zu Siegfried Kracauer „Überleben im Niemandsland der Dinge“ enthält.

    So haben wir sicher noch eine Reihe von Spaziergängen durch die Literatur vor uns. Wie ich wieder einmal festgestellt habe, zieht auch hier ein Buch andere nach. Ausgehend von einem Schriftsteller kommt man zum nächsten …

    Ich freue mich schon darauf, was Sie, lieber Herr Baumgärtner, als nächstes ansprechen. Mit freundlichen Grüßen aus Duisburg

    Ellen Klose

  • Rundbrief Nr. 25



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    „Das Vaterland kann man verlieren, aber die Muttersprache ist der unverlierbare Besitz, die Heimat der Heimatlosen.“ Von diesem Satz Klaus Manns – aus: Das Sprachproblem von 1947 – war ich seltsam ergriffen. Er denkt darin nach über sein erzwungenes Schreiben in einer fremden Sprache. Ich mußte an unseren gegenwärtigen kulturellen Heimatverlust denken, an unseren Verlust persönlicher Begegnungen, des gemeinsamen Erlebens von Kultur, in der Oper, Konzerthäusern, Theatern, Museen, Kinos und in unserem Falle eben von Lesungen, von Gesprächen über Literatur. Was uns bleibt, ist die Sprache an sich, die Texte, unsere Bücher, mit denen wir noch einige Zeit einsam in unserem häuslichen Exil verbringen müssen.

    Auf meinen letzten Rundbrief erhielt ich vielerlei Zustimmung zu meinen Äußerungen zu den Übersetzungsfragen festgemacht an dem Gedicht von Amanda Gorman, aber ich erhielt auch einen recht entrüsteten Brief über meine Äußerungen zur gendergerechten Sprache und den diversen sexuellen Identitäten. Mein Ausdruck ‚sprachliche Umerziehung‘ sei sehr polemisch gewesen, was ich in einem Antwortbrief auch einräumte, dies aber eben meinem persönlichen Empfinden entsprechen würde. Dann wurde moniert, daß meine Ausdrucksweise „gespiegelte und verdrehte sexuelle Identitäten“ bei Transmenschen übel aufstoßen würde. Darauf konnte ich nur antworten, daß in meinen Ohren der Begriff „Transmensch“ ganz fürchterlich klingt, bezeichnet er doch eher einen technisch-medizinischen Vorgang als die Sehnsucht und Neigung eines Menschen. Einig waren wir uns schnell, daß in einer Thomas-Mann-Gesellschaft jegliche Vorbehalte gegen jedwede sexuellen Neigungen keinen Platz haben und daß gerade in einer literarischen Gesellschaft Diskussionen über sprachliche Konventionen und Empfindlichkeiten sehr wohl ihren Platz haben.

    Zu dem Buch ‚Prag empfing uns als Verwandte – Die Familie Mann und die Tschechen‘ hat sich ein interessanter Dialog entwickelt zwischen dem Autor Peter Lange und unserem Mitglied Ellen Klose aus Duisburg, über den zu berichten sein wird, wenn wir in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft Herrn Lange in Bonn begrüßen dürfen. Und auch bei Herrn Jens-Peter Otto kamen wieder vielfältiger Erinnerungen an die Fahrten mit Golo Mann auf und an seine vielen Begegnungen in Kilchberg, mit Katia, Erika und vielen anderen mehr. Auch hier gilt die oben genannte Hoffnung, bald in einer öffentlichen Veranstaltung darüber berichten zu können.

    Doch nun zur Fortsetzung meines Spaziergangs durch die Literatur im Umfeld Thomas Manns Ende der 20er Jahre. Dabei stieß ich auf meine frühere Beschäftigung mit Klaus Manns ‚Treffpunkt im Unendlichen‘, erschienen 1932. Der Roman schildert das Leben junger, wohlhabender Leute, die in der bürgerlichen Welt nicht mehr zuhause sind.

    Verschiedene Handlungsstränge werden parallel erzählt, spielen in Berlin und Paris, in Nizza und in München. Die erzählerische Form, der sprunghafte Wechsel von Zeit, Ort und Personen entspricht dem Dargestellten, dem Reigen, in dem diese jungen Menschen umeinander tanzen, sich trösten und sich verletzen. Das Leben bleibt ohne Ziel und Richtung, in filmischer Schnitttechnik beleuchtet Mann Augenblicke: Da liest eine Frau in der Zeitung von Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl in den USA, während deren Freundin daneben von einem sportlichen Masseur, der über den Körperkult schwafelt, durchgewalkt wird; ein Zimmer weiter setzen sich zwei Freundinnen die Spritze und träumen vom großen Glück und auf der Straße ziehen grölend die Braunhemden mit den roten Fahnen vorbei, und im fernen Nizza nimmt sich ein junger Homosexueller das Leben, weil er keine Aussicht sieht, je sein Glück zu finden.

    Klaus Mann wußte, wovon er schreibt. Viele aus seinem Umkreis fühlten sich karikiert, bloßgestellt, protestierten bei Klaus lauthals, nachdem das Buch erschienen war. Doch das Bloßstellen war nie seine Absicht. Er beschrieb in all seinen Figuren letztendlich sich selbst, seine eigene Ausweglosigkeit. Seine Art zu schreiben wurde erst dreißig Jahre später wieder entdeckt. Doch da war sein Licht längst erloschen.

    Dies ist kein reifes Werk, sprachlich hätte er noch vieles feilen können, herbste Kritik mußte er dafür einstecken. So auch von Siegfried Kracauer, der am 1. Mai 1932 in der Frankfurter Zeitung das Buch eine „wendige Schmiererei“ nannte und „einfach zum Kotzen“ sei. „Klaus Mann mit seinem Schreibtalent schreibt das schmierige Leben einfach ab, ohne ihm irgendeine Bedeutung zu entnehmen, …“ Klaus Mann, verletzt, notiert in sein Tagebuch: „Kracauers bitterböser Aufsatz in der Frankfurter. Schon gescheit – aber dann hat man doch wieder gar nichts davon, weil zu voreingenommen, neidisch und essentiell […] böse ist. […] Kann mir trotzdem manches merken.“ Meinte er, wenn er den Sohn schlug, eigentlich den Vater? Ein Jahr zuvor schon, im Mai 1927, hatte Kracauer sich diesen vorgenommen:

    „Der Dichter Thomas Mann verdient vor Thomas Mann, dem praeceptor Germaniae, in Schutz genommen zu werden; vor dem Praezeptor das Massenhafte der Demokratie. Es muß gesagt sein: das sonderbare Liebeswerben des großen bürgerlichen Prosaisten um die Demokratie, oder was er so nennt, ist ein Schauspiel unerquicklicher Art. Sein Instinkt ist über der Anstrengung unsicher geworden, sein Urteil hat sich verwirrt, seine Ironie sich vollends ins Grundlose verlaufen. Das Bild des Dichters erhielte sich reiner, wenn der demokratische Präzeptor sich weniger bemühte.“

    Wer war dieser Siegfried Kracauer? Woher rührt diese Schroffheit? Kracauer wurde 1889 in Frankfurt geboren, studierte auf Wunsch der Eltern Architektur, war wie Thomas Mann beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs begeistert, bevor er nach dem Kriege die Architektur hinter sich ließ. Er verfolgte in Frankfurt die Gründung des ‚Instituts für Sozialforschung‘ und lernte dabei Erich Fromm, Max Horkheimer und auch den jungen Theodor Wiesengrund Adorno kennen, im Freien Jüdischen Lehrhaus machte er die Bekanntschaft mit Martin Buber und Franz Rosenzweig. 1921 trat er als Lokalreporter bei der Frankfurter Zeitung ein, 1922 wechselte er ins Feuilleton, als dessen Chef er 1930 nach Berlin ging. Er bewegte sich also im Fokus linksliberaler Kreise der Weimarer Republik. Ob Thomas Mann dessen ersten Roman ‚Ginster‘ (erschienen 1928) nach dem obigen Zitat in die Hand genommen hat, halte ich für fraglich – sein Vergnügen daran hätte er gehabt. Das Buch trägt starke autobiographische Züge, wenngleich er seinen Protagonisten Ginster zu Beginn des Ersten Weltkriegs zu einem entschiedenen Drückeberger macht, der sehr an Felix Krull erinnert. Im Gegensatz zu Thomas Mann ist der Duktus von Kracauers Sprache wissenschaftlich knapp und präzise und entwickelt gerade dadurch eine poetische Kraft. Ginster arbeitete während des Krieges noch als Architekt und hat als solcher den Auftrag, einen Soldatenfriedhof zu planen:

    Ihre Angehörigen wollten sie wieder haben; wenn nicht lebendig, so doch die Leichen. Auch mußten sich die Soldaten selbst in schönen Gräbern wohler fühlen als draußen. Manche von ihnen waren zu Lebzeiten mit Frau und Kindern in einem Loch unterge- bracht gewesen, nun sollten sie wenigstens im Tod besser einquartiert werden.“ Neben einem solch ätzenden Sarkasmus versteht sich Kracauer auch in feiner und wunder- schön böswilliger Ironie. Ginster wird nach dem Kriege Lokalreporter und hat es als solcher mit den lokalen Größen zu tun: „Wenzel hatte einen Bauch in mittleren Jahren und beaufsichtigte die städtische Kanalisation. Das Wasser lief offenbar von selbst ab, denn er fand sich immer wieder in Ginsters Büro zu stundenlangen Besuchen ein.“

    Kracauers literarisches Schaffen ging fließend in seine wissenschaftliche Arbeit über. So erschien 1930: ‚Die Angestellten – Aus dem neuesten Deutschland‘. Unmittelbar vor der Weltwirtschaftskrise betrachtet Kracauer kritisch die Heilsversprechen der kapitalistischen Wirtschaft, der beginnenden Rationalisierung in allen Bereichen. Das Buch gilt als Keimzelle der Sozialforschung. (Meine Ausgabe von 1959 ist bei Allensbach erschienen als Band 1 der ‚Klassiker der Umfrage-Forschung‘.) Das Buch ist weiß Gott nicht in einem trockenen Soziologenton geschrieben, sondern eher wie eine Reportage mit jeweils sich anschließenden analytischen Betrachtungen. Kapitelüberschriften wie ‚Kurze Lüftungspause‘, ‚Kleines Herbarium‘ oder ‚Zwanglos mit Niveau‘ sprechen für sich.

    Beobachtungen und Begegnungen bilden stets die Grundlage für seine weiterführenden Gedanken. Das klingt nicht selten sehr humorvoll. Ein Beispiel: „Eine junge Verkäuferin hat mir von ihrer Freundschaft mit einem tüchtigen Metallarbeiter erzählt, der auf Drängen ihres Vaters den Beruf gewechselt habe. Der Vater ist nichts geringeres als ein Justizwachtmeister und duldet daher keinen Arbeiter in der Familie. Nun muß sich der Erwählte mit dem subalternen Posten eines Kassenboten begnügen, ist aber dafür zum Bräutigam avanciert.“

    1933 wird Kracauer wie vielen anderen auch die Existenzgrundlage entzogen. Er flieht mit seiner Frau nach Paris, wo er als Journalist nach Publikationsmöglichkeiten sucht, insbesondere in deutschsprachigen Schweizer Zeitungen. Dort wird sein Schaffen von den Manns verfolgt. Klaus Mann, der in Zürich häufig mit Ernst Bloch zusammenkommt, notiert am 21.9.33 in sein Tagebuch: „Im »Odeon«: Bloch (z.B. über Kracauer, dem es elend gehen soll; Grenzen der Rachsucht.) “ Die Milde von Klaus Mann beeindruckt mich immer wieder, wahrscheinlich sein zentrales Problem in den rauen Zeitläuften, in denen er leben mußte.

    Kracauer unternimmt in Paris einen zweiten Versuch eines literarisch-soziologischen Romans. 1937 erscheint bei Lange in Amsterdam: ‚Pariser Leben – Jaques Offenbach und seine Zeit‘. ‚Eine Gesellschaftsbiographie‘ lautet ein weiterer Untertitel und beleuchtet damit die Zwitterhaftigkeit des Dargestellten, den ständigen Wechsel der Brennweiten, der Fokussierung auf die Figur Offenbachs auf der einen Seite, und auf der anderen die Weitung des Blicks auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung insbesondere in Frankreich. Man bedenke: Kracauer schrieb dieses Buch im Pariser Exil über einen anderen deutschen Juden, der 100 Jahre vor ihm in diese Stadt kam und die Welt der Musik revolutionierte. Mit keinem Wort erwähnt Kracauer seine eigene Gegenwart – und dennoch ist diese von der ersten bis zur letzten Seite präsent. Er feiert Offenbachs Weltläufigkeit, dessen Freiheit, Frivolität und Zugewandtheit an die Menschen, und damit eben das Gegenteil seiner deutschen Gegenwart. Wenn seine wenigen Leser 1937 vom Aufstieg Napoleons III. erfuhren: „Eine Nation, die voller Aktivität unpolitischen Zielen nachjagt, das war die Voraussetzung einer stabilen Diktatur.“ – dann wußten sie, was auch gemeint war – und wir sollten heute nicht überheblich darüber hinweglesen. Dies gilt für viele andere Sätze auch: „Die Operette konnte entstehen, weil die Gesellschaft, in der sie entstand, operettenhaft war. – Bedingt wurde der Operettencharakter dieser Gesellschaft aber dadurch, daß sie sich gegen die Wirklichkeit verstockte, statt sich nüchtern mit ihr auseinanderzusetzen.“ Offenbachs Antipode war natürlich Wag- ner: „Gelehrt und langweilig zu sein, ist nicht gleichbedeutend mit Kunst; mehr wiegt, pikant und melodienreich zu sein…“

    Nun habe ich einen Roman Kracauers übersprungen: ‚Georg‘. Er hatte ihn bereits Ende 1932 fertig gestellt, erschien aber erst posthum 1973. Wie ‚Ginster‘ ist er stark autobiografisch geprägt und quasi die Fortsetzung des ersteren. Er spielt Anfang der zwanziger Jahre vor dem Hintergrund der galoppierenden Inflation. Der Lokalreporter Georg faßt Fuß in einer Zeitungsredaktion, wird stadtbekannt durch seine Rezensionen aus dem Kulturleben, findet dadurch Zugang in die Gesellschaft des wohlhabenden Bildungsbürgertums, wenngleich sein Herz für die Linke schlägt. In Kreisen der radikalen Kommunisten wird er allerdings mit Argwohn beäugt, sein Denken in Bezug auf ein freies Künstlertum paßt nicht in die Schemen der marxistischen Dogmen. Dies ist ein Erzählstrang des Romans. Er dient auch als Hintergrund für ein Gesellschaftsbild dieser Zeit. Der Reporter Georg durchmißt alle Gesellschaftsschichten, mit seinen Augen entwickelt Kracauer so etwas wie eine erzählerische Soziologie, die wieder sehr humorvoll daherkommt. „(…) da Frau Heinisch bei jeder Gelegenheit stolz versicherte, daß sie Willi im Interesse des Weltfriedens nicht mit Bleisoldaten zu spielen erlaube, hatte er sich den Jungen immer als ein besonders inniges Musterbübchen vorgestellt. Statt dessen entpuppte sich Willi als ein rötlicher, fetter Brocken, der so wenig an die Verwirklichung des Weltfriedens dachte, daß er seine Fäuste drohend gegen die Mutter erhob.“ Und Kracauer getraut sich sprachlich einen kräftigen Pinselstrich: „Der Sprecher war ein schwarzhaariger junger Mann, dessen goldenes Pincenez vor Selbstzufriedenheit laut funkelte. Außerdem hatte er beständig ein öliges Lächeln auf den Lippen, mit dem er sicher seine Gescheitheit einfettete.“ Die in den zwanziger Jahren um sich greifende Sportbegeisterung beobachtet er mit skeptischen Blicken: „Wozu sie eigentlich die viele Gesundheit benutzen wollten, war nicht zu ermitteln.“

    Der andere Erzählstrang beschreibt seine Liebe zu dem um zehn Jahre jüngeren, hübschen und wohlhabenden Fred. Dieser gleichgeschlechtliche Liebesreigen wird mit großer Deutlichkeit und ebensolcher Zartheit geschildert. Zu meiner Überraschung fand ich im Netz, im ‚Bibliotheksservice-Zentrum Baden-Württemberg‘, die Schilderung der Annäherung von Siegfried Kracauer an Thomas Mann. 1934 wandte er sich nach Küssnacht, um um Unterstützung bei der Suche nach einem Verlag für ‚Georg‘ zu bitten.

    Mann sei darob „etwas verdutzt“ gewesen, denn „in Friedenszeiten“ habe er für ihn „nie viel übrig gehabt, was sehr milde gesagt ist.“ Dennoch läßt er sich das Manuskript zukommen und lobt den Roman in höchsten Tönen:

    „Die hohen literarischen Eigenschaften Ihres großen Gesellschaftsbildes haben ihren Eindruck auf mich nicht verfehlt, und das Problem des Buches, ich meine sein Schicksal, beschäftigt mich angelegentlich. Ich habe in diesen Tagen der Lektüre seine geschmeidige Stilistik, seinen Geist, die schmerzliche Schärfe seiner Beobachtung zu sehr schätzen und ehren gelernt, als daß ich seine baldige Veröffentlichung nicht mit Ihnen wünschen müßte, (…).“

    In diesem respektvollen Ton beginnt ein Briefwechsel, von dem 16 Schreiben überliefert sind. In Amerika unterstützt Mann Kracauer noch bei der Bewerbung um ein Stipendium, was dessen Arbeit zur Geschichte des Stummfilms wesentlich befördert. Zum siebzigsten Geburtstag von Thomas Mann schreibt Kracauer:

    Ihre historische Größe scheint mir darin zu liegen, dass es Ihnen gelungen ist, jene unendlichen Hemmungen und Widerstände zu überwinden, die den Deutschen immer wieder daran verhinderten, der Realität ins Auge zu sehen, an die Gesellschaft zu denken, in der er lebt, und der Vernunft das zu geben, was ihr gehört, ohne darum an echter Tiefe zu verlieren. Viele Deutsche vor Ihnen, die groß heißen und wohl auch sind, folgten dem übermächtigen romantischen Zug und versanken in einer gleißnerischen Tiefe je älter sie wurden. Sie sind den umgekehrten Weg gegangen, den, der an die Oberfläche, ans nüchterne Tageslicht führt, und haben dabei unter schweren Mühen versucht, das von der Fracht zu retten, was wirklich kostbar ist und nicht nur Ballast. Diese Entwicklung von innen nach außen, von der schlechten Innerlichkeit zur guten Äußerlichkeit, scheint mir mehr und mehr der paradigmatische Zug in Ihrer historischen Erscheinung – ich meine jene Erscheinung, die aus den Werken entsteht, aber nicht aus ihnen allein besteht, sondern über sie hinauswächst, sich verselbständigt und in der Geschichte weiter wirkt. Sich nach Ihnen zu bilden, wird eine der wenigen Hoffnungen sein, die den Deutschen geblieben sind.“

    Dies wäre schon ein wunderbares Schlußwort zum Rundbrief, wenn ich Ihnen dieses Bild nicht noch zeigen möchte. Es zeigt das Mausoleum von Dr. Hermann Weil, der gemeinsam mit seinem Sohn Felix den finanziellen und auch ideellen Grundstein für das Institut für Sozialforschung in Frankfurt legte. Er ließ es errichten neben dem jüdischen Friedhof von Waibstadt, nahe Sinsheim, weihte es 1928 noch ein kurz bevor er starb.

    1938 wurde es verwüstet, seine Urne entwendet. Vor beinahe 50 Jahren sah ich es zum ersten Mal. Mein Großvater zeigte es mir eher beiläufig bei einem Sonntagsspaziergang. Die Kuppel war geborsten, Bäume sprossen aus den Mauerritzen. Mir, dem Schulbub von damals, war noch nicht bewußt, welch begeisterter Nazi mein Großvater gewesen war. Das Bauwerk wurde mittlerweile bereits zweimal saniert. So weit der Blick in meine Unterwelt, die mich zum Schaffen drängt.

    Bleibt mir zum Abschluß nur, Ihnen alles Gute und vor allem Gesundheit zu wünschen. Herzlich Ihr Peter Baumgärtner