Kurzmitteilungen

  • Band 1

    Band 1

    Hermann Kurzke: Der gläubige Thomas. Glaube und Sprache bei Thomas Mann. Bonn: Bernstein-Verlag, 2009. ISBN: 978-3-939431-36-7.

  • Rundbrief Nr. 72

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    bevor wir zurückschauen, schauen wir nach vorne in die übernächste Woche hinein: Am kommenden Donnerstag, den 3. April 2025 wird, wie bereits mehrfach angekündigt, Oliver Fischer sein jüngst erschienenes Buch »Man kann die Liebe nicht stärker Erleben« vorstellen. Er erzählt darin die Geschichte der Beziehung Thomas Manns zu Paul Ehrenberg, es ist das Ergebnis jahrelanger Recherchearbeit des Autors. Oliver Fischer ist der Vorsitzende des Ortsvereins Hamburg und zugleich einer der Vizepräsidenten unserer Gesellschaft.

    Die Lesung findet statt in Der andere Buchladen in Köln, Ubierring 42, um 19.00 Uhr. Es werden 10.- Euro Eintritt erhoben. Das kleine Plakat, das ich hierzu entwickelt habe, finden Sie im Anhang. Ich freue mich, daß wir mit dieser Buchhandlung einen weiteren Partner für unsere Veranstaltungen gefunden haben. Die Anzahl der dort verfügbaren Sitzplätze ist beschränkt. Bitte melden Sie sich direkt dort an unter: suedstadt@der-andere-buchladen-koeln.de.

    Thomas Manns Brief an den Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Bonn wird uns – wie bereits mehrfach angekündigt – am 13.Mai im Uni-Club von Bernt Hahn gelesen. Zu Gast sein wird auch der russische, in der Schweiz lebende Schriftsteller Michail Schischkin, der, ähnlich wie Thomas Mann zu seiner Zeit, die Ehre und das Ansehen seiner Muttersprache und der Literatur seiner exilierten Landsleute retten will. Die Vorbereitungen zu dieser Veranstaltung sind noch voll im Gange. Einen elektronischen Flyer habe ich bereits konzipiert – Sie finden ihn im Anhang.

    Nun der erfreuliche Blick zurück auf den Vortrag von Dr. Michael Navratil im Haus an der Redoute in Bad Godesberg. Der Titel des Vortrags

    Ironischer Elitarismus. Menschlicher und erzählerischer Rang in Thomas Manns Der Erwählte und Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

    war uns allen etwas rätselhaft erschienen. Wie würde Navratil den Thomas Mann oft unterstellten Elitarismus mit seinem menschlichen Rang zusammenbringen? Welche Rolle spielt seine Ironie dabei? Er erinnerte daran, daß die relative politische Enthaltsamkeit innerhalb der Fiktion einerseits und das politische Engagement des Autors in der Realität andererseits als zwei Seiten derselben Medaille zu betrachten seien. Und er fuhr fort, daß die beiden letzten Romane Thomas Manns nicht nur seine humoristischsten sind und als Ausdruck des ästhetischen Eskapismus angesichts einer verzweifelten Weltlage anzusehen seien, sondern daß man in dieser gesteigerten Ironie und zum Teil genüsslichen Frivolität auch eine gewandelte Form einer demokratischen Ästhetik erblicken könne, eben als Absage an Dogmatismus und starre Weltanschauungen. Die subversive Ironisierung wird zu einer genuin künstlerischen Gestaltungsform demokratischen Denkens.

    In dieser äußersten Verknappung des Vortragsinhalts wird dessen Aktualität sichtbar. Der ganze Vortragstext ist im Jahrbuch 2023 nachzulesen. Das zahlreich erschienene Publikum dankte mit warmem Applaus. Die Art, wie Herr Navratil seine komplexen Gedanken sprachlich vermitteln kann, wurde allerseits bewundert. Ich habe ihn sogleich für das nächste Frühjahr zu einem weiteren Vortrag eingeladen. Wer noch mehr von seinen germanistischen Tiefenbohrungen lesen möchte, kann sich sein neues, bei De Gruyter erschienenes Buch: Kontrafaktik der Gegenwart. Politisches Schreiben als Realitätsvariation bei Christian Kracht, Kathrin Röggla, Juli Zeh und Leif Randt besorgen.

    Diese Woche tagte auch der Redaktionsrat unseres Buchprojekts Frankreichs Hommage an Thomas Mann in unserem „Dienstsitz“ und meinem Büro in der Wurzerstraße. Zugegen waren die beiden Übersetzer Axel Volhard und Thomas Schmalzgrüber, wie auch Thomas Kempken, der uns das Portal zu einem Verlag eröffnete, der selbst ertellte Bücher auf Bestellung produziert. Wir klärten die Typographie, den Umbruch, die Umschlaggestaltung und manches andere mehr, und gaben dann die Bestellung für ein Probeexemplar auf. Wir sind sehr gespannt! 70 Jahre nach seinem Erscheinen auf Französisch wird es zum 150. Geburtstag Thomas Manns auf Deutsch verfügbar sein, die preiswerte Taschenbuchausgabe für zwölf Euro, gebunden für zwanzig.

    Stammtisch! Wie sich die Teilnehmer der Mitgliederversammlung sicher erinnern können: Wir haben beschlossen, den Stammtisch zu verstetigen, uns alle zwei Monate zu treffen, das nächste Mal am 10. April um 18.00 Uhr im Delikart im Landesmuseum Bonn. Ich bitte darum, mir bis spätestens 6. April Anmeldungen zu schicken, damit ich einen entsprechend großen Tisch bestellen kann.

    Feuilleton

    Bei der Einladung zur Mitgliederversammlung habe ich auf die jüngst erschienene Neuausgabe von Thomas Manns Rundfunkansprachen während des Krieges hingewiesen.

    Ich gestehe, diese nun erstmals vollständig gelesen zu haben und, wie so oft, von der Macht seiner Sprache beeindruckt gewesen zu sein.

    In seiner Ansprache an die „Deutschen Hörer“ vom 28. Februar 1944 erinnert Thomas Mann an die frühen Schriften Heidens zur Hitlerei und macht auf eine Neuerscheinung in Amerika aufmerksam: Der Führer, Hitler’s Rise to power.

    Herrn Heiden sind wir schon einmal begegnet im Verlag von Emil Oprecht in Zürich, in dem 1937 Thomas Manns Brief an den Dekan der philosophischen Fakultät Bonn erschien, und – schon drei Jahre zuvor, 1934 – die erste Biografie Adolf Hitlers. Nun, neugierig genug, besorgte ich mir die 2016 erschienene Biografie Konrad Heidens, verfaßt von dem wohlbekannten Journalisten Stefan Aust. Titel: Hitlers erster Feind.

    Konrad Heiden, Jahrgang 1901, wuchs in München auf und hörte schon 1921 Hitler bei einer der ersten Nazi-Versammlungen reden. Er erkannte schnell, daß all der Unsinn, den er verzapfte, mit einer großen Gerissenheit gepaart war. Fortan bleibt er Hitler auf den Fersen, beobachtet, wie ungeschickt sich dieser Prolet in vornehmen Kreisen bewegt. In Gegenwart von Winifried in Bayreuth habe er das Gesicht eines Staatsanwalts bei einer öffentlichen Hinrichtung gemacht. Heiden nahm mit Entsetzen wahr, daß das Hohngelächter über die politischen Morde jener Jahre juristisch nicht geahndet wurden. Kurt Eisner 1919, Matthias Erzberger 1921 – ihm wurde der „Dolchstoß“ zur Last gelegt – wie auch Walter Rathenau, der im Juni 1922 ermordet wurde.

    Zum Jahrestag der Ermordung Walter Rathenaus hatte Konrad Heiden 1923 mit der Arbeitsgemeinschaft republikanischer Studenten eine Gedenkveranstaltung organisiert, zu der er keinen geringeren als Thomas Mann als Redner gewinnen konnte. Dieser sprach unter der Überschrift: Geist und Wesen der Deutschen Republik – Dem Gedächtnis Walter Rathenaus.

    Sich in diesen aufgewühlten Zeiten öffentlich zur Republik zu bekennen, bedurfte es großen Muts. Man bedenke: Die Franzosen waren im Januar ins Ruhrgebiet einmarschiert, die Inflation nahm Anlauf – der Preis für ein Kilo Brot übersprang gerade die 10.000-Reichsmark-Hürde und Thomas Mann steckten noch die heftigen Anfeindungen in den Knochen, die er nach seiner Rede Von Deutscher Republik im Oktober 1922 hatte ertragen müssen. Jene ist auch die bekanntere und häufig publizierte, nach der Rede vom Juni 1923 muß man suchen.

    Thomas Mann räumt gleich zu Anfang ein, daß er diese Rede nicht aus eigenem Verlangen, sondern jugendlichem Andringen nachgebend halten würde. Sein Ton ist verhalten, und dennoch beharrt er darauf, daß die deutsche Innerlichkeit nicht im Widerspruch zur demokratischen Staatsform steht, vielmehr Fundament sein könnte menschlicher Ganzheit und Vollständigkeit wie sie die Republik verkörpert. Die Innerlichkeit, die Bildung des deutschen Menschen, das ist: Versenkung; ein individualistisches Kulturgewissen; der auf Pflege, Formung, Vertiefung und Vollendung des eigenen Ich … gerichtete Sinn;… Das klingt alles fürchterlich altmodisch, ist mir aber sehr nah. Für ihn folgt daraus, daß die Einheit von Staat und Kultur … den Grundgedanken der Republik ausmacht… Auch da hat er mich.

    Thomas Mann scheut sich in der Rede nicht, das Verhalten der französischen Politik als vollkommen schlecht zu bezeichnen – die Besetzung des Rheinlandes – , ohne dabei in Revanchismus zu verfallen, vielmehr sieht er die Gefahr, daß die deutsche Jugend dadurch dem politischen Obskurantismus, das heißt: der Reaktion in die Arme getrieben wird. – Um am Ende die jungen Leute, die ihn zu der Rede aufgefordert haben, zu ermutigen: Die republikanische Jugend Deutschlands begreift, daß Humanität die Idee der Zukunft ist, diejenige, zu der Europa sich durchringen, mit der es sich beseelen und der es leben muß – wenn es nicht sterben will.

    Konrad Heiden hat diesen Auftrag angenommen.

    Im November 1923 Hitlers Putschversuch. Dessen feige Flucht und das milde Luxus-Urteil, das er bekam, verfolgt Heiden aus der Nähe und verfaßt Reportagen darüber, noch nicht wissend, daß er zehn Jahre später all dieses Material für die erste Biografie des Diktators gebrauchen konnte. Aber er ahnte vieles. Spätestens nach dem Erscheinen von Mein Kampf mahnte er, daß Hitler alles genauso meine, wie er es von Heß hat aufschreiben lassen. Und nach der „Nacht der langen Messer“, der Nacht der Ermordung Röhms und der vollständigen SA-Führung, wußte er sich bestätigt.

    Wer die entsetzlichen Vorgänge in Deutschland richtig verstehen will, darf nicht vergessen, daß der Beruf von Mördern das Morden ist. Er muß sich vor Augen halten, daß das Element von Kriechtieren der Sumpf ist. Und vor allem muß er stets daran denken, daß das Geschäft von Lügnern das Lügen ist.

    Heiden flieht zunächst in die Schweiz und ist dann bis 1935 im Saarland als Redakteur tätig, leidenschaftlich damit beschäftigt, bei den Saarländern ein Bewußtsein von den Vorzügen Frankreichs zu wecken. Vergeblich, wie man weiß. Dann die Flucht nach Paris, wo er mit Klaus Mann in intensivem Kontakt ist, und immer wieder Zürich, wo er von Oprecht Unterstützung erfährt, und auch die Gelegenheit bekommt, die besagte erste Hitlerbiografie zu veröffentlichen. Dies macht ihn nicht nur in der noch freien westlichen Welt bekannt, sondern auch in Berlin. Er bekommt die zweifelhafte Ehre, auf die gleiche Ausbürgerungsliste wie Thomas Mann gesetzt zu werden.

    1939 scheint seine Flucht vor den heranrückenden Deutschen in einem südfranzösischen Nest in eine Sackgasse geraten zu sein. Thomas Mann, als Mitglied des Rescue- Committee, setzt sich für ihn ein, und daher weiß auch Varian Fry, wen er zu den ganz besonders gefährdeten Personen rechnen muß.

    Nach unendlichen Strapazen erreicht er Lissabon, wo er bis Oktober 1940 warten muß, bis er auf einem Frachtschiff für relativ kleines Geld nach Amerika ausreisen kann. Auf- grund seiner Bücher ist er dort sofort ein gefragter Mann, und in Berlin wird jeder Vortrag registriert, den er in den USA hält.

    Ein zentraler Satz, geschrieben 1936 zur Neuauflage von „Geburt des Dritten Reiches“ lautet: „Es – das Buch – sucht zu schildern, wie eine Welt unterging, weil sie der eigenen Kraft nicht mehr vertraute, an die volle Ruchlosigkeit des Gegners nicht glaubte, mit der Treulosigkeit Verträge und mit der Vernichtung Frieden schloß.“

    Wenn dieser Satz nur nicht so wahnsinnig aktuell wäre.

    Herzlich Grüße Ihr Peter Baumgärtner


  • Rundbrief Nr. 71

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    dieser Rundbrief soll zunächst an unsere Veranstaltung nächste Woche Freitag erinnern: Dr. Michael Navratil wird am 14. März 2025 um 19.00 Uhr im Haus an der Redoute in Bad Godesberg sprechen zum Thema:

    Ironischer Elitarismus. Menschlicher und erzählerischer Rang in Thomas Manns Der Erwählte und Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

    Ich bat ihn um Erläuterungen zu seinem Vortragstitel und erhielt folgenden Text:

    Dass sich Thomas Mann ab den 1920er Jahren zum aufrechten Demokraten wandelte, gehört beinahe schon zu den Klischees der Forschung. Wie aber kommt es, dass Thomas Mann in seinen letzten beiden Romanen Der Erwählte und Die Bekenntnisse des Felix Krull ausgerechnet zwei dezidierte Ausnahmeindividuen ins Zentrum stellt, welche die Idee der prinzipiellen Gleichheit aller Menschen in Zweifel zu ziehen scheinen? Der Vortrag widmet sich dem ‚ironischen Elitarismus‘ in Thomas Mann späten Texten, indem er der Frage nachgeht, inwiefern sich gerade eine erzählerisch-ironisierte Präsentation des Menschlich-Exzeptionellen als Teilstrategie einer demokratischen Ästhetik begreifen lässt.

    Ich dankte für diese vielversprechende Ankündigung. Sie rückt ganze neue Aspekte in den Fokus – das macht neugierig, hoffentlich nicht wenige von Ihnen. Es wäre nett, wenn Sie mir ihr Kommen kurz anzeigen könnten, damit ich hinreichend viele Stühle aufstellen kann. Wir erheben keinen Eintritt, bitten aber höflich um eine Spende von 10.- Euro – es dürfen gerne mehr sein.

    Der Vortrag von Oliver Fischer wird nicht wie angekündigt am Mittwoch, den 9. April stattfinden, sondern bereits eine Woche früher am Donnerstag, den 3.April um 19 Uhr, wie gehabt in der Buchhandlung Der andere Buchladen, in der Filiale Ubierring 42. Oliver Fischers Buch Man kann die Liebe nicht stärker empfinden wurde in der Mitgliederversammlung sehr gelobt und er wird im gesamten deutschsprachigen Raum zu Lesungen geladen. Wir dürfen uns auf den Termin freuen.

    Noch ein Wort zum übernächsten Termin im UniClub: Michail Schischkin wurde heute ausführlich in der Kulturzeit auf 3-sat vorgestellt, insbesondere seine Initiative, ein Literaturpreis für russischsprachige Autoren auszuloben, die in Rußland nicht mehr publizieren dürfen. Es war ein sehr interessanter Beitrag, in dem auch verschiedene Autoren vorgestellt wurden, die es bereits auf die Shortlist geschafft haben. Am Dienstag, den 13.Mai wird uns Herr Schischkin mehr dazu berichten können.

    Am Ende eine traurige Nachricht: Der von uns allen wohl hoch geschätzte Hanjo Kesting ist vor wenigen Tagen gestorben und mit ihm ein großer Freund Thomas Manns. Vor beinahe zehn Jahren hielt er uns an der Universität den Vortrag

    “Musik, Dämonie und Deutschtum – Aspekte des Doktor Faustus“

    Bei der Gelegenheit machte ich die beigefügte Aufnahme. Vor zwei Jahren stellte er bei Böttger Glanz und Qual vor, und im letzten Frühjahr sprach er ebenda zu Jean Améry. Ich hatte in den Rundbriefen darüber berichtet. Ich schätzte Hanjo Kesting nicht nur als hoch kompetenten Literaturkenner, sondern auch als uneitlen und nie überheblichen Menschen. Meine laienhaften Fragen beantwortete er mit Humor und Geduld.

    Wir werden ihn vermissen. Ich bin in Trauer um ihn.

    Die Mitglieder des Ortsvereins erhalten mit der folgenden Mail das Protokoll unserer Jahresversammlung. Auf Ihren Besuch beim Vortrag von Herrn Navratil würde ich mich freuen.

    Auf bald Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 70 + Gemeinsam gelesen: Doktor Faustus.

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    zunächst wünsche ich Ihnen allen, das neue Jahr gesund und mit viel Lebenszuversicht begonnen zu haben, bereit, es mit den Herausforderungen unserer Tage aufzunehmen.

    Dieser Rundbrief dient der Vorbereitung unseres nächsten Stammtischs, der in erster Linie unsere Jahresmitgliederversammlung sein wird. Ich habe die Nichtmitglieder in Kopie genommen, damit sie sehen, was sie alles verpassen. Die formelle Einladung und die Tagesordnung finden die Mitglieder in der getrennten Elektro-Post.

    Neben vielen vereinsinternen Dingen werde ich folgende Veranstaltungstermine ankündigen und näher ausführen:

    In meinem Bericht zur Jahrestagung 2024 (Rundbrief 67) sahen Sie nicht nur Oliver Fischer auf der Bühne sitzen, sondern auch Dr. Michael Navratil. Wie angekündigt, habe ich ihn zum Vortrag eingeladen. Er wird zu uns am 14. März 2025 um 19.00 Uhr im Haus an der Redoute in Bad Godesberg sprechen zum Thema:

    Ironischer Elitarismus. Menschlicher und erzählerischer Rang in Thomas Manns Der Erwählte und Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

    Ich freue mich auf seine ansteckende Begeisterung für sein Thema, auf seine routiniert- eloquente Art, komplexe Themen verständlich darzulegen. Schauen Sie sich auf seine homepage um: michael-navratil.de – vielleicht laden wir ihn an diesem Abend gleich ein zweites Mal ein.

    Am Mittwoch, den 9. April wird um 19 Uhr Oliver Fischer sein Buch Man kann die Liebe nicht stärker empfinden vorstellen, und zwar in Köln in der Buchhandlung Der andere Buchladen, in der Filiale Ubierring 42. Ich hatte das Buch bereits im letzten Rundbrief ausführlich vorgestellt und freue mich darüber, mit dieser Buchhandlung neue Kooperationspartner unseres Ortsvereins gefunden zu haben.

    Am Dienstag, den 13.Mai um 19 Uhr sind wir mal wieder zu Gast im Uni-Club Bonn: Bernt Hahn wird Thomas Manns Brief an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn vom 1. Januar 1937 lesen, Manns Reaktion auf den Entzug der Ehrendoktorwürde und der offiziellen Ausbürgerung. Ich berichtete darüber ausführlich im letzten Rundbrief.

    Da das Thema Exil ein sehr aktuelles ist – es durchzog schon unser Programm des letzten Jahres – habe ich Herrn Michail Schischkin hinzugeladen, den in der Schweiz im Exil lebenden Schriftsteller, der an Schillers Geburtstag am 10.November die Festrede halten durfte, in der er über die russische Exilliteratur sprach. Darüber wird er auch uns berichten, von dem Literaturpreis, den er ins Leben gerufen hat. Er wird begleitet von seiner Frau Evgeniya, mit der zusammen er den Verlag Petit-Lucelle Publishing house gegründet hat. Auch diesen wird er vorstellen.

    Da wir gerade beim Thema sind: Die Briefe, die mich aus Georgien erreichen, klingen enttäuscht, traurig – aber nicht verzagt. Die Bereitschaft, sich für das freie Wort, für den freien Geist zu engagieren, ist nach wie vor gegeben. Viele der tapfersten Demonstranten wurden gefoltert und eingesperrt, andere setzen sich ins Ausland ab. Man hat Sorge, daß eine bleierne Zeit in Georgien anbricht, daß die Unterdrückung am Ende greift wie in Weißrußland. Diese Sorge wurde verstärkt, nachdem sich in der größten Weltmacht ein Mann ohne jegliche ethischen Grundsätze an die Macht gelogen hat.

    Um das Thema Exil zum Abschluß zu bringen: Im Anhang finden Sie die Eröffnungsrede zu den Tagen des Exils von Christopher Hope, die von der Körber-Stiftung online gestellt wurde – auch als Video-Aufzeichnung in seinem gut verständlichen Englisch.

    Seine Mischung aus Trauer und Witz ist auch sprachlich ein Vergnügen.

    Bernhard Schoch gibt noch folgenden, ganz besonderen Hinweis und Empfehlung: Rainer Nellessen, der frühere Leiter der Karl Rahner Akademie, veranstaltet regelmäßig Literaturkurse zu ausgewählten Romanen. In diesem Frühjahr ist der Doktor Faustus an der Reihe, und zwar an fünf Nachmittagen in März und April dieses Jahres. Eine sehr intensive und fruchtbare Auseinandersetzung mit diesem Hauptwerk Thomas Manns. Als Berufstätiger habe ich leider nicht die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Es wäre schön, wenn ein Mitglied unseres Ortsvereins daran teilnehmen könnte und anschließend berichten. Weitere Einzelheiten zu diesem Kursus finden Sie im Anhang.

    Eine vergnügliche Perspektive will ich ans Ende setzen: Mein Vorgänger und Gründer unseres Ortsvereins Prof. Hans Büning-Pfaue regt an, daß wir im zweiten Halbjahr, nach den großen Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag Thomas Manns in Lübeck ein Sommerfest eben zu diesem Anlaß in Bonn feiern, bei dem er von den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Thomas Manns berichten wird, bei denen er bereits zugegen war. Selbst Fotos und Einladungskarten finden sich noch in seinen Schubladen – wir dürfen sehr gespannt sein! Über das Wann und Wo sollten wir bei der Mitgliederversammlung sprechen.

    Herzlich Ihr Peter Baumgärtner

    PS: Am findet im Schauspiel Bonn die Premiere der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull statt – ist schon ausverkauft, weitere Vorstellungen folgen.


    Gemeinsam gelesen: Doktor Faustus.
    Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde

    Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann

    Thomas Manns 1947 erschienenes vielschichtiges Werk verknüpft den Künstler- und Musik-Roman mit dem Faust-Mythos und der Frage, wie die Kulturnation Deutschland einen Pakt mit dem barbarischen Nationalsozialismus schließen konnte.

    Die Leser*innen haben ihren je eigenen Zugang zu diesem Roman. Gemeinsam gelesen gibt die Möglichkeit, über die unterschiedlichen Leseweisen miteinander ins Gespräch zu kommen, neue Aspekte zu entdecken.

    Bitte lesen Sie den Roman vor Beginn des Kurses. Zur Vorbereitung wird zusätzlich empfohlen: Thomas Mann Die Entstehung des Doktor Faustus (1949) mit wichtigen Hinweisen zu Quellen und Struktur des Romans und zeitgeschichtlichen Zusammenhängen.

    10. März

    17. März

    24. März

    31. März

    7. April

    Mo 14:30 bis 16:45 Uhr

    Rainer Nellessen ehemaliger Studienleiter der Karl Rahner Akademie

    40 Euro

    Die Zahl der Teilnehmer*innen ist auf 12 Personen begrenzt.

    Anmeldung erforderlich

    bei Karl Rahner Akademie, Jabachstraße 4 – 8, 50676 Köln www.karl-rahner-akademie.de

    Tel. 0221 / 8010780

    E-Mail: info@karl-rahner-akademie.de

  • Rundbrief Nr. 69 + Anlage Der Mathematiker, der sich für Richard Wagner prügelte

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft,

    vor allen anderen Dingen möchte ich auf den nächsten Stammtisch-Termin hinweisen, der gleichzeitig unsere Jahresmitgliederversammlung sein wird: Wir sehen uns am

    Donnerstag, den 20. Februar 2025 um 18.00 Uhr im Haus der Schlaraffia.

    Die Tagesordnung und weitere Details folgen im neuen Jahr. Bitte merken Sie sich den Termin vor, nachdem beim letzten Stammtisch aus verschiedensten Gründen nur zehn Mitglieder anwesend waren.

    Nun seien auch die Interessierten an unserer Arbeit begrüßt – die (Noch-) Nicht-Mitglieder – die den Film Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann vielleicht auch gesehen und eine Lust entwickelt haben, sich in unserem Kreis über diesen Casus zu unterhalten. Beim Stammtisch war das Echo auf den Film ambivalent. Ich erlaubte mir, der Produktionsfirma, die mich zur Premiere eingeladen hatte, wie folgt zu antworten (Auszüge):

    was Sebastian Schneider (Hauptdarsteller) spielerisch und sprachlich leistet, ist phänomenal. … Als Thomas Mann-Purist muß ich einige Vorbehalte anbringen: Das Gespräch mit dem Hauptdarsteller, dem Regisseur und dem Drehbauchautor war erhellend. Der normale Kinobesucher wird diesen Luxus nicht haben, und wird mit seiner Frage alleingelassen sein: Warum machen die das so? Erst bei diesem „Nachspiel“ habe ich begriffen, daß der Film als Kunstwerk an sich zu begreifen ist, keinesfalls eine Verfilmung des Krull, obgleich er chronologisch der Erzählung folgt. Der Film fokussiert sich auf die sexuellen Aspekte der Handlung, was betont wird durch die pfauenhaften Kostümierungen der Hauptfigur – sie soll die verborgenen Sehnsüchte Thomas Manns nach außen kehren. Diesen Anspruch kann man als Anmaßung begreifen. Es macht die Künstlerperson Thomas Mann eben aus, daß er sich eine „Verfassung“ gab, eine Fassade, eine öffentliche Rolle, hinter der er wesentliche Eigenheiten seiner Person versteckte, und dieser innere Druck war ihm Antrieb für sein ganzes Schaffen.

    Dieser innere Druck wurde allerdings nicht nur gespeist von seinen wie auch immer gearteten sexuellen Präferenzen, er hatte sich stets die Frage vorgelegt wie ein sittliches Zusammenleben der Menschen ohne religiösen Rückbezug gestaltet werden kann, die Frage nach dem Humanismus also. Dieser Aspekt kommt in ihrem Film nicht vor oder wird plakativ nach außen gewandt, was Thomas Mann sehr befremdet hätte.

    Den Maler Friedel Anderson kennenlernen zu dürfen, war eine Bereicherung für uns alle. Mir war, als würde das Bildnis des Dorian Gray geschaffen das sich am Ende wandelt in ein Altersbildnis. Ein Kunst-Event innerhalb dieses Filmkunstwerks.

    Dieses Thema, die Homosexualität Thomas Manns, wird uns auch beschäftigen, wenn uns Oliver Fischer sein Buch Man kann die Liebe nicht stärker empfinden vorstellt. Wann und wo dies sein wird, ist noch nicht klar. Aktuell bin ich auf der Suche nach einer Buchhandlung in Köln, die sich für das Buch und das Thema offen zeigt. Vorab möchte ich es ihnen schon warm ans Herz legen – hier einige Sätze dazu:

    Nach jahrelanger Recherche-Arbeit hat er ein Buch vorgelegt, die die jungen Jahre Thomas Manns in einem klareren Licht erscheinen lassen. Oliver Fischer hat Germanistik, Kunstgeschichte und Theologie studiert und verdient sein Geld als freier Journalist. All dies merkt man dem Buch an: Es ist bei aller Gründlichkeit sehr gut lesbar geschrieben. Der von Thomas Mann angehimmelte Paul Ehrenberg war Künstler – Olivers Expertise in Sachen Kunstgeschichte kommen diesem Aspekt zugute. Ein ganzes Kapitel ist der Geschichte des gesellschaftlichen Umgangs mit Homosexualität gewidmet, den strengen Gesetzen hierzu und dem Vertuschen in rechtslastigen Männerbünden. Ich habe vieles gelernt!

    Oliver legte sich Fragen vor, denen andere Biographen auswichen oder nur mit spitzen Fingern anpackten. Und er wagt Antworten! Auch solche, die Thomas Mann gar nicht gut dastehen lassen.

    Zudem ist das Buch großzügig ausgestattet mit teils farbigen Abbildungen und Lesebändchen. Wenn wir mit Oliver Fischer zusammen sind, wird sich sicher eine lebendige Diskussion ergeben. Ich schrieb ihm bereits, daß mir das Werben Thomas Manns um Katja Pringsheim in zu einseitigem Licht dargestellt erschien: Die Mühe, die ihn dies kostete, lag keineswegs allein in dem sexuellen Sich-Verbiegen. Er, der seit seinem 16ten Jahr vaterlos ein „wurstiges“ Künstlerleben führte, mußte sich nun Tag für Tag in Gesellschaft bewähren – einem Schwiegervater gegenüber, der diesen dahergelaufenen Tintenkleckser mißtrauisch beäugte. Mußte er sich nicht fühlen wie Morten Schwarzkopf, der um die Hand der Senatorentochter anhält?

    In meinem Bericht zur Jahrestagung 2024 (Rundbrief 67) sahen Sie nicht nur Oliver Fischer auf der Bühne sitzen, sondern auch Dr. Michael Navratil. Wie angekündigt, habe ich ihn zum Vortrag eingeladen. Er wird zu uns

    am 14. März 2025 um 19.00 Uhr im Haus an der Redoute in Bad Godesberg sprechen zum Thema:

    Ironischer Elitarismus. Menschlicher und erzählerischer Rang in Thomas Manns Der Erwählte und Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

    Womit wir Felix Krull von einer weiteren Seite beleuchten können. Ich freue mich auf seine ansteckende Begeisterung für sein Thema, auf seine routiniert-eloquente Art, komplexe Themen verständlich darzulegen. Schauen Sie sich auf seine homepage um: michael-navratil.de – vielleicht laden wir ihn an diesem Abend gleich ein zweites Mal ein.

    Georgien

    Wie sich die Lage in Georgien darstellt, haben Sie sicher aus den Medien erfahren. Von Natia Tscholadze erreichen mich Briefe voll wütender Entschlossenheit. Sie unterstützt die jungen Leute, die in Tiblissi demonstrieren, mit allem, was sie hat, und weiß sehr wohl, daß ihr Mailverkehr vielleicht überwacht wird, wie auch jener von hunderttausenden von anderen entschlossenen Bürgern Georgiens. Alle kämpfen nun mit offenem Visier. Der Kampf ist jetzt heiß. Wenn er verloren geht, beginnt für die Menschen dort eine neue Eiszeit. Viele werden ins Ausland fliehen.

    Ich habe ihr (wieder auf Umwegen) Geld zukommen lassen. Falls Sie sich anschließen möchten, bitte Spenden unter dem Stichwort „Georgien“ auf unser Konto bei der Sparkasse Köln-Bonn anweisen: DE86 3705 0198 1902 2707 17 (Siehe hierzu Sonder-Rundbrief Nr. 63)

    Feuilleton

    Nun komme ich zurück auf den Rundbrief Nr. 67, auf den Vortrag von Friedhelm Marx: Thomas Mann im amerikanischen Exil. Er gab damals den Hinweis, daß sein früherer Lehrer Prof. Norbert Oellers 1983 an einem Colloquium zur 50. Wiederkehr des 30.Januar 1933 teilnahm. Die Beiträge wurden in einem Bouvier-Bändchen unter dem Titel: Literatur und Germanistik nach der Machtübernahme publiziert, das noch heute lesenswert ist.

    Gleich zu Anfang betreibt Peter Pütz eine begriffliche Klarstellung: An dem besagten Datum fand keine Machtergreifung statt, sondern die Macht wurde dem schnauzbärtigen Unhold übergeben.

    Oellers zitiert in seinem Text Dichtung und Volkstum – Der Fall der Literaturwissenschaft aus den Betrachtungen eines Unpolitischen die sehr politischen Äußerungen wider die Demokratie, wider die ‚Zivilisation‘ – und wider Frankreich ganz allgemein – einer Haltung, aus der sich Thomas Mann 1922 zum Geburtstag von Gerhard Hauptmann herauszuwinden suchte.

    Oellers erinnert an die Napoleonischen Kriege als Keimzelle der „Erbfeindschaft“. Goethes Sympathie für die positiven Impulse Napoleons ignorierte man im 19. Jahrhundert offenbar vollständig – und führt aus, daß stramm nationalistische Haltungen in der Literaturwissenschaft aus jener Zeit herrühren und nicht 1933 erfunden wurden. Die Kurzbiografien seiner Amtsvorgänger sind ebenso skurril wie traurig. Erschreckend das Bild der Studentengeneration jener Jahre, deren begeisterte Teilnahme an den Bücherverbrennungen.

    In seinem Text erwähnt Oellers auch das Buch von Paul Egon Hübinger: Thomas Mann, die Universität und die Zeitgeschichte, erschienen 1974.

    Der Autor war ein anerkannter Historiker, dem man vorwarf, Nestbeschmutzer zu sein, der aber trotz aller Schwierigkeiten die Sache durchstand. Ich war über den schwerleibigen Band mit 640 Seiten erschrocken, las ihn dann aber mit großer Begeisterung, ist er doch spannend wie ein Krimi.

    Hübinger berichtet, daß bereits 1906 erste Seminare zu Erzählungen von Thomas Mann an der Universität Bonn stattfanden. 1911 wurde Thomas Mann erstmals nach Bonn eingeladen, um aus einigen Erzählungen zu lesen.

    Zunächst widmet sich Hübinger der Frage, wofür Thomas Mann seine Ehrendoktorwürde erhalten hat. Von der entscheidenden Sitzung des Fakultätsrats gibt es kein Protokoll. Hübinger ist auf Indizien angewiesen, auf Briefe im Hintergrund und ist sich am Ende sicher: Die Betrachtungen eines Unpolitischen gaben den Ausschlag, auch wenn in der Urkunde nur die Buddenbrooks erwähnt werden.

    Diese Ehrung war für Thomas Mann eine sehr wichtige Auszeichnung, zumal es die erste dieser Art war. Sie wurde ihm 1919 verliehen anläßlich des – verschobenen – 100- jährigen Jubiläums der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Im Jahr zuvor herrschte Krieg, und auch 1919 konnte Thomas Mann nicht anreisen: das Rheinland war noch französisch besetzt. – Ob er ein Visum bekommen hätte?

    Erst im Spätherbst 1920 kann er die Auszeichnung persönlich entgegennehmen. Prof. Berthold Litzmann läßt nun die Maske fallen, er betont in seiner Begrüßung, welch innerlichen Nachhall die ‚Betrachtungen eines Unpolitischen‘ in Bonn gefunden hatten und wie sehr man Thomas Manns aus einem Mischblut aufgesprossene … Entscheidung zum Deutschtum in ihrem Bekenntniswert erkannt hatte. Die ‚Bonner Zeitung‘ berichtete: Er [Thomas Mann] wehrte sich dagegen, daß Litzmann der Jugend ihn nicht nur als eine Persönlichkeit tiefsten künstlerischen und deutschen Gewissens, sondern als ein Führer vorgestellt hatte. Er fühle sich nicht begabt zum Mann der Geste, des Mir-nach, der emphatischen Fahnenvoranträgerei.

    So viel zur Geisteshaltung in der Bonner Universität, in der sich in den 20er Jahren dann Erschütterung über die Abtrünnigkeit Thomas Manns breit machte. Die öffentlichen Verunglimpfungen nehmen von Jahr zu Jahr zu. Man ist fragt sich, weshalb Thomas Mann nicht schon fünf Jahre früher in die Schweiz auswanderte.

    In Bonn freute man sich, daß die faschistische Staatsführung schon ‘33 ein Gesetz erließ, das die Ausbürgerung von im Ausland lebenden Renegaten erleichterte, und diese sollte den Entzug aller anderen bürgerlichen Ehrentitel nach sich ziehen. Auf diese Ausbürgerung wartete man an der Uni Bonn, um nicht selbst aktiv werden zu müssen. Die Studentenschaft war als treibende Kraft ganz vorne mit dabei, aber auch ein bayrischer SS-Mann namens Heydrich. Doch in Berlin zögerte man, mit Heinrich und Klaus hatte man kurzen Prozess gemacht, aber gegen Thomas lag nichts Greifbares vor. Seine Wagner-Rede reichte nicht hin. Doch man hatte ihn im Visier: Wo auch immer er einen Vortrag hielt: Ein Gestapo Mann saß im Publikum. Welche Zeitung auch immer ein Interview mit ihm führte, sei es in Paris oder New York: Eine Kopie gelangte nach Berlin.

    Im Februar 36 schien die Stunde gekommen, Manns Replik auf Korrodi war deutlich genug – aber die Olympiade stand vor der Tür. Man wollte keinen internationalen Skandal. Heydrich war inzwischen in Berlin angekommen, Goebbels stand auf der Bremse. Man wandte sich an Hitler, der „sackharte“ Flüche wider Thomas Mann ausstieß, aber auch die Sommerspiele vorüber gehen lassen wollte. Zur Begründung der Ausweisung konnte Hübinger sieben Konzepte nachweisen, die sämtlich verworfen wurden – erst die achte wurde Thomas Mann zugestellt; und auch dies erst nachdem man sich in Wien erkundigt hatte, ob man ihm nicht die österreichische Staatsbürgerschaft zugesprochen hätte – dies hätte die förmliche Ausweisung unnötig gemacht.

    So wird die Ausbürgerung Thomas Manns erst am 2.Dezember 1936 öffentlich gemacht, nicht wissend, daß dieser seit dem 19. November schon tschechischer Staatsbürger war, die Ausbürgerung somit gegenstandslos und die Aberkennung der Ehrendoktorwürde ohne rechtliche Grundlage.

    Und Thomas Mann ‚schoß‘ zurück: Am 1. Januar 1937 ging sein Brief an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn auf die Post, tags zuvor war er bei dem Buchhändler und Verleger Emil Oprecht zu Gast. Ein Mann, mit dem sich Thomas Mann sehr verbunden fühlte und der allzu jung verstarb. Thomas Mann hielt eine bewegende Trauerrede am 13.10. 52. Ich zitiere daraus: …und meine schönste Erinnerung an ihn ist die an die Stunde, Silvesterabend 1936, als ich ihm den eben geschriebenen Brief nach Bonn, jene Streitschrift gegen die Verderber Deutschlands, vorlas, die dann dank seiner Initiative ihren Weg um die Welt machte. Nie vergesse ich den Ausdruck, mit dem er, als ich geendet hatte, stumm meine Hand ergriff und sie drückte. Ich glaube, es standen Tränen in seinen Augen.

    Bis Ende Februar waren 20.000 Exemplare der Abschrift des Briefes verkauft, er wurde in fast alle europäischen Sprachen übersetzt, mit Tarneinbänden versehen und so ins Reich geschmuggelt.

    An diesen wunderbaren Menschen Emil Oprecht erinnerte Peter Stahlberger in dem 1970 im Züricher Europa-Verlag erschienenen Buch Der Züricher Verleger Emil Oprecht und die deutsche politische Emigration. Oprecht (1895-1952) hatte zunächst als explizit linker Verleger erste Erfolge mit Ignazio Silone, bevor er sich in den 30er Jahren als der Verfechter des freien Wortes in der Schweiz entwickelt. Er verlegte neben vielen anderen Autoren Romane von Heinrich Mann, und hatte 1935 einen großen Erfolg mit der Herausgabe der ersten Hitler-Biographie von Konrad Heiden (1901-1966). Stahlberger zitiert einige Passagen: wunderbar respektlos, frech und treffend: Ein gescheiterter Mann und ein gescheitertes Volk verbinden sich.

    Zurück zu Thomas Mann und Uni Bonn: Bereits in der ersten Fakultätssitzung im Juli 1945 stand das Thema Wiederannäherung an Thomas Mann auf Platz eins der Tagesordnung. Man begann sogleich, einen Brief an ihn zu formulieren, wurde sich unsicher, textete ein Telegramm und ließ dann beides liegen. Kluge Menschen hatten den Rat dazu gegeben und zurecht angenommen, der Meister könnte verschnupft reagieren, wenn all jene, die während der braunen Zeit an der Uni in Lohn und Brot standen, die letzten zwölf Jahre kurzerhand vergessen machen wollten.

    Man besann sich und wandte sich 1947 an den in England im Exil lebenden Althistoriker Wilhelm Levison mit der Bitte, im Namen der Bonner Hochschule bei Thomas Mann vorzufühlen. Levison war der Hübingers Doktorvater, ein aus dem Rheinland stammender und in der ganzen Welt hoch angesehener Historiker, der 1939 mit knapper Not noch nach England gelangte. Der Wiki-Eintrag über ihn ist sehr lesenswert.

    Jedenfalls gab Thomas Mann dem Ansinnen statt, unter der Bedingung, daß alle Körperschaften der Uni diesen Schritt ausdrücklich begrüßten: Er wußte wohl, welch üble Nachrede in den Nachkriegsjahren über ihn im Umlauf waren. Diese Bedingung zu erfüllen, fiel allein dem ASTA schwer: Die Studenten waren zu jung, um Thomas Mann wirklich zu kennen, hatten ihre Schulbildung unter dem Hakenkreuz erhalten, und wenn dort der Name Thomas Mann erwähnt wurde, dann nur als Vaterlandsverräter…

    Am Ende dieses kurzen Referats über ein großartiges Buch und somit auch ans Ende dieses Rundbriefs möchte ich Norbert Oellers zitieren, der seinerseits in seinen oben erwähnten Bericht aus 1983 Brechts Galilei zitiert: „Unglücklich das Land, das keine Helden hat.“ Und Galilei korrigiert: „Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Und Oellers kommentiert: „Helden zu fordern, steht keinem zu, der keiner war oder ist. Aber jeder darf wünschen, daß sie in Zeiten der Not nicht ganz ausbleiben.“

    Wenn ich dies lese, kann ich nicht umhin, an unsere Natia in Georgien zu denken. Denken auch Sie an sie.

    Ich wünsche friedvolle Weihnachtstage. Herzlich Ihr Peter Baumgärtner


    Aus der Süddeutschen Zeitung:

    Alfred Pringsheim

    Der Mathematiker, der sich für Richard Wagner prügelte

    15. November 2024, 14:55 Uhr  |  Lesezeit: 7 Min.

    Der Münchner Alfred Pringsheim war Hitzkopf, Kunstsammler, Musiker, Intellektueller – und Schwiegervater von Thomas Mann. Über einen klugen Kopf, dessen brillante Lebensleistung in Vergessenheit geraten ist.

    Von Wolfgang Görl

    Die junge Schauspielerin Hedwig Dohm, Tochter des Schriftstellers Ernst Dohm und seiner Frau Hedwig, einer berühmten Feministin, war im Sommer 1876 ins Bayreuther Haus Wahnfried eingeladen. Dort, berichtet sie später, gab Richard Wagner „in unverfälschtem Sächsisch“ Anekdoten von sich und dessen Gattin Cosima führte als „Grande Dame“ häusliche Regie. Zu den Gästen der Wagner’schen Soiréen gehörte in den Jahren zuvor auch „der kleine Dr. Alfred Pringsheim“, denn „der Meister hatte sich mit dem jungen Anbeter, dem er auch zu sämtlichen Proben Zutritt gegeben, (…) förmlich angefreundet“. Diese Freundschaft fand ein jähes Ende, und zwar nicht, weil Pringsheim seinem Hausgott Wagner abtrünnig wurde, sondern weil er dessen Ehre in allzu vehementer Weise verteidigte.

    Der Vorfall ereignete sich in einem Bayreuther Gasthof. Unter den Zechern war ein Berliner Kritiker, der zu vorgerückter Stunde wetterte, das ganze Bayreuth sei „purer Schwindel“, und es wäre ein Leichtes, „mit einigen Strauß’schen Walzern die ganze Sippe vom Festspielhügel herunterzulocken“. Wagner-Anbeter Pringsheim sah sich zum Eingreifen genötigt. Einen Bierkrug hatte er schnell zur Hand, und diesen schlug er dem Lästerer auf den Kopf. Pringsheim brachte die Attacke einige süffisante Berichte in der Presse sowie den Beinamen „Schoppenhauer“ ein. Das Haus Wahnfried reagierte pikiert. Umgehend brach man die Verbindung zu Schoppenhauer ab.

    Im kollektiven Gedächtnis ist Alfred Pringsheim, wenn überhaupt, als Schwiegervater Thomas Manns präsent. Das aber wird seiner Lebensleistung nicht im Mindesten gerecht.

    Pringsheim war ein bedeutender Wissenschaftler, ein brillanter Lehrer, war talentierter Musiker sowie kenntnisreicher Kunstsammler, und gemeinsam mit seiner Frau, eben jener Schauspielerin Hedwig Dohm, gehörte er zur Crème de la Crème der Münchner Gesellschaft der Prinzregentenzeit und der Weimarer Jahre. In der Villa der Pringsheims in der Arcisstraße gingen die besten Künstler, Wissenschaftler und Intellektuellen ein und aus – bis die Nazis an die Macht kamen und alles zerstörten.

    Alfred Pringsheims Heimat war Ohlau in Schlesien, wo er am 2. September 1850 auf die Welt kam. Die Pringsheims waren eine weitverzweigte jüdische Familie, die viele Industrielle, Unternehmer, Wissenschaftler und Gelehrte hervorbrachte. Alfreds Vater Rudolf Pringsheim war ein schwerreicher Mann. Ihm gehörten große Kohlengruben, und er war ein erfolgreicher Eisenbahnunternehmer, der Oberschlesien durch ein Netz von Schmalspurbahnen erschloss. Mit seiner Frau Paula und den Kindern residierte er in einem prachtvollen Palais in der Berliner Wilhelmstraße.

    Als Rudolf Pringsheim starb, erbte der einzige Sohn Alfred ein sagenhaftes Vermögen. Die Schwester Maria wurde mit einer Summe von 3270000 Goldmark ausgelöst. Der Mathematiker Friedrich Ludwig Bauer schreibt im zweiten Band der Buchreihe „München leuchtet für die Wissenschaft“: „Alfred Pringsheim wurde 1914 in Rudolf Martins ’Jahrbuch der Millionäre‘ mit einem Vermögen von 13 Millionen Goldmark an 22. Stelle in Bayern verzeichnet, sein Jahreseinkommen wurde mit 800000 Goldmark angegeben.“

    Ein Kapitalist also, ein Mann der Upperclass, der sich aber den Künsten und der Wissenschaft verschreibt, vorwiegend der Mathematik. Er studiert das Fach in Berlin und Heidelberg, ehe er sich im Jahr 1877 an der Universität München habilitiert. In München, so erzählt er in einem selbstverfassten Lebenslauf, habe „ich seit dieser Zeit – und zwar seit 1886 als außerordentlicher, seit 1901 als ordentlicher Professor – eine über die verschiedenen Zweige der Analysis, Functionen-Theorie, Algebra und Zahlentheorie sich erstreckenden Lehrtätigkeit ausgeübt“.

    Pringsheim ist ein hervorragender Mathematiker, der mehr als 100 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Nicht ohne Stolz vermerkt er in seinem Lebensabriss: „Meine in den zuerst ausgegebenen Heften der ,Enzyklopädie‘ enthaltenen grundlegenden Artikel ,Irrationalzahlen und Convergenz unendlicher Processe‘ und ,Grundlagen der allgemeinen Functionslehre‘ haben durch eine geschickte Mischung von historischer und systematischer Darstellungsweise vielfach vorbildlich gewirkt.“ Seine Vorlesungen, erinnert sich einer seiner Studenten, „waren stets bis in die kleinsten Einzelheiten sorgfältig ausgearbeitet und mit vielen witzigen und unterhaltenden Bemerkungen gewürzt“. Diese Talente bleiben nicht verborgen. 1894 wird Pringsheim zum außerordentlichen, vier Jahre später zum ordentlichen Mitglied der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt.

    Fünf Kinder! Pringsheim lässt ein Stadtpalais in München bauen

    Zu dieser Zeit ist Pringsheim in München längst etabliert. Mitte der 1870er-Jahre hatte er Hedwig Dohm kennengelernt, die am renommierten Meininger Hoftheater spielte. Unter anderem gab sie Shakespeares Julia, und dabei saß der junge Mathematiker im Publikum und war bezaubert. Im Oktober 1878 heirateten die beiden. Pringsheim richtete sich mit seiner Gattin in einer Etagenwohnung in der Arcisstraße ein. Hier kamen die ersten drei Kinder zur Welt, Erik, Peter und Heinz. Im Sommer 1883 erwartete Hedwig das vierte Kind, sie war gerade in einer Ferienvilla in Feldafing am Starnberger See. Wieder ein Sohn, Klaus, doch dann rief die Bauersfrau, die bei der Geburt zugegen war. „Jessas! Es kommt noch eins.“ Das war Katharina, die Katia.

    Fünf Kinder! Auf Dauer könnte es ungemütlich werden in der bisherigen Wohnung. Pringsheim beauftragte ein Berliner Architektenbüro, in der Arcisstraße 12 ein Stadtpalais zu errichten. Es entstand eine mit Erkern und Türmchen verzierte Villa, ausgestattet mit elektrischem Licht, Zentralheizung und Telefon. Die großen Empfangs- und Wohnräume prunkten im gediegenen Renaissance-Stil, und um die obere Wandhälfte lief ein Fries des Malers Hans Thoma, der eine paradiesische Ideallandschaft ins Bild gesetzt hatte. In den Wandschränken, Simsen und Nischen glänzten Kunstschätze. Selbstbewusst konstatiert der Hausherr: „In kunstwissenschaftlichen Kreisen gelte ich als Kenner und erfolgreicher Sammler von Kunstgegenständen der Renaissance. Insbesondere ist meine Sammlung italienischer Majoliken die bedeutendste Privatsammlung dieser Art.“

    Das Musikzimmer ist mit 63 Quadratmetern besonders groß ausgefallen – nicht zufällig. Musik hatte schon im Elternhaus eine überragende Rolle gespielt. Der kleine Alfred lernte Klavier spielen und war bereits als Jugendlicher ein vorzüglicher Pianist. Vor allem Wagners Kompositionen hatten es ihm angetan, einige von ihnen hat er fürs Klavier zu vier Händen bearbeitet. Zusammen mit seinem Vater war er einer der Ersten, der „Patronatsscheine“ zur Unterstützung der Bayreuther Festspiele erwarb. Dass sein „leidenschaftliches Wagnerianertum“ (so der Dirigent Bruno Walter) im Zusammenspiel mit seiner Hitz- köpfigkeit zum Bruch mit Bayreuth führte, muss ihn arg getroffen haben.

    Und dennoch: Pringsheim hatte es geschafft. Universitätsprofessor, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Besitzer eines Palais, das zu den angesehensten Adressen Münchens zählt. Selbst Mitglieder der Hofgesellschaft lassen sich gelegentlich blicken, dann das Theatervolk, allen voran die Sängerin Milka Ternina, mit der er eine – von seiner Frau zwangsläufig geduldete – Affäre hat, dazu Koryphäen wie Richard Strauss, Bruno Walter, Hugo von Hofmannsthal oder die Maler Fritz August Kaulbach, Franz Lenbach und Franz Stuck. Sie alle umsorgt Hedwig Pringsheim mit unübertrefficher Grazie. Der Maler Hermann Ebers notiert: „Nie habe ich die ,Dame des Hauses‘ mit solch liebenswürdiger Aisance die kleine Zeremonie des Teeinschenkens und Kuchenanbietens zelebrieren sehen wie Frau Hedwig Pringsheim.“

    Um das Jahr 1904 gelingt auch dem jungen, bislang in Boheme-Kreisen verkehrenden Schriftsteller Thomas Mann der Zutritt in die erlesene Gesellschaft der Pringsheims. Der Autor, dessen Roman „Buddenbrooks“ gerade ins Rampenlicht gerät, hat ein Auge auf Katia geworfen, die nicht nur wegen der zu erwartenden Mitgift als eine der besten Partien Münchens gilt. Die schöne Katia studiert – außergewöhnlich für eine Frau der damaligen Zeit – Physik und Mathematik. Erste Begegnungen der Studentin mit dem Schriftsteller finden wohl im Salon von Max und Elsa Bernstein statt. In einem Brief schwärmt er: „Der Vater Universitätsprofessor mit goldener Cigarettendose, die Mutter eine Lenbach-Schönheit.“ Katia, fährt er fort, ist „etwas unbeschreiblich Seltenes und Kostbares, ein Geschöpf, das durch sein bloßes Dasein die kulturelle Thätigkeit von 15 Schriftstellern oder 30 Malern aufwiegt.“ Thomas Mann, in erotischen Dingen eigentlich eher Männern zugeneigt, legt sich ins Zeug, Katia erwidert seine Gefühle. Hochzeit ist am 11. Februar 1905.

    In den Zwanzigerjahren verdüstert sich der politische und gesellschaftliche Horizont Münchens. Der Bierkellerdemagoge Adolf Hitler gewinnt mit antisemitischen Hetzreden immer mehr Anhänger, seine SA terrorisiert Andersdenkende und mit besonderem Eifer Juden.

    Was München ehedem auszeichnete, die „Atmosphäre von heiterer Sinnlichkeit, von Künstlertum“, so Thomas Mann in einem Vortrag, ist verschwunden, die Stadt zu einem „Hort der Reaktion“ verkommen. Als Hitler im Januar 1933 an die Macht kommt, fackelt der Schriftsteller, der oft genug vor der Nazi-Barbarei gewarnt hatte, nicht lange. Mit seiner Familie geht er ins Exil, zunächst in die Schweiz. Alfred und Hedwig Pringsheim harren hingegen aus. Im Juni 1933 fordert das bayerische Kultusministerium die Pringsheims auf, einen Fragebogen auszufüllen. Wahrheitsgemäß schreibt der mittlerweile emeritierte Mathematikprofessor, er sei „jüdisch geboren, konfessionslos erzogen und verblieben“. Seine Frau, protestantisch getauft, gibt an, dass ihre Großeltern väterlicherseits sowie der Großvater mütterlicherseits aus jüdischen Familien stammen. Damit, so Friedrich Ludwig Bauer, „war die Entrechtung der Pringsheims nicht mehr aufzuhalten“.

    Zunächst weckt das Palais die Begehrlichkeiten der Nazis. Der Führer will an seiner Stelle Parteibauten errichten. Die NSDAP-Schergen probieren es mit Erpressung: Entweder verkauft Pringsheim das Haus unter Wert oder es wird enteignet. Der Professor, inzwischen 83 Jahre alt, verkauft. Enkel Golo Mann schreibt: „Die Arme Hedwig hat ihren greisen Gemahl zusammengebrochen auf seinem Stuhl vorgefunden: er verlasse sein Haus nicht, er könnte es nicht, lieber mache er gleich Schluss.“ Pringsheim rappelt sich noch mal auf, sie ziehen in eine Wohnung am Maximiliansplatz. Später müssen sie mit einer kleineren Unterkunft in der Widenmayerstraße vorliebnehmen. Sie dürfen kein Theater besuchen, kein Konzert, kein Kino, keine Ausstellung. Pringsheim muss mit „Alfred Israel“ unterschreiben. Ihr Pass wird eingezogen, die Rente drastisch gekürzt. Dann die Pogromnacht vom 9. November 1938, überall im Land brennen die Synagogen. Die Gestapo konfisziert Pringsheims Kunstschätze.

    Eine letzte Schikane bei der Flucht: „Alfred ausgezogen, untersucht, misshandelt“, notiert Hedwig

    Längst hätten sie fliehen müssen, doch der Professor überhört die flehentlichen Bitten der Tochter Katia. Als er endlich den Ausreiseantrag stellt, ist es fast schon zu spät. Nochmals praktizieren die Nazis eine Art Erpressung: Im Sommer 1939 wird die Majolika-Sammlung bei Sotheby’s in London versteigert. Achtzig Prozent des Auktionserlöses ziehen die Nazis als „Reichsfluchtsteuer“ ein. Doch die erhofften Reisepässe bleiben aus. Dann, als alles verloren zu sein schien, erscheint ein Retter. Ausgerechnet ein SS-Obersturmführer, wie Hedwig Pringsheim notiert: „Nun war dieser Mann trotz Ober-Nazi, ein liebenswürdiger, sehr gutartiger, verständnisvoller, und dazu noch ein hübscher jüngerer Herr, der sofort bereitwillig sagte: Das will ich schon machen … 2 Tage darauf hatten wir unsere Pässe!“

    Am 31. Oktober 1939 fährt der Zug in München los. An der Schweizer Grenze fällt dem deutschen Zöllner das „J“ in Pringsheims Pass auf. Jude also. Schnell noch eine letzte Schikane. „Alfred ausgezogen, untersucht, misshandelt“, notiert Hedwig. Als sie in Zürich ankommen, stürzt Pringsheim beim Aussteigen. Zwei Arbeiter helfen. Niemand holt die beiden Flüchtlinge ab. Eine Woche später ziehen sie in eine Seniorenresidenz.

    Alfred Pringsheim stirbt am 25. Juni 1941, seine Frau folgt ihm gut ein Jahr später. Zu dieser Zeit sendet Thomas Mann aus dem kalifornischen Exil seine Rundfunkansprachen, in denen er seine Stimme gegen die Nazis erhebt – die Stimme eines anderen Deutschlands, für das auch die Pringsheims standen.

  • Rundbrief Nr. 68 + Brief von Michail Schischkin + Friedhelm Kröll: Die Archivarin des Zauberers

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    eine Fülle von Terminen steht an. Diese möchte ich prominent auf die erste Seite des Rundbriefs in chronologischer Reihenfolge stellen:

    Die erste Aufführung des Films

    Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann

    findet nicht, wie im letzten Rundbrief angekündigt, am Sonntag in Köln statt, sondern in Bonn Endenich,

    im Rex-Theater am 3.November um 14.00 Uhr!

    Aus Sorge, daß die Vorstellung schnell ausverkauft sein könnte, hat unser Mitglied Frau Monzel 9 Eintrittskarten auf Vorrat gekauft. Wer daran Interesse hat, bitte sich unmittelbar an sie zu wenden: (angelika.monzel@gmx.de) Die Vorstellung im Odeon-Kino in Köln wurde daher auf 17.30 Uhr verschoben. Ich bin sehr gespannt auf den Film – sicher ein wichtiges Gesprächsthema für unseren Stammtisch.

    Die Schauspielerin Barbara Teuber wird im Haus der Theatergemeinde Bonn, Bon- ner Talweg 10, am 6.November um 19.30 Uhr

    Thomas Manns Erzählung TRISTAN lesen

    Um eine Anmeldung wird gebeten. Die Lesungen dort haben stets einen intimen und privaten Charakter. Bei einem Glas Wein im Anschluß, besteht die Gelegenheit, sich auszutauschen.

    STAMMTISCH

    Unser nächster Stammtisch wird im Gasthaus Nolden in Bonn-Endenich stattfinden, und zwar am Donnerstag, den 14.November um 18.00 Uhr. Wir müssen dem Lokal vorab mitteilen, wie viele Mitglieder wir erwarten. Daher bitte ich um Anmeldung an meine Adresse oder unmittelbar an Herrn Koehler (wokoe@t-online.de), der uns dort bereits angekündigt hat.

    Noch vor unserem Stammtisch findet eine weitere Veranstaltung statt, die, wie ich finde, unsere Aufmerksamkeit verdient:

    Am Sonntag, den 10. November um 11.00 Uhr hält Michael Schischkin im Literaturarchiv in Marbach seine Schillerrede. Ich hatte Ihnen Herrn Schischkin bereits im Rundbrief Nr. 45 vorgestellt und seinen Text „Die russische Deutschstunde – Thomas Mann und die Ukraine“ angefügt. In gleichem Sinne wird er in Marbach wieder auf Thomas Mann und dessen „Versuch über Schiller“ Bezug nehmen. Seine Rede wird gleichzeitig ins Netz gestellt. Über die Seite des Literatur-Archivs dla.marbach.de finden Sie leicht die Verknüpfung auf youtube.

    Diesem Rundbrief beigefügt ist auch ein Brief von Herrn Schischkin: Er hat einen Literaturpreis für im Exil lebende russische Autoren ins Leben gerufen. Sein Engagement für die russische Kultur erinnert an Thomas Mann, der in seinem Exil weniger bekannte deutsche Autoren nach Kräften unterstützte, um der Welt deutlich zu machen, daß die deutsche Kultur weiterbesteht, auch wenn in Berlin die Barbaren herrschen. Die Preisträger werden kein Geld bekommen, sondern eine Übersetzung ihrer Texte. Auch diese kosten Geld. Das entsprechende Spendenkonto habe ich am Ende des Briefes von Herrn Schischkin eingestellt.

    Im letzten Rundbrief habe ich von der Thomas-Mann-Tagung in Lübeck berichtet. Hierzu erhielt ich vielfach ein positives Echo. Dankenswerterweise schickte mir Patricia Fehrle ergänzende Eindrücke. Dies ist sehr gut, zumal ich den letzten Programmpunkt zu den Gegenwartsbezügen des Zauberbergs versäumte, da ich schon hatte abreisen müssen.

    Die Rede von Navid Kermani wurde unter dem Titel „Es kann noch schrecklich viel passieren“ auf ZEIT-ONLINE veröffentlicht. Aus rechtlichen Gründen kann ich den Text auf diesem Wege nicht verbreiten, lesenswert ist er allemal.

    Georgien

    Von den Wahlen dort haben Sie alle gelesen. Selbst die Staatspräsidentin ist davon überzeugt, daß sie nicht ordnungsgemäß durchgeführt wurden. Ich schrieb Natia Tscholadze einen sorgenvollen Brief: „…seid euch bewusst, daß euer „traumhafter“ Präsident in Sachen Gewalt der Stärkere ist. Ihr habt nur den Geist, das Wort und das Wissen auf eurer Seite…………………………… Versucht euer Leben in geistiger Freiheit zu gestalten. Wir sind an eurer Seite.“

    Das klingt beinahe so hilflos, wie ich mich fühle. Wollen wir hoffen, daß die Gemüter nicht überschäumen, daß Friedfertigkeit und Beharrlichkeit am Ende obsiegen. Brechts Verse kommen mir in den Sinn: Am Grunde der Moldau wandern die Steine / Es liegen drei Kaiser begraben in Prag. / Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

    Feuilleton

    Einen Gegenwartsbezug der ganz anderen Art empfand ich bei der Lektüre des folgenden Buchs: Martin Flinker: Thomas Manns politische Betrachtungen im Lichte der heutigen Zeit. Es stammt vom Initiator der Hommage à Thomas Mann und erschien 1959. Flinker pflegte ab 1950 einen regen Briefwechsel mit Thomas Mann. Das Buch ist ein fulminantes Plädoyer eines französischen Staatsbürgers österreichisch-jüdischer Provenienz zur Verteidigung der Betrachtungen eines Unpolitischen. Er spiegelt den Text von 1918 immer wieder mit seiner Gegenwart am Ende der 50er Jahre: Die „zivilisierte“ Republik Frankreich führt einen schlimmen Krieg in Algerien und ist mit der Demokratie USA in Vietnam an einem fürchterlichen Gemetzel beteiligt. Hätten aus einem gebildeten Bürgertum entstandene Staatsführungen solche Strategien auch eingeschlagen? Kann eine Demokratie gegen den Gossenjargon einer „freien“ Boulevardpresse ankommen? Geraten wir auf diesem Wege nicht in Gefahr, von einem ungebildeten Pöbel regiert zu werden? Schon beim Formulieren solcher Fragen wird mir ganz blümerant. Ich gestehe, die Bekenntnisse noch nicht gelesen zu haben, habe sie stets als Abweg und Mißgriff Thomas Manns angesehen. Im Lichte des Buchs von Martin Flinker werde ich bald einen Versuch wagen.

    Vor geraumer Zeit empfahl mir Agnes Volhard das Buch „Die Archivarin des Zauberers“ von Friedhelm Kröll zu lesen. Diese Empfehlung gebe ich weiter, auch wenn das Buch vor über 20 Jahren erschien und nur noch antiquarisch erhältlich ist. Ich habe dazu Frau Volhard ausführlich geschrieben – meinen Brief an sie finden Sie im Anhang. Darin erwähne ich auch, daß ich das Exemplar von Inge Jens erwischt habe.

    Ich bekam mein Exemplar vom Antiquariat in Lenninger Tal, das einen großen Teil der Bibliothek von Inge und Walter Jens im Sortiment hat. Wer Lust hat, darin zu stöbern, kann dies gerne tun: www.antiquariat- loeffler.de

    Sie sehen, es gibt reichlich Gesprächsstoff für unseren Stammtisch. Ich freue mich darauf, Sie im Gasthaus Nolden zu treffen.

    Es grüßt herzlich Ihr Peter Baumgärtner


    Brief von Michail Schischkin

    Liebe Freunde

    Ich möchte Euch gerne Informationen über mein neues grosses Projekt mitteilen: Ich habe einen Preis für die vom putinschen Regime unabhängige Literatur auf Russisch gegründet.

    Infolge des verbrecherischen Krieges der Russischen Föderation gegen die Ukraine geriet auch die ganze russischsprachige Kultur weltweit unter Beschuss. Das gilt vor allem für diejenigen, die mit der russischen Sprache arbeiten: Schriftsteller*innen, Philolog*innen, Literaturwissenschaftler*innen. Auch für westliche Slawist*innen und Übersetzer*innen aus dem Russischen ist die Situation prekär geworden. Die Schriftsteller*innen mit Namen, die bereits viel übersetzt wurden, haben noch Chancen bei den westlichen Verlagen, aber für weniger bekannte oder für junge Autor*innen ist der Weg zu Lesern hier so gut wie verschlossen.

    Zusammen mit Schweizer Slawistik-Professor*innen (George Nivat, Ilma Rakusa, Ulrich Schmid und andere) gründete ich einen Verein mit dem Ziel, russischsprachige Schriftsteller, die gegen den Krieg auftreten, zu unterstützen und ihre Werke im Westen bekannt zu machen. Der Verein bezweckt, einen unabhängigen Literaturpreis für die Werke in der russischen Sprache zu gründen. Es gibt kein Preis-Geld, das preisgekrönte Buch wird einen Übersetzer-Beitrag für die Übersetzung ins Englische, Deutsche und Französische bekommen.

    Die russische Sprache gehört nicht Diktatoren, sondern der Weltkultur. Was sehr wichtig ist, es geht nicht um „russische Schriftsteller“ und nicht um „die russische Literatur“, es geht um alle Autoren*innen aus allen Ländern – auch aus Belarus, Litauen, Kasachstan, Israel, der Ukraine etc., die auf Russisch schreiben. Zum Beispiel, die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexiewitsch und Sascha Filipenko aus Belarus, Armen Zacharyan (ursprünglich aus Armenien), Tomas Venclova (aus Litauen), Mikhail Gigolashvili (ursprünglich aus Georgien) sind unter Mitstifter*innenn und Jury-Mitgliedern. Zu Mitstifter*innen des Preises gehören Ljudmila Ulitzkaya, Boris Akunin, Dmitri Glukhovski, Dmitri Bykov und andere bekannte Autoren und Autorinnen. Alle Namen der Mitstifter*innen und Jury-Mitgliedern kann man in der beigelegten Presse-Mitteilung sehen. Es ist sehr wichtig, dass auch einige ukrainische Autor*innen bereit sind, am Preis-Wettbewerb teilzunehmen (z.B. Sergei Solovyev mit seinem grossartigen Roman „Schaktis Lächeln“). Es geht um die Entwicklung der Kultur nach dem Imperium, um die Dekolonisierung des Bewusstseins, um die Entstehung einer freien russischsprachigen Zivilgesellschaft.

    Die politische Position des Preises wird ausdrücklich erklärt. Wir verurteilen die verabscheuungswürdige Aggression der Russischen Föderation gegen die Ukraine, wir sind gegen die repressiven Diktaturen in Russland und anderen Ländern (z.B. Belarus), wir unterstützen die Ukraine in ihrem Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit.

    Hier kurz das Wesentliche, wie der Preis funktioniert:

    Der Wettbewerb um den Preis ist offen für Prosawerke, die weltweit in russischer Sprache erscheinen. Die Auswahl der Bücher erfolgt durch einen Expertenrat. Über den/die Preisträger/in entscheidet eine Jury, der bekannte Kritiker*innen, Philolog*innen, Literaturwissenschaftler*innen, Slawist*innen, bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens usw. angehören. Die Jury wird aus 20-30 Teilnehmer*innen bestehen, je mehr, desto besser, um Gruppendenken und Lobbyismus zu vermeiden. Die Abstimmung erfolgt schriftlich, aber offen, alle Informationen werden im Internet auf der Webseite des Preises veröffentlicht.

    Der Preis besteht aus einem Übersetzungsstipendium. Die Übersetzung in die meistverbreiteten Sprachen – Englisch, Französisch, Deutsch – bietet Verlagen in verschiedenen Ländern der Welt die Möglichkeit, sich mit den Büchern vertraut zu machen.

    Dieses Projekt findet ein sehr positives Echo bei allen, die ich anspreche. Auch von der Europäischen Kommission habe ich die Zusage bekommen, das Projekt zu unterstützen.

    Ich habe den Literaturpreis DAR am Forum SlovoNovo (https://www.slovonovo.me/) in Montenegro Ende September präsentiert.

    Beiliegend die Pressemitteilung und die Begrüßung des PEN International. Hier einige Links: Webseite rus/eng – https://darprize.com/

    Mein Interview (Deepl translate kann helfen!) https://novayagazeta.eu/articles/2024/09/27/nuzhno-dat-literature-na-russkom- iazyke-novuiu-zhizn

    Im Januar erfahren wir die Shortliste und Ende April den Gewinner. Dann geht es darum, das preisgekrönte Buch (oder Bücher) ins Deutsche (auch ins Englische und Französische) zu übersetzen und nach der Übersetzung nicht fallen zu lassen. Wir werden im deutschen Sprachraum Buchpräsentationen, Gespräche mit Autor*innen und Übersetzer*innen, Diskussionen etc. veranstalten. Dazu brauchen wir Unterstützung und werden uns auf jede Form der Unterstützung sehr freuen.

    Ich bin bereit, alle Fragen zu beantworten. Mit herzlichen Grüßen

    Michail Schischkin / Mikhail Shishkin

    President of the Association Literary Prize „Dar“ Chairman of the Jury dar.literaturpreis@gmail.com

    IBAN: CH67 0076 9441 0931 9200 1

    Kunde: Verein „Literaturpreis Dar“ Laufenstrasse 154, 4245 Kleinlützel

    Bank Name: Basellandschaftliche Kantonalbank Swift: BLKBCH22, Clearing Nr: 769


    Friedhelm Kröll: Die Archivarin des Zauberers

    Liebe Agnes,

    diese Woche ist es mir endlich gelungen, neben allen beruflichen und Thomas-Mann-Verpflichtungen die Ida-Herz-Biografie zu lesen. Ich mußte an die Tagung in Lübeck denken: Zum Abschluß der Mitgliederversammlung fragte Hans Wißkirchen nach Anregungen für das Tagungsthema 2027 – denn die nächsten beiden Jahre sind gesetzt: 2025: 150. Geburtstag, 2026: 125 Jahre Buddenbrooks.

    Jedenfalls stand eine Frau auf und regte an, Thomas Mann und die Frauen oder Thomas Mann und das Judentum in den Blick zu nehmen. Für beide Themen böte dieses Buch vielfältige Quellen. Kröll hat den Briefwechsel mit Ida Herz intensiv studiert. Ihr Schicksal als Jüdin aus der Nazi-Stadt Nürnberg und ihre Bewunderung für Thomas Mann, die oft von der geistigen Ebene in die körperliche überspringen wollte – von ihrer Seite – verzahnen sich unauflöslich. Den privaten und sehr freien Ton von Thomas Manns Briefen an die Herz genoß ich sehr, wie stark er sich doch unterscheidet vom Tenor der Briefe an wichtige Persönlichkeiten. Wie du richtig sagtest, entdeckt man ganz neue Seiten an „unserem“ Thomas Mann.

    Als störend habe ich empfunden, daß Kröll im Ton einer Kampfschrift versucht, den berühmten Biographen Thomas Manns Oberflächlichkeit und mangelnden Tiefgang vorwirft, auch wenn er hie und da recht damit hat. Von Thomas Mann hätte er lernen können, solcherlei in ironischen Spitzen zu formulieren und auf Schulmeisterei zu verzichten. Seine psychologischen Studien der abschließenden Kapitel wage ich nicht zu beurteilen. Vorlesungen von Sigmund Freud verstehe ich sehr gut, diese Auslassungen von Kröll weniger.

    Wie ich dir schon schrieb, habe ich das Exemplar von Inge Jens erwischt. Ich wagte nicht, eigene Anstreichungen zu machen. Jene von Inge Jens sind dezent, aber präzise: Hinweise zum vorgenannten Biographenstreit markiert sie mit kurzen Strichen, aber wenn Katia ins Spiel kommt, ihren Mann unterstützend und beschützend vor der zuweilen etwas zudringlichen Ida Herz, wird die Markierung verdoppelt und zuweilen eine Unterstreichung hinzugefügt. Das Buch erschien 2001, Frau Thomas Mann2003, fraglos hat Frau Jens daraus geschöpft. Ich erinnere mich noch gut an diese angenehme, selbstbewußte und dennoch bescheiden auftretende Frau bei ihrem Vortrag damals im Uni-Club – Seid ihr auch dort gewesen?

    Zur Aktualität von Thomas Mann habe ich mir zwei Zitate herausgeschrieben: »Die Juden heißen ›das Volk des Buches‹ – man muß verstehen, was alles in dem Wort ›Buche‹ an Empfindlichkeit, Empfänglichkeit, seelischer Reife, Leidenskenntnis,

    Liebe zum Geistigen symbolisch sich andeutet, um die Dankbarkeit zu begreifen, die der literarische Geist gerade in Deutschland den Juden schuldet.« (Als Quelle nennt Kröll hier: Mann, Manifeste. Ich mußte eine Weile in meinen Regalen stöbern, bis ich fand, was er meint: Katia Mann gab 1966 „Thomas Mann: Sieben Manifeste zur jüdischen Frage“ heraus. Das Zitat entstammt dem Text „Zum Problem des Antisemitismus“ von 1937)

    Dann zur Verteidigung der Demokratie: »Jede Sorge um die ›bürgerliche Kultur‹ ist läppisch, wenn es wie jetzt zum Äußersten kommen soll. Kommunisten und Sozialdemokraten müssen sich jetzt finden, und ihnen muß das katholisch-universalistische Deutschland, die protestantische Bildung, das Judentum, die Künstlerschaft, – müssen alle, alle, die noch einen Funken geistiger Ehre im Leibe haben, eine entschlossene Front bilden, damit diesen Kriegslümmeln, diesen Henkern deutscher Freiheit und Geistigkeit das Handwerk gelegt werde.« So schrieb er Ida Herz am 28. Februar 1933 – man hat nicht auf ihn gehört.

  • Rundbrief Nr. 67

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    aufgrund der vielfältigen Ereignisse ist dieser Rundbrief lang geraten. Also: Machen Sie es sich bequem, stellen Sie sich ein Gläschen Wein parat und dann kann es losgehen mit meinen Notizen zu den diesjährigen

    Thomas Mann – Tagen

    in Lübeck, und hier mit der Verleihung des

    Thomas Mann – Preises an Navid Kermani.

    Sie fand statt im Kammerspielsaal des Theaters und wurde moderiert von der neuen Leiterin des Buddenbrook-Hauses Frau Dr. Caren Heuer. Sie beklagte zurecht, daß die Bühne von der Stadt wie zu einer Trauerfeier dekoriert war, wonach der Lübecker Bürgermeister für Heiterkeit sorgte, als er den Preisträger mit „Herrn Kerami“ ansprach.

    Dies wurde ihm aber verziehen, da er zudem verkündete, daß am Vorabend die Bürgerschaft der Hansestadt Lübeck die notwendigen Mittel zum Umbau des Buddenbrook- Hauses freigegeben hatte. Nach dreijähriger Stagnation kann es nun endlich mit dem Projekt weitergehen. Man rechnet mit einer Fertigstellung im Jahr 2031.

    Es folgte die Laudatio von Wolfgang Matz, dem Lektor von Kermani im Hanser-Verlag. Dessen literaturhistorische Einordnung war witzig, wenig verständlich und zu lang, aber er hatte mit seinen langen Gliedern eine eindrucksvolle Gestik, und da die ersten Gehversuche Kermanis Neil Young im Titel trugen, zog er plötzlich eine Mundharmonika aus dem Jackett und stimmte „Hard of Gold“ an.

    Am Ende sprach Kermani zur Geschichte des Landes seiner Vorväter, zur Beziehung, ja Verflechtung seiner Familie mit eben jener Geschichte. Er führte aus, daß nicht 1989 der große Wendepunkt in der Nachkriegsgeschichte gewesen sei, sondern 1979 mit der Iranischen Revolution – wir können uns auf die Publikation seiner Rede im Jahrbuch freuen.

    Zwischen den Beiträgen betrat alt und gebeugt Majid Derakhshani die Bühne, ein Weltstar der Langhalslaute, der auf Wunsch von Kermani geladen worden war. Virtuos entlockte er seiner ‚Tar‘ jazzig-meditative Klänge. Eine wunderbare neue Hörerfahrung.

    Zur Veranstaltung am Samstagmorgen:

    Thomas Mann kontrovers – Hans Castorp: Ein simpler Held?

    möchte ich nicht viel Worte verlieren: Die FAZ berichtete darüber – den Artikel finden Sie im Anhang. Zwei für mich neue und herausragende Köpfe unserer Gesellschaft lernte ich dabei kennen: Frau Dr. Katrin Max – sie unterrichtet an der Hochschule in Leipzig – und Herrn Dr. Michael Navratil, Dozent an der Studienstiftung des Deutschen Volkes in Bonn – die anwesenden Mitglieder unseres Ortsvereins waren sich einig, daß wir ihn zum Vortrag einladen müssen – was ich am Abend auch tat. Eine Termin- und Themenabstimmung erfolgt in Kürze.

    Dr. Michael Navratil                                       Oliver Fischer                                       PD Dr. Katrin Max

    Mitgliederversammlung:

    In diesem Jahr standen Vorstandswahlen an. Aus dem Vorstand traten zurück Frau Prof. Dr. Elisabeth Galvan und Herr Prof. Dr. Andreas Blödorn, für diese beiden wurden Frau Prof. Dr. Barbara Beßlich und Herr Oliver Fischer gewählt, der Vorsitzende des Ortsvereins Hamburg (sein Buch: «Man kann die Liebe nicht stärker erleben» erscheint im November bei Rowohlt – Er wird es in Bonn vorstellen). Außerdem bat unser Schatzmeister Herr Michael Haukohl um Entlastung, an seiner Stelle wurde Herr Henning Biermann gewählt.

    Beim Beirat stellte die frühere Leiterin des Buddenbrook-Hauses ihr Amt zur Verfügung, an ihre Stelle trat Frau Dr. Caren Heuer, ihre Nachfolgerin im Amt. Als Vertreter des Jungen Forums wurde Jan Hurta in den Beirat gewählt, durch den „Aufstieg“ von Oliver Fischer in den Vorstand wurde im Beirat eine Position frei. Hier wurde nun Frau Dr. Katrin Max aus Leipzig und Herr Prof. Dr. Kai Sina aus Münster gewählt. Meine Wenigkeit wurde als Beirat im Amt bestätigt.

    Meinen am Ende dann frei gehaltenen Vortrag bei der Mitgliederversammlung zu den Aktivitäten unseres Ortsvereins finden Sie im Konzept im Anhang. Hierbei bat ich auch Frau Dr. Natia Tscholadze auf die Bühne. Sie bedankte sich für die starke Unterstützung aus unserem Ortsverein bei der Gründung eines georgischen Thomas-Mann-Freundeskreises in Kuatissi, Georgien, berichtete vom dem großen Interesse an Thomas Mann in ihrem Land und von den stark steigenden Mitgliederzahlen. Neben ihr waren drei weitere Damen aus Georgien nach Lübeck gekommen, die beinahe akzentfrei Deutsch sprechen und sehr kenntnisreich zu Thomas Mann. Ich bedankte mich in diesem Zusammenhang bei Frau Ekaterina Horn, einer in Deutschland lebenden Landsfrau von Natia, die vor gut zwei Jahren die ersten Kontakte nach Georgien geknüpft hatte, und ich erinnerte daran, daß am 26. Oktober in diesem Lande richtungsweisende Wahlen stattfinden werden: Wohin wird sich das Land in den nächsten Jahren orientieren? Nach Westen oder nach Osten?

    Am Abend gab es dann die Feierstunde zum dreißigjährigen Bestehen des Jungen Forums im Logenhaus – ich wollte es kaum glauben: Aber es gibt sie noch, die Freimaurer in Lübeck, und sie besitzen ein klassizistisches Gebäude mit einem herrlichen Saal…

    In der Feierstunde wurde daran erinnert, wie skeptisch die jungen Leute damals beäugt wurden, und wie viele tüchtige und tätige Mitglieder unserer Gesellschaft inzwischen daraus erwachsen sind. Im übrigen schienen mir all die jungen Leute in ihrer Lebendigkeit und sprachlichen Brillanz als großes Hoffnungszeichnen wider den Unkenrufen zum sprachlichen Niedergang in Zeiten der sogenannten Sozialen Medien.

    Am Sonntagmorgen stellte Heinz Strunk seinen in Kürze erscheinenden Roman Zauberberg 2 in der Gemeinnützigen vor. Er hatte schon verloren, bevor er überhaupt begonnen hatte: Der Romantitel wurde in unseren Kreisen als Zumutung empfunden, auch wenn Strunk sich dann redlich bemühte, seine Chuzpe zu begründen. Ich finde sein Anliegen völlig legitim, Thomas Mann hat kein Heiligtum geschaffen. Doch seine schnoddrig überschnelle Art zu lesen gab dem ganzen Text die Anmutung eines Roadmovies, der sprachlich nicht weiter entfernt von Thomas Mann sein könnte. Die Hauptfigur Heitbrink reist nicht ins Hochgebirge, sondern in eine Mecklenburgische Seenlandschaft, nicht in ein Lungensanatorium, sondern in eine Kurklinik für psychosomatische Erkrankungen. Edo Reents von der FAZ versicherte mehrfach, daß Strunk aus dieser Ausgangslage erzählerische Funken schlagen würde. Man war davon ausgegangen, daß Strunk bekannt ist, dieser seit 20 Jahren erfolgreiche Schriftsteller. Da hatte man sich getäuscht. Irgendwann stand auch Herr Wißkirchen auf und legte sich für den Autor ins Zeug, verwies auf das vorletzte Kapitel, das zu 80% aus Thomas Mann bestünde – aber da war es schon zu spät.

    Dies nur als Schilderung des Ablaufs. Ich bin kein Literaturkritiker. Als Person war mir Heinz Strunk in seiner klugen und frech-witzigen Art sehr sympathisch.

    Ich wollte ihnen mit diesen Schilderungen einen Eindruck davon geben, wie vielfältig und bereichernd eine solche Tagung ist. Die nächste Thomas-Mann-Tagung findet nicht im September statt, sondern vom 5. bis 9. Juni 2025: Zunächst wird in den 150. Geburtstag Thomas Manns hineingefeiert und dann viel darüber gesprochen.

    In unserem Hotel war ich zufällig im Willy-Brandt-Zimmer gelandet, keiner üppigen Kammer, aber nett eingerichtet mit vielen Willy-Bildern an den Wänden, auch mit einer Tafel mit Auszügen aus dessen Erinnerungen: „Fünfeinhalb Jahre waren vergangen, als ich im Oktober 1938 in Paris, …, Heinrich Mann vorgestellt wurde. Die sieben Türme, so sagte er mit Tränen in den Augen und Trauer in der Stimme, …, werden wir wohl nie mehr wiedersehen.“

    Womit die Überleitung zum nächsten Thema gelungen wäre: zu den

    Tagen des Exils in Bonn,

    zu unserer Veranstaltung am 10. September im Haus an der Redoute, zum Vortrag von

    Prof. Friedhelm Marx „Thomas Mann im amerikanischen Exil“.

    Wir hatten rund 35 Gäste, gut die Hälfte davon ganz neue Gesichter in unserem Kreis, was wir der Initiative der Tage des Exils der Körber-Stiftung zu verdanken haben.

    Sein frei gehaltener Vortrag zu Thomas Manns Exil war sehr beeindruckend, beginnend der Schilderung des Vertriebenwerdens, von dem psychologischen Schock, auf einer Vortragsreise zu sein und zu erfahren, nie mehr nach Hause kommen zu dürfen. Diesen stelle ich mir grausamer vor als den materiellen. Ohnmächtig im Ausland sitzen zu müssen, während irgendwelche Barbaren sich seiner Habe bemächtigen und seine Bibliothek durchwühlen, muß für Thomas Mann schrecklich gewesen sein!

    Marx blendete eine ganze Reihe von Zitaten aus den dreißiger Jahren ein, die in der Rückschau prophetisch anmuten, hinsichtlich der Gefügigmachung des Volkes zum Krieg, des Ausmerzens aller Gegenstimmen, die aber, in die Aktualität übertragen, allzu gut auf Putin und Konsorten zugeschnitten scheinen. Auch wenn sich Thomas Mann mit öffentlichen Äußerungen drei Jahre lang sehr zurückhielt, so erkannte er doch früh, wohin die Naziherrschaft strebte, und brachte dies in seiner unvergleichlichen Sprache zum Ausdruck.

    Thomas Mann wurde das Bürgerrecht entzogen und die Ehrendoktorwürde von Bonn obendrein – hierzu mehr in einem der nächsten Rundbriefe. Nach Annahme der tschechischen Staatsbürgerschaft war er noch einige Zeit in der Schweiz, bevor er 1939 nach den USA übersiedelte, wo ihm Asyl gewährt wird, bevor er später die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält.

    Foto: Magdalena Bahr, Gemälde im Hintergrund: Günther Herzing

    Zurück ins Jahr 1939: Der Krieg liegt in der Luft, und Hitler sitzt fester als je zuvor im Sattel. Wird es je eine Chance geben, diesen Diktator zu stürzen? Thomas Mann engagiert sich stark in der Flüchtlingshilfe, sammelt viel Geld, um Einreisebewilligungen möglich zu machen und ist sich sicher, den Rest seines Lebens in seinem Gastland verbringen zu dürfen, mit dessen Präsidenten er sich freundschaftlich verbunden fühlt und dessen Grundwerte er teilt. In diesem Lande baut er sich ein letztes Mal ein Haus.

    Doch nochmals hat sich Thomas Mann getäuscht, nochmals wurde er enttäuscht, auf eine rote Liste gefährlicher Kommunisten gesetzt. Wieder erhebt er seine Stimme, spricht von der Gefährdung der Demokratie in Amerika, Ähnlichkeiten mit der Gegenwart sind nicht zufällig.

    Als Friedhelm Marx das Publikum dazu aufrief, Fragen zu stellen, hob ich sofort die Hand: Wann machen Sie ein Buch draus? Er machte uns Hoffnung auf eine Broschüre seiner Hochschule.

    Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann…

    … unter diesem provokanten Titel kommt im November ein „hybrider Dokumentarfilm“ in die Kinos. Ich wurde von der Produktionsfirma mindjazz-pictures aus Köln angeschrieben und um Kooperation gebeten. Bislang habe ich nur zurückhaltend auf diese Anfrage reagiert, zumal dessen Trailer einen ambivalenten Eindruck hinterläßt, den Eindruck einer Gleichsetzung der homosexuellen Aspekte der Krull-Figur mit Thomas Mann. Der Film nennt sich „hybrid“, da Spielfilmszenen im Wechsel mit Original-Filmaufnahmen von Thomas Mann gezeigt werden. Der Regisseur André Schäfer, so wurde mir mitgeteilt, „verzichtet vollständig auf neu gedrehte Interviews mit Expert*innen“ – und nun sucht man die Kooperation mit ebensolchen. Und dennoch werde ich gemeinsam mit Thomas Schmalzgrüber am 3.November der Einladung zur Premiere folgen – spätestens zum Stammtisch werden wir berichten.

    Feuilleton

    Auch hier wird es um Flucht und Vertreibung gehen:

    Die Schauspielerin und Schriftstellerin Hertha Pauli spielte bis 1933 unter Max Reinhard in Berlin, war mit Walter Mehring und Ödön von Horváth befreundet, lebte dann bis 1938 in Wien, um nach dem sogenannten „Anschluß“ weiter nach Paris zu fliehen. 1970 veröffentlichte sie ihre Erinnerungen an die Jahre Ihrer Flucht unter dem Titel Der Riss der Zeit geht durch mein Herz. Ein ungemein fesselndes Buch, die „Innenansicht“ auf das Leben auf der Flucht ohne dickes Portemonnaie. Nach dem Fall von Paris geht es über weite Strecken zu Fuß nach Südfrankreich, neben Mehring sind Jozef Wittlin und Hans Natonek mit von der Partie. Letzterer kommt auf den Gedanken, Thomas Mann einen Brief zu schreiben und um Unterstützung zu bitten – und diese Hilfe kommt an, auch dank des unermüdlichen Einsatzes von Varian Fry, an den erst in neuester Zeit angemessen erinnert wird. (Uwe Wittstock hat in seinem jüngst erschienenen Bestseller Marseille 1940 auch aus diesem Werk geschöpft)

    Allen vorgenannten – jüdischen – Schriftstellern gelang die Flucht in die USA, Walter Mehring konnte dort von seinen Tantiemen leben, Hertha Pauli wurde Kinderbuchautorin, Jozef Wittlin und Hans Natonek sind heute fast vergessen. Von ihrem Talent als Schriftsteller konnten beiden in den USA nicht mehr leben, Talente, die beide kurz vor Kriegsausbruch mit bei Allert de Lange in Amsterdam erschienen Romanen unter Beweis stellen konten. Diese will ich hier kurz vorstellen.

    Hans Natonek wurde 1892 in Prag geboren und konnte als junger Mann seine erste Prosaskizze „Ghetto“ 1917 in der Textsammlung „Das jüdische Prag“ veröffentlichen, in der auch Franz Kafka seine Erzählung „Ein Traum“ unterbrachte. Das Leben in dem kulturellen Nebeneinander war der Nährboden seines Geistes. So ist es kein Zufall, daß sein Hauptwerk „Der Schlemihl“ das Leben des französisch-deutschen Schriftstellers und Naturwissenschaftlers Albert de Chamisso beleuchtet. Für Natonek ist er Symbol für die kulturelle Nähe von Frankreich und Deutschland, für einen Flüchtling vor den Fängen eines rücksichtslosen Welteroberers, für einen Freund der Juden, von Geist und Poesie ohnehin, von der Schönheit des Lebens. Kein modernes Buch, aber ein schönes.

    Ich genoss seine pathetisch-poetische Sprache. 1938 erschienen, quasi als Mahnung und Gegenbild zur Gegenwart.

    1941 kam Natonek mit dem Flüchtlingsschiff „Manhattan“ in New York an, er zählte 48 Jahre, hatte vier Dollar in der Tasche stellte er sich die Frage: „Wie oft kann man ein neues Leben beginnen?“ „Exil ist keine Lösung, die Sprache wandert nicht aus“, schrieb er 1961 an seinen Sohn nach Deutschland. In den USA schlug er sich zunächst als Leichenwäscher durch, bevor er Deutsch, Französisch und Geschichte unterrichten konnte.

    Józef Wittlin wurde 1896 in Galizien auf dem Gebiet der heutigen Ukraine nahe Lemberg in eine jüdische Familie hineingeboren. Vielsprachigkeit war in den Weiten von Österreich-Ungarn selbstverständlich, seine Mutter war Deutsche, 1915 machte Wittlin in Wien Abitur und war dort mit Joseph Roth befreundet. In Paris fanden sich die beiden auf ihrer Flucht wieder, Roth ertrank vor Kummer im Alkohol, Wittlin machte sich nach Kriegsbeginn mit Hertha Pauli, Hans Natonek und vielen anderen auf den Weg in den Süden Frankreichs. Nach der gemeinsamen Flucht in die USA konnte er nicht mehr als Schriftsteller Fuß fassen. Von 1952 an war er Mitarbeiter des vom US-Kongress finanzierten Senders Radio Free Europe, der in mehreren Sprachen Programme in den Sowjetblock ausstrahlte. Später wurde er Lehrer.

    Kurz vor der Flucht aus Paris gelang es ihm, seinen großartigen Roman Das Salz der Erde fertigzustellen. Er erschien 1937 bei Allert de Lange und wurde seither mehrfach neu aufgelegt, zuletzt 2014 bei S. Fischer.

    Der ganze Roman ist ein großer prophetischer Klagegesang. Berückend im Ton, ein elegisches Andante, das so ganz im Gegensatz steht zu den tragischen Ereignissen ringsum, dem Beginn des Ersten Weltkrieges. Im Mittelpunkt steht der Bahnwärter Piotr Niewiadomski – zu Deutsch etwa: Peter Unbekannt – ein Analphabet, der die Welt mit vorurteilsfrei klaren Augen sieht, woraus der Roman seinen traurigen Witz erzielt. Der naive Piotr wird mit dem Hereinbrechen der großen Welt in sein kleines Leben konfrontiert, wird eingezogen, eingekleidet, gemustert und am Ende eingegliedert in das große Heer des gleichgeschalteten Kanonenfutters. Sie sind das Salz der Erde, das zertreten wird im Schmutz. Wittlin weiß, wovon er schreibt, war selbst zwei Jahre als Soldat an der Front, und er wußte auch, wie sehr man gläubige Juden im Heer verhöhnte.

    Wittlin schrieb diesen Roman, als der nächste Krieg schon in der Luft lag, ihm ist ein großes Menetekel gelungen auf das, was Europa noch bevorstehen sollte. Und mit der biblischen Wucht des Titels endet der Roman auch: Der Stabsfeldwebel Bachmatiuk läßt über die neu eingekleideten und aller Seele beraubten Soldaten seine Blicke schweifen und stellt fest: Und er sah, daß es gut war.

    Erschienen bei Allert de Lange, Amsterdam 1937, Hier Ausgabe Suhrkamp 1990
    Ausgabe Allert de Lange, Amsterdam 1938
    Erschienen bei Zsolany 1970, Neuausgabe 2022

    Stammtisch

    Unser nächster Stammtisch wird im Gasthaus Nolden in Bonn-Endenich stattfinden, und zwar am Donnerstag, den 14.November um 18.00 Uhr. Bitte vormerken, weitere Details folgen.

    Es grüßt herzlich Ihr Peter Baumgärtner

    Alle Fotos, sofern nicht anders bezeichnet, stammen von Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 66

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    Die „Tage des Exils“ wurden gestern im vollbesetzten Saal des LVR-Landes- museum feierlich eröffnet. Der Schirm- herr Christopher Hope hielt eine beeindruckende Eröffnungsrede. Er sprach von seiner Heimat, von seinem „home“, von Südafrika, dem Land, das er verlassen mußte Anfang der 70er Jahre, das ihm nur unter der Bedingung einen Paß ausstellte, nie mehr zurückzukommen. Sein Paß wurde ihm Ausbürgerungsurkunde. Mit viel Witz beschrieb Hope die traurigen Zustände in seinem Heimatland Südafrika. Wir erhielten eine Geschichtsstunde in literarischer Sprache. Ein Autor, den wir für uns wiederentdecken sollten. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion wurde er gefragt, wie er heute mit 80 Jahren, nach 50 Jahren im Exil, zu seinem „home“ stehe? Nun, sagte er zögerlich, wie zu einer alten Geliebten, von der er nicht wisse, ob er sie heiraten solle oder die nächste Klippe hinunterwerfen.

    Beim Sekt danach sprach ich ihn an, stellte mich vor als Mitglied unserer Gesellschaft, und sagte ihm, daß ich seinen Redetext sehr gerne hätte, seine feine Ironie würde mich an Thomas Mann erinnern. Die Falten seines alten Gesichts begannen zu strahlen.

    Die Vertreter der Körber-Stiftung versicherten mir, daß seine Rede publiziert würde, über welches Medium sei noch unklar. Ich werde sie nachreichen.

    Nun zu unserer Veranstaltung am 10. September im Haus an der Redoute, zum Vortrag von Prof. Friedhelm Marx „Thomas Mann im amerikanischen Exil“. Es liegen inzwischen 22 Anmeldungen vor, die Hälfte davon sind nicht Mitglieder unseres Ortsvereins. Wir sollten dies als Chance begreifen. Ich bitte einige Mitglieder schon um 18.30 Uhr vor Ort zu sein, also eine halbe Stunde vor Beginn. Wir bekommen den Saal sehr günstig, müssen aber selbst die Stühle rücken, den Eintritt kassieren, Bücher verkaufen, etc. Da der Platz im Haus an Redoute beschränkt ist, bitte ich darum, sich anzumelden, da ich niemanden wegschicken will.

    Stammtisch

    Nun endlich will ich von unserem Stammtischabend im Hause der Schlaraffia berichten. Wir wurden begrüßt von unserem Gastgeber Herrn Wolfgang Koehler, der die Gelegenheit nutzte, Werbung zu machen für seine Gesellschaft, die noch älter ist als Thomas Mann und in der sich Nachwuchssorgen breit machen. Er stellte sie vor als einen liberalen, weder konfessionell noch politisch gebundenen (Männer-) Verein, der dem Humor zugeneigt ist.

    Es waren 23 Mitglieder gekommen – mehr als zur Jahresmitgliederversammlung! Wir hatten den Raum für uns, störten also keine anderen Gäste, und so entwickelte sich die Veranstaltung weg vom Stammtisch hin zu einem Vortragsabend, was keineswegs schlecht war, da es allerhand zu berichten gab, insbesondere aus Davos von der Tagung: Hundert Jahre Thomas Manns Der Zauberberg – eben just im Ort des Geschehens der Romanhandlung.

    Patricia Fehrle faßte die Vorträge knapp und bündig zusammen, gab aber auch zu verstehen, sich auf deren Erscheinen im Jahrbuch zu freuen, da deren Inhalt zuweilen sehr komplex gewesen sei und ein Nachlesen sich sicher lohnt. Was man sich gönnen sollte – und hier geriet Frau Fehrle ins Schwärmen – ist ein Aufenthalt im Retrohotel Schatzalp. Ich werde dies jedenfalls in nicht allzu ferner Zukunft tun, allerdings ohne die Tage in einem klimatisierten Vortragssaal zu verbringen.

    Frau Fehrle übergab dann das Wort unserem „Musiker“ Bernhard F. Schoch, der über das musikalische Begleitprogramm berichtete und insbesondere auf den Vortrag von Dr. Robert Grossmann einging. Grossmann ist der Komponist der Zauberberg-Oper, die 2002 in Chur uraufgeführt wurde. Zehn Jahre hatte er daran gearbeitet, über aller Versunkenheit in das Projekt scheiterte seine Ehe, um die Uraufführung möglich zu machen, schoß er privates Kapital hinzu und hatte am Ende nur sehr mäßigen Erfolg. Herr Schoch war voll des künstlerischen Mitgefühls.

    Herr Pfeifer berichtete dann von einer privaten Reise nach Davos, wozu er eine Reihe von herrlichen Landschafts- und Architekturaufnahmen präsentierte. Da die Zeit schon fortgeschritten war, konnte er seinen Vortrag zur Entstehungsgeschichte des Romans und seines persönlichen Verhältnisses zum Zauberberg leider nicht zu Ende bringen.

    Ich hatte noch Gelegenheit, mit unseren Übersetzern der Hommage à Thomas Mann zu sprechen. Die Edition dieses Werks wird noch in diesem Jahr in Angriff genommen.

    Viele Dinge sind zu klären, Urheberrechtsfragen, Finanzierung, etc. Ziel ist es, dieses Buch zum 150.- Geburtstag Thomas Manns vorliegen zu haben und eine entsprechende Veranstaltung hierzu auf die Beine zu stellen.

    Unser nächster Stammtisch wird im Gasthaus Nolden in Bonn-Endenich stattfinden, und zwar am Donnerstag, den 14.November um 18.00 Uhr. Bitte vormerken, weitere Details folgen.

    Georgien

    Hier gibt es zwei erfreuliche Nachrichten zu verkünden.

    Erstens: Die fünf Paten für die georgischen Mitglieder haben sich gefunden – schönen Dank dafür.

    Zweitens: In Lübeck fand sich eine Frau aus Georgien, die dort mit einem Herrn Hagenström verheiratet ist – und ich hatte immer gedacht, diesen Namen hätte Thomas Mann frei erfunden. Und was noch schöner ist: Unsere Natia darf die zur Tagung bei Hagenströms übernachten!

    Feuilleton

    Gemeinsam mit unserem Ortsvereinsmitglied Jutta Hartmann besuchte ich dieser Tage Polling. Sie hatte berichtet, daß dort ein Doktor-Faustus-Rundweg eingerichtet sei, diesen galt es zu besuchen. Wir trafen uns dort mit Dr. Fritz Wambsganz, der eben jenen Rundweg eingerichtet hat und dafür sorgte, daß Faltblätter in der Touristen-Information der Gemeinde ausliegen.

    Mit dem Ort muß ich beginnen: Er hat kaum 2000 Einwohner und der Zug von München nach Garmisch rauscht seit Jahren an ihm vorbei. Man kann nicht mehr anreisen, wie weiland Zeitblom oder Leverkühn, weshalb wir in Murnau übernachteten.

    Dann zur Klosteranlage: Sie wurde zu Napoleons Zeiten säkularisiert, aber die gewaltigen Gebäude sind noch vorhanden, werden von Behörden genutzt, ein Pflegeheim wird eingerichtet, etc. Die Klosterkirche nimmt sich aus wie eine Kathedrale, im Äußeren zurückhaltend gestaltet, im Innern schwülstig Barock – nicht mein Ding.

    Dann der Hof der Familie Schwaiger, im Roman der Schweigestills: Er ist alles andere als ein gewöhnlicher Bauernhof, wie ich ihn im Sinn hatte: Er war der Maierhof des Klosters, geht wie die gesamte Anlage auf das 14. Jahrhundert zurück und hat gewaltige Ausmaße. Der Hof an sich beinahe so groß wie ein Fußballfeld, zwei altersschwache Linden brechen seine Größe. Alles ist in Privatbesitz eines wohlhabenden Anwalts, dessen Hobby es ist, alte Mercedes-Sportwagen zu restaurieren. Genauso liebevoll und denkmalgerecht geht er mit den alten Gebäuden um. Neben der riesigen Scheune, heute Werkstatt, gibt es zwei Wohnhäuser: Das frühere Bauernhaus und das Haus des Abtes, in dem sich der uns bekannte Nike-Saal befindet. Er ist heute das Wohnzimmer einer jungen Familie, den Mietern dieser Etage des Abthauses. Dr. Wambsganz ermöglichte uns den Zugang in den besagten Saal, der nicht größer ist, als unser aller Wohnzimmer – allein auf ein Kreuzrippengewölbe müssen wir zuhause verzichten.

    Ein Spaziergang hinaus zum Klammerweiher am Fuße des Buchel, eines bewaldeten Höhenrückens, lohnt sich allemal. Insgesamt ist es kein Wunder, daß Thomas Mann dieser Ort mit seiner übergroßen Klosteranlage im Gedächtnis blieb nach ersten Besuchen im Jahr 1903.

    Ich erlaube mir noch, Sie auf einen kleinen literarischen Ausflug ins nahe Murnau mitzunehmen. Hier lebte und schrieb der Diplomatensohn Ödön von Horváth im Hause seiner Eltern in den Jahren 1923 bis 1933. In diesen Jahren wurde er bekannt als Autor provokanter Theaterstücke, weshalb der Freistaat Bayern ihm, dem gebürtigen Ungarn, 1928 die Einbürgerung verweigerte. Große Popularität und großen Haß zog er endgültig 1930 auf sich mit der Veröffentlichung seiner grandiosen Satire: „Der ewige Spießer“. Als 1933 Hitlers erste Rundfunkansprache auch in Murnau im Gasthof zur Post aus den Lautsprechern klang, bat Horváth die Wirtin, den Schreihals doch auszudrehen, worauf er von einigen SA-Leuten sehr unfreundlich hinausbefördert wurde.

    Diese Dinge sind im Schloßmuseum Murnau neben den Werken von Münter, Macke, Marc und Kandinsky sehr schön aufbereitet. Und 1933 begann eben Horváths Leben in Flucht und Vertreibung, womit wir wieder beim Anfang des Rundbriefs angekommen sind. 1937 erschien bei Allert de Lange in Amsterdam sein großartiger Roman „Jugend ohne Gott“, der Geschichte eines Lehrers im dritten Reich, der sich im Unterricht erlaubte zu sagen: „Neger sind auch Menschen.“ Die Empörung richtete sich nicht gegen das N-Wort, sondern gegen dieses liberale humanistische Gefasel. Thomas Mann soll in einem Brief an Carl Zuckmayer geschrieben haben, er halte dieses Buch als das beste der letzten Jahre.

    Im Mai 1938 macht Horváth in Paris die Bekanntschaft mit Klaus Mann („Netter, seltsamer Mensch“ KM, Tagebuch) bevor er ein paar Tage später auf den Champs Elysées von einem Baum erschlagen wird. Dazu Klaus in seinem Tagebuch: „Ihm kam der Tod. NEID.“

    Es wäre schön, wenn wir uns Dienstag in acht Tagen im Haus an der Redoute sehen würden.

    Es grüßt herzlich Ihr Peter Baumgärtner

  • Rundbrief Nr. 65 + Flyer Thomas Mann im amerikanischen Exil + Info Tage des Exils

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    endlich ist der Sommer nun auch bei uns angekommen, und ich hoffe, Sie haben für sich ein kühles Plätzchen gefunden. In gut vier Wochen werden wir an einem kühlen Plätzchen zum Stammtisch zusammenfinden, und zwar im Haus der Schlaraffia Bonn, am 19. August um 19.00 Uhr in der Schedestraße 17, ganz in der Nähe der U-Bahn- Station Museum Koenig. Wolfgang Koehler, unser Mitglied, das uns dorthin eingeladen hat, bittet um Anmeldung, damit am Abend die Getränke nicht ausgehen.

    Im Vorfeld der Jahrestagung in Lübeck gibt es sicher viel zu bereden, und ich hoffe auch darauf, daß das ein oder andere Mitglied aus Davos wird berichten können. Als Ergebnis wünsche ich mir Anregungen, Ideen und Vorschläge für weitere Veranstaltungen in Herbst und Winter dieses Jahres.

    Die „Tage des Exils“ werden erste Höhepunkte bringen. Sie finden statt vom 30. August bis zum 14. September in Bonn und werden veranstaltet von der Körber- Stiftung in Zusammenarbeit der Stadt Bonn. 40 Veranstaltungen beleuchten dieses Thema in nur 15 Tagen. Das Beethoven-Haus bringt sich in ganz besonderer Weise in die Veranstaltungsreihe ein. So fand die Pressekonferenz zur Vorstellung des Programms im Kammermusiksaal statt. Malte Boecker, der Direktor des Beethovenhauses, betonte in seinem Grußwort, daß Beethoven zwar kein Exilant gewesen sei, aber in kriegerischen Zeiten viel Flüchtlingselend gesehen habe und stets die Idee der Gedankenfreiheit des Menschen hochgehalten habe.

    Und um nichts Geringeres geht es.

    Die ersten „Tage des Exils“ fanden 2016 in Hamburg statt und waren damals eine fast ausschließlich literarische Veranstaltungsreihe. Das aktuelle Programm wird von einem breiten Spektrum von Kultureinrichtungen und gesellschaftlichen Gruppen getragen, von Theatern, Kinos, Kirchen, Bildungseinrichtungen – keinen Parteien. Jedenfalls ist man froh, daß mit unserem Ortsverein auch eine literarische Gesellschaft an der Reihe teilnimmt.

    Wir werden vertreten durch Prof. Dr. Friedhelm Marx, einem der Vize-Präsidenten unseer Gesellschaft, der bereits Stipendiat im Thomas-Mann-Haus in Pacific-Palisades gewesen ist und daher prädestiniert, über das Leben Thomas Manns im Exil zu berichten.

    Die Kosten für das Veranstaltungsmanagement, die Plakatierung in der Stadt und für die Herstellung einer 50-Seitigen Broschüre trägt die Körber-Stiftung. Zum Stammtisch werde ich einen Stapel davon mitbringen, unsere Seite finden Sie im Anhang als PDF. Eine tolle Gelegenheit, uns in weiten Kreisen der Stadt bekannt zu machen.

    Als Schirmherr für die „Tage des Exils“ konnte Christopher Hope gewonnen werden, der Vater des weltberühmten Geigers und Präsidenten der Beethoven- Gesellschaft Daniel Hope. Christopher Hope ist ein in Südafrika berühmter Schriftsteller, der schon in den 50er Jahren von dort ins Exil nach London vertrieben wurde. Der Grund: Er hatte sich vehement für die Gleichberechtigung der Schwarzen ausgesprochen und war dem Apartheit-Regime verhaßt. Einige seiner Werke wurden vor rund 30 Jahren in deutscher Sprache herausgeben. So der schmale Band „Goldstück“.

    Die drei Erzählungen darin spielen in einer uns sehr fernen Welt, im Südafrika der frühen 50er Jahre, den Kinderjahren von Hope, und mit naiven Blicken betrachtet der Erzähler seine Welt, eine Welt der Apartheit, in die verwundete und erschöpfte schwarze Soldaten zurückkehren. Sie hatten gegen Hitler gekämpft und nun sollen sie sich wieder in ihre Sklavenrolle begeben. Miniaturen großer Eindringlichkeit.

    Unter koerber-stiftung.de/projekte/tage-des-exils/tage-des-exils-bonn/ können Sie sich auch schon vorab über das Programm informieren und Karten für Einzelveranstaltungen bestellen. Auch für unsere Veranstaltung im Haus an der Redoute am 10.9. bitte ich um Anmeldungen – der Platz dort ist beschränkt.

    Georgien

    Der uns wohlbekannten Frau Dr. Natia Tscholadze ist es gelungen, eine stattliche Anzahl von Mitgliedern für den Freundeskreis Thomas Mann in Georgien zu gewinnen.

    Alleine neun haben sich bereits zur Jahrestagung nach Lübeck angemeldet! In den politisch so angespannten Zeiten kann dies nur als überdeutliches Zeichen gelesen werden für den Wunsch, sich aus der Enge der russischen Umklammerung zu lösen und dem freiheitlichen Westen, der Freiheit des Geistes, zuzuwenden. Unsere literarische Gesellschaft kann hierzu nur einen kleinen Beitrag leisten, aber einen dennoch wichtigen: Es ist wichtig für die Menschen dort, von Freunden im Westen zu wissen.

    Diese Idee wird, wie ich im entsprechenden Rundbrief schon schrieb, auch vom Vorstand unserer Gesellschaft mit Nachdruck unterstützt, unter anderem mit dem reduzierten Beitragssatz. Fünf der inzwischen zahlreichen Mitglieder des georgischen Freundeskreises (spätestens zur Jahrestagung erhalten Sie die genaue Zahl) haben auch Probleme, die 30.- Euro jährlich aufzubringen. Ich hatte daher zur Bereitschaft aufgerufen, Beitritts-Patenschaften für solche Mitglieder zu übernehmen. Drei entsprechende Bekundungen sind bei mir eingetroffen – ich bitte um weitere.

    Die Reisekosten nach Lübeck zur Jahrestagung der neun Mitglieder aus Georgien sind gemessen an den dortigen Einkommensverhältnissen erheblich. In Abstimmung mit Frau Jelen möchten wir auch hier unbürokratisch helfen. Die Tagungsgebühr kann aus formalen Gründen unseren Gästen nicht erlassen werden – aber durch Spenden beglichen. Denken Sie darüber nach. Spätestens beim Stammtisch werden wir darüber sprechen.

    Feuilleton

    Zum Schluß soll Thomas Mann nochmals zu Wort kommen: Und zwar mit einem Literaturtipp: 1922 erschien der Roman „Nero“ von Dezö Kostolányi. Er wurde zuweilen auch unter dem Titel „Der blutige Dichter“ auf Deutsch verlegt, jedenfalls muß ihn Thomas Mann alsbald gelesen haben, denn schon am 4. April 1923 schrieb Thomas Mann Kostolányi einen begeisterten Brief: „…Sie gestalten, sage ich, unter historischem Namen Menschlichkeiten, deren Intimität aus letzten Gewissenstiefen stammt.“ Sie gaben in geruhig-herkömmlicher Form ein freies und wildbürtiges, ein irgendwie ungeahntes Buch.“ Wildbürtig – welch wundersames Wort, das von meinem Rechtschreibprogramm fett unterstrichen wird. Ich würde sagen, Kostolányi hat in seinen Schilderungen ziemlich dick und pastös aufgetragen. Dennoch: auch wenn einem die Geschichte von Nero, Agrippina und Seneca geläufig ist, so kann ich den Roman als Urlaubslektüre sehr empfehlen.

    Thomas Mann schien der Roman bedeutsam genug, daß er seinen begeisterten Brief dazu in seine Essay-Sammlung „Bemühungen“ von 1925 aufnahm.

    Einstweilen wünsche ich Ihnen schöne Sommertage und sage auf bald Ihr Peter Baumgärtner



    Körber-Stiftung und Bundesstadt Bonn richten in Kooperation erstmalig die Tage des Exils Bonn aus.

    Der Veranstaltungszeitraum ist vom 30. August bis zum 14. September 2024. Schirmherr ist der südafrikanische Schriftsteller Christopher Hope, Vater des Geigers Daniel Hope, der aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber dem Apartheid-Regime in den 70er Jahren ins Exil gehen musste.

    Die Tage des Exils sind ein publikumsorientiertes Veranstaltungs- und Begegnungsprogramm. Es gibt Menschen im Exil eine Plattform und schlägt die Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Im Fokus stehen historisches Exil aber auch aktuelle Phänomene von Exil.

    Die Veranstaltungen regen zu Dialog und Verständigung zwischen Alt- und Neubürger*innen an, um so zum besseren Zusammenhalt in der Stadt beizutragen. Die Tage des Exils finden seit 2016 regelmäßig in Hamburg statt, in weiteren Städten wie Frankfurt

    a. M., Berlin und 2024 erstmalig in Bonn ist das Programm ebenfalls präsent.

    Die Tage des Exils laden dazu ein, historischen und aktuellen Erfahrungen von Exil nachzugehen. Sie rücken Menschen in den Vordergrund, die aus ihren Ländern geflohen sind, weil sie in ihren Freiheitsrechten eingeschränkt oder an Leib und Leben bedroht wurden und auf Schutz im Exil angewiesen sind. Das Veranstaltungsprogramm ist breit gefächert und regt zum Nachdenken über Heimat, Zugehörigkeit, Fremdheit und Entwurzelung an.

    Alle Kultursparten, interessierte Vereine sowie Institutionen sind herzlich eingeladen, für das Thema Exil zu sensibilisieren, darüber zu informieren und künstlerisch erlebbar und sichtbar zu machen. Dabei soll eine interkommunikative Plattform der Begegnung, des künstlerischen Austausches, des Dialoges und der Erinnerung geschaffen werden.

  • Rundbrief Nr. 64

    Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,

    diente der letzte Rundbrief der Vorschau auf kommende Veranstaltungen, so blicke ich heute auf diese beiden sehr gelungen Termine gerne zurück:

    Am vergangenen Montag las Bernt Hahn weite Teile des Schnee-Kapitels aus dem Zauberberg im Hotel Excelsior Ernst in Köln vor einem voll besetzten Raum. Was heißt er las? Er gestaltete den Text, brachte die Musik der Sprache Thomas Manns zum Klingen. Das eingewobene Nachdenken über den Tod und das Leben glaube ich an diesem Abend ganz neu und tief verstanden zu haben. Fast vierzig Zuhörer lauschten dieser angenehmen Stimme anderthalb Stunden ohne das leiseste Stühlerücken. Nach dem rauschenden Applaus klang der Abend noch lange in der Hotelbar aus.

    Im Nachgang dankte ich nochmals dem Hoteldirektor, uns den Raum zur Verfügung gestellt zu haben. Auch das Personal des Hauses war sehr bemüht, es uns an nichts fehlen zu lassen. Kein Wunder, daß in der Bar schon Ideen gesponnen wurden, wie man in dem Hause, in dem Thomas Mann 1927 mit seiner Familie übernachtete, auch dessen 150. Geburtstag feierlich begehen könnte – doch davon reden wir ein andermal.

    Auch die Führung von Herr Prof. Büning-Pfaue „Pflanzen im Werk von Thomas Mann“ im Botanischen Garten in Bonn war ein großer Erfolg. Unterstützt von Frauke May-Jones und Dorothee von Hoerschelmann wurden rund 30 Personen durch den Garten geführt. Aufgrund der großen Nachfrage hatte man mehr Personen zugelassen als ursprünglich vorgesehen, was zuweilen zu akustischen Problemen führte. Nicht nur deshalb wurde die Idee geboren, die Textvorlage von Herrn Büning-Pfaue durch Bilder der entsprechenden Pflanzen zu ergänzen und damit unsere Schriftenreihe zu ergänzen. Ein Teilnehmer der Runde – ein Botaniker – merkte an, daß Thomas Mann die wissenschaftlichen Fakten zuweilen etwas dichterisch zurechtgebogen hat. Auch dies – die dichterische Freiheit! – könnte Gegenstand des Heftes werden.

    Wenn wir uns zum nächsten Stammtisch (im August im Haus der Schlaraffia, den genauen Termin schicke ich noch rund) treffen, sollten wir uns über eine solche Projektidee austauschen. Dann werde ich auch über die Pressekonferenz zu den Tagen des Exils im Kammermusiksaal des Beethovenhauses berichten

    Georgien

    Im Namen unserer georgischen Freundinnen und Freunde bedanke ich mich für die großzügigen Spenden, die nach dem Sonderrundbrief eingegangen sind. Ich konnte inzwischen schon 850.- Euro auf Umwegen nach Georgien anweisen. Im Oktober finden dort Parlamentswahlen statt. Es gibt große Sorgen, daß diese unter der Wahrung der Chancengleichheit durchgeführt werden – Natia Tscholadze wird uns darüber berichten.

    Die Zuwendung von unserer Seite hatte auch eine ganze Reihe von Mitgliedsanträgen in Lübeck geführt. Das freut mich sehr: Die Internationalität unserer Gesellschaft wird gestärkt. Wie Sie wissen, wurde im Vorstand beschlossen, daß Beitrittswilligen aus noch einkommensschwachen Ländern der Studententarif als Mitgliedsbeitrag angeboten wird, 30.- Euro pro Jahr. Aber auch diese sind – zum Beispiel für Studierende in Georgien – noch sehr viel Geld. Daher erklärte ich mich gerne bereit, um Beitragspaten zu werben, um junge Menschen in diesem gar nicht so fernen Land dabei zu unterstützen, die Erinnerung an das Werk Thomas Manns zu pflegen und damit dem Kulturaustausch zu dienen. Es würde mich freuen, wenn ich hierfür einige Signale von Ihnen bekommen könnte.

    Einstweilen wünsche ich Ihnen schöne Sommertage und sage auf bald Ihr Peter Baumgärtner