Kurzmitteilungen

  • Rundbrief Nr. 24 + Anlage Brief Pfeifer 



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    mit einer etwas traurigen Nachricht muß ich diesen Rundbrief beginnen: Unser Architekturbüro verläßt die Thomas-Mann-Straße, womit auch unser Ortsverein diese höchst passende Anschrift verliert. Wir ziehen in die Wurzer Straße 106. Diesem Herrn Wurzer hat Godesberg die Erkenntnis zu verdanken, daß aus der Quelle im Stadtpark Heilwasser sprudelt. Eine verdienstvolle Sache, wie ich finde, daher meine Bitte, sich ab 1. Mai 2021 an diese Adresse zu gewöhnen.

    In Sachen Corona befinden wir uns noch auf allzu stürmischer See, als daß ich schon den Mut fände, Sie zu einer Präsenzveranstaltung zu laden. Zu den stürmischen Debatten über eine korrekte Impfreihenfolge will ich mich hier nicht äußern. Die leidenschaftlichen Debatten um das generische Maskulinum sollten eher unser Thema sein. In der Kulturwelt scheint sich die Meinung durchzusetzen, daß wir uns einer sprachlichen Umerziehung zu unterwerfen hätten, wogegen sich mein Sprachgefühl mit aller Macht auflehnt. Dieser ‚Hicks‘ vor dem ‚Innen‘ will mir nicht über die Lippen. Ich werde dennoch versuchen, mich mit herkömmlichen Mitteln einer geschlechtergerechten Sprache zu bedienen. Man möge mich tadeln, wenn ich einmal daneben greife.

    Noch viel ratloser bin ich in der Frage, wie ich sprachlich mit all den anderen gespiegelten und verdrehten sexuellen Identitäten umgehen soll. Damit mich niemand mißversteht: Ich nehme all diese Dinge mit Staunen und Respekt zur Kenntnis und will niemanden belehren oder von seinem Weg abbringen. Aber ich kann auch nicht umhin, an Thomas Mann zu denken: er hat die ihm innewohnende Neigung künstlerisch, humorvoll und dennoch zurückhaltend nach außen getragen. Der Begriff des ‚Lebensdienstes‘ spielte bei ihm eine große Rolle. Er stellte die Frage, wie der Einzelne seine Talente in die Gesellschaft einbringen kann und erhob nicht die Forderung, daß die Gesellschaft für jegliche Befindlichkeit eigene Nischen zu schaffen hat.

    Dieses Thema berührt ein weiteres, bei dem ich glaube, so langsam aus der Zeit zu fallen. Dem letzten Rundbrief habe ich das wunderschöne Gedicht „The Hill we climb“ von Amanda Gorman beigefügt. Nun ist eine weitere abstruse Debatte darüber entbrannt, wer denn in der Lage sein darf, diese Verse in andere Sprachen zu übertragen. Ich kneife die Augen zusammen und denke darüber nach, ob denn wirklich alle Übersetzer Thomas Manns weiße, hanseatische Kaufmannsöhne waren mit einer intellektuell im Zaum gehaltenen Homosexualität? Natürlich waren sie das nicht! Und das ist auch gut so! Zur Übersetzung bedarf es eines Zuhauseseins in zwei Sprachen, der Kenntnis über deren Untiefen und Doppeldeutigkeiten, zudem eines allgemeinen Sprachgefühls für Rhythmik und Melodie – und erst wirklich ganz zuletzt bedarf es einer gleichen Hautfarbe, Religion oder eines gleichen Geschlechts.

    Nun aber endlich zur Literatur, zu aktuellen Hinweisen und Berichten zu Lese-Abenteuern rund um Thomas Mann. Im Anhang ein Brief von unserem Mitglied Marcus Pfeiffer zu aktuellen Ausstellungen und Anregungen zu künftigen Veranstaltungen. Gleichfalls angehängt ist ein Brief von Patricia Fehrle mit ihren Gedanken zur Biographie von ‚Katias Mutter‘ Hedwig Dohm.

    Ich darf Sie an dieser Stelle auf eine sehr interessante Neuerscheinung aufmerksam machen: Im Prager Verlag für deutschsprachige Literatur ‚Vitalis‘ erschien ‚Prag em- pfing uns als Verwandte – Die Familie Mann und die Tschechen‘. Autor ist der ARD-Korrespondent Peter Lange, dessen Dienstwohnung in Prag sich in der Nachbarschaft von Heinrich Manns Enkel Jindřich befindet, welcher auch ein Vorwort zu dem Buch verfaßte. So ist auch das erste Kapitel Heinrich Mann, dessen erster Frau und seiner Tochter gewidmet. Wenn man dies liest, beginnt man schnell, sein eigenes Jammern über die Schwierigkeiten unserer Gegenwart zu relativieren. Die Zumutungen und Verluste, denen die Familie Mann – und nicht nur diese – auf ihrem Weg ins Exil ausgesetzt waren, sind für uns heute nicht vorstellbar.

    Ganz nebenbei wird das konfliktbehaftete Miteinander der tschechischen und deutschen Bevölkerung in diesem noch ganz jungen Nachfolgestaat von Böhmen und Mähren geschildert. Eine untergegangene Welt, in die der Vitalis-Verlag sehr interessante Einblicke verschafft. Eine zentrale Persönlichkeit in diesem Zusammenhang war Max Brod, der uns als Nachlaßverwalter von Franz Kafka bekannt ist. Auch von Thomas Mann, dem „Meister der Wort- und Satzmelodie“ war er angetan. In Langes Buch findet sich das Zitat: „Thomas Manns Ausgeglichenheit war mir ein sittliches Vorbild… Haltung, selbst wenn es in der Seele blitzt, donnert und einschlägt.“

    Bevor die einzelnen Familienmitglieder die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft erlangen konnten, mußten sie das Bürgerrecht in einer Kommune erwerben, worüber ein Stadtrat befand. In der Gemeinde Proseč hat sich ein Taschentuchfabrikant namens Fleischmann leidenschaftlich für die Manns eingesetzt. 1937 besuchten Thomas und Katia diesen Ort, hinterließen ein Scheck für Bedürftige, wofür eine Streuobstwiese auf dem Dorfanger angelegt wurde. Schöne Geschichten, die man mit Rührung liest.

    Beim Lesen des Golo-Kapitels fiel mir auf, daß Herr Lange mit Golos Chauffeur bei den Wallenstein-Recherche-Reisen Ende der 1960er Jahre nicht gesprochen hatte. Ich stellte sogleich den Kontakt zu jenem Jens-Peter Otto her, der schon häufig Gast bei unseren Veranstaltungen war. Dieser verfertigte Herrn Lange eine lange Liste von Er- innerungen, die bei einer hoffentlich notwendigen zweiten Auflage des Buchs Eingang finden werden. Aber warten Sie nicht mit dem Kauf, bis es soweit ist. Herrn Lange habe ich jedenfalls für bessere Zeiten nach Bonn eingeladen und er hat auch zugesagt mit allen Vorbehalten, die man heute so machen muß.

    Im Zusammenhang mit Prag möchte ich auf einen leider fast vergessenen Autor aufmerksam machen, auf Hermann Grab. Für dessen 1935 erschienenen Roman ‚Der Stadtpark‘ schrieb Klaus Mann im 7. Heft des zweiten Jahrgangs seiner Zeitschrift ‚Die Sammlung‘ eine lobende Besprechung. Der Roman schildert eben jene untergegangene Welt, die großbürgerliche, deutschsprachige zu großen Teilen jüdische Gesellschaft in Prag. Daß in dieser Stadt auch Tschechen lebten, erfährt man nicht. Ein Roman von und für die Deutsche Oberschicht. Der 1903 geborene Grab schildert seine wohlbehütete Kindheit in Zeiten des Krieges. Immer schlimmere Berichte von der Front dringen ab und an durch, werden aber beharrlich ignoriert. Niemand ist bereit, seinen Lebensstil zu ändern. Ein erstaunlich duftig-impressionistisches Bild einer untergegangenen Zeit, veröffentlich zu einem Zeitpunkt, an dem der noch viel schlimmere Untergang sich ankündigte. Diese Flucht aus der Welt hat auch Thomas Mann begeistert. Er verfaßte ein Empfehlungsschreiben: „Schon die reine Form, in der diese Knabenerlebnisse gegeben sind, hat mich rasch für die Lektüre eingenommen, und die kindlich eindringliche, virtuose Beobachtungsschärfe, die überall begegnet, mich mehr und mehr entzückt.“ 1938 war Hermann Grab dann bei Thomas Mann in Küsnacht zu Gast. Der Roman wurde mehrfach neu aufgelegt und ist antiquarisch gut zu bekommen.

    Es ist mir ein Anliegen, noch auf einen weiteren Autor hinzuweisen, der mit Thomas Mann in jahrzehntelangem Kontakt war und der ob seiner Lederhosenverkleidung allzu oft unterschätzt wird, auf Oskar Maria Graf. (In seinen jungen, Münchner Jahren war er gut bekannt mit Rilke, der es Oskar Graf verzieh, daß sich dieser den Zweitnamen ‚Maria‘ als Künstlerattribut ‚entlieh‘.) Besonders hinweisen möchte ich auf den 1959 erschienenen Roman ‚Die Flucht ins Mittelmäßige‘. Ein wunderbares Zeitdokument voll grimmigem Humor und tiefem Ernst. Mit stark autobiographischen Zügen schildert er das Leben der deutschen Exilgemeinde in New York. Linke, Liberale und Erzkonservative, Juden, Christen und Atheisten treffen aufeinander und bleiben weitgehend unter sich. Kaum einem gelingt es, sich in die amerikanische Gesellschaft einzugliedern. Der Erzählerfigur ist aller Rassismus fremd, er bewundert Martin Luther King, beobachtet mit Spannung den Wettlauf in den Weltraum, bei dem die Sowjets im Vorsprung sind.

    Aber zuallererst schildert der Roman die schmerzhaften Erfahrungen gebrochener Biographien, das Leiden am Verlust der Heimat, der Erinnerungen an Dachau, die daraus erwachsenden Exzesse, den Alkoholismus und mehr und mehr wird das Leben eines Schriftstellers in den Blick genommen, der zunächst mit seinem plötzlichen Erfolg nicht umgehen kann und dann unter einer Schreibblockade leidet. Graf war Initiator des Stammtischs für deutschsprachige Emigranten, (mit am Tisch Leute wie Bert Brecht und Uwe Johnson). Daraus ging auch der ‚Schutzverband Deutsch-Amerikanischer Schriftsteller‘ hervor, dem Graf vorstand; Thomas Mann konnte er als Ehrenpräsident gewinnen. Erstaunlich ist, daß er Zeit Lebens den so völlig anders gearteten Stilisten Thomas Mann bewunderte. Der 1927 erschienene Roman ‚Wir sind Gefangene‘ wird von Thomas Mann in der Frankfurter Zeitung mit einer wundervollen Eloge gefeiert:

    „Ich kann nicht sagen, wie die Originalität des Buches mich gereizt und belustigt hat, die eins ist mit der Natur des erlebnistragenden ‚Helden‘, ungeschlacht und sensibel, grundsonderbar, leicht idiotisch, tief humoristisch, unmöglich und gewinnend. Sein Blick liegt auf Menschen und Dingen, volkhaft stumpf, wie es scheint, scharfsichtig in Wahrheit, verschmitzt, in verstellter Blödheit und läßt sich nichts vormachen, von keiner Seite…“ Und Heinrich Mann schrieb: „Das kann nur einer wagen, der seiner Sache sicher ist und der weiß: was ich schreibe, ist das Eigentliche.“

    Grafs Weg ins Exil führt auch über die Tschechei in die USA. Es beginnt ein intensiver Briefwechsel mit Thomas Mann voll wechselseitiger Anerkennung und Lob. So schrieb dieser am 27.1.1951 in sein Tagebuch über Graf: „Ein guter, warm empfindender Mann, soviel besser als die dumm-klugen Analytiker.“

    Aber auch in der Gesellschaft der „Mittelmäßigen“ in New York kommt Thomas Mann zur Sprache. Martin Ling, der zentrale Protagonist des Romans, versucht sich an einer Parodie Thomas Manns. Eine Erzählung sollte mit folgendem (Halb-) Satz beginnen:

    „Ein in der für amerikanische Begriffe wunderlicherweise noch behäbig ländlich gebliebenen Umgebung von Pompton Lakes in New Jersey hinlänglich als schrullenhaft bekannter, doch schon in den Sechziger stehender, aber noch keinesfalls an sein baldiges Ableben denkender, im Verhältnis zu seinem Alter sogar noch ausnehmend rüstiger Mann, der auf den seltsamen, nicht allzu schmeichelhaften, um nicht zu sagen leicht anrüchigen Namen Hermann Lüderian hörte, Junggeselle übrigens, äußerst trinkfest und durchaus kein Kostverächter lockender Weiblichkeit…“

    Ich denke, Thomas Mann hätte seine Freunde gehabt an diesem Imitationsversuch. Weniger Freude hätte er an der Diskussion im Literatenkreis der „Mittelmäßigen“ über seinen Dr. Faustus. Man echauffiert sich über die Teufelsszene: „…Ich weiß ja, gegen Thomas Mann darf ich bei euch nichts sagen. Ich hab‘ ihn, weiß Gott, genauso gern, aber trotzdem, im ›Faustus‹ hat er sich verrannt…“ Es würde sich lohnen, dem Verhältnis der beiden Autoren zueinander eine ausgiebige Arbeit zu widmen.

    Nun habe ich mich in einen allzu langen Rundbrief verrannt. Ich hoffe, Sie haben dennoch etwas Freude daran, ihn zu lesen.

    Es verbleibt mit herzlichen Grüßen Ihr Peter Baumgärtner

    Anlage Brief Pfeifer   

    Sehr geehrter Herr Baumgärtner!

    Im Anhang ein Link zu einer brandaktuellen Veranstaltung des Thomas-Mann-Hauses in Pacific Palisades, wie sie die FAZ vor ein paar Tagen vorstellte und auf die ich gerade von einem in Paris wohnhaften Bekannten, einem meiner ehemaligen Mitschüler am Cato Bontjes van Beek-Gymnasium Achim, aufmerksam gemacht worden bin. Sie findet übrigens statt unter Beteiligung übrigens von Dr. Kai Sina, den ich im März 2017 live in der renommierten Buchhandlung Mönter in Meerbusch erlebt habe bei seinem Vortrag über das Verhältnis von Susan Sontag und Thomas Mann im Rahmen einer Veranstaltung der Thomas Mann-Gesellschaft Düsseldorf.

    http://www.thomasmann-duesseldorf.de/programm/veranstaltung/article/91-dr-kai-sina-susan-sontag-und-thomas-mann/

    Bei der aktuellen, heute beginnenden Veranstaltung des Thomas Mann-Hauses unter Beteiligung von Kai Sina geht es wohl um die Bedeutung der Rede bzw. des Essays „Deutschland und die Deutschen“ von kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, seine Sicht auf das Deutschtum jener problematischen Zeit. Es ist schon lange her, dass ich jenen Essay in Studienzeiten las, man sollte auch ihn in der Tat vielleicht gerade heute wieder lesen bzw. an der Online-Veranstaltung teilnehmen.

    Die Ausgabe der Neuen Deutschen Rundschau, in der die Rede „Deutschland und die Deutschen“ im Oktober 1945 erstmals in Deutschland erschien, besitze ich übrigens zweimal – allerdings in erster Linie deswegen, weil darin auch ein Aufsatz von Lise Meitner abgedruckt wurde, was mich als ein Lehrer besonders interessierte, der an einem Lise Meitner-Gymnasium tätig ist.

    Vielleicht wollen Sie diese Veranstaltung den Mitgliedern der Thomas-Mann Gesellschaft weiterempfehlen, falls dies nicht zuvor von anderer Stelle unternommen wurde.

    Mit freundlichen Grüßen aus dem Norden herzlichst Ihr Marcus Pfeifer

  • Rundbrief Nr. 23a



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft,

    im Nachgang zum Rundbrief von letzter Woche übersende ich Ihnen das unterschriebene Protokoll unserer virtuellen Jahresmitgliederversammlung und bedanke mich noch einmal für Ihre rege Teilnahme.

    Gleichzeitig kann ich ein Versäumnis nachholen: Ich vergaß zu verkünden, daß wir ein neues Mitglied in unseren Reihen begrüßen dürfen: Herrn Thomas Schmalzgrüber aus Köln. Wie alle Neumitglieder durfte er sich ein Heft unserer Schriftenreihe wünschen, hatte meine Hoffnung zum Ausdruck gebracht, ihn bald persönlich kennenlernen zu dürfen und ihn gebeten, einige Sätze zu sich zu sagen, die ich nun meinen Zeilen unmittelbar anhänge:

    Sehr geehrter Herr Baumgärtner,

    vielen Dank für Ihre Willkommensmail. Gern dürfen Sie mich in Ihrem Rundbrief namentlich erwähnen und mich vorstellen. Dazu zunächst ein paar Worte zu mir: Ich arbeite als Lehrer für Deutsch, Englisch und Spanisch an einer Gesamtschule in Köln und bin im Grunde seit meiner ersten Begegnung mit Thomas Mann in meiner eigenen Schulzeit – ich glaube, es begann mit Der kleine Herr Friedemann – ein begeisterter Leser seiner Werke. Dass ich auf Sie aufmerksam geworden bin, hängt u.a. damit zusammen, dass ich mich aktuell nach langer Zeit wieder mit den Joseph-Romanen beschäftige und parallel dazu viel recherchiere und lese. Dabei bin ich letztlich im Netz auf die Herbsttagung 2021 gestoßen, wo gleich mehrere Vorträge zu der Roman- Tetralogie angeboten werden. Nach näherem Stöbern war für mich klar, dass nicht nur diese Herbsttagung mit ihrem spannenden Thema der Exilerfahrungen Thomas Manns, sondern generell eine Mitgliedschaft für mich interessant sein würde, zumal mit dem Ortsverein Bonn-Köln eine Zweigstelle praktisch vor meiner Haustür liegt. Ich erhoffe mir durch eine Mitgliedschaft regen Austausch mit Gleichgesinnten und spannende Veranstaltungen, wenn die Umstände es wieder zulassen.

    Die Einwilligung zur Datennutzung schicke ich Ihnen bald zu. Vielen Dank auch für Ihr Willkommenspräsent. Auf Grund meiner aktuellen Lektüre würde ich mich sehr über Band 7 (Jan Assmann: Die Gott-Mythologien der Josephsromane.) freuen.

    Ich hoffe, man lernt sich irgendwann auch einmal persönlich kennen. Für eine ganze Weile gilt es aber sicher noch, die Kontakte möglichst zu beschränken.

    Herzliche Grüße und bleiben Sie gesund Thomas Schmalzgrüber

  • Rundbrief Nr. 23 + Anlage Brief Klose



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft,

    bevor ich mich auch an die Interessierten an unserer Arbeit wende, möchte ich mich bei unseren Mitgliedern für die rege Teilnahme an der improvisierten Online-Jahresmitgliederversammlung bedanken: Ich erhielt 25 ausgefüllte Abstimmungsbögen zurück und somit mehr Stimmen als bei den Versammlungen der vergangenen Jahre. Die Rückläufer habe ich unmittelbar in PDF-Dateien verwandelt und Herrn Büning-Pfaue weiter geleitet, der sich bereit erklärt hatte, auf dieser Basis ein Protokoll dieser virtuellen Veranstaltung zu machen.

    Die Pandemie läßt uns vorher ungeahnte Wege gehen und über scheinbar unumstößliche Gebräuche neu nachdenken. Ich will damit nicht diese Online-Praxis für die nächsten Jahre festschreiben, aber ich denke, man kann die wichtigen Unterlagen im Vorfeld in die Runde geben, die notwendigen Abstimmungen dann kompakt durchführen und zudem noch Zeit finden, für eine kleine Lesung, einen Vortrag oder ähnliches, um damit den allzu formalen Charakter einer Jahresmitgliederversammlung zu brechen.

    Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Zu der Frage, wie lange dieser noch unter Coronabedingungen gegangen werden muß, wage ich keine Einschätzung mehr abzugeben. Da hilft kein Lamentieren und auch nicht die Suche nach immer neuen Schuldigen, wovon die aktuelle Debatte bestimmt ist. Die Pandemie überfordert alle Verantwortlichen, und wenn wir nicht bereit sind, vieles zu verzeihen, wird diese Pandemie auf der politischen Ebene schlimmere Folgen zeitigen, als auf der gesundheitlichen.

    Wir haben unsere Literatur, und ich kann aus den vielen Texten Thomas Manns und seines Umfelds, die in Zeiten radikaler Umbrüche und Bedrohungen geschrieben wurden, viel Kraft für meinen Alltag schöpfen – womit ich spätestens auch alle Interessierten an unserer Arbeit herzlich begrüße.

    Im Nachgang zu meiner Beschäftigung mit Klaus Manns Freund und Thomas Manns Biograph Peter de Mendelssohns las ich die beiden Erinnerungsbücher seiner Frau Hilde Spiel: ‚Die hellen und die finsteren Zeiten‘ (München 1989) und ‚Welche Welt ist meine Welt?‘ (München, Leipzig 1990). Dies sind Bücher von seltener Intensität: Dieses Zusammentreffen von einem klar beobachtenden Geist mit einer ausgelassenen Lust am Leben. Die jungen Jahre unter dem heraufziehenden Faschismus in Österreich, das Exil in England, die wechselnden Partner in Wien, die Ehe mit dem unsteten und stets auf Kante lebenden de Mendelssohn in London. Das Kennenlernen der beiden nicht im ausgelassenen Nachtleben, sondern mittels der Literatur: Sie schreibt nach der Lektüre von

    ‚Nacht und Tag‘ (siehe Rundbrief Nr. 21) dem unbekannten Dichter, welcher zunächst nicht reagiert, sondern ihren ersten Roman ‚Kati auf der Brücke‘ liest und sich sogleich sicher ist, die Frau fürs Leben gefunden zu haben. Eine Liebesgeschichte für Literaturromantiker, die weniger romantisch zu Ende ging – aber das gehört nicht hierher.

    Am 28. Januar 1935 ist die 24 Jahre junge Hilde Spiel bei einer Lesung Thomas Manns in Wien. Er las aus ‚Joseph in Ägypten‘. In seinem Tagebuch findet sich nur ein kurzer Hinweis auf diesen Abend. Umso wichtiger die naiv-eindrücklichen Sätze aus dem Tagebuch von Hilde Spiel: „ Ein gepflegter Herr mit einem weißen Rändchen an der Weste: ganz hanseatischer Bürger. Die untere Hälfte aber zu dünn und ein wenig zu kurze Hosenbeine. Eine unbeschreibliche Tenue! Charme, Musik und Geste des Vortrags!

    Steht über allem. Die Aussprache ist gottseidank süddeutsch, mit einem ganz leichten reichsdeutschen Straffakzent. Alles ist so mühelos, warm, lieb und gut, wie vielleicht am wunderbarsten bei Schlick. Ein Vatergefühl, wenn er amüsiert und wohlgefällig seinen Hund beobachtet. Am Ende – er liest sehr lange, von halb acht mit einer Pause bis dreiviertel zehn, am Ende klappt er mitten in einer sanft hinfließenden Stelle das Buch zu und sagt: ‚Jetzt ist’s aber genug‘, und geht. Man ruft ihn fünfmal heraus. Zuletzt hebt er die Hände: ‚Jetzt laßt mich, Kinderchen, und geht nach Hause, so wie ich es vernünftigerweise tun will.‘

    Im zweiten Band ihrer Erinnerungen schildert Hilde Spiel ihre kurvenreiche Lebensbahn von den unmittelbaren Nachkriegsjahren in britischen Diensten in Berlin an der Seite Peter de Mendelssohns, über die recht friedlichen Jahre in London bis zu der schwierigen Rückkehr in die alte Heimat Österreich, mit der sie eine Haßliebe verband und die ihr die Freundschaft von Thomas Bernhard einbrachte – sicher eine der wenigen, die Bernhard pflegte. Die ihnen gemeinsame Abscheu der reaktionären Tendenzen in ihrer idyllischen Heimat brachte sie einander näher. Mit diesem Vergessen- und Verdrängen- Wollen war sie schon in Berlin konfrontiert. Die Euphorie, mit der man Furtwängler wieder am Pult bejubelte, befremdete sie tief.

    Viele Seiten von allzu Privatem kann man überschlagen, ich will hier von ihren Begegnungen mit Thomas Mann berichten: Zuerst trifft sie ihn mit ihrem Peter im Juni 1947 in Zürich, wo sie gemeinsam mit dem ‚melancholischen, unendlich liebenswürdigen‘ Klaus Mann und Paul Geheeb zu Mittag essen. Dann sind die Eheleute gemeinsam im Sommer 1952, kurz vor der Rückkehr der Familie Mann nach Europa, im Pacific Palisades zu Gast. Sie staunt über den ‚so vornehm wie bescheiden, ohne jede olympische Eitelkeit seinen Gästen gegenübertretenden Thomas Mann‘ und dessen ‚Herzenshöflichkeit‘ – welch schönes Wort. Dann noch Hildes Spiels Teilnahme an den Feierlichkeiten zu Thomas Manns achtzigsten Geburtstag in Zürich. Man liest Zeilen, bei denen die Erinnerungen schon von der bald darauf folgenden Todesnachricht überlagert sind. Doch der Dualismus von eben herrscht immer noch vor: ‚erhaben und dennoch nicht ohne Selbstironie‘ beschriebt sie ihn, ‚nicht hochmütig, aber hochgemut, …‘ In solchen Passagen leuchtet das Sprachgefühl von Hilde Spiel ganz besonders auf.

    Volker Hage: Eine Liebe fürs Leben – Thomas Mann und Travemünde – Einer Empfehlung der Kollegen aus Hamburg folgend habe ich das kleine Bändchen angeschafft. Bei Fischer erschienen ist es hübsch aufgemacht, enthält viele, mir bislang unbekannte Bilder und ist von Volker Hage journalistisch sauber und routiniert geschrieben. Die ersten Kapitel haben ihren Schwerpunkt bei den Buddenbrooks und den Travemünde-Kapiteln mit Hanno und Tony. Hage zeigt auf, wo TM von Rom aus richtig und nicht ganz so richtig recherchiert hatte – als ob das eine Rolle spielte -, dann wird das ganze zu einer Kurzbiographie, zu einer Darstellung von Thomas Manns Umgang mit dem geteilten Deutschland. Sehr interessant, gehört aber nicht hierher. Er versäumt es, am Thema zu bleiben, an der psychischen Verbundenheit des Autors mit dem Meer. Dennoch verdanke ich diesem Buch den Hinweis auf Thomas Manns Text: Anna Karenina – Einleitung zu einer amerikanischen Ausgabe von Leo Tolstoi. Er schrieb diesen auf seiner letzten Europa-Reise vor dem Kriege, 1939 in Noordwijk aan Zee. Im Angesicht der See ver- gleicht er die Epik Tolstois mit ihrer „rollenden Weite“ ihrem „Hauch von Anhänglichkeit und Lebenswürze“ mit dem Meer. Und so beginnt auch der Text mit einer Eloge auf diesen rauschhaft-rauschenden unendlichen Raum. Ein sprachliches Meisterstück erster Güte. Seine literaturwissenschaftlichen Auslassungen in der Folge kann man lesen oder nicht, die Einleitung der Einleitung ist an Bildhaftigkeit nicht zu überbieten.

    Das Ende des Rundbriefs sei wie immer gewürzt mit Zuversicht. Und was hätte uns in den letzten Wochen zuversichtlicher stimmen können, als die Poesie zur Amtseinführung von Joe Biden, als dieses sprachlich-musikalische Bravourstück von Amanda Gorman. Die FAZ hat ihren Text samt Übersetzung veröffentlicht, ich habe mir erlaubt beides diesem Rundbrief anzuhängen. Der Text ist nur ein halbes Vergnügen ohne die Sprachmelodie und Gestik der jungen Dichterin, die Übersetzung ist holprig, wie alle Übersetzungen von Poesie, aber als Spickzettel für im Englischen nur mäßig Kundigen wie mich sehr hilfreich. Man liest überall von ihren Wurzeln im Rap und in bei den Slam- Poeten. Mich erinnerte ihr Vortrag ungeheuer an Walt Whitman, an den von Thomas Mann so hoch geschätzten, der das Musikalische am amerikanischen Englisch erstmals in die Literaturgeschichte einführte.

    Mögen Sie viel Hoffnung und Trost bei diesen Zeilen finden, herzlich ihr Peter Baumgärtner

    PS: Angehängt ist gleichfalls der nette Brief unseres Mitglieds Frau Ellen Klose

    Anlage Brief Klose

    Sehr geehrter Herr Baumgärtner,

    vielen Dank für Ihre Rundbriefe 19, 20, 21 und nun auch 22 aus Dezember. Ich bitte um Nachsicht, dass Ich erst jetzt antworte, aber ich habe auf den mir bereits für Anfang Dezember anvisierten PC gewartet. Nun Ist er endlfch da – samt Email-Adresse!! Das Formular zur Datenschutzerklärung habe ich um meine Email-Adresse ergänzt und Ihnen bereits zugesandt. Nun kann auch in Ihrer umfangreichen Liste diese Rubrik bei mir ausgefüllt werden.

    Es ist  schön, dass wir  diese modernen Kommunikationsmittel haben, doch geht es mir  so wie Ihnen, daß ich mich in all die technischen Möglichkeiten erst einarbeiten muß und um jegliche Hilfestellung dankbar bin – aber mein Dank und meine Anerkennung an all die emsigen Damen und Herren, die auf diese Weise unser literaturgesellschaftliches Leben aufrecht halten mit immer neuen Lektüreanregungen und Wegen der Kommunikation unter uns.

    Unterdessen bin ich nicht müßig gewesen und habe Ihre Kommentare und Leseempfehlungen aufgenommen.

    Leider habe ich noch nicht alle Tagebücher und Essay-Ausgaben. Teils sind sie nicht mehr oder -wie beider Kommentierten Frankfurter Ausgabe- noch nicht lieferbar. Und es fehlt natürlich immer gerade das, was man gern nachlesen würde – so auch die mit den von Ihnen vorgetragenen Notaten aus den Tagebüchern 1949-1952.  In meiner  Ausgabe  1933-1934 wird vom Herausgeber Peter de Mendelssohn im Klappentext auf diese für TM in verschiedener  Hinsicht so schwierige Zeit des Exils eingegangen.  Wenn auch keine finanzielle Not herrschte und er in den USA Freunde und Unterstützung hatte, durch seine Dozententätigkeit und Vortragsreisen gut  beschäftigt  war  – von Buchprojekten, vom Schreiben von Reden, Essays, Rundfunkansprachen etc. abgesehen -, so ist doch wohl das

    Auch dfe Ashenden Erzählungen von Somerset Maugham sind mit Blick auf sein Leben zu sehen. Er hatte ja während des Krieges für den Nachrichtendienst gearbeitet, verfügte also über entsprechende Insiderkenntnisse und so ist Ashenden – wie Maugham selbst sagt – auch sein alter ego.

    Geschätzt wurde er, wie ich aus Kommentaren zu Neuveröffentlichungen entnommen habe,

    z. B. von Eric Ambler, Ellery Queen, Raymond Chandler.

    Aber auch seine anderen Geschichten habe Ich sehr gern gelesen. Als weitere  Lektüre dazu kann ich seine autobiographischen Schriften 11A Wrlter’s Notebook“ aus dem Jahre 1951empfehlen, in Übersetzung erschienen im Diogenes Verlag 2004. Kein Tagebuch, wie es Thomas Mann geführt hat, sondern „lediglich“ Anmerkungen und Anregungen für eventuelle Geschichten, teils schon in Form von Kurzessays oder Anekdoten. Das ist nach Jahren fortgeschrieben, auch nicht für jedes Jahr und auch unterschiedlich lang – z. B. für 1914 sechs Seiten, für 1915 nur 6 Zeilen. Besonders Interessant finde ich sein „Nachwort“ „By way of postscrlpt“ aus dem Jahre 1944, in dem er sein Leben jeweils beim Übergang in ein neues Lebensjahrzehnt betrachtet – im Rückblick sehr weise und teils ironisch. Sehr lesenswert. Den Powell werde ich bestellen, darauf haben Sie mich neugierig gemacht. Auf daß uns die Zeit im Horne Office nicht lang werde1

  • Rundbrief Nr. 22 + Anlage Brief Quasner



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    nun haben wir heute erfahren, was wir schon lange erwartet haben: Wir sollen die Feiertage in der Gesellschaft unserer Lieben verbringen – unserer lieben Bücher versteht sich. Ich schreibe Ihnen schon heute, um Ihnen zum einen ein kleines Lichtlein am Ende des Tunnels zu zeigen und Ihnen zum anderen noch den ein oder anderen Buchtipp zu geben, den Ihnen der Buchhändler Ihres Vertrauens sicher auch aus der verschlossenen Buchhandlung heraus zuschickt.

    Zum Lichtlein: Am 30.Juni 2021 werden im Woelfl-Haus der japanische Pianist Kotaro Fukuma und Dr. Michael Fürtjes auftreten. Die beiden sind schon vor der Pandemie mit folgendem, stets sehr gut besprochenen Programm mehrfach aufgetreten:

    • Adorno: Drei Klavierstücke (1927, 1945)
      • Adagietto – Hommage à Bizet
      • Die böhmischen Terzen
      • Valsette
    • Berg: Klaviersonate op. 1
    • Mann: Doktor Faustus, Beginn des Kapitels VIII (Kretschmar Vortrag)
    • Pause –
      • Beethoven, Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111

    Während Herr Fukuma das Opus 111 spielt, wird Herr Fürtjes parallel den Wendell Kretzschmar geben – ich bin sehr gespannt. Dieses Konzert wird unabhängig von der Pandemie-Entwicklung stattfinden. Hoffentlich werden wir als ‚lebendiges‘ Publikum vor Ort sein dürfen, in jedem Falle aber wird es ins weltweite Netz geströmt. Dieser Tagehielt ich mit Frau Haider-Dechant, ihrem Gatten und Herr Fürtjes ein Kaffeestündchen an unseren jeweiligen Rechnern und haben diese Vereinbarung getroffen. Frau Haider- Dechant berichtete von der stetig wachsenden Zuhörer- und Zuseherschaft ihrer Konzerte im Woelfl-Haus; sie reicht weit über ihr übliches Bonner Publikum hinaus. Sie erhielt freudige Zuschriften aus Japan und den USA. Auch wir können nicht umhin, uns dieser modernen Medien zu bedienen und ich möchte hier nochmals die Arbeit der Dechants herausstellen und loben: Für die Nutzung solcher Online-Dienste gibt es keine Altersgrenze. Mit einem Klick und einem Passwort, das man zuvor bekommen hat, ist alles getan.

    Nun zur Literatur und zu Thomas Mann: Bei meiner Beschäftigung mit den jungen Wil- den der späten 20ger Jahre des letzten Jahrhunderts stieß ich auf den Hinweis, daß Thomas Mann 1926 eine Einleitung zu Joseph Conrads Roman ‚Der Geheimagent‘ geschrieben hatte. Da diese in späteren Ausgaben sich nicht mehr findet, besorgte ich mir antiquarisch die Originalausgabe und stellte fest, daß dies der erste Band einer geplanten Gesamtausgabe von S. Fischer gewesen war. Da Thomas Mann ein begeisterter Leser von Conrads Romanen war, bat man offenbar ihn, das zugkräftigste Pferd im Fischer-Stall, für das deutsche Publikum einen werbenden Artikel zu verfassen.

    Forte dei Marmi – Thomas Mann wußte, wo es schön ist.  
               Forte dei Marmi – Thomas Mann wußte, wo es schön ist.  

    Dieser nahm den Roman mit in die Ferien in den hübschen Küstenort Forte dei Marmi (etwas südlich von Carrara) und verfaßte dort einen Text, der sicher nicht so ganz den Wünschen der Marketing-Abteilung entsprach. Thomas Mann unterlag seiner Neigung, bei Gegenständen, denen er eine eher ambivalente Haltung entgegenbrachte, sich besonders verschachtelt auszudrücken, was dem sprachlichen Duktus eines Joseph Conrad so gar nicht entspricht, weshalb mach einer das Buch schon bei der Einleitung beiseite legte – ich tat dies erst viel später, auch wenn Thomas Mann der Ansicht war, daß der Seefahrer Conrad „seine Verve, Kraft und ernste Lustigkeit… auch auf dem Trockenen“ unter Beweis stellen würde. Und dennoch ist sein Text gespickt mit feinen Vorbehalten, die er sich nicht verkneifen konnte. Ihm mißfällt der antirussische Ton des Romans – er spielt vor der Revolution – und entschuldigt dies sogleich im Wissen, daß ein gebürtiger Pole wie Conrad kein Freund der Russen sein kann. Doch auch diese Schlichtung wird gleich wieder konterkariert, indem er mehrfach betont, um wieviel größer ein Dostojewski gegenüber einem Conrad gewesen sei. Das mag so sein – aber hat diese Feststellung in einem Werbetext für Conrad etwas verloren? Thomas Mann stand da über den Dingen, wie er auch vor Abschweifungen in dem beinahe zwanzigseitigen Text nicht zurückschreckt. Zum Beispiel in diesem Satz: „In Wagner, Dostojewski, selbst in Bismarck vereinigt das neunzehnte Jahrhundert Riesenwuchs mit der äußersten Verfeinerung, einem letzten Raffinement der Mittel, dem freilich in allen Fällen etwas zugleich Krankhaftes und Barbarisches anhaftet.“ Auch wenn man ihm dem Grunde nach nicht widersprechen möchte: diese drei in einen Topf zu werfen, das ist schon starker Tobak.

    Jedenfalls gelang es mir nicht, den ersten Agentenroman meines Lebens zu Ende zu lesen. Ich hielt mich daher an Klaus Mann, der in seinen Tagebüchern Somerset Maughams Kurzgeschichtenreihe ‚Ashenden – der britische Agent‘ wärmstens empfiehlt.

    Dann erhielt ich einen Brief von unserem Kollegen Dirk Heißerer aus München. Er hat sich mal wieder als Schatzgräber bewährt und sein Thomas-Mann-Firmament um einen weiteren Stern bereichert. Er hatte sich auf die Suche gemacht nach den im ‚Tod in Venedig‘ beschriebenen Sphingen am Portikus an der Westfassade der Aussegnungs- halle des Münchener Nordfriedhofs – und mußte erfahren, daß diese Anfang der 60er Jahre auf Anweisung eines Baurates entfernt worden waren. Die ‚Scheißviecher‘ sollten weg! Dieser hatte allerdings seine Rechnung ohne Herrn Heißerer gemacht: Nun sind diese Mischwesen zwischen Löwen und Gockelhahn wieder da. Herr Heißerer legt in seiner Untersuchung die Baugeschichte dieser Friedhofsanlage und die mythologische Geschichte der Sphingen bis ins alte Ägypten dar und verfolgt vor allen Dingen die mythologischen Bezüge in Thomas Manns Erzählung bis in die feinsten Verästelungen. Er erstellt ein hoch interessantes und lesenswertes germanistisches Röntgenbild vom ‚Tod in Venedig‘. Den Zauber von Thomas Manns Sprache, von dieser Oberfläche des Textes, von der Millionen von Lesern ohne jegliche Hintergrundkenntnisse gefesselt wurden, kann er damit nicht ergründen und schließt sich am Ende Fritz Martini an, der in der Novelle „ein vollkommenes sinnliches und geistiges Ineinanderpassen von Umwelt und Geschehen“ erkannte.

    Doch die Überraschung folgt im vorletzten Kapitel: Die Erstveröffentlichung der (nicht gehaltenen) Grabrede Thomas Mann für seine Schwester Julia (1927), der zweiten, die freiwillig aus dem Leben geschieden war und die als Ines Rodde literarisch im Doktor Faustus wieder Gestalt annahm. So unmittelbar von diesem Tod betroffen, liest man hier einen Text aus einem privaten Umfeld, durch den wir Thomas Mann tief in die Seele schauen. Der Tod seiner Spielgefährtin aus Kindertagen traf ihn tief, er empfand ihn wie einen „Blitz, der dicht neben ihm niedergegangen war“. So zitiert Heißerer Golo Mann (Erinnerungen 1986). Für das Verständnis vom Menschen und vom Schriftsteller Thomas Mann geben mir diese Ausführungen mehr, als die Erläuterungen zum ‚Tod in Venedig‘.

    Nicht unerwähnt lassen will ich auch das letzte Kapitel dieses Bändchens, die Auflistung der literarischen Prominentengräber auf dem besagten Nordfriedhof, wo eben auch Walter Geffcken ruht, jener Maler, der um 1900 das erste noch erhaltene Ölbild Thomas Manns schuf und dem ich mich in unserer Schriftenreihe gewidmet habe. Heißerer be- dauert in seinem Text sicher zu Recht, daß das ausgeführte Porträt leider nicht mehr auffindbar ist. Dennoch bin ich der Ansicht, daß Geffcken gerade in diesem hinge- huschten Entwurf ein Bildnis gelungen ist, das die fragile Seite Thomas Manns zeigt, jenen Thomas Mann, der dann allzu früh an den Gräbern seiner Schwestern stehen mußte.

    So traurig will ich diesen letzten Rundbrief von 2020 nicht enden lassen, und mich zunächst bedanken, für die vielen netten Reaktionen, die ich auf meinen letzten bekam. Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei Tizi und Jürgen Quasner, die mir erlaubten, ihre kleine, beigefügte Glosse in diesem Rahmen zu veröffentlichen: „Lieber Herr Baumgärtner, mögen Sie Rundbriefe? Ich nicht…“ Lesen Sie weiter im Anhang.

    Wenn Sie diese Geschichte gelesen haben, denke ich an Ihre lachenden Gesichter und an den Satz, mit dem ich zu früheren, analogen Zeiten meine Neujahrskärtchen überschrieb: „Viel Sonnenschein aus lachende Augen wünscht …“ In Zeiten, in den wir unser übriges Minenspiel voneinander verstecken müssen, hat dieser Wunsch ein besonderes Gewicht.

    Deshalb wiederhole ich ihn ganz besonders herzlich Ihr Peter Baumgärtner

    Anlage Brief Quasner

    Lieber Herr Baumgärtner,

    mögen Sie Rundbriefe? Ich nicht. Bekommen Sie welche? Wir nicht mehr. Eine Bekannte aus einer altkeltischen Fabrikantenfamilie notierte jedes Jahr für alle lesefähigen Bekannten einfach ALLES aus Metzingen, die Maße ihres Weihnachtsbaums, die vielen Stufen bis hoch in ihre Dachwohnung, die Anzahl der Anrufe im Jahr zu allen gedächtnisträchtigen Daten. Sie lebt nicht mehr, die Post hat‘s leichter.

    Über unseren Schwager waren wir mit einer Pfarrersdynastie verbandelt, in und aus der heraus man Rundbriefe zum Jahresende schrieb. Der senil gewordene alte Pfarrherr war wegen guter Zugverbindungen mit Gattin nach Rosenheim verzogen und zählte alle Züge auf, die er übers Jahr bestiegen hatte. Nach seinem Ende zählte die DB noch einmal die Zustiege in Rosenheim; seither hält der ICE dort nicht mehr. Ein Sohn war auch Pfarrer geworden und ließ uns Briefleser an seinem sternenhaften Aufstieg bis zum Dekan teilnehmen, vorher aber schon an seiner unterrichtlichen Tätigkeit im Gk Religion, wo er es auch mit der mdl.

    Abiturprüfung zu tun bekam. Wir fragten zurück nach der Anzahl der Prüflinge. EINEN Kandidaten hatte er! Oh, liebs Herrgoettle von Biberach, hätte man schreien können, aber er war ja ein Bayer aus der Diaspora, da war auch EIN Prüfling nicht zu verachten.

    Wir bedanken uns sehr für den newsletter; mehr kann man sich in den schwierigen Zeiten zu Th. Mann nicht wünschen.

    Herzliche Grüße Jürgen und Tizi Quasner

  • Rundbrief Nr. 21



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    wenn ich diesen Rundbrief damit beginne, von der Online-Vorstandssitzung der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft zu berichten, dann ist zum Thema Pandemie schon alles gesagt: Einstweilen müssen wir die Kontaktbeschränkungen akzeptieren und versuchen, damit leben zu lernen. Dieser Versuch ist Gegenstand des Rundbriefs.

    Die Teilnehmer dieser Vorstandssitzung waren offenbar alle sehr routinierte Zoom-Teilnehmer, nur bei mir dauerte es etwas, mich ins Bild zu rücken und den Ton zu aktivieren. Auch wenn derzeit schon für einen noch nicht zugänglichen Impfstoff mächtig getrommelt wird, werden wir nicht umhin kommen, uns damit zu befassen. Unser Mitglied, Frau Haider-Dechant vom Woelfl-Haus, versucht in ihrem Besucherkreis die Berührungsängste mit der neuen Technik durch ‚Plaudermeetings‘ zu brechen. Auch für unseren Ortsverein könnte ich mir ein elektronisch vernetztes Weihnachts-Kaffeeplauderstündchen vorstellen, möchte aber um Unterstützung bitten von jemandem, der technisch versierter ist und den potenziellen Teilnehmern bei Startschwierigkeiten auf die Sprünge helfen kann.

    Unser Partner-Ortsverein aus Hamburg ist an dieser Stelle schon weiter, es haben bereits erste ‚Onlineworkshops‘ stattgefunden und für die Einladung, sich wechselseitig Lesetipps zukommen zu lassen, hat der Vorsitzende Oliver Fischer eine besonders witzige Form gefunden. Er nennt die entsprechende Rubrik in seinem Newsletter ‚Post aus Zimmer 34‘. Ich darf ihn hier zitieren:

    „Liebe Thomas Mann-Freundinnen und -Freunde,

    eine aufmerksame Leserin der ‚Post aus Zimmer 34‘ schrieb uns, die Aktivitäten des jungen Hamburgers in Zimmer 34 des Berghofs seien nicht ohne Sorge zu betrachten mit Blick auf das bunte Treiben der Kranken dort. Sie empfahl seine Übersiedlung auf den Hof Schweigestill in Pfeiffering.

    Wir vom Vorstand teilen diese Sorge. Allerdings wurde uns aus sicherer Quelle zugetragen, dass es auf dem Hof Schweigestill jüngst einen tödlich verlaufenen Fall von Hirnhautentzündung gegeben haben soll. Auch soll dort ein syphilitischer Künstler leben. Wir haben daher – nach Rücksprache mit Oberin von Mylendonk – beschlossen, den jungen Hamburger einstweilen auf Zimmer 34 zu belassen. Er hat strengste Anweisung, den Raum nicht zu verlassen. Besonders die Rückgabe ausgeliehener Bleistifte ist ihm untersagt.

    Für Ihre Liegekuren an diesem Wochenende empfehlen wir diese Lektüre.“

    Wenn Herr Fischer Sie damit neugierig gemacht hat, dürfen Sie sich seinen Newsletter gerne auch zukommen lassen. Bitte E-Mail an: info@thomasmann-hamburg.de.

    Auch unsere Muttergesellschaft bietet allerhand auf elektronischem Wege an. Auf der Website https://www.thomas-mann-gesellschaft.de/index.html finden Sie die entsprechenden Anregungen. Unseren ‚analogen‘ Mitgliedern gegenüber kann ich nur mein Bedauern zum Ausdruck bringen, Ihnen im Moment keine leibhaftigen Veranstaltungen anbieten zu können. Kaum auszudenken, wie unser Wirtschafts- und Gesellschaftsleben vor 30 Jahren von einer solchen Pandemie betroffen gewesen wäre. Man muß anerkennen, daß die moderne Technik die Folgen lindert.

    Nun kommen wir zur Post aus meiner Bücherstube. Ich hatte im letzten Rundbrief vom ersten Roman Peter de Mendelssohns gesprochen und habe nun auch seine folgenden gelesen: ‚Paris über mir‘ (Reclam 1931) zeichnet sich aus durch eine kaleidoskopische Erzähltechnik. Junge Menschen begegnen sich im Dschungel von Paris, die Perspektive wechselt von Kapitel zu Kapitel. Gemein haben all die jungen Leute aus Deutschland und Frankreich, die Feindschaft ihrer Väter überwinden zu wollen, sich gegenseitig Wert zu schätzen, den Graben der wechselseitigen Verletzungen zu überwinden. Immer wieder wird angedeutet, daß sehr ungute Entwicklungen in Deutschland im Gange seien, das kommende Unheil ist zwischen den Zeilen spürbar. Frisch, knapp und spannend geschrieben. Ein sehr lesenswertes Buch – ganz im Gegensatz zu de Mendelssohns drittem Roman: ‚Schmerzliches Arkadien‘, in dem sein Schreiben einen kaum erträglichen elegischen Ton angenommen hat.

    Bei meiner Beschäftigung mit Peter de Mendelssohn stieß ich auf dessen allzu früh verstorbenen Onkel Erich de Mendelsohn (mit nur einem ‚s‘ – weshalb auch immer). Zu dessen unvollendeter Jugend-Biographie ‚Nacht und Tag‘ hatte Thomas Mann 1913 ein Vorwort geschrieben, das gleichzeitig ein Nachruf auf den gerade verstorbenen Autor war. Da Thomas Mann dabei – wie immer – auch über sich selbst schreibt, (Zitat: „… denn nur wo das Ich eine Aufgabe ist, hat es einen Sinn zu schreiben.“) ist dieser mir bislang unbekannte Text durchaus spannend: Entwarf er doch zu jener Zeit die ersten Kapitel des ‚Zauberberg‘ – und schon erinnert das Bild, das er von dem 25-jährigen Erich von Mendelsohn zeichnet, sehr an Hans Castorp. Die etwas anders geratenen jungen Leute in der Umgebung Erich de Mendelsohns würden „Gesundheits- und Durchsonnungstendenzen“ unterliegen. (Welch wunderbare Wortschöpfung!). Der Roman ‚Nacht und Tag‘ selbst ist eine Internatsgeschichte und sprachlich bieder. Was hat Thomas Mann zu seiner Gefälligkeit bewogen? Hat es etwas mit Paul Geheeb zu tun, dem der Roman zugeeignet ist? Ich gehe davon aus, daß Mendelsohn in Haubinda von ihm unterrichtet wurde, wie später in der Odenwaldschule Klaus Mann, Wolfgang Hildesheimer, Beate Uhse…

    Interessante Themen im Umfeld von Thomas Mann. Lassen Sie mir eigene Lektüreerfahrungen gerne zukommen. Ich werde sie im nächsten Rundbrief aufnehmen, dann auch im Sinne von Geschenktipps. Denn was liegt näher in diesen Zeiten, als Bücher zu verschenken? In diesem Zusammenhang erinnere ich an unsere Schriftenreihe – sie ist auf unserer Homepage aufgelistet. Jedes Heft ist für 10 Euro wohlfeil über mich zu beziehen. Auch Mitgliedschaften in unserer Gesellschaft kann man verschenken. Frau Martin aus Lübeck überließ mir freundlicherweise einen Link, über den Sie ganz rasch ein solches Präsent veranlassen können.

    https://www.thomas-mann-gesellschaft.de/die-gesellschaft/mitglied-werden/geschenkmitgliedschaft.html

    Auf diese Art und Weise habe ich das Generalthema unserer Vorstandssitzung vermittelt: Wie kann ein Vereinsleben in Zeiten von Kontaktbeschränkungen aufrecht erhalten bleiben? Ich hoffe, einige Anregungen gegeben zu haben und grüße herzlich mit der üblichen Zuversicht, bevor ich quasi in eigener Sache ein längeres Postskriptum an- schließen möchte:

    Im Elfenbein-Verlag ist gerade der erste Roman von Anthony Powell erstmals auf Deutsch erschienen: ‚Afternoon men‘ heißt er im Original, ‚Die Ziellosen‘in der Übersetzung von Heinz Feldmann. Als begeisterter Leser der zwölfbändigen Romanreihe ‚Tanz zur Musik der Zeit‘ habe ich diese Übersetzung aus privaten Mitteln unterstützt und wünsche diesem frühen Roman von Powell eine zahlreiche Leserschaft. 1931 erschienen, adaptierte der junge Powell die Erzähltechniken von Hemingway und fraglos gibt es keine Erzählkunst, die weiter von jener Thomas Manns entfernt sein könnte.

    Doch erst wenn man beide im Wechselbad genießt, wird man beide zu schätzen wissen. Es ist ein sehr ambitioniertes Erstlingswerk, das sicher eine Liga höher spielt, als die ersten Gehversuche von de Mendelssohn oder Klaus Mann. Alles, was diese beiden jungen Herren an Leidenschaft in ihre Geschichten legen, erzielt Powell mit einer auf die Spitze getriebenen Lakonie, mit einem traurig-zynischen Humor, wie ich ihn noch nie gelesen habe.

    Auch zu dieser Leseempfehlung wünsche ich Ihnen viel Vergnügen, herzlich Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 20



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    bei den Neuigkeiten, die keine mehr sind, kann ich kurz fassen: Aufgrund der Pande- mie-Situation sind alle Veranstaltungen bis auf weiteres abgesagt. Das trifft zunächst zu meinem größten Bedauern den geplanten Vortrag von Herrn Prof. Norbert Oellers „Bert Brecht und Thomas Mann“ im Saal der Schlaraffia. Herr Oellers trägt dies mit Fassung, ich bleibe mit ihm in Kontakt, wir hoffen auf den nächsten Frühling.

    Auch die Thomas-Mann-Preisverleihung an Nora Bossong in Lübeck muß leider ausfallen, die Vorstandssitzung wird ‚online‘ stattfinden. Ich werde berichten. Es bleibt uns nur zu hoffen, daß diese Untersagung sämtlicher Freizeitaktivitäten zielführend ist und den gewünschten Effekt zeitigt. Daß man das Offenhalten von Baumärkten und Möbelhäusern einen größeren Wert beimisst als dem Weiterbetrieb von Theatern und Opernhäusern, wird zum Glück nun in der Presse genauso kontrovers diskutiert wie die zweifelhafte Gleichsetzung von Dichterlesungen mit Stripteasevorführungen. Daher will ich dies auch nicht weiter vertiefen, sondern wieder einmal auf den Umstand abheben, daß wir uns mit dem Gegenstand unseres Vereins auch weiterhin beschäftigen und zumindest elektronisch oder brieflich austauschen können.

    Im nächsten Jahr nachgeholt werden kann hoffentlich auch die Veranstaltung zu Thomas Manns ‚Deutsche Ansprache – Ein Appell an die Vernunft‘ mit Prof. di Fabio und Bernt Hahn. An diese Ansprache wurde vorvergangene Woche auch in der FAZ erinnert, genau 90 Jahre nachdem sich Thomas Mann in Berlin einem schwierigen Publikum gestellt hatte. Dabei wurde auch auf das Archiv der Frankfurter Zeitung mit einem Link verwiesen. „Politische Ansprache“ ist dieses ‚Privattelegramm‘ im Feuilleton des 19.

    Oktober 1930 überschrieben und es ist sehr interessant zu lesen: die Verwunderung darüber, daß dieser zutiefst bürgerliche Dichter lobende Worte für die Sozialdemokraten findet, ist eingerahmt vom Lob für dessen Infragestellung des Versailler Vertrages. Eswäre interessant zu erfahren, wie andere Presseorgane diesen Vortrag Thomas Manns besprachen, eine Recherche-Arbeit, für die vielleicht auch Sie, liebe Mitglieder unseres Ortsvereins, in ihrem Stubenarrest Zeit finden. Hier der Link ins Archiv der FAZ:

    https://dynamic.faz.net/red/2019/epaper/1930-10-19.pdf

    Eine weitere Frage stellt sich mir im Zusammenhang mit diesem Vortrag: War Peter de Mendelssohn (damals noch ohne ‚de‘) Augenzeuge dieses Vortrags? Klaus Harpprecht weckt in seiner sehr plastischen Darstellung des Abends diesen Eindruck. Mendelssohn veröffentlichte in diesem Jahr jedenfalls seinen ersten Roman mit dem Titel „Fertig mit Berlin“, den ich in den vergangenen Tagen mit großem Genuß verschlungen habe. Ich war sehr erstaunt, mit welcher Stilsicherheit dieser 22-jährige damals schon schrieb, über welche Menschenkenntnis er verfügte, über welche Fähigkeit, die Abgründe des menschlichen Denken und Fühlen zu beschreiben. Da war er seinem Freund Klaus weit voraus. Vater Thomas hätte sicher auch hier „Raschheiten“ zu bemängeln gehabt, aber um die Anerkenntnis der „Barbezahlung und Blutzeugenschaft“ (Brief von TM an KM vom 22.7.1939 zum ‚Vulkan‘ von KM) wäre er nicht umhin gekommen. Ich spreche im Konjunktiv, denn ich konnte noch nicht ermitteln, ob er diesen Roman Mendelssohns zur Kenntnis genommen hatte. „Fertig mit Berlin“ wurde vom Elfenbeinverlag 1992 neu aufgelegt und ist nach wie vor im Buchhandel zu bekommen. Vom nächsten Roman de Mendelssohns „Paris über mir“ war Klaus Mann jedenfalls ziemlich gefesselt (Tagebuch vom 13.12.1931) und schrieb darüber 1932 auch eine Besprechung, nachzulesen in: Klaus Mann ‚Die neuen Eltern‘ – Aufsätze, Reden, Kritiken 1924-1933, Rowohlt Taschenbuch 1992. Den dritten Roman ‚Schmerzliches Arkadien‘ von 1932 erhielt Klaus Mann mit „Widmung von Mendelssohn‘ (Tagebuch 29.9.) Diese beiden Romane sind bislang leider nicht neu aufgelegt worden.

    Sie sehen, meine Damen und Herren, der Forschungsgestände gibt es reichlich, mit denen man sich in diesen Zeiten des Rückzugs befassen kann. Man kann aber auch

    ‚live‘ Musik genießen, und zwar die von unserem Mitglied Margit Haider-Dechant im Woelfl-Haus mit Herzblut veranstalteten ‚Streaming‘- Konzerte: Privat-Fernsehen im besten Sinne, bei dem sogar ein Geplauder, heutzutage ‚chat‘ genannt, während des Vortrags zulässig ist. Ein Bild meines Bildschirms (‚screenshot‘) habe ich zur Veran- schaulichung beigefügt. Es gibt keinen Grund, vor solcherlei Angst zu haben. Daher meine Bitte: Melden Sie sich bei Gelegenheit auch an. Das Woelfl-Haus unterstützt damit junge Künstlerinnen und Künstler, die in diesen Zeiten jede Mark gebrauchen können – und wer weiß: Vielleicht muß ich bei Margit bald in die Lehre gehen, auf daß auch wir Veranstaltungen auf diesem Wege präsentieren.

    In diesem Sinne grüßt herzlich und mit Zuversicht Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 19



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    auf meinen letzten Rundbrief erhielt ich eine ganze Reihe sehr netter und aufbauender Zuschriften, wofür ich mich ausdrücklich bedanken möchte. Der mehr als zweiseitige Brief von Frau Ellen Klose aus Duisburg ist dieser Mail als Scan beigefügt. Die darin erwähnten Besprechungen der Münchener Ausstellung ‚democracy will win‘ sind in den entsprechenden Online-Archiven von SZ und FAZ abrufbar.

    Nun zum geplanten Vortrag von Herrn Prof. Norbert Oellers „Bert Brecht und Thomas Mann“ im Saal der Schlaraffia in der Schedestraße. Ich habe mich mit ihm auf einen Termin verständigt und zwar auf den 20.November 2020 um 18.30 Uhr. Dort wird es nach Feierabend der ganzen umliegenden Büros auch hinreichend Parkplätze geben, die S-Bahn-Haltestelle Museum Koenig ist nicht weit. Ich werde dann zeitnah nochmals daran erinnern. Bei den oben erwähnten Zuschriften sind schon erste Anmeldungen für diese Veranstaltung bei mir eingegangen. Herzlichen Dank dafür.

    Natürlich stehen sämtliche Veranstaltungstermine unter dem Vorbehalt der nicht kalku- lierbaren Entwicklung der Covid-19-Pandemie. In diesem Zusammenhang möchte ich berichten von einem Gesprächskreis zum Thema ‚Angst‘, zu dem ich kürzlich als Mitglied der Freunde des Schauspiels (früher: der Kammerspiele) mit dem Regisseur Volker Lösch in das Foyer der Oper eingeladen war. Für Anfang 2021 plant er ein Schauspiel zu eben jenem Thema ‚Angst‘ und machte sich an verschiedenen Abenden auf Materialsammlung. Für mich drehte sich alles viel zu sehr um Corona. Als Gegengewicht verlas ich einige Notate aus den Tagebüchern Thomas Manns 1949-1952. Man muß sich immer wieder vergegenwärtigen, welch schwierige Zeiten viele Menschen zu unserer Zeit durchlaufen müssen und welch schwierige Zeitläufte Thomas Mann zu bestehen hatte. Ich erinnerte mich an den Wunsch, den er anläßlich seines fünfzigsten Geburtstags äußerte: Man möge von ihm sagen, daß es [sein Werk] lebensfreundlich ist, obwohl es vom Tode weiß. Er hatte damals gerade den Zauberberg veröffentlicht – in diesem Zusammenhang muß man das Zitat wohl sehen – war ein erfolgreicher Autor, hatte sechs gesunde Kinder, wohnte in einem großzügigen Anwesen im Münchner Villenviertel und war mit einer Frau aus einem wohlhabenden Haus verheiratet. Kann ein Mann glücklicher sein? Und zu dieser Zeit schickte er sich an, das größte Romanprojekt seines Lebens anzugehen: die Nacherzählung wesentlicher Teile des Ersten Buch Mose, dieser grundlegenden Schrift der jüdisch-christlich-muslimischen Welt. Die Josephsromane waren auch ein Friedensprojekt, die Darstellung des Menschen mit all seinen Talenten und Fehlern auch ein Manifest des Humanismus. Nie hätte sich Thomas Mann zu Beginn der Arbeit träumen lassen, in welch fernen Weltgegenden er dieses Werk als Flüchtling abschließen würde. Keine Frage: Er litt unter diesem Vertriebensein, aber er verzagte nicht. Daran sollten wir denken bei unserem halben und dennoch sehr komfortablen Stubenarrest.

    Ich habe dieser Tage endlich Gisela Benschs ‚Träumerische Ungenauigkeiten‘ gelesen, ihre Untersuchung zu Traum und Traumbewußtsein im Romanwerk Thomas Manns.1 Eine Sekundärliteratur, die sich von vielen anderen abhebt: Sie ist auch einem Nichtgermanisten verständlich und sie kümmert sich um Wesentliches, um wesentliche Kerne der Romane Thomas Manns, des Zauberbergs und der Josephsromane insbesondere. In den Träumen Hans Castorps und Josephs wird die humanistische Idee Thomas Manns offenbar, seine Gesamtschau auf den Menschen, diesen hinnehmend als Wesen von Verstand und Gefühl. Dies ist von mir nun ganz weit heruntergebrochen, aber ich bin auch froh, einen Grundkurs in Freuds Traumdeutung und in Schopenhauers Philosophie bekommen zu haben, und zu dem auch die Lust, die Romane mit neuen Augen neuer- lich zu lesen. Wäre die Frage zu stellen, weshalb im Faustus nicht mehr geträumt wird? Hatte Thomas Mann seine Träume verloren?

    So schweifen die Gedanken ab beim Stichwort Corona. Was uns aktuell als monströse Gefahr erscheinen mag, kann uns im Lichte des eben gesagten vielleicht etwas kleiner erscheinen. Mögen auch Ihnen die Romane Thomas Manns – und vieler anderer Auto ren – als Lebenshilfe dienen – nicht nur in diesen etwas aufgeregten Tagen, herzlich

    Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 18



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    ich werde heute in erster Linie von unserem literarischen Salon im Kelterhaus berichten. Nachdem die ‚südlicheren Tage‘ von östlichen Winden vertrieben worden waren, haben uns ins Haus zurückgezogen, wo wir mit hinreichend Abstand voneinander das Ge- spräch beginnen konnten. Frau Dr. Bensch führte in unser Thema ein, schilderte die private und politische Lage in den USA zum Anfang der fünfziger Jahre, bevor ich die angehängten Notate1 aus den entsprechenden Tagebüchern in leicht gekürzter Form vortrug. Kaum elf Seiten füllen die Zitate, die sich der schwierigen Entscheidung befas- sen, nach Europa zurückzukehren oder nicht, also bestenfalls zwei Prozent der Gedan- ken zu privaten und politischen Themen, die Thomas Mann seinen Tagebüchern anver- traute, und dennoch wird dieses Extrakt zu einem intensiven Leseerlebnis, zu einem besonders scharf konturierten Abbild seiner Persönlichkeit. Bevor wir die Gesprächs- runde eröffneten verlas Frau Dr. Bensch noch einige Briefstellen an Hermann Hesse, worin der Zwiespalt, in dem Thomas Mann und seine Familie befanden. Frauke May und Ulrich Schöning konnten mit ihren amerikanischen Erfahrungen das anschließende Gespräch sehr bereichern.

    Zwei Dinge müssen aus meiner Sicht besonders hervorgehoben werden: Zum einen der Brief an die Redaktion der ‚Echo der Woche‘ vom 16.5.1652, in dem er sein Leben in den USA in den rosigsten Farben malt, kurz nachdem er notiert hatte, „ich selbst bin des Landes unaussprechlich müde“ und kurz bevor er das Land für immer verließ.

    „Einen hübschen kleine Aufsatz“ nennt er diesen Brief, was man nur als eine feine Thomas Mann’sche Ironie auffassen kann. Er wollte nicht, daß sich insbesondere in den USA die Gerüchte über seine Auswanderungsgedanken verbreiten, hatte er doch mehrfach seine Sorge niedergeschrieben, man könne ihm den Paß entziehen und Amerika somit zur Falle für ihn werden.

    Auf der anderen Seite sprach er von Pacific Palisades immer wieder von seinem ‚Zu- hause‘, von den wunderbaren Arbeitsbedingungen, die er dort hat, von dem angeneh- men Klima, von den Spaziergängen am Meer, von all den Dingen, die nichts zu tun hatten mit der politisch so bedrängenden Situation in der McCarthy-Ära, mit der Un- möglichkeit für seine Tochter Erika ihr weiteres Leben in diesem Umfeld zu verbringen. Frau Dr. Bensch erinnerte sich eines Zitats von Frido Mann, nach dem Erika den Aus- schlag gab, die Zitronenhaine und die Spaziergänge am Meer zugunsten der seinem „Herzen nahen Wald- und Wiesenlandschaft“ aufzugeben. Er hatte zwei Brüder und den ältesten Sohn in kurzer Frist nacheinander verloren, er wußte, daß auch seine Tage gezählt waren, daß er weniger „leben als ruhen“ in der Schweiz wollte. Seine Spazier- gänge am Meer mußte er sich nun herbeiträumen, wie sein Hans Castorp auf dem Zauberberg.

    Zurück zum Organisatorischen: Leider war unser Salon im Weingut Sülz nur von neun Personen besucht, Frau Dr. Bensch und mich eingeschlossen. Sechs Mitglieder entschul- digten sich und bedauerten, nicht kommen zu können. Dennoch war ich über die Reso- nanz etwas enttäuscht. Wir bekommen der Raum im Weingut ohne Entgelt, könnten in kühleren Tagen auch einen gemütlichen Holzofen befeuern, und da gibt es auf Seiten der Wirtsleute auch die Hoffnung, ein bisschen Umsatz mit uns zu machen, einen sehr schmackhaften obendrein. Wenn wir einen weiteren Salon an dieser Örtlichkeit ins Auge fassen (oder auch in der Goldschmiede Weingarz), werde ich vorab die Interessenlage erkunden, bevor ich den Raum buche. Ein Personenkreis wie dieser Woche im Kelter- haus könnte sich auch in einem privaten Wohnzimmer bedenkenlos treffen. Wünsche, Anregungen, Einladungen zu weiteren literarischen Salons können Sie mir jederzeit zukommen lassen. Es sollen nicht nur Dinge nach dem Gusto des Vorstandes gesche- hen. Alles, was bei mir eintrifft, werde ich in die Runde geben und die Kommunikation herstellen. Selbstverständlich werde ich für jedes Treffen eine Teilnehmerliste führen und auch bei mir hinterlegt lassen, sodaß ich unmittelbar alle Teilnehmer verständigen kann, sollte mir im Nachgang eine Infektion gemeldet werden.

    Wie im letzten Rundbrief berichtet, hat Herr Büning-Pfaue für den Saal der Schlaraffia in der Schedestraße ein Hygiene-Konzept erarbeitet. Dort wird voraussichtlich im November Herr Prof. Norbert Oellers seinen im Frühling ausgefallenen Vortrag „Bert Brecht und Thomas Mann“ nachholen. Interessenten dürfen sich jetzt schon melden, den genauen Termin stimme ich noch ab. Ich will versuchen, den Vortrag auch auf- zeichnen zu lassen, daß er Schulen zur Verfügung gestellt werden kann.

    Im November werde ich auch nach Lübeck fahren und neben der Vorstandssitzung der Verleihung des Thomas-Mann-Preises an Nora Bossong beiwohnen. Ich kannte sie bis- lang nur durch die Beschreibung eines barocken Landschaftsbildes, die zum Ausstel- lungskatalog der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe beigesteuert hatte (‚Vor dem Gewitter‘ im Katalog ‚Unter freiem Himmel‘; Kerber Verlag 2017) Schon damals hat mich das Poetische in Ihrer Prosa begeistert. Erst diese Woche las ich ihren 2012 erschienen Ro- man ‚Gesellschaft mit beschränkter Haftung‘. Er schildert den Untergang eines Familien- unternehmens und die entsprechenden Generationenkonflikte am Beginn des 21. Jahr- hunderts. Trotz der Ähnlichkeit des Sujets wäre es verfehlt, diesen Roman als moder- nen ‚Buddenbrooks‘ zu bezeichnen. Beiden Werken wird man damit nicht gerecht. Nora Bossongs Prosa ist von großer Intensität, knappe Sätze beleuchten die Dinge in klarem Licht, die Inhumanität der Arbeitsbedingungen unserer Tage in China wird genauso ge- schildert wie die Zustände in der New Yorker U-Bahn. Eine junge Frau tritt in die Ge- schäftswelt ein. Bossong erzählt dies ohne jede feministische Verklärtheit, allein der unternehmerische Erfolg zählt; die Erzählperspektive wechselt mehrfach, die Chrono- logie ist zugunsten einer Kreisbewegung aufgehoben. Immer wieder leuchten dazwi- schen Sätze auf, in denen sich die Lyrikerin Bossong offenbart. Die ganze spannende Geschichte fokussiert sich auf ein überraschendes Ende. Ein sehr empfehlenswertes Leseerlebnis. Ich freue mich, Frau Bossong kennen zu lernen.

    Es ist wieder ein verdammt langer Rundbrief geworden. Bitte dies zu entschuldigen, herzlich

    Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 17



    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    die ‚südlicheren Tage‘ kommen schneller und heftiger als erwartet und wir wollen hoffen, daß sie uns noch einige Zeit erhalten bleiben, denn ich bin mit Frau Dr. Bensch im Weingut Sülz gewesen, um unseren nächsten ‚Gartensalon‘ an eben jenem Ort zu besprechen: Königswinter, Ortsteil Oberdollendorf, Bachstraße 157; https://www.gut-suelz.de. Sollte uns bis dahin die Sonne untreu geworden sein, können wir dort im Kelterhaus mit bis 20 Personen coronakonform sitzen. Frau Dr. Bensch wird anhand von Briefen und anderen Selbstzeugnissen die langsam reifende Entscheidung Thomas Manns und seiner Familie erläutern, ihre neu gewonnene Heimat USA wieder in Richtung Europa zu verlassen. Das Erkennen von Ähnlichkeiten zu gegenwärtigen politischen Zuständen ist ausdrücklich erwünscht. Ich sitze noch daran, Tagebucheinträge dieses Thema betreffend in einer Art Zeitraffer zusammenzufassen. Denn läßt man alle anderen Alltagssorgen Thomas Manns beiseite, seine Arbeit an ‚Der Erwählte‘, seine gesundheitlichen Befindlichkeiten, seine Schwierigkeiten im Umgang mit dem neuen elektrischen Rasierapparat und auch den hübschen Franzl, dann tritt ein ungeheuer hellsichtiger und sorgenvoller Wesenszug Thomas Manns zutage.

    Wir wollen nicht länger als eine dreiviertel Stunde ‚referieren‘, und dann in eine offene Gesprächsrunde übergehen, bei der auch Sie Gelegenheit haben, Ihre Beiträge und Ideen zum Thema einzubringen. Es ist ein spannendes und auch ergreifendes Thema. Sind die ausgedehnten Europareisen seit 1949 nichts anderes als Sehnsuchtsreisen? Dies empfinde ich, je mehr ich mich damit befasse: Waren sie nicht die Suche nach einem Fleckchen alter Erde, in dem er zu ruhen wünschte? Die Entdeckung der Sonette Michelangelos trifft ihn natürlich gerade in seiner letzten großen Verliebtheit, aber waren sie ihm nicht noch mehr? „Ob auch die Zeit mich stündlich spornt und drängt: / Gib Du der Erde wieder / Die kranken, wandermüden Glieder –“.

    Diese Reisen durch Frankreich, die Schweiz, Deutschland und nach Österreich waren eben auch eine große Mühe für einen alten Herrn von 75 Jahren, für die es eines starken inneren Antriebs bedurfte. Reiste er doch über die holprigen Nachkriegsstraßen in einem Hillmann Minx, einem englischen Mittelklassewagen (der Hersteller wurde 1970 von Peugeot übernommen) mit 37,5 PS und 109 km/h Höchstgeschwindigkeit. Da kann man bei allen hoch gelobten Fahrkünsten von Erika seine abendliche Erschöpfung wohl verstehen – doch dies alles nur ganz nebenbei…

    Zurück zu den praktischen Dingen der Gegenwart: Auch wenn das Weingut Sülz sehr viel Raum bietet, muß ich Sie bitten, sich vorher bei mir für den 24.9. anzumelden. Die Corona-Zeiten machen bürokratisch.

    So hat Herr Büning-Pfaue inzwischen für den Saal der Schlaraffia in der Schedestraße ein Hygiene-Konzept erarbeitet und erste Referenten hierfür sind angefragt. Und ich stehe mit dem Goldschmied Hans-Joachim Weingarz in Kontakt, in dessen schönem Ladengeschäft in der Friedrich-Breuer-Straße ich vor drei Jahren meine Erkenntnisse zu Walter Geffcken und dem frühen Bildnis von Thomas Mann zum Besten gab. Anhand einer Probebestuhlung werden wir ermitteln, wie viele Personen sich zwischen den geschmückten Vitrinen sich zum Literarischen Salon versammeln können. Herr Weingarz hat mich übrigens im Zusammenhang mit den ‚zwei südlicheren Tagen‘ dazu aufgefordert, den Anfang von Wolfgang Hildesheimers ‚Mitteilungen an Max…‘ wieder zu lesen: „Aber irgendeiner hat auch die letzte Süße in den schweren Wein gejagt. Ich habe den Kerl nicht zu fassen gekriegt, wahrscheinlich hat er nachts gejagt.“

    Köstlich! In diesem Sinne herzlich: Bis bald Ihr Peter Baumgärtner

    PS: Im Anhang finden Sie noch die digitalen Lektüre-Workshops unserer Muttergesellschaft, die Sie auch auf der entsprechenden Homepage finden können.

  • Rundbrief Nr. 16

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    allen, die an unserem ersten ‚Literarischen Gartensalon‘ in der vorvergangenen Woche nicht teilnehmen konnten, will ich meinen begeisterten Bericht darüber nicht vorenthalten: Herr Büning-Pfaue hatte seinen Garten zur Verfügung gestellt und wir hatten mehr Anmeldungen erhalten, als dieser unter Einhaltung des bekannten Regelwerks zu fassen vermochte. Unser Gastgeber hatte für eine erstklassige und selbstgemachte Verköstigung gesorgt, verschiedene Gäste hatten köstliche Getränke mitgebracht.

    Frauke May hatte den Lieblingstext Manns ihrer jungen Jahre dabei, den Tonio Kröger, und las daraus den dritten Absatz, den Dialog, der höchst eigentlich ein Monolog ist, zwischen Lisaweta Iwanowna und Tonio Kröger. Eine höchst handlungsarme und gedankenschwere Passage, die Frau May aber so gekonnt und so farbig gestaltete, daß es ein wahrer Genuß war. Ihre Imitation eines russischen Akzents der Iwanowna wurde begeistert aufgenommen. Die sprachliche Qualität des Textes begann gesprochen zu leuchten. Man fühlte sich an das im Text versteckte Eigenlob Thomas Manns erinnert und wurde überzeugt, daß es sich hierbei und ein „wertvoll gearbeitetes Ding“ handelt, „voll Humor und Kenntnis des Leidens.“ – Ein Satz, mit dem man das Gesamtwerk Thomas Manns überschreiben könnte.

    Verschiedene Mitschnitte in Ton und Bild wurden gefertigt, die nun daraufhin überprüft werden, ob sie für eine ausschnittsweise Veröffentlichung auf unserer Seite taugen. In den anschließenden lebhaften Gesprächen wurden verschiedenste Themen für weitere Gartensalon-Treffen besprochen und nach weiteren geeigneten Freiräumen gesucht, in denen unter den obwaltenden Umständen sich unsere Mitglieder ohne Sorgen wieder treffen können.

    Auch wenn in den letzten Tagen schon ein herbstlicher Wind von den Bäumen das Laub riß, bin ich mir sicher, daß uns noch ein paar südlichere Tage vergönnt sein werden und wir im September und Oktober noch ein, zwei Termine für einen literarischen Gartensalon finden sollten, für die wir kein, für angemietete Innenräume obligatorisches Hygiene-Konzept erstellen und uns genehmigen lassen müssen. Das bürgerlich-verantwortliche Bewußtsein zur Abstandswahrung können wir zum Glück in unserer Mitgliederschaft verantworten.

    So hat sich inzwischen Frau Margit Haider-Dechant bereit erklärt, die Rasenfläche ihres Woelfl-Hauses für einen Gartensalon zur Verfügung zu stellen. In diesem schönen Rahmen wäre natürlich ein musikalisch-literarisches Thema zu Thomas Mann angezeigt. Hierzu bitte ich noch um Anregungen, ein Termin kann kurzfristig gefunden werden.

    Ich möchte zunächst auf die Anregung von Frau Dr. Bensch zurückkommen, die letzten Jahre Thomas Manns in den USA und seine Entscheidung, diese wieder in Richtung Europa – aber nicht nach Deutschland, sondern eben in die Schweiz – zu verlassen. Die Intellektuellen-Hatz eines Herrn McCarthy, der unsägliche Umgang der Politiker miteinander, all dies hat in den Tagebucheintragungen und in Briefen Thomas Manns insbesondere an Hermann Hesse breiten Niederschlag gefunden. Gemeinsam mit Frau Dr. Bensch werde ich hierzu eine kleine Lesung vorbereiten, bei der wir einleitend auch die jeweiligen privaten und politischen Tagesbezüge erläutern. Im Weingut Sülz in Oberdollendorf habe ich angekündigt, daß wir dort an einem Wochentag abends um 18.00 Uhr mit einer angemeldeten Gruppe erscheinen werden. Es stehen dort ca. 250 Plätze im Garten zur Verfügung, die unter der Woche nur zu einem kleineren Teil belegt sind und wir daher immer die Möglichkeit haben, uns etwas abzusondern. Einen konkreten Termin werde ich in Abstimmung mit Frau Bensch und meiner Wetter-App mit dem Vorlauf von ca. einer Woche nochmals in die Runde geben.

    Unterdessen sollten wir nicht müde werden, uns für die Wintersaison nach Räumlichkeiten umzuschauen. Gemeinsam mit Herrn Büning-Pfaue werden wir für den Saal der Schlaraffia in der Schedestraße ein Hygiene-Konzept erarbeiten und uns dieses vom Ordnungsamt genehmigen lassen. Neuland für uns alle.

    Über ein erfreuliches Ereignis darf ich zum Abschluß berichten: Herr Bernhard F. Schoch ist unserem Ortsverein beigetreten. Herr Schoch ist Musiker und lebt in Köln; als Begrüßungsgeschenk erhielt er einen Band aus unserer Schriftenreihe, einen weiteren hat er sogleich dazu bestellt. Wir freuen uns darauf, seine Bekanntschaft zu machen und ich nutzte die Gelegenheit nochmals darauf hinzuweisen, daß sich unsere Schriften vorzüglich als Geschenk im literarisch interessierten Freundeskreis eignen.

    Diesem Rundbrief habe ich nochmals ein Blankett zur Einwilligungserklärung der Datennutzung beigefügt und auch die aktuelle Liste all derer, die bereits unterzeichnet haben. Herr von Weizsäcker bittet um Verständnis dafür, daß er seine postalische Adresse nicht angeben möchte. Ich bitte Sie zu prüfen, ob mir kein Name entgangen ist, ob ich alle Angaben korrekt übernommen habe.

    So verbleibe ich einstweilen mit herzlichen Grüßen und wünsche auch weiterhin viel Zuversicht, Ihr Peter Baumgärtner