Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
ein Dichter, der „in die politische Arena hinabsteigt“ wird schnell mit einem „subalternen Hohn“ belegt, er möge sich doch ans „Geistige“ halten – so schrieb Thomas Mann im Nachwort zu Romain Rollands Dokumentation „Spanien – Menschen in Not“ (1937), mit dem er jenen Pazifisten Rolland unterstütze, den er in seinen Bekenntnissen noch hart angegangen war. Rolland sei ebenso wenig Politiker wie er, und dennoch: „Ja, es ist das Eigentliche, ist das Entscheidende: In der Gestalt des Politischen ist uns heute die Frage des Menschen selbst mit einem letzten und lebensgefährlichen Ernste gestellt, die frühere Zeiten nicht kannten…“
Diese Worte klangen in meinen Ohren, als ich diese Woche las, daß die prorussische Regierung Georgiens auch in zweiter Lesung jenes Gesetz beschlossen hat, das aus allen westlichen Unterstützern feindliche Agenten macht – und habe mich dann entschlossen, gegen jenes Gesetz unverzüglich zu verstoßen.
Auch wenn die Staatspräsidentin mit ihrem Veto das Inkrafttreten des Gesetzes aufschieben kann, ist davon auszugehen, daß das Parlament dieses Veto überstimmt. Ich sagte Natia Tscholadze zu, für sie und ihre Freunde Geld zu sammeln, um ihre Kampagne für Freiheit und Demokratie zu unterstützen. Sie bedankte sich mit einem langen Brief, hier der erste Absatz:
Lieber Peter, ich komme aus dem Schock von gestern nicht heraus. Wie kann man sein eigenes Land und sein eigenes Volk verkaufen? Ich wünschte, ich könnte sehen, was diese 83 Menschen gedacht haben, als sie diesem Gesetz zugestimmt haben. Das ist die kommunistische Einparteienherrschaft. Es gibt keine Worte, um meine Wut und meine überwältigenden Gefühle auszudrücken, weder auf Georgisch noch auf Deutsch.
Aber wenn die heutigen Ereignisse in den deutschen Medien behandelt würden, dann würde man sehen, dass das georgische Volk keinen Terror fürchtet und weiterhin vereint und unermüdlich für eine bessere Zukunft kämpft.
Heute sind auch die europäischen Außenminister zur Demonstration gekommen und haben mit ihrer Unterstützung unsere Jugend noch mehr gestärkt.
Zu deiner Frage: Wie geht es weiter? Ich sage dir, dass wir bisher nur Einwände gegen das Gesetz erhoben haben, jetzt wird lautstark der Rücktritt dieserprorussischen Regierung gefordert. Das ist nicht das Ende der Geschichte. Alles liegt noch vor uns.
Im Weiteren haben wir uns darüber unterhalten, wie das gesammelte Geld nach Georgien transferiert werden kann, ohne uns als Absender zu demaskieren und dies als private Überweisung erscheinen zu lassen, wie sie alltäglich von im Ausland lebenden Georgiern vorgenommen wird. Über Details möchte ich hier nicht halböffentlich sprechen.
Es würde mich freuen, wenn auch Sie bereit wären, mit einem kleinen Geldbetrag unseren georgischen Freundinnen und Freunden zu helfen. Es müssen Plakate, Flyer und Medienauftritte finanziert werden! Ich werde die Sache über unser Vereinskonto abwickeln. Entsprechende Spenden bitte unter dem Stichwort „Georgien“ auf unser Konto bei der Sparkasse Köln-Bonn anweisen:
DE86 3705 0198 1902 2707 17
Wir wissen nicht, ob diese Initiative die gewünschten Früchte trägt. Thomas Manns Ansprachen an Deutsche Hörer hatten am Ende keinen meßbaren Erfolg. Aber er blieb den Worten treu, die er an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn gerichtet hatte, sich darin als einen Menschen beschreibt, „dem immer gegeben war, sich auszudrücken, sich im Worte zu befreien, dem immer Erleben eins gewesen war mit reinigend bewahrender Sprache.“
Möge dieser „Geist“ Thomas Manns die liberalen und humanen Hoffnungen in Georgien stärken. Ich bitte, mir diesen bescheidenen „Hauch von Pathos“ nachzusehen. Ich denke, er ist diesem ernsten Thema angemessen und sollte auch am Fest der Geistausgießung gestattet sein…
Mit besten Wünschen zu Pfingsten Ihr Peter Baumgärtner
PS: Für die Veranstaltung im Excelsior sind bislang erst 11 Anmeldungen bei mir eingegangen.
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
beginnen will und muß ich mit unserem wundervollen Stammtischabend! Dreizehn Leute saßen an einem langen Tisch und unterhielten sich drei Stunden lang sehr angeregt, ohne Tagesordnung aber mit wechselnder Sitzordnung, alle verhielten sich frei und ungezwungen. Keine akademischen Höhenflüge, sondern einfach gebildete Leute unter sich mit einem gemeinsamen Lieblingsautor, auf den man sich aber keinesfalls beschränkte. So habe ich mir das Vereinsleben immer vorgestellt – und ich denke, die anderen Anwesenden auch. Ein nächster Termin wurde sogleich gesucht und gefunden: Wir sehen uns wieder am 19. August im Haus der Schlaraffia in der Schedestraße – ich werde nochmals daran erinnern!
Bei dieser Gelegenheit machte Herr Prof. Hans Büning-Pfaue auf seine Führung „Pflanzen im Werk von Thomas Mann“ im Botanischen Garten beim Poppelsdorfer Schloß am Samstag, den 25. Mai um 16.00 Uhr aufmerksam. Er wird dabei unterstützt von unseren Vorstandsmitgliedern Frauke May-Jones und Dorothee von Hoerschelmann. Die Führung wird veranstaltet vom Freundeskreis Botanische Gärten Bonn – und nur über diesen ist eine Anmeldung möglich. Die Teilnehmerzahl ist beschränkt und es sind nur noch wenige Karten übrig. Hier der Link zur Anmeldung:
100 Jahre Zauberberg im Hotel Excelsior Ernst in Köln:
Diesen Termin am 3. Juni mit Bernt Hahn am Lesepult kennen Sie bereits. Wie angekündigt, habe ich einen kleinen Flyer dazu entwickelt, den Sie im Anhang finden. Leiten Sie ihn gern an Freunde und Bekannte weiter, oder drucken ihn aus und verteilen ihn in dieser Form (jeweils drei auf einem Blatt!) Für diesen Abend sind schon einige Anmeldungen bei mir eingegangen. Daher nochmals die dringende Bitte, sich kurzfristig anzumelden. Ich werde den Flyer in wenigen Tagen auch in Kölner Buchhandlungen auslegen – ich möchte Herrn Hahn einen vollen Raum bieten und freue mich auf Ihr Kommen!
Georgien
Wie Sie sicher den Medien entnommen haben, hat die prorussische Regierung in Georgien ein Gesetz beschlossen, nachdem alle Einrichtungen, die aus dem Ausland Geldzuwendungen erhalten, unter Spionageverdacht gestellt und verboten werden können. Dies trifft auf den gerade gegründeten Thomas-Mann-Freundeskreis nicht zu. Dennoch ist die Empörung groß bei unseren liberal und freiheitlich gesinnten Partnern in Kuatissi und Tiblis. Lesen Sie hierzu den Brief von Natia Tscholadze im Anhang. Der Link führt zu einem Instagram-Filmchen, in dem der lautstarke Protest der insbesondere jungen Menschen gezeigt wird. Natia lud mich schon mehrfach ein, Sie und ihre Freunde in Georgien zu besuchen. Wir sollten beim nächsten Stammtisch darüber sprechen, ob wir eine gemeinsame Reise dorthin organisieren.
Feuilleton
Bernhard F. Schoch machte mich auf das Büchlein von Uwe Timm „Den Zauberberg neu lesen“ aufmerksam. Es erschien bereits 2012 im Verlag der Buchhandlung Klaus Bittner in Köln; es handelt sich um die Niederschrift eines Vortrags, den Timm in Augsburg gehalten hatte. Ich habe den Text mit Begeisterung gelesen; die Besonderheit an ihm ist Timms literarischer Zugang, seine Lust am Genuß der Sprache, und man glaubt wahrlich, diesen großen Roman neu zu entdecken. Klaus Bittner hat noch ein gutes Dutzend Exemplare des Buches auf Lager, ein Gutteil davon handsigniert. Besuchen Sie seine Buchhandlung – Sie werden ein famoses Sortiment vorfinden!
Jean Améry und Thomas Mann
Vor einigen Wochen war der uns wohlbekannte Hanjo Kesting in der Buchhandlung Böttger in Bonn und stellte sein bereits vor 10 Jahren erschienenes Buch „Augenblicke mit Jean Améry“ vor.
Im langen Gespräch danach beim Wein schilderte uns Herr Kesting Jean Améry als sehr liebenswerten Menschen, dessen beinahe angekündigter Freitod ihn bis heute tief berührt. Der Blick aus diesem tiefzerfurchten Gesicht, in dem sich alles erlittene Leid wie auch sein brillanter Geist ausdrückt, bleibt jedem eingebrannt, der ihm begegnet ist.
Kesting hob auch hervor, daß Améry sich intensiv mit Thomas Mann beschäftigte. Am ausführlichsten in seinem Text „Bergwanderung – Noch ein Wort zu Thomas Mann“.
Dieses „Wort“ umfaßt 26 Seiten, und entstand 1975. Zum hundertsten Geburtstag des Dichters hatte man Améry um einen Text bedrängt, und er hebt an mit der Feststellung, daß eigentlich schon alles gesagt sei zu Thomas Mann, man alle Aspekte seines Werks schon durchleuchtet hätte – nicht ahnend, was in den nächsten 50 Jahren noch geschrieben werden würde…
Améry legt seinen Text als literarische Metapher an, er benutzt das Bild einer Bergwanderung, dessen Gipfel unerreichbar ist und unergründlich, und dies, obgleich er seit 45 Jahren mit Manns Werk befaßt ist. Das Ganze ist der Versuch der Beschreibung einer unergründlichen Liebe. Mit dem geistigen Besteck seines geistigen Mentors Sartre bekommt Améry Mann nicht zu fassen, und große Denker wie Adorno nähmen sich ihm gegenüber aus wie „das »Schwätzerchen« Naphta neben dem keinen Satz zu Ende bringenden Peeperkorn.“
Améry nähert sich Mann mit dem Dualismus „Weichheit und Majestät“ – eine wunderbare Passage des Textes, einem Bekenntnis zur Emotion, das Améry im gesamten Werk Manns ausfindig macht, anhand von vielen Figuren, doch die Liebste ist ihm Detlev Spinell mit seinem Satz: „Ich habe dieses Leben nicht gemacht, ich verabscheue es.“ Améry neidet es Thomas Mann, daß dieser bei aller „Sympathie mit dem Tode“ Lebensfunken daraus zu schlagen weiß, und dies eben in erster Linie mit den Waffen des Humors und der Ironie. Améry versteht diese Waffen gut zu beschreiben, versteht diese aber für sich nicht zu nutzen. Die Jahre im KZ und das Erleiden der Folter haben sie ihm zunichte gemacht. Doch gerade deshalb versucht Améry sich an Mann festzuhalten, der eben kein Denker war, sondern „träumerischen und unscharfen Geistes“. „Thomas Mann dachte mit Geist und Leib und Seele“ resümiert Améry und trifft damit den Punkt, dem alle Verehrer Thomas Manns fraglos zustimmen können.
Wenn Améry von einem „letzten Wort“ zu Thomas Mann spricht, dann muß es zuvor andere gegeben haben. Ich machte mich auf die Suche und staunte, daß er Thomas Mann sehr häufig erwähnt, zuweilen nebenbei, oft an zentraler Stelle.
Dies trifft insbesondere zu auf die Textsammlung „Unmeisterliche Wanderjahre“. Schon der Titel verrät: Die deutsche Literatur ist der wankende Grund, auf dem er stand. Aber nicht Goethe ist es, den er immer in gedanklicher Griffweite hat, sondern es ist Thomas Mann. In der Auseinandersetzung mit seiner eigenen Jugend bezeichnet Améry sich als Narr und fühlt sich in der „Schlafstroh-Jugend“ aus dem Faustus gut erfaßt. Im zweiten Kapitel, das die ersten Jahre nach 1933 beleuchtet, fällt der Satz: „… daß er, Thomas Mann, endlich, endlich auch sein Nein in allerschönsten Sätzen gesagt hatte, an den schweizerischen Würdenbold, an den Dekan der Universität Bonn…“
Im letzten Kapitel der Wanderjahre versucht Améry die Strukturen seines Denkens und seiner Zeit zu erfassen. Ich maße mir nicht an, alles verstanden zu haben, aber erstaunlich auch hier sein Bezug zu Thomas Mann, und sei es nur um zum Ausdruck zu bringen, daß er die Gerätemedizin ablehne und den Rat eines Dr. Grabow vorziehen würde und lieber etwas Taube und Franzbrot essen. Bei der Erwähnung Leverkühns wird deutlich, daß Améry sich diesem seelenverwandt fühlt. Abseits der Welt in einer eigenen Sphäre der Geistigkeit. Hier liegt wohl die tiefe Sympathie mit Thomas Mann begründet – ich werde ihr weiter nachspüren.
Auch Ihnen wünsche ich interessante literarische Entdeckungen und sage auf bald Ihr Peter Baumgärtner
Brief von Natia Tscholadze
Lieber Peter,
es ist eine große Großzügigkeit von Dir und der gesamten Thomas-Mann-Gemeinschaft, in dieser schwierigen Zeit an mich zu denken. Hier herrscht wirklich Terror, eine unaufhörliche Konfrontation zwischen dem intelligenten georgischen Volk und der prorussischen Regierung. Was mich am meisten freut, ist, dass die gesamte georgische Jugend, einschließlich meines Sohnes, da ist und sich ihre Zukunft nicht nehmen lässt. Diese Regierung ist der Ausgangspunkt für alles, aber wir werden auch nichts aufgeben. Auch wenn es in Kutaissi Demonstrationen gibt, ist die Mehrheit der Bevölkerung nach Tiflis gekommen, deshalb sind sie bei uns nicht so groß. Ich möchte auch unbedingt nach Tiflis, aber leider ist mein Mann anderer Meinung, deshalb verfolge ich die Ereignisse nur im Fernsehen und im Internet.
Außerdem kontaktieren mich mein Sohn und viele Freunde aus Tiflis über ihre Handys.
Diese russische Barbarei in Georgien muss ein für alle Mal ein Ende haben. Das ganze georgische Volk ist bereits dieser Meinung. Jetzt hat die Regierung auch eine Demonstration zur Unterstützung dieses Gesetzes organisiert, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass alle, die dort waren, Beamte waren, die unter Androhung des Arbeitsplatzverlustes gezwungen wurden, an der Demonstration teilzunehmen. In der Nähe des Rathauses wurden Personenbusse eingesetzt. Dort waren alle „Unterstützer“ versammelt. Die Botschaften der Regierung wurden offiziell bestätigt und verteilt, mit genauen Anweisungen an bestimmte Personen: „1 Person aus jeder Familie“. Wegen unserer politischen Einstellung standen wir natürlich nicht auf diesen Listen. Aber sie schauen uns nicht freundlich an 🙂 Aber egal, diese Farce wird mit ihrer Herrschaft enden, der gesunde Menschenverstand wird nicht wieder unter dem russischen Stiefel zertrampelt werden. Das lassen wir nicht mehr zu. Es gibt Hoffnung, unsere europäischen politischen Freunde sehen deutlich die Selbstaufopferung des georgischen Volkes und sein Streben nach europäischen Werten.
Was die Thomas-Mann-Gesellschaft in Georgien betrifft: Auch hier geben wir nicht auf, wir haben neue Mitglieder gewonnen. Am Sonntag ist das orthodoxe Osterfest in Georgien. Wenn das vorbei ist, werden wir alle zusammenkommen und neue Mitglieder aufnehmen.
Ich arbeite gerade an einem Projekt, um die Geschichten von Thomas Mann in unseren Schulen zu fördern. Ich habe zwei Kurzgeschichten, die mit den Schülern erarbeitet werden. Das wird sehr interessant. Aber das alles nach dem Osterfest und auch nach dem friedlichen Ende dieser Unruhen.
Vielen Dank für das Gedenken, die Unterstützung und die Ermutigung in dieser Zeit. Deine Natia
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
es ist mir eine Freunde, Ihnen mitteilen zu können, daß unsere Matinee mit Janka Zündorf ein voller Erfolg war: Der wunderbare Wohnraum unserer großzügigen Gastgeberin Frau Ulrike Keim – der ich an dieser Stelle im Namen des Vereins nochmals ausdrücklich danken möchte – war voll besetzt, und der Vortrag von Janka Zündorf mit dem Titel „Metapher, Mythos, Heilmittel: Milch und Milchkuren in Thomas Manns Werk“ setzte alle Anwesenden in Erstaunen: Sie bewies einen großen Überblick auf das Gesamtwerk von Thomas Mann und ihr Vortrag war wunderbar strukturiert, sie beleuchtete ihren Gegenstand von allen Seiten: der Kulinarik, der Mystik, der Medizin, der Sexualität, und zeigte daran exemplarisch, wie Thomas Mann all dieses mitgebrachte und angelesene Wissen zu Kunstwerken verschmolz, und damit Zeugnisse der Kultur seiner Zeit erschuf, etwas das ihn von allen anderen Schriftstellern seiner Zeit unterschied. Wir waren angenehm überfordert, konnten beim anschließenden kalten Buffet mit Milch und Schampus noch einige Punkte mit ihr ansprechen und sind dennoch froh, daß ihr Vortrag im Jahrbuch erscheint: Genau da gehört er hin, neben die Vorträge der alten Profis von der Thomas Mann Tagung. Janka Zündorf ist Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes (ein Name, der sich etwas überlebt hat). Jedenfalls ist es eine Freude zu sehen, daß das Geld bei ihr gut angelegt ist, und ich freue mich darauf, von Ihr noch vieles zu hören und zu lesen.
Stammtisch
Bei unserer Mitgliederversammlung hatten wir beschlossen, einen regelmäßigen Stammtisch einzurichten. Die Terminfindung gestaltet sich wie immer schwierig. Mit all jenen, die Interesse angemeldet haben, habe ich versucht, mich abzustimmen, aber einer oder eine ist immer verhindert. Und dennoch haben wir einen Termin gesetzt: 7.Mai 2024 um 18.30 im Restaurant DelikArt im Bonner Landesmuseum unweit des Bahnhofs. Ich freue mich auf den unmittelbaren Austausch mit Ihnen in entspannter Atmosphäre. Zwei bitten: Bitte kündigen Sie ihr Kommen einige Tage vorher bei mir an, damit ich einen entsprechend großen Tisch reservieren kann – und bringen Sie einen kleinen Hunger mit, wenn jeder nur ein Glas Wasser trinkt, werden wir nirgends lange gelitten sein.
100 Jahre Zauberberg im Hotel Excelsior Ernst in Köln:
Diesen Termin am 3.Juni mit Bernt Hahn am Lesepult hatte ich bereits angekündigt. Ich werde hierzu noch einen Flyer entwickeln, den Sie mit dem nächsten Rundbrief erhalen. Auch hier meine Bitte um Anmeldungen. Ich möchte Sie als Mitglieder und langjährige Interessenten unsere Arbeit bevorzugen. Ab Mitte Mai werde ich in der Lengfeld’ schen Buchhandlung – keine fünf Minuten vom Excelsior entfernt – eben jene Flyer auslegen. Dieser wunderbare Laden hat genau das Publikum, das sich für unsere Arbeit interessieren und von der Existenz unseres Vereins erfahren könnte.
Ich wünsche allerseits schöne Ostertage und sage auf bald Ihr Peter Baumgärtner
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
am kommenden Sonntag den 10 März ist es so weit: Die Bamberger Studentin und Mitglied im Jungen Forum Janka Zündorf kommt nach Bonn. In einer Matinee um elf Uhr im Hause unseres Mitglieds Frau Ulrike Keim hält sie den Vortrag „Metapher, Mythos, Heilmittel: Milch und Milchkuren in Thomas Manns Werk“ zu Gast. In gekürzter Form konnten die Gäste der Internationalen Thomas Mann-Tagung in Düsseldorf ihren Vortrag bereits im Abendprogramm hören.
In ihrer Ankündigung schreibt sie:
,,Es schimmerte weiße im Saale vor lauter Milch: an jedem Platz stand ein großes Glas, wohl ein halber Liter voll…“, heißt es im Zauberberg. Doch nicht nur hier, in beinah allen Werken Thomas Manns findet die Milch Eingang: Der ,,Erwählte“ Gregorius etwa saugt bei seinem Bußgang auf dem Felsen ,,Erdmilch“, den kränkelnden Großherzog Albrecht kann man geradewegs als passionierten Milchtrinker bezeichnen, im Faustus wird die Prostituierte Hetaera Esmeralda mit einer ,,Milchhexe“ assoziiert. Was es mit diesen Phänomenen auf sich hat, inwiefern hier Diskurse der Wende zum 20. Jahrhundert und metaphorische Überformungen Eingang finden, soll in diesem Vortrag umrissen werden. Schlaglichter sollen u.a. auch auf die ,,Blutmilch“, die ,,Milchbrüderschaft“ und das ,,Milchige“ als Atmosphärenbegriff geworden werden.
Auch wenn ich sie schon in Düsseldorf gehört habe, bin ich sehr gespannt. Wie bereits angekündigt, ist der Platz im schönen Wohnzimmer von Frau Keim beschränkt. Es sind schon einige Anmeldungen bei mir eingegangen, daher hier nochmals die Bitte, dies unbedingt zu tun. Die Freunde unseres Ortsvereins bitte ich um Verständnis dafür, daß ich unsere Mitglieder nach oben auf die Liste setze, und dann leider Absagen erteilen muß, wenn die Liste zu lang wird.
Weitere Vorankündigungen:
Am 3.Juni sind wir im Hotel Excelsior-Ernst in Köln zu Gast. Im Gereons-Saal mit Blick auf den Dom wird Bernt Hahn aus dem Zauberberg lesen, wahrscheinlich aus dem Schneekapitel. Halten Sie sich den Abend frei. Weitere Details folgen.
Die Thomas-Morus-Akademie in Bensberg veranstaltet am 4. und 5. Mai ein literaturgeschichtliches Seminar zum 100.Geburtstag eines Klassikers: Thomas Manns Zauberberg. Ich bin dann leider oder zum Glück in Urlaub. Es wäre schön, wenn unsere Ortsverein vertreten wäre. Dort trifft man immer wieder Menschen, die unseren Ortsverein nicht kennen.
Im Mai wird uns Herr Prof. Büning-Pfaue wieder durch den Botanischen Garten führen. Der genaue Termin steht noch nicht fest.
Das Protokoll unserer Jahresmitgliederversammlung reiche ich in Kürze nach.
Ich grüße allerseits in den Vorfrühling hinein und sage auf bald Ihr Peter Baumgärtner
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
im Vorfeld der Jahresmitgliederversammlung verzichte ich auf einen Ausblick auf das Jahr 2024 und berichte nur über die beiden Veranstaltungen am vergangenen Wochenende, die ganz neue Erfahrungen und Chancen in unser Vereinsleben einbrachten.
Zunächst zum literarisch-musikalischen Abend mit Johanna Krumstroh und Oli Bott.
Leider brach an diesem Abend der Winter über uns herein verbunden mit Eisregen und Straßenglätte, sodaß von den rund 40 angemeldeten Personen nur rund 30 die Anreise wagten. Dies war ausgesprochen schade, da, wie ich am Ende den beiden Künstlern sagte, wir die Sprache Thomas Manns noch nie so eindringlich hatten erleben dürfen wie an diesem Abend. Johanna Krumstroh las den Text nicht, sie spielte ihn: sie gestikulierte, sie modulierte ihre Stimme, sie ahmte dialektale Färbungen nach – man versank im Geschehen!
Frau Krumstroh war auf den Spuren von Gerda Arnoldsen, auf den Spuren der Musik in den Buddenbrooks und wurde kongenial begleitet vom Vibraphonisten Uli Bott aus Berlin. Uli Bott ist zuhause im Free-Jazz wie auch in der Klassik – beides stellte er unter Beweis: den sprachlichen Vortrag untermalte er mit zarten Klängen, stets die Dramatik der Szenen unterstreichend, und zwischen den Kapiteln schob er als Intermezzi Solostücke ein, an einer Stelle ein Violinkonzert von Bach – auf dem Vibraphon! Ganz neue Klangerlebnisse für uns alle.
Die beiden spielten anderthalb Stunden ohne Pause, alle lauschten gebannt diesem Sprach- und Musikerlebnis und spendeten am Ende lang anhaltenden Beifall.
Ein letztes Wort zum Haus an der Redoute: Ich bin sehr froh, von den Freunden des Schauspiels Bonn auf die Nutzungsmöglichkeit dieses wahrlich historischen Gebäudes (errichtet 1790) aufmerksam gemacht worden zu sein. Es bietet einen einfachen und dennoch prachtvollen Rahmen (die Familie Buddenbrooks hätte sich darin wohlgefühlt) und wir konnten es als Bonner Verein für kleines Geld anmieten. Dies wird noch öfter geschehen.
Im Anhang an den Rundbrief sehen Sie Johanna Krumstroh und Oli Bott in Aktion.
Noch einige Worte zum Seminar „Die Manns und die Männlichkeit“ in der Thomas-Morus-Akademie in Bensberg. Ich hatte mich angemeldet, da dort der von mir hochgeschätzte Thomas Wortmann als Referent auftrat. Er hielt erfrischend lebendige Vorträge zum Frühwerk der Manns mit dem besonderen Augenmerk auf die Darstellung von Männlichkeit. Man mag die Erkenntnis schlicht bezeichnen, daß insbesondere im Frühwerk Thomas Manns nur schwache, gebrochene und zerbrechliche Männerfiguren auftauchen. Ein sehr spannendes Thema, zumal auch in den Werken des dann schon berühmten Schriftstellers Thomas Mann eher schwache Männerfiguren im Mittelpunkt stehen, man denke an Hans Castorp und Adrian Leverkühn – und schon in den Buddenbrooks sitzen bekanntlich am Ende nur noch Frauen zusammen.
Zu diesem Themenkomplex gab Thomas Wortmann zusammen mit Sebastian Zille 2016 den sehr lesenswerten Band „Homme fragile“ heraus, in dem Beiträge von insgesamt 15 Autoren zum Thema versammelt sind.
Sein Co-Referent war Rolf Füllmann aus Köln; Er hatte einen Stapel von Fehldrucken seines Handbuchs zu Thomas Mann (in der Reihe Literatur kompakt) dabei, die er zu fünf Euro feilbot, und den Ertrag unserem Ortsverein als Spende überließ. Ich danke nochmals auf diesem Wege.
Zum Abschluß empfehle ich Ihnen dringend, die Seminare der Thomas-Morus-Akademie wachsam im Auge zu behalten. Diese bietet ein außerordentlich interessantes Programm in einem gediegenen und gleichzeitig modernen Ambiente. Über eine Zusammenarbeit unseres Ortsvereins mit der Akademie wird nachgedacht.
Ich wünsche Ihnen allseits alles Gute und an die Mitglieder unseres Ortsvereins gewandt wünsche ich mir, möglichst viele von Ihnen zu sehen bei unserer Mitgliederversammlung, herzlich Ihr Peter Baumgärtner
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
in diesem Rundbrief möchte ich in erster Linie an Termine am Anfang des nächsten Jahres erinnern. Schon ganz bald, am 12. Januar ‘24 dürfen wir das Literaturkonzert mit dem Titel: „Die Buddenbrooks und die Musik“ erleben, und zwar im Haus an der Redoute in Bad Godesberg um 19.00 Uhr. Die Schauspielerin Johanna Krumstroh wird begleitet vom Vibrafonisten Oli Bott sicher einen eindrucksvollen Abend bereiten. Frau Krumstroh legt Wert darauf zu erwähnen, daß sie dieses Literaturkonzert im Auftrag des Literaturbüros Ostwestfalen-Lippe geschrieben hat. Eine tolle Institution mit einem eindrucksvollen Programm. Schauen Sie sich auf deren Seite im Netz um!
„Die Musik im Hause Buddenbrook spielt zuweilen eine große Rolle. Die Charaktere werden durch sie gezeichnet – durchaus amüsant, wie der Herr Organist Edmund Pfühl –oder mit geheimnisvoller Ausstrahlung, wie Gerda mit ihrer Stradivari.
Die Musik ermöglicht ein innigliches, fastwortlosesVerstehenzwischenGerda,Hanno und dem Herrn Organisten von Sankt Marien, doch sie zeigt ebenso die tiefen Abgründe zwischen Gerda und Thomas. Es ist ein Abend voller überraschender Wendungen.“
Gleich am Tag darauf, am Samstag, den 13.Januar, beginnt in der Thomas Morus Akademie in Bensberg die zweitägige Tagung Die Männer bei den Manns. Als Referent ist neben Dr. Rolf Füllmann aus Köln der uns wohlbekannte Prof. Dr. Thomas Wortmann aus Mannheim geladen. Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit ihm.
Dann am Sonntag, den 10. März ‘24 hatte ich Sie gebeten, sich den Matinee-Termin im Haus von Frau Ulrike Keim vorzumerken. Janka Zündorf, die ich, wie im letzten Rundbrief ausgeführt, in Düsseldorf kennenlernen durfte, wird zu uns zum Thema Thomas Mann und die Milch sprechen. Dies wird ein ganz besonderes Ereignis, verbunden mit der Freude zu sehen, welch interessante Forscherinnen und Forscher zu Thomas Mann nachkommen.
Noch ein Satz zur Tagung in Düsseldorf: Da ich nur einen Abend dort sein konnte, hatte ich unser Mitglied Herrn Marcus Pfeifer gebeten, davon zu berichten. Dies tat er in einem ausführlichen und persönlichen Brief. Er gestattete mir, diesen dem Rundbrief beizufügen.
Im letzten Rundbrief hatte ich von Thomas Manns Rede Deutschland und die Deutschen gesprochen. Ich habe bei Bernt Hahn angefragt, ob er bereit sei, uns diese Rede vorzutragen wie zuletzt die Leiden und Größe Richard Wagners. Er sagte sofort zu und nun läuft eine Anfrage im Lew-Kopelew-Forum, ob dort dieser Vortrag stattfinden könnte. Wenn ich dort keine Zusage bekomme, wird sich ein anderer Ort finden, gerne in Köln, um auch mal wieder auf unsere Mitglieder von dort zuzugehen.
Im letzten Rundbrief hatte ich auch angefragt, ob ich den mir unbekannten Dr. Dieter Strauss nach Bonn einladen solle, um über seine Publikation über Thomas Mann und seine drei Töchter zu berichten. Ich erhielt darauf nur eine Rückmeldung, woraus ich schließe, daß kein Interesse besteht.
Unser Kölner Mitglied Thomas Schmalzgrüber schrieb mich an, daß ihn für die anstehenden Weihnachtsferien die Lust anwandelt, sich an unser Übersetzungsprojekt der Hommage de la France à Thomas Mann zu begeben – siehe Rundbrief Nr. 51. Alle frankophilen Mitglieder sind aufgefordert, es ihm gleichzutun. Es wäre schön, wenn wir 2025 eine Übersetzung beieinander hätten. Ich verteile gerne die Scans von einzelnen Texten.
Herr Prof. Hans Büning-Pfaue kündigte an, im nächsten Sommer seinen Rundgang durch den Botanischen Garten reaktivieren zu wollen. Für alle jüngeren Mitglieder: Mein Vorgänger im Amt bot diesen Rundgang 2016 schon einmal an unter dem Titel Pflanzen im Werk von Thomas Mann. Ein Grund zur Vorfreude!
In der kommenden Woche werde ich mich mit den Vorstandskolleginnen zusammensetzen. Wir werden nicht nur über den Termin zur nächsten Jahresmitgliederversammlung beraten, sondern auch über weitere Veranstaltungen im kleinen, internen Mitgliederkreis, die im nun vergangenen Jahr sehr gut aufgenommen worden waren. Ideen und Vorschläge hierzu sind immer erwünscht!
Von der Event-Agentur von Magdalena Bahr, Bonn, wurde ich angesprochen, ob unsererseits Interesse bestehe, an den Tagen des Exils, siehe Kasten im Anhang, teilzunehmen. Da die Anmeldefrist knapp bemessen ist, sagte ich sofort zu. Die Veranstaltungsreihe wird mit Unterstützung der Körber-Stiftung und der Stadt Bonn breit beworben – für uns auch eine Chance, ein breiteres Publikum anzusprechen. Das Thema Exil liegt bei Thomas Mann auf der Hand. Wir könnten die ganzen 14 Tage mit entsprechenden Veranstaltungen anfüllen. Angesprochen und schon eine Zusage bekommen habe ich von unserem Vorstandsmitglied Prof. Dr. Friedhelm Marx, der im letzten Jahr Stipendiat am letzten Exil-Wohnort Thomas Manns in Los Angeles war und zum gerade erschienen Buch Das Thomas Mann House einen Text beigetragen hat – womit wir schon ins Feuilleton hinübergleiten.
Feuilleton
Hatte der Wallstein-Verlag Weihnachten im Visier, als den Bildband Das Thomas Mann House herausgab? Ich nenne das Buch Bildband, da es in erster Linie durch eine aufwändige Gestaltung und professionelle Photographien hervortritt. Die bestellten Autoren werden zur Füllung der Zwischenräume gebraucht, die analog zu den Bildern das Haus raumweise zu betrachten haben. Der arme Heinrich Detering mußte über die Garage schreiben, unser Vize-Vorstand Friedhelm Marx, hat immerhin das Eßzimmer erwischt. Es bleibt nicht aus, daß die illustren Gäste, die dort häufig verkehrten, mehrfach erwähnt werden. Irmela von der Lühe sollte über Erikas Schlafzimmer schreiben, erwähnt dieses in einem Halbsatz, und liefert eine lesenswerte Kurzbiographie von Erikas Jahren in den USA.
Man könnte das Ganze als einen literarischen Katalog mit vielen Schöner-Wohnen- Bildern abtun, wenn da nicht der einleitende Artikel von Heinrich Wefing wäre: ‚Innen Lübeck, außen Kalifornien: Thomas Manns Villa als Schutzraum im Exil‘. Kurzum: Als Weihnachtsgeschenk durchaus brauchbar, aber nicht unverzichtbar.
Lassen Sie mich am Ende noch an einen Autor erinnern, der in einem ganz besonderen Verhältnis zu Thomas Mann stand und dessen großartigen Roman Die Insel des zweiten Gesichts ich die letzten Wochen ein zweites Mal las: Albert Vigoleis Thelen! Die beiden Autoren begegneten sich zweimal: Einmal 1937 in Locarno, und einmal 1947 in Amsterdam. 1937 finden sich in Manns Tagebuch einige Einträge zu Thelen, insbesondere zu dessen Übersetzertätigkeit portugiesischer und holländischer Literatur. In Thelens Briefband Meine Heimat bin ich selbst findet man einige Korrespondenz. Thelen bittet Mann mehrfach um ein Vorwort zu seinen Übersetzungen von Hendrik Marsmann und Teixeira de Pascoaes. Erfüllt wurde die Bitte nicht. Thelen hält Pascoaes für einen geeigneten Nobelpreiskandidaten, Mann setzt sich aber weiter für Hesse ein.
Nach der Begegnung mit Thomas Mann 1947 notiert Thelen: „die begegnung mit thomas mann war sehr schön, er ist ein charmanter plauderer, und gar nicht das grosse tier, das er dichterisch ja darstellt.“ 1953 wagt er auch, Mann um eine Rezension seiner Insel anzugehen, obschon er schon im Anschreiben humorvoll bescheiden formuliert:
„Ich erwarte natürlich nicht, dass Sie die 1000 Seiten lesen, und wenn Sie mich fragen: ja, warum schickt er mir seinen Schmäucher überhaupt zu? dann möchte ich sagen, dass die »Insel« bei Ihnen in einem stillen Winkel auch ungelesen sehr gut aufgehoben ist.“ So wird das Schicksal dieses Buches auch gewesen sein. Thomas Mann hat wohl kurz darin verwundert geblättert und antwortet dann höflich, daß er sich mit dem „merkwürdigen, bunten und krausen Roman“ schon beschäftigt habe. Thomas Mann hatte in seinen letzten beiden (europäischen) Jahren hinreichend viel damit zu tun, ein breites Kreuz für sein eigenes Werk zu machen, Anfeindungen erfährt er hinreichend viele, ähnlich wie Thelen, dessen Atheismus man ihm übelnimmt und ihn auch als Pornographen beschimpft. Über seine radikal antifaschistische Haltung von Anfang an schweigt man sich aus, ein Tabu von großer Macht.
Ich wünsche Ihnen geruhsame Feiertage in Ihrem Lesesessel, im neuen Jahr melde ich mich bald wieder, herzlich Ihr Peter Baumgärtner
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
diesen Rundbrief muß ich leider mit einer traurigen Nachricht beginnen: Das Gründungsmitglied unseres Ortsvereins Herr Jürgen Haberland ist im Sommer verstorben. Mich erreichte diesen Nachricht verspätet und auf Umwegen: Aus Lübeck erhielt ich die Nachricht, daß verschiedene Spenden mit dem Betreff „Jürgen Haberland“ dort eingegangen seien. Mit seinem letzten Willen hatte er statt Blumen um Spenden für unsere Gesellschaft gebeten. Auf diesem Wege sind über tausend Euro bei uns eingegangen. Wir verneigen uns in Dankbarkeit. Der Familie habe ich kondoliert.
Im Rundbrief Nr. 50 hatte ich Ihnen von der Anfrage von Frau Johanna Krumstroh berichtet. Zusammen mit dem Vibraphonist Oli Bott hat sie ein Literaturkonzert mit dem Titel: „Die Buddenbrooks und die Musik“ entwickelt. Frau Krumstroh schrieb:
„Die Musik im Hause Buddenbrook spielt zuweilen eine große Rolle. Die Charaktere werden durch sie gezeichnet– durchaus amüsant, wie der Herr Organist Edmund Pfühl – oder mit geheimnisvoller Ausstrahlung, wie Gerda mit ihrer Stradivari.
Die Musik ermöglicht ein innigliches, fastwortlosesVerstehenzwischenGerda,Hanno und dem Herrn Organisten von Sankt Marien, doch sie zeigt ebenso die tiefen Abgründe zwischen Gerda und Thomas. Es ist ein Abend voller überraschender Wendungen.“
Schauen Sie sich auf ihrer Webseite um: johanna.krumstroh.de – Sie werden interessante Entdeckungen machen. Für eine Realisierung eines Abends mit ihr hatte ich im April um Spenden gebeten – es kamen 260,- Euro zusammen, ich danke an dieser Stelle nochmals herzlich. Mit den Spenden, die für Herrn Haberland eingegangen sind, haben wir einen hinreichenden Grundstock um die Sache anzugehen. Johanna Krumstroh und Oli Bott werden uns am 12. Januar ‘24 beehren, und zwar im Haus an der Redoute in Bad Godesberg um 19.00 Uhr. Es wird ein heiterer und dennoch besinnlicher Abend werden und dies auch im Sinne unseres verstorbenen Herrn Haberland sein. Merken Sie sich den Termin vor – ich werde nochmals daran erinnern.
Über den letzten Monatswechsel fand in Düsseldorf die diesjährige Thomas-Mann-Tagung statt. Wie angekündigt konnte ich nur am ersten Abend zugegen sein. Den Jahresrückblick auf unsere Vereinsaktivitäten erledigte Herr Schmalzgrüber für mich, sein Auftritt wurde allseits gelobt, ich danke nochmals ausdrücklich; und Herr Schoch kümmerte sich um unser georgisches Mitglied Frau Choladze, sie hat sich sichtlich wohlgefühlt. Die Tagung fand statt im Haus der Universität in der Stadtmitte, einem schön restaurierten klassizistischen Stadtpalais. Wir wurden vom Düsseldorfer Germanistik- Professor Dörr begrüßt, der in seinen witzig-launigen Begrüßungsworten die häufigen Besuche Thomas Manns in Düsseldorf hervorhob, womit man nach der Schlacht von Worringen einen zweiten Sieg über die Kölner errungen habe. (Wie würde sich Bonn schlagen?)
Herr Prof. Wißkirchen steckte bei seinem Eröffnungsvortrag den Rahmen der Tagung ab und hob hervor, daß wir in den späten Erzählungen Thomas Manns einen wieder leichteren, gelösteren Autor erleben dürfen, im Gegensatz zum Bruder Heinrich, dessen späte Texte immer hermetischer wurden. Die entspanntere Feder von Thomas belegte Herr Wißkirchen mit einem Zitat aus Die Betrogene mit der Vorstellung der Witwe Tümmler, die ihres heiteren Gemahls entbehren mußte, dessen öftere Abweichungen von der Richtschnur der ehelichen Treue nur das Merkmal überschüssiger Rüstigkeit gewesen waren. Ich bedauere sehr, nicht alle drei Tage erlebt zu haben, freue mich auf das nächste Jahrbuch und mache hiermit Werbung dafür, an den Jahrestagungen zahlreich teilzunehmen.
Am Abend des Eröffnungstages gab es einen Empfang im Heinrich-Heine-Haus. Hier wurde zwei Mitgliedern des jungen Forums Gelegenheit gegeben, mit Interventionen ihr Können und Wissen unter Beweis zu stellen, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dies angesichts des bereitstehenden Buffets kurz und knapp zu tun. Eine davon war Janka Zündorf, eine 23-jährige Studentin aus Bamberg, die über das Thema Thomas Mann und die Milch referierte. Bei der Ankündigung des Titels standen allen Anwesenden die Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Was dann aber folgte war ein Feuerwerk von Ideen und Zitaten aus fast allen großen Werken Thomas Manns, von medizinischen und mythischen Bezügen, die dieser mit der Milch verknüpfte. Das Buffet war vergessen und am Ende erhielt Frau Zündorf einen donnernden Applaus von allen Seiten. Ich ging direkt zu ihr und fragte: Und wann kommen Sie nach Bonn? Diese Frage ist inzwischen geklärt: Sie wird am Sonntag, den 10. März ‘24 zur Matinee in das Haus von Frau Ulrike Keim kommen! Frau Keim sagte auf meine Anfrage sofort zu, diese Schnittstelle zwischen Medizin und Literatur ist genau ihr Thema. Ich danke schon jetzt herzlich.
Gleichfalls in Düsseldorf wurde ich aufmerksam gemacht auf Thomas Manns Rede Deutschland und die Deutschen, gehalten unmittelbar nach Kriegsende in Washington. Ein dichter, intensiver und nie anklagender Text von großer Nachdenklichkeit. In Zeiten wieder aufkommender antiliberaler und nationalistischer Gedanken ist er von großer Aktualität. In der neu eröffneten Gemäldesammlung Zeit im Wandel des Bonner Landesmuseums finden sich eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten. Daher fragte ich dort an, ob wir innerhalb der Sammlung eine Veranstaltung durchführen könnten, erhielt aber leider eine Absage vom Direktor des Hauses, dem Germanisten Prof. Dr. Valk. Als Sprecher des Thomas-Mann-Textes hätte ich gerne wieder Bernt Hahn gewonnen. Anregungen für alternative Veranstaltungsorte nehme ich gerne entgegen.
Mein Kollege Oliver Fischer hatte Herrn Dr. Dieter Strauss nach Hamburg eingeladen; er sprach dort unter dem Titel Einfach kompliziert über Thomas Mann und seine drei Töchter. Strauss hat bereits mehrere Bücher über die Familie Mann veröffentlicht. Der Vortrag wurde in Hamburg gut aufgenommen. Ich kenne weder den Autor noch seine Bücher – das muß aber nichts heißen. Besteht ihrerseits Interesse, Herrn Strauss nach Bonn einzuladen? Ich bitte um entsprechende Rückmeldungen.
Feuilleton
Unser Freund Tobias Schwartz machte mich auf die Autorin Gabriele Tergit aufmerksam. Sie war in der Weimarer Republik sehr populär, wurde mit dem satirischen Roman Käsebier erobert den Kurfürstendamm berühmt und angesichts des immer stärker werdenden Antisemitismus begann sie schon 1932 mit der Konzeption ihres wichtigsten Romans Effingers, den sie dann in ihren Jahren des Exils in den Städten ihrer Flucht vorantrieb. In der Nachkriegszeit hatte sie dann größte Mühe, für ihren 900-Seiten Roman einen Verlag zu finden.
Es ist sicher kein Zufall, daß in Effingers sehr viele Motive aus den Buddenbrooks aufscheinen. Die Erzählung beginnt in den 1870er Jahren, in denen die Buddenbrooks enden. Erzählt wird die Geschichte einer jüdischern Familie, die im Kaiserreich zu Wohlstand gelangt. Die geschilderten gesellschaftlichen „Probleme“ sind die gleichen wie bei Thomas Mann: Da ist die fleißige und wohlhabende Unternehmerfamilie, die Schwierigkeiten hat, die Kinder „richtig“ zu verheiraten, da sind die Versuchungen am Wege, die Neigung zum Künstlertum, der Tod eines schönen und künstlerisch begabten Enkels der Gründergeneration. Auf Tonio Kröger kommen junge Leute zweimal wortwörtlich zu sprechen in ihrer Sehnsucht und ihrem jungen Verliebtsein. Noch werden Andeutungen von Antisemitismus weggewischt wie lästige Fliegen. Bis zum ersten Krieg leuchten die besagten Motive Thomas Manns nacheinander auf – freilich in ganz anderer Sprache, lakonisch, knapp, in filmischen Szenen den Fokus wechselnd von einem Familienmitglied zum andern, und das ganze stets mit der nötigen Prise Humor gewürzt. Dann der Krieg, die Niederlage, der Währungsverfall – die Bedrohung wird nicht ernst genommen, lauter Widerstand vermieden, man will nicht provozieren – die Beklemmung nimmt zu, dann die Entrechtung, die Vertreibung, Verschleppung, Ermordung. So knapp die letzten Kapitel gehalten sind, so sehr fühlt man den Schmerz Gabriele Tergits bei der Niederschrift.
Auch die Erzähltechnik gemahnt an Thomas Mann, an der dessen Leitmotive. Tergit hebt vier Kapitel hervor, Querschnittskapitel würde ich sie bezeichnen, einen Überblick gebend über die Familie. Mit der Phrase ‚Was für ein Frühlingstag‘ beginnen viele, viele Absätze in den Kapiteln über die Jahre 1887, 1913, 1930 und zuletzt 1948; wie ein Idyll anmutend, aber das Unheil schon in sich tragend.
Ein unbedingt lesenswertes Buch.
Es grüßt herzlich Ihr Peter Baumgärtner
Brief von Frau Fehrle
Es ist mutig, wenn Heinz Strunk seinen Roman mit dem Titel „Zauberberg 2“ vor Mitgliedern der Thomas-Mann-Gesellschaft präsentiert, aber genau deshalb hätte er sich gut darauf vorbereiten sollen. „Verloren“ hatte Heinz Strunk durch zwei Dinge:
1. Auf den Zuruf „Lauter bitte“, weil das Mikro anfangs zu leise war, reagierte er mit „Das ist nicht meine Aufgabe“, faktisch korrekt, aber in einem gereizten und arroganten Ton geäußert.
2. Er ratterte dann zwei Romankapitel so schnell, undeutlich nuschelnd und monoton herunter, dass er selbst dadurch für eine irritierte Zuhörerschaft sorgte. Später war er auch germanistisch nicht auf der Höhe, denn selbst beim dritten Mal verstand er die in korrektem Deutsch gestellte Frage einer der Damen aus Georgien, warum in seinem Titel der Artikel (Der) fehle, nicht. Leider trug Edo Reents von der FAZ, befreundet mit Heinz Strunk, mit seinen wenigen Kommentaren und Fragen nicht zur Erhellung bei, er war als Moderator absolut überflüssig.
Es war natürlich ein Versäumnis des Veranstalters, das Buch und Heinz Strunk nicht eingeführt zu haben. Niemand kannte diesen Schriftsteller, da half nur Wikipedia …
Nach der Kaffeepause am Sonntag folgte einer der Höhepunkte der diesjährigen Tagung, nicht nur meiner Einschätzung nach. Das Podiumsgespräch zu den Gegenwartsbezügen 2024 mit Schwerpunkt Demokratie und Meinungsfreiheit wurde perfekt von Jan Ehlert von NDR Kultur moderiert: bestens vorbereitet, kluge Fragen, sachliche Diskussion. Dabei bezog sich Natascha Strobl, Expertin für Rechtsextremismus, sehr wohl auf den Roman und zwar ganz explizit auf die Kapitel „Die große Gereiztheit“ und „Der Donnerschlag“. Sie führte aus, dass der „Deckmantel Meinungsfreiheit“ gefährlich sein kann, Prof. Sina ergänzte, dass die Vielstimmigkeit im Zauberberg „Reiz und Gefahr“ gleichermaßen sei, mit dem Kipppunkt Gewalt.
Das wird im FAZ-Artikel von Jannis Koltermann nicht korrekt wiedergegeben. In seinen Charakterisierungen von Hans Castorp und Joachim Ziemßen verkürzt er das Wesen der Figuren in diskussionswürdiger Weise und versucht im gesamten Artikel zwanghaft (geistige?) Verbindungen herzustellen, vom BSW über den Brauereikeller bis zum Weltfest des Populismus, ganz zu schweigen von der Wortwahl „spezialistisch“ sowie „abwägende Äquidistanz“. Was ist bloß mit dem Feuilleton-Personal bei der FAZ los?
Zu 100% stimme ich der Einschätzung zu, dass solche Tagungen „vielfältig und bereichernd“ sind, nicht nur wegen der „offiziellen“ Programmpunkte, sondern gerade auch wegen der informellen Gespräche mit allen Teilnehmern. Ich kann nur appellieren, diese Veranstaltungen zu besuchen!
vom Freitag, den 29.September bis Sonntag, den 1.Oktober in Düsseldorf unter dem Titel „Chaos und Neubeginn. Thomas Manns späte Erzählungen“ statt.
Internationale Thomas Mann-Tagung 2023 – Deutsche Thomas Mann-Gesellschaft (thomas-mann-gesellschaft.de)
Es wäre schön, wenn auch unser Ortsverein zahlreich vertreten wäre. Ich allerdings werde aus privaten Gründen nur am Freitag teilnehmen und am Samstag in der Früh wieder abreisen. Wie alle Jahre findet am Samstagnachmittag die Mitgliederversammlung statt, in der auch unser Ortsverein gehalten ist, über seine Tätigkeiten zu berichten. Ich würde nur sehr ungern einen Vorstandskollegen aus Lübeck bitten, einen von mir verfaßten Bericht zu verlesen. Es wäre schön, wenn jemand von Ihnen diese Aufgabe übernehmen würde, und diesem Vortrag auch eine persönliche Note geben könnte. Zur Vorbereitung stehe ich natürlich vollumfänglich zur Verfügung.
Eine besondere Freude ist es mir, daß unser Mitglied Natia Chaladze aus Kutaissi, Georgien, zu dieser Tagung anreist. Wir kennen sie von Ihrem Vortrag im vergangenen Jahr im Woelfl-Haus. Ich werde sie am Freitagabend auch mit den Vorständen unserer Gesellschaft bekannt machen. Unser Mitglied Herr Schoch sagte bereits zu, ihr bei ggf. auftretenden Problemen unterstützend zur Seite zu stehen.
Abschließend darf ich Ihnen mitteilen, daß die Gattin von Hans Büning-Pfaue Angela von Blomberg in 14 Tagen aus der „Prä“-Rehabilitation nach Hause entlassen wird, nachdem sie vor zwei Monaten von einem rauschgiftsüchtigen Tesla-Fahrer überfahren worden war. Ihr gelten die besten Genesungswünsche des gesamten Ortsvereins.
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
leider waren es nur acht Personen, die der Einladung zur Matinee im Hause von Frau Dr. Ulrike Keim vergangenen Sonntag gefolgt sind. Bevor sie mit der Vorstellung ihrer Gumpert-Biographie begann, schilderte sie in lebendigster Form von der Mühe und der Lust an der Recherchearbeit für dieses Buch. Wir erfuhren, daß große Teile des Nachlasses von Gumpert in einem Archiv in Berlin schlummern, andere in Jerusalem zu finden waren, wo man ihr mit großer Hilfsbereitschaft entgegenkam, und auch mit den Enkeln von Gumpert in den USA konnte sie in Kontakt treten, denen die deutsche Herkunft ihres Großvaters kaum noch bewußt war. Nur durch diese energische Arbeit konnte sie an unbekannte Fotos kommen und in ihrem Buch bislang unveröffentlichte Briefe Thomas Manns veröffentlichen. Sie legte großem Wert darauf, den altruistischen Berufsansatz Gumperts als Arzt zu schildern wie auch die enge persönliche Freundschaft zu Katia und Thomas Mann, mit denen er mehrfach in den USA die Weihnachtstage gemeinsam mit seiner kleinen Tochter verbrachte. Auf Gumperts große Liebe zu Erika Mann wurde Frau Keim aufmerksam bei der Lektüre der Erika-Mann-Biografie von Irmela von der Lühe. Diese Lektüreerfahrung war es auch, die ihr den Anstoß gab, selbst das Schreiben einer Biografie in Angriff zu nehmen, zumal sie, wie wir alle, durch Corona zum Hausarrest verdammt war. Wer sich von der erfrischenden Art von Frau Keim selbst ein Bild machen will, kann dies auf YouTube tun, wo eine halbstündiges Interview mit ihr hinterlegt ist: Standort Berlin – ,,Ein außergewöhnliches Leben in zwei Welten” – YouTube, oder akustisch im WDR3-Zeitzeichen zum 125. Geburtstag Gumperts unter: ZeitZeichen – 13. November 1897: Der Arzt und Schriftsteller Martin Gumpert wird geboren – Zeitzeichen – Sendungen – WDR 5 – Radio – WDR.
Mit ganz besonderer Freude kann ich an dieser Stelle verkünden, daß Frau Dr. Ulrike Keim seit vergangenen Montag Mitglied unseres Ortsvereins ist. Ich empfinde dies als große Bereicherung und freue mich auf die Zusammenarbeit!
Als Literaturliebhaber muß man aber ganz abgesehen von der Freundschaft zur Familie Mann das literarische Schwergewicht Martin Gumpert betonen. Die beiden Romane Hahnemann und Dunant habe ich Ihnen bereits vorgestellt. Den schmalen Gedichtband Berichte aus der Fremde verfaßte Gumpert 1937 in New York und erschien 1938 im Verlag Die Arche in Zürich. 2017 wurde er im Südverlag in Berlin neu aufgelegt. Für mich sind die Verse darin das Schönste, was ich je an Poesie gelesen, man hört förm- lich seine so wundersam leise und eindringliche Stimme – großartig. Darin auch das intensivste Liebesgedicht, das Erika Mann wohl je erhalten hat, es ist überschrieben mit Bericht 3 – hier einige Strophen:
Gibt es denn mehr als dies: Beugung Deines Nackens, Wenn du den Strumpf vom Halter lösest Und ich auf deine Nähe warte. Sich am Tage zu sehen Als fremde Tagmenschen mit eigenem Willen Und von der Nacht zu wissen Und der Eintracht unseres Atmens? […]
Ist dann nicht Frieden in unserer Mitte, Wenn dein Kopf auf meinem Arm ruht Und der Schimmer der letzten Zigarette Uns den Weg in die Heimat des Schlafes leuchtet? Geruch der Nähe, Pulsschlag, Haut an Haut, Wächst über uns der Wald der Wände, Und Hand in Hand durchwandern wie die Stille Zum fernen Ort der Zärtlichkeiten […]
Nun, da ich weiß, wie sehr ich Dich liebe, Wird es unser Schlaf sein, nicht Deiner und meiner, Komm, laß uns teilen das nährende Brot und den heilsamen Wein Der Versunkenheit.
1937 berichtet er noch aus der Fremde, neu in New York, 1938 ist er angekommen, etabliert als Arzt, wieder auf der Seite der Schwachen. In dem Roman Der Geburtstag scheinen viele autobiographische Aspekte auf. Er schreibt keine Poesie mehr – Erika hat sich von ihm getrennt – auch keine Helden der Geschichte tauchen auf: alles ist ganz Gegenwart, Nachtleben, Ehrgeiz, Eifersucht: Naturalismus mit hoher Sprachgewalt, Annäherung an Steinbeck… womit ich den Übergang zum Feuilleton einleiten möchte…
Feuilleton
… in dem ich Ihnen wärmstens die aktuelle Neuinszenierung des Bonner Schauspiels ans Herz legen möchte: John Steinbecks Von Menschen und Mäusen: einfach, dicht, intensiv, großartig vom Bühnenbild bis zur Musik – unbedingt anschauen. Dies war auch eines der letzten Theaterstücke, die Thomas Mann sah am 1.Juni 1955 im Züricher Central-Theater. Er notierte in sein Tagebuch: Die Dramatisierung (sehr gut) von Steinbecks »Mice and Men«, gut gespielt, eindrucksvoll.
Abschließen möchte ich mit meinem literarischen Steckenpferd, das ich seit Jahren verfolge und unterstütze: Die auf Deutsch erstmals erschienen Romane von Anthony Powell im Berliner Elfenbein-Verlag. Nach den zwölf Bänden der Reihe Ein Tanz zur Musik der Zeit kamen in den letzten Jahren noch die weiteren fünf Vorkriegsromane Powells auf den Markt, zuletzt Täuschung und Selbsttäuschung. Allesamt geprägt von britischem Understatement, leisem Humor, trefflichen Dialogen, kurz: Wundervolle Gesellschaftsbilder, Literatur mit Suchtgefahr…
Liebe Mitglieder des Ortsvereins Bonn-Köln der Deutschen Thomas-Mann- Gesellschaft, liebe Interessierte an unserer Arbeit,
zur Einladung von Frau Dr. Ulrike Keim und der Vorstellung ihrer Gumpert-Biographie in ihrem Hause sind inzwischen sieben Anmeldungen bei mir eingegangen. Schwerpunkt des Abends Wird Gumperts enges Verhältnis zu Erika und Thomas Mann sein und dessen Verewigung in den Joselfs-Romanen. Das wird sicher eine nette Runde. Für weitere sieben Personen ist sicherlich noch Platz bei ihr. Bitte melden Sie sich bis spätestens Freitag bei mir, damit sie sich darauf einstellen kann. Hier nochmals Termin und Ort:
Matinee am Sonntag, den 27.August um 11.00 Uhr
in Bonn-Kessenich, Bergstraße 136
Am gleichen Tage, abends um 18.00 Uhr findet in der alten Kirche des Collegium Leoninum eine Gedenkveranstaltung an den Bonner Pianisten
Karlrobert Kreiten
statt. Dies ist eine Veranstaltung der Theatergemeinde Bonn gemeinsam mit dem Demokratischen Salon. Ein unmittelbarer Zusammenhang mit Thomas Mann ist nicht gegeben, aber er würde es begrüßen, diesem ganz jung ermordeten empfindsamen Künstler zu gedenken. Alles weitere finden Sie im angefügten Flyer.
Feuilleton
Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an unser Mitglied
Prof. Dr. Hermann Dechant
soll hier nicht unerwähnt bleiben. Bei der Veranstaltung im Gobelin-Saal des alten Rathauses wurde insbesondere seine lebenslange Förderung des musikalischen Nachwuchses hervorgehoben. Über die etwas aus der Zeit gefallene Darstellung einer Hundetreibjagd im Hintergrund hätte auch Thomas Mann schmunzeln würde. Und unser General- Anzeiger widmete ihm und Madonna (65) eine ganze Seite. Auch dies sei dem so humorvollen Menschen Hermann Dechant gegönnt!